Kein Witz – HS 2025

Titelbild Kein Witz
© Artwork by DJ Morrow

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Im Ernst: Humor ist eine Haltung oder eine Eigenschaft, die von einem besonderen Umgang mit der Welt zeugt. Ob lustig, widersprüchlich, unverhofft oder subversiv, Humor ist stets umstritten und wirkt oft gerade dann am stärksten, wenn er individuelle und gesellschaftlich etablierte Grenzen ausreizt oder auch überschreitet. Wie funktioniert Humor und wer lacht wann und warum, mit wem oder über wen?

Die interdisziplinäre Ringvorlesung will – mal ernst, mal heiter – verschiedene Perspektiven und Aspekte des Humors ausloten: von Komödien, Karneval und Karikaturen über Humor und künstliche Intelligenz bis zu Satire und Meinungsfreiheit. Und kein Witz: An einem Abend wird Humor ganz offen ausgelebt.

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Videopodcasts

 

Vorlesungen der Reihe «Kein Witz. Eine interdisziplinäre Ringvorlesung über Humor»

Prof. em. Dr. Willibald Ruch
Psychologie, Universität Zürich
17. September 2025

Während Humor im Alltag von Menschen eine wichtige Rolle spielt, war die akademische Psychologie des 20. Jahrhunderts bemerkenswert uninteressiert an dem Thema («Analyzing humor is like dissecting a frog. Few people are interested and the frog dies of it», E.B. White 1941). Dennoch wurden seit den 50er Jahren Studien zum Zusammenhang von Persönlichkeit und Humorverständnis, Humor und Stressverarbeitung oder Humor in Partnerschaften durchgeführt. Humor war sicher kein Mainstream-Thema des Faches. Das änderte sich spätestens mit dem Aufkommen der sogenannten Positiven Psychologie, welche versucht, die Faktoren zu verstehen, die das Leben am meisten lebenswert machen. Was man unter Humor verstehen kann, ob man ihn messen, trainieren, verändern und vielfältig nutzen kann, ist genauso Gegenstand des Vortrags wie die Abgrenzung von dunklen Formen der Komik und das Wissen zu Varianten der Humorlosigkeit.

Dr. Daniel Smith
School of Social Sciences, Cardiff University
24. September 2025

Over the last decade, the TV situation comedy, and romantic comedy, have witnessed a transformation. Perhaps the most indicative example of this transformation is the case of The Bear, a critically acclaimed and culturally prestigious TV show that has seen its lead actor win Best Comedy Actor at the Emmys two years in a row, even though most viewers and critics consider the show to be the televisual equivalent of a panic attack. With this strange cultural moment as our starting point, the aim of this lecture is to outline an emerging genre of romantic comedy that I will call the anxiety comedy by way of The Bear and the 2023 film, Barbie: a romantic comedy all the same, but with two critical features missing from the genre’s predecessors, a marriage that reconciles social conflicts and a normative law that organizes and structures the desires of its central characters. It will be suggested that without these two features, the world of an anxiety comedy is closer to a state the classical French sociologist, Emile Durkheim, called anomie, a situation where individual desires are unable to find a foothold in collective norms and needs.

Content warning: Please note that this lecture contains discussion of sexual misconduct and violence in reference to the #MeToo movement, the Weinstein scandal and the wider fears that followed this in popular culture. Your trust and confidence in the speaker are appreciated.

Prof. em. Dr. Andreas Kotte
Theaterwissenschaft, Universität Bern
1. Oktober 2025

Der Vortrag fragt anhand von Aristophanes Komödie Die Frösche nach den Wirkungen des Komischen in der Antike. Sowohl die Möglichkeiten, das Komische zu definieren, werden angesprochen als auch das Verhältnis der Alten attischen Komödie zu anderen Theaterformen der Antike, insbesondere zur Phlyakenposse, die zwischen Komödie und Mimos situiert ist. Besonderes Augenmerk gilt den Maskierungen, ihrer Notwendigkeit und ihren Wirkungen. Weshalb griff man zur Maske? Weil man sie schon aus der Tragödie kannte, weil die Theater so gross waren, die Protagonisten damit beeindrucken wollten oder der Chor sie brauchte?

Auf Wunsch des Referenten wurde kein Podcast veröffentlicht.

Prof. Dr. Katja Liebal
Humanbiologie und Primatenkognition, Universität Leipzig
8. Oktober 2025

Humor und Lachen werden oft als einzigartige menschliche Merkmale betrachtet. Der Vortrag beleuchtet Humor und Lachen bei Menschen und nichtmenschlichen Menschenaffen aus einer artvergleichenden Perspektive. Auf Grundlage von Erkenntnissen aus Verhaltensforschung und Evolutionsbiologie werden die kommunikativen und sozialen Funktionen des Lachens, die zugrunde liegenden emotionalen und kognitiven Mechanismen sowie ihre evolutionäre Kontinuität vorgestellt. Durch die artvergleichende Betrachtung treten sowohl die gemeinsamen Grundlagen als auch die besonderen Merkmale hervor, die Lachen und Humor in unserer eigenen Spezies kennzeichnen.

Prof. Dr. Anna Kollatz
Islamwissenschaft, Universität Heidelberg
15. Oktober 2025

Vor ziemlich genau 100 Jahren boomte im Nahen Osten die Karikatur: Nicht nur in Kairo erschienen zahlreiche Satirezeitschriften, die sich humorvoll mit Themen auseinandersetzten, die die Gesellschaft der Zeit bewegten. Schaut man genauer hin merkt man schnell, dass viele dieser Themen auch heute noch sehr aktuell und teils sehr ähnlich zu beobachten sind: Da wehren sich junge Nationalstaaten gegen Fremdbestimmung durch hegemoniale Mächte, da machen sich Menschen Sorgen über die Auswirkungen von Technisierung und Verkehr oder fordern Demokratie und Mitbestimmung. Frauen treten für ihre Rechte ein und werden zu einer Art Brennpunkt der Modernitätsdiskurse, denn sowohl die „traditionelle“ als auch die „moderne“ Frau werden vonseiten der Gesellschaft und der Karikaturisten bewertet, kritisiert oder in den Himmel gehoben. Oft stehen Diskurse über die (Selbst)bestimmung von Frauen und ihrer Körperlichkeit stellvertretend für politische und gesellschaftliche Fragestellungen.

Der Vortrag zeichnet die Thematisierung dieser Diskurse im Medium der Karikatur nach und diskutiert die Rolle von Humor in diesem Kontext.

Prof. Dr. Peter W. Marx
Theater und Medien, Universität zu Köln
22. Oktober 2025

Die Welt auf den Kopf stellen – das ist das große Versprechen des Karnevals: Für einen Augenblick die Ordnung außer Kraft setzen, sich der Lust und dem Genuss hingeben und den Mächtigen «eine Nase drehen». Doch die Freiheit des Karnevals ist historisch immer auch schon begleitet von dem Versuch, der Anarchie Einhalt zu gebieten, denn das Lustvolle kann nur allzu schnell auch ins Gewaltsame und Zerstörerische umschlagen.

In verschiedenen Epochen und in unterschiedlichen Kulturen wird dieser Spielraum des Karnevalesken immer wieder neu verhandelt und ausgelotet. Dabei steht der Verheißung, dem Vor-Schein auf eine andere Wirklichkeit, in der nicht Mangel und Disziplin, sondern überbordende Fülle und Lust den Ton angeben, der Versuch gegenüber, soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Spannung zwischen diesen Polen markiert das spezifische Gepräge des Karnevalesken.

Prof. em Dr. Karl-Josef Kuschel
Literaturwissenschaft und Theologie, Universität Tübingen
29. Oktober 2025

Menschen lachen, das unterscheidet den Menschen vom Tier. Der Mensch – ein animal ridens, das hatte schon Aristoteles erkannt. Doch dieses Unterscheidende birgt zugleich Gefahren. Vom Lachen zum Verlachen ist oft nur ein kleiner Schritt. Somit stellt sich die Frage einer ethischen Zivilisierung des Lachens. Themenkomplexe, die in eine Anthropologie des Lachens gehören. Doch biblische Texte kennen auch einen lachenden Gott. Wann und worüber lacht Gott? Fragen einer Theologie des Lachens sind aufgeworfen. Beide Dimensionen des Lachens sind «Gegenstand» der Vorlesung, die nicht davon absehen kann, wie die Zeiten gegenwärtig wenig Lust zum Lachen machen.

Prof. Dr. Azadeh Ganjeh
Performative Künste, Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg
5. November 2025

This lecture explores humor as a performative and intersubjective act that unfolds in the in-between – between self and other, authority and subject, power and resistance. Drawing on Hannah Arendt’s distinction between authoritarianism and totalitarianism and Simon Critchley’s notion of humor as distance and emancipation, I examine how humor operates simultaneously as a tool of control and a practice of freedom within oppressive systems.

In authoritarian contexts, humor serves both the state and the people: it is deployed as propaganda but also recreated from below as a strategy of survival and critique. The public sphere thus becomes a contested stage where official and subversive performances of humor confront and reflect one another. In totalitarian states such as Iran’s Islamic Republic, the regime’s attempt to dictate laughter exposes its unease before humor’s relational and unpredictable nature.

By approaching humor as performance, as a mode of communication, and as a liberating yet painful experience – laughing while it hurts – this lecture examines the performative stages of humor with a particular focus on Iran, exploring how laughter can both sustain and destabilize authority and expose the fragile boundary between complicity and resistance.

Renato Kaiser
Satiriker und Autor, Belp
12. November 2025

Renato Kaiser hat ein neues Kind in diese Welt gesetzt. Also kein richtiges, wo denken Sie hin! In diesem Klima? Mit all den Kriegen? Und ohne jede Aussicht auf einen Kitaplatz? Der Meeresspiegel steigt, die Stimmung sinkt und wir suchen Wasser auf dem Mars. Wir fahren zu viel Auto, also erfinden wir Autos, die selber fahren. Die Maschinen übernehmen, aber die Steuererklärung müssen wir trotzdem selber ausfüllen. Die Jungen protestieren, die Alten lamentieren und alle hinterfragen ihren Kinderwunsch – Renato Kaiser nicht. Sein Baby ist eine reine Kopfgeburt – und über diese tauscht er sich im Anschluss gerne mit dem Publikum aus.

Dr. Joanna Nowotny, Schweizerisches Literaturarchiv
PD Dr. Julian Reidy, Germanistik, Universität Bern
19. November 2025

Im Vortrag untersuchen wir die Rolle von Humor in Memes unter Rückgriff auf Humortheorie, Semiotik und Diskursanalyse. Wir behandeln verschiedene Meme-Genres, darunter Rage Comics und Wortspiel-Memes, und verorten diese in historischen sowie ästhetischen Traditionen (z. B. viktorianischer Humor, Kinderreime, Comics). Viele Memes funktionieren ähnlich wie Witzzyklen, die sich im Laufe der Zeit durch partizipative Neuinterpretationen weiterentwickeln.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der geschlechtsspezifischen Dynamik der Meme-Kultur. Während Plattformen wie Tumblr einst die Produktion feministischer und queerer Memes förderten, hat von den Internetkonzernen eingeführte Zensur memetischen Widerstand ausgelöst. Memes, die sich kritisch mit den Plattformen und algorithmischen Infrastrukturen auseinandersetzen, über die sie verbreitet werden, können als reflexive kulturelle Artefakte verstanden werden: In diesem Fall sprechen wir von Meta-Memes. Dennoch gelingt es auch subversiven oder aktivistischen Memes oft nur begrenzt, politischen Wandel zu bewirken – nicht zuletzt aufgrund algorithmischer Beschränkungen und der Logiken des Plattformkapitalismus. Das Potenzial von Memes bleibt so ambivalent: Sie fungieren ebenso als Werkzeuge des Widerstands wie als Instrumente der normativen Reproduktion von Machtverhältnissen innerhalb der Digitalkultur.

Prof. Dr. Malte Elson
Psychologie der Digitalisierung, Universität Bern
26. November 2025

Die Vorlesung bietet einen einführenden Überblick darüber, wie (bzw. ob) Künstliche Intelligenz Humor erkennt, versteht und erzeugt. Dabei werden zentrale psycholinguistische Humortheorien mit aktuellen technischen Ansätzen der KI verknüpft. Anhand praktischer Beispiele werden typische Stärken und Grenzen maschinell erzeugter Witze aufgezeigt. Gleichzeitig wird beleuchtet, welche kognitiven Prozesse beim Menschen beteiligt sind und warum humorvolle KI besondere Herausforderungen in Bezug auf Kontextsensitivität, kulturelles Wissen und soziale Angemessenheit stellt.

Prof. Dr. Raphaela Cueni
Verfassungsrecht, Universität St.Gallen
3. Dezember 2025

Satire ist als Form der politischen und künstlerischen Meinungsäusserung im Rahmen der Kommunikationsgrundrechte (d. h. der Meinungsfreiheit, der Medienfreiheit, bzw. der Kunstfreiheit) durch die Verfassung geschützt. Diese Grundrechte sollen sicherstellen, dass auch diejenigen Äusserungen möglich und rechtlich zulässig sind, welche verletzen, schockieren oder beunruhigen.

Trotzdem fordern satirische Äusserungen die Rechtsordnung immer wieder heraus: Sie provozieren Menschen bewusst, überzeichnen und verzerren die Wirklichkeit, nutzen obszöne Darstellungsweisen oder scheinen teilweise gar gefährliche Äusserungen zu tätigen. Häufig haben sich deshalb Straf- oder Zivilgerichte mit Satire zu befassen und nicht immer gelingt es ihnen, mit diesen provokativen Äusserungen rechtlich überzeugend umzugehen.

Wie die Rechtsordnung Satire in grundrechtkonformer Weise handhaben sollte, ist Thema der Vorlesung vom 3. Dezember 2025.

Prof. Dr. Elmar Anhalt
Erziehungswissenschaft, Universität Bern
10. Dezember 2025

Es gibt gute Gründe dafür, dem Humor in der Erziehungswissenschaft (wieder vermehrt) Aufmerksamkeit zu schenken. In einer Welt, die zunehmend als komplex erfahren wird, kann der Humor nämlich auf etwas aufmerksam machen, was verloren zu gehen droht: das Bewusstsein dafür, dass es Menschen sind, die sich als die Subjekte und Objekte des Miteinanderumgehens ansprechen (sollten), um Erziehung, Unterricht und Bildung zu ermöglichen. Dieses Bewusstsein ist nicht erst seit wenigen Jahren (Stichwort: „digitale Transformation“) unter Druck geraten. Um diesen Gedanken zu verdeutlichen, werde ich die Logik der Digitalität aus Sicht der erziehungswissenschaftlichen Komplexitätstheorie darstellen und den „Ort“ einkreisen, an dem der Humor seine Wirkung entfalten kann.

Prof. Dr. Claudio Bassetti
Neurologie, Universität Bern
17. Dezember 2025

Auf Wunsch des Referenten wurde kein Podcast veröffentlicht.