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Scherz und Ernst - HS 2007

Auch wenn unsere früheren Lesungen immer den Eindruck des allzu Ernsten oder gar Feierlichen traditioneller „Dichterlesungen“ vermieden haben, so betont diese Reihe durch die Vielfalt der Mitarbeitenden und der Formen der Inszenierung doch in besonderer Art das Heitere, im Bewusstsein freilich, dass sich in jedem guten lustigen Text der Scherz mit dem Ernst verbindet. Der Titel unseres Zyklus’ Scherz und Ernst komischer Literatur kann sehr verschieden gelesen werden. Vielleicht nehmen Sie ihn vorerst nur als sachliche Information, erinnern sich dann, dass Anthologien der Unterhaltungsliteratur der frühen Neuzeit unter diesem Titel die Scherze und Geschichten enthielten, die man sich in der Postkutsche, auf dem „Rollwagen“, erzählte oder denken gar an Horazens Bestimmung der Dichtkunst, die prodesse und delectare, „Lust und Nutz“, Scherz und Ernst verbindet.

Die erfahrenen Rezitationstalente Monika Schärer (SF DRS) und Gerd Haffmans, der Verleger, zeigen in mit Lust und Liebe präsentierter Auswahl, wie reich und vielfältig die oft etwas vernachlässigte Tradition der heiteren Muse deutscher Sprache mit bekannten und völlig vergessenen Beispielen aus vierhundert Jahren wirkt.

Peter Bichsel ist ein Geschichtenjäger im Alltag, im Alltag, den wir alle kennen oder doch zu kennen glauben. Doch wenn wir seine Geschichten hören, sagen wir nicht nur: „bei dem wird einem nie langweilig“, sondern erleben die Verwandlung des scheinbar Bekannten, das sich unversehens mit einer anderen, phantasievollen Wirklichkeit verbindet. Eine seiner Transsibirischen Geschichten beginnt mit dem Satz: „Ich mag Bahnhöfe, und so zerstückle ich meine langen Reisen in möglichst kurze Etappen. [...] Spätestens nach dem fünfund-zwanzigsten Umsteigen jedenfalls – ich weiss es zum Voraus und es ist zum Verzweifeln – sitze ich in der Transsibirischen Eisenbahn.“

Der Zürcher Schriftsteller Charles Lewinsky, den Sie als Verfasser des hervorragenden Romans Melnitz kennen gelernt haben, und der Berner Troubadour Jacob Stickelberger pflegen sich jeweilen am letzten Tag eines Monats zum Wettkampf der Autoren zu treffen, stellen sich abwechslungsweise ein Thema, das der eine mit einem Gedicht, der andere mit einem Lied zu gestalten hat: Gipfelkonferänz: Bern gegen Zürich.

Fanny Müller kommt unverkennbar aus Hamburg, aber gewiss nicht von der Elbchaussee, wo die „feinen Leute“ wohnen. Sie kennt wie eine Hauptfigur ihrer Geschichten, Frau K., das Hamburger Schanzenviertel und seine Punks, Alkoholiker und einsamen Sonderlinge beider-lei Geschlechts. Fanny Müller war Zimmermädchen, Stewardess und Berufsschullehrerin, bevor sie Schreiben zum Hauptberuf machte und durch ihre mit liebenswürdiger Bosheit gestalteten Geschichten – Zeitlupenaufnahmen aus der Pathologie des Alltagslebens – berühmt wurde. Ihre Geschichten sind 2006 unter dem Titel: Keks, Frau K. und Katastrophen im Verlag 2001 in 7. Auflage erschienen.

Pedro Lenz und Jürg Halter, zwei junge Berner Autoren und doch verschiedenen Alters und völlig verschiedener Schreibart, teilen das Talent für die vielfältige Inszenierung von Literatur und den reflektierten Bezug zu ihrem Publikum. Das ermöglicht auch das erstmalige Wagnis gemeinsamen Auftritts in dem für uns vorbereiteten Abend: Die Publikumslesung. Vielleicht kennen Sie Jürg Halter als „Poetry-Slammer“, als Rapper unter dem Namen Kutti MC, vielleicht aber auch als Jürg Halter, Autor des im Ammann Verlag 2005 erschienenen tiefsinnigen Lyrikbandes Ich habe die Welt berührt. Dem Mainstream opponiert er nicht nur als Lyriker, sondern auch schon als Kutti MC, der sich gegen Rapperslang richtet: „Du bisch doch em Mami si chline Gängschtä“, oder gegen intellektuelles Diskursgeschwafel: „Hey, darf i di Diskurs mau ids Muul nä?“ Pedro Lenz hat skurrile Mundartgeschichten I wott nüt gseit ha. Monologe des Kummers, aber auch den Lyrikband Die Welt ist ein Taschentuch geschrieben. Seine zusammen mit Andreas Thiel im Musig-Bistrot Monbijou veranstalteten Abende Tintensaufen sind zum packenden Labor geworden, das zeigt, wie aus Erlebnisfetzen und Notizen Literatur wird.

Franz Hohler verblüfft uns seit langer Zeit, vielleicht erinnern Sie sich an Der Rand von Ostermundigen oder ans Totemügerli, wie sich aus dem Alltäglichen, scheinbar Vertrauten das Unheimliche und Verdrängte entwickelt. Immer wieder anders verfremdet er das Alltägliche ins Groteskkomische und provoziert so, dass das erstarrt Konventionelle zu neuem Leben drängt. Er wird uns schon publizierte und noch nicht veröffentlichte Texte unter dem Titel Die Karawane am Boden des Milchkrugs – Groteskes und Humoristisches vortragen.

Scherz und Ernst - Herbst 2007 (pdf, 58KB)