Porträt Wissenschaftlerinnen der Uni Bern

Anna Tumarkin: Simply the First

Die Philosophieprofessorin Anna Tumarkin konnte schon anfangs des 20. Jahrhunderts an der Berner Hochschule Doktoranden und Habilitanden prüfen, im Senat und in der Fakultät Einsitz nehmen. Damit war sie weltweit in der universitären Wissenschaftsgeschichte die erste Frau, simply the first. Obwohl die Russin ganz in der stillen Wissenschaft aufging, votierte sie öffentlich für das Frauenstimm- und -wahlrecht. 

Steckbrief

  • Lebensdaten: 1875-1951
  • Herkunft: Russland 
  • Fachrichtung: Philosophie 
  • Zivilstand: ledig, in Partnerschaft mit der Medizinerin Ida Hoff 
  • Zusätzliche Informationen finden sich in «Der Doktorhut im Besenschrank» von Franziska Rogger 

Anna Tumarkin kletterte in Bern auf normalem Weg die Karriereleiter hinauf und wurde im Februar 1909 ausserordentliche Professorin. Der letzte Schritt, der zum Ordinariat, blieb ihr allerdings versagt. Mit schonungsloser Offenheit erklärte die Berufungskommission das, was Frauen schon immer behaupteten, dass weibliche Wesen nämlich nicht nur gleich, sondern besser zu sein hätten. Die Kommission gab 1910 zu bedenken, «dass gegen die Besetzung einer so exponierten Stellung mit einer Dame, die nicht durch aussergewöhnliche Leistungen eine Autorität sich erworben hat, vor welcher Kritik und Opposition verstummen, gewisse Bedenken sich erheben». Tumarkin beurteilte immerhin ab 1910 regulär Dissertationen und Habilitationen.

Öffentliches Bekenntnis zum Frauenstimm- und -wahlrecht

Anna Tumarkin hatte zu den ausländischen Studentinnen gehört, die zu Hunderten in die Schweiz gekommen waren, weil hier im Gegensatz zu andern Ländern den Frauen das gleichberechtigte Studium seit den 1860er Jahren erlaubt war. Die russische Opposition und jüdische Intelligenz verliess ihre Heimat zudem aus politischen Gründen. Tumarkin bewunderte Heldentum und Märtyrertum der vereint kämpfenden russischen Männer und Frauen gegen den ungeheuerlichen Despotismus des grausamen russischen Zarentums. Deshalb hielt Tumarkin die Forderung nach dem schweizerischen Frauenstimm- und -wahlrecht erst für ein egoistisches Luxusbegehren. Als sie aber bei den Schweizer Stimmrechtlerinnen die «uneigennützige Liebe zum Volk» erkannte, bekannte sich die Philosophin öffentlich zum Frauenstimm- und -wahlrecht. 1928 engagierte sie sich an der 1. Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit SAFFA und arbeitete am «Verzeichnis der Publikationen von Schweizer Frauen» mit. Ihre Lebenspartnerin Ida Hoff hatte sie wohl für die Sache der Frau gewonnen. Die Medizinerin hatte schon um 1900 zu den militanten Frauenrechtlerinnen gehört, die im Berner Studentinnenverein gleiche Rechte für gleiche Pflichten verlangten. Hoff wohnte und arbeitete bis zu ihrem Tod mit Tumarkin zusammen an der Hallwylstrasse 44. 

Erwerb des Schweizer Bürgerrechts

Anna Tumarkins Privatleben war eng mit dem ungnädigen Schicksal ihrer jüdischen Familie und ihrer russischen Heimat verbunden. Sie trug schwer «an allem, was in den Worten Bolschewisierung, deutsche und rumänische Besetzung und schliesslich Deportation und Vergasung von Angehörigen beschlossen ist.» Als ihre Heimatstadt an Rumänien überging und sie mit ihrem ungültig gewordenen Pass heimatlos war, erwarb sie 1921 das Schweizer Bürgerrecht. Dankbar beschäftigte sich Tumarkin in mehreren Aufsätzen mit der Schweiz und attestierte ihr gar eine eigenständige Philosophie. 

Anna Tumarkin starb am 7. August 1951. An ihrem Grabe sprach auch der Vertreter der Universität Bern: «In tiefer Trauer und mit bewegtem Herzen stehen wir an der Bahre einer hochgelehrten und edlen Frau [...] Die Hochschule und die Fakultät sind stolz darauf, dass sie diese erste Dozentin zu ihren Mitgliedern zählen und damit sich selber ehren durften.»  

2000 wurde ein Weg entlang des Hauptgebäudes der Universität Bern nach Anna Tumarkin benannt. Er führt am Fenster des Hörsaals vorbei, in dem eine leidenschaftlich der Philosophie hingewandte erste Professorin über Jahre hinweg ihre Vorlesungen gehalten hat.

Zur Autorin

Franziska Rogger arbeitete als Berner Uniarchivarin und hat unter anderem das Buch «Der Doktorhut im Besenschrank» verfasst.