Porträt Wissenschaftlerinnen der Uni Bern

Gertrud Woker: Die Karriere dem Kampf für Frieden geopfert

Die Naturwissenschaftlerin Gertrud Woker liebte die Natur, bewunderte sie in Gedichten, sezierte sie als Biochemikerin und warnte vor ihren diabolischen Kräften. Berns zweite Extraordinaria leitete ein Labor für physikalisch-chemische Biologie, engagierte sich unerschrocken für die Ethik der Wissenschaft, den weltweiten Frieden und die Rechte der Frau.

Von Franziska Rogger

Steckbrief

  • Lebensdaten: 1878-1968
  • Herkunft: Bern
  • Fachrichtung: physikalisch-chemische Biologie/Wegbereiterin der Biochemie 
  • Zivilstand: ledig
  • Zusätzliche Informationen finden sich in «Der Doktorhut im Besenschrank» von Franziska Rogger 

Gertrud Woker wurde am 16. Dezember 1878 in Bern in eine Gelehrtenfamilie hinein geboren, die ebenso im Bundesrat wie im Landestreikkomitee vertreten war. Sie fiel als ungewöhnlich kluge Schülerin auf und schloss alle sieben Maturafächer mit der Höchstnote ab. Einem Mann wäre die glänzende wissenschaftliche Karriere wohl sicher gewesen. Gertrud Woker hingegen musste sich glücklich schätzen, an der Universität Bern wenigstens ein winziges Laboratorium für ihre Forschung und Lehre zu erhalten. Um ihre kleine Karriere musste sie jahrelang erbittert kämpfen. Erst 1933, als sich ausländische Wissenschaftler für sie einsetzten, wurde die 55-Jährige zur Extraordinaria befördert – ohne entsprechende Entlöhnung.

Warnung vor Massenvernichtungswaffen

Dass Gertrud Woker ihren wissenschaftlichen Schwerpunkt in ein modernes, zukunftsweisendes Grenzgebiet zwischen Chemie und Physik, Pharmazie und Biologie legte, vergrösserte ihre Chancen im universitären Betrieb nicht – ein biochemisches Institut sollte in Bern erst 1975 geschaffen werden.

Weit mehr behinderte ihr wissenschaftliches Fortkommen aber ihr pazifistisches Engagement. Als verantwortungsvolle Wissenschaftlerin hatte sich Gertrud Woker stets Rechenschaft über die Folgen der modernen Erfindungen gegeben, speziell der chemischen, bakteriologischen und atomaren Waffen. Jahrzehntelang kämpfte sie in Wort und Schrift gegen den Krieg und führte eindringlich die grauenhaften Folgen eines Gaskrieges vor Augen, der ganze Völker ausmerze und mehrere Generationen schädige. Pazifistische Gesinnungsgenossinnen fand sie in der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit IFFF. Zwar beklagte sie sich anfänglich noch über ihre geopferte «Carrière», doch dann wollte sie für das «grosse Ganze» das «gewiss wichtigere» tun – nämlich für den Frieden kämpfen.

Schlimmste Befürchtungen werden wahr

1933, als Woker zur Extraordinaria befördert wurde, herrschte Stalin über die UdSSR und in Deutschland wurde Hitler zum Reichskanzler gewählt. Militärische Kreise verdächtigten sie, als Pazifistin auch Kommunistin und Landesverräterin zu sein. Der Rektor sprach ihr ins Gewissen und Woker bestritt, «gegen die Notwendigkeit der Landesverteidigung für die Schweiz» aufgetreten zu sein. Sie habe «immer nur gegen den Giftgaskrieg Front gemacht» und spreche sich für die nationale Verteidigung aus. «Wir haben jetzt genug zu thun, um die Demokratie zu verteidigen», meinte Woker, deren eigene Bücher von der Berliner nationalsozialistischen Studentenschaft auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Dass ihre schlimmsten Befürchtungen eintrafen, im Weltkrieg, in Hiroshima, und im Vietnamkrieg, musste sie noch miterleben.

Einsatz für die Rechte der Frau

Den Frieden sah Gertrud Woker bei den Frauen weit besser aufgehoben als bei den Männern: Wären die Frauen an der Macht, meinte sie, würden Kriege nicht vom Zaun gebrochen: «Das durch und durch auf Lebenserhaltung abgestimmte Wesen der Frau hätte, wenn es an verantwortlicher Stelle zur Betätigung seiner Eigenart gelangt wäre, die Mittel und Wege zur Erhaltung des Friedens gesucht und gefunden», schrieb sie nach Kriegsbeginn. Folgerichtig verlangte sie, dass auch die Frauen in der Schweiz das volle Mitentscheidungsrecht bekämen, getreu der Losung des Berner internationalen Friedenskongresses, dass der Pazifismus ohne politische Gleichberechtigung der Frau nicht denkbar sei. Für die Gleichberechtigung hatte sie sich schon im Berner Studentinnenverein gewehrt, den sie 1900/1901 präsidierte. Woker sass im Berner Stimmrechtsverein. Sie gehörte zu den Mitgründerinnen des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht und arbeitete 1928 für die 1. Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit SAFFA. Als Gertrud Woker hoch betagt am 13. September 1968 starb, hatten die Stimmbürger ihres Kantons Bern eben erst der fakultativen Einführung des Frauenstimmrechts in den Gemeinden zugestimmt.

Woker wurde in ihrem Leben verfolgt, verleumdet und gering geschätzt, aber auch als «Führende Frau Europas» und «Schweizer Frau der Tat» verehrt. In Düsseldorf und Bern ist sie heute mit einer Gertrud-Woker-Strasse verewigt.

Zur Autorin

Franziska Rogger arbeitete als Berner Uniarchivarin und hat unter anderem das Buch «Der Doktorhut im Besenschrank» verfasst.