Von der Gründung bis zum Exit: Carlos Ciller zum Aufbau von RetinAI / Ikerian

Angefangen hat alles im gemeinsamen Doktoratsstudium und einigen Algorithmen, die Augenhintergrund-Scans (OCT) auswerten konnten. Heute gehört das vom dreiköpfigen Gründerteam geführte Medtech-Unternehmen zu den grössten Anbietern von KI-zugelassenen Algorithmen für die Augenheilkunde unter MDR und Zugang zum US-Markt. Mit der Übernahme durch EssilorLuxottica plant es nun, den globalen Augenheilkunde- und Oculomics-Markt massgeblich mitzuprägen.

Portrait Carlos Ciller
(zvg.)

Carlos, was ist die Geschichte von RetinAI und Ikerian?

Wir haben das Unternehmen als drei Doktoranden gegründet, weil wir erkannt haben, dass neue KI-Technologien von den Menschen, die sie am dringendsten benötigen, immer noch nicht effizient genutzt werden konnten. Anstatt unsere Doktorarbeit nur als peer-reviewtes Papier in irgendeiner Bibliothek enden zu lassen, wollten wir echte Wirkung erzielen. Wir beschlossen KI zu nutzen, diese digitalen Barrieren zu überwinden, die Patienten von den besten verfügbaren Softwarelösungen trennten.

Obwohl wir die Kerntechnologie schon früh entwickelt hatten – KI-Algorithmen, die medizinische Daten analysieren, um Behandlungsentscheide zu unterstützen –, brauchten wir auch eine Plattform, auf der sie laufen konnte. So sind wir 2017 mit RetinAI gestartet. Am Ende des ersten Jahres erhielten wir unsere erste Startkapitalinvestition und begannen, das Team zu vergrössern. Da wir schon früh Kunden gewinnen konnten, schlossen wir unser erstes Jahr bereits mit kleinen Umsätzen ab.

Wir haben das Unternehmen zu dem ausgebaut, was es heute ist: mit sechs zertifizierten Medizinprodukten auf dem Markt, eines nach FDA- und fünf nach EU-MDR-Vorschriften. Seit Mai 2026 sind wir einer der grössten Anbieter von KI-zugelassenen Algorithmen für die Augenheilkunde nach MDR in Europa. Genau diese Wirkung streben wir an: die Technologie einzusetzen, um Hunderte Millionen von Patientenbesuchen zu unterstützen.

Und wie kam es zu Ikerian?

Als wir 2023 erkannten, dass wir über die Augenheilkunde hinaus in den Bereich der Oculomics vordringen wollten, entwickelten wir eine weitere Marke, die diese Vision und unsere Expansion in andere Therapiebereiche verkörpern sollte: Ikerian. Wir reagierten damit auf die wachsenden Möglichkeiten, den von uns bereits aufgebauten Technologie-Stack zur Beurteilung und zum Verständnis systemischer und chronischer Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Stoffwechsel- und Autoimmunerkrankungen zu nutzen.

Beide Anwendungsbereiche – Augenheilkunde und die Nutzung des Auges als „Fenster zum Körper“ – sind von zentralem Interesse für EssilorLuxottica, das Ikerian und RetinAI US am 15. Oktober 2025 übernommen hat. Wir haben nun Kapitel 1 unserer Reise als Start-up abgeschlossen und beginnen Kapitel 2 mit EssilorLuxottica, mit der gemeinsamen Vision, Menschen und Augenheilkundeanbieter zu stärken. Zu diesem Zweck entwickeln wir uns zum AI-Kompetenzzentrum für Augenheilkunde innerhalb der Gruppe, eine Rolle, in der wir unser Engagement in der Augenpflege und darüber hinaus ausweiten können.

Was sind die Ziele und die Vision eures Unternehmens?

RetinAI / Ikerian hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Gesundheitswesen frühzeitig die richtigen Entscheidungen zu ermöglichen. Wir reichern Daten mit unseren KI-Algorithmen an, strukturieren sie und stellen sie den Entscheidungsträgern zur Verfügung, die auf der Grundlage dieser Erkenntnisse sofort handeln können, um beispielsweise ein Risiko unter Kontrolle zu bringen oder zusätzliche Informationen für eine aktuelle Behandlung zu erhalten. Dies ist besonders in frühen Stadien von Augenerkrankungen wertvoll, um Therapien anzubieten, die diese verlangsamen und die Lebensqualität verbessern können. Angewendet auf das gesamte Spektrum der Entscheidungsfindung im Gesundheitswesen schaffen wir einen umfassenden Mehrwert und verbessern hoffentlich das Verständnis von Krankheiten sowie die Behandlungsergebnisse für Patientinnen und Patienten.

Unser Beitrag zum Entscheidungsprozess gliedert sich in vier Hauptsäulen:

  • Wir erkennen das Vorhandensein oder Fehlen spezifischer Biomarker (Krankheit oder Gesundheit)
  • Wir optimieren den Entscheidungsprozess
  • Wir beschleunigen die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen werden können, sowie die klinische Zusammenarbeit
  • Wir beschleunigen die Entwicklung neuer Behandlungswege für Patienten.
    Es ist ein Kreislauf – und das ist die Vision.
Foto mit Stefanos Apostolopoulos und Sandro de Zanet
Co-Founder Stefanos Apostolopoulos und Sandro de Zanet diskutieren wie die Plattform Discovery Biomarker aus Augen-OCTs erkennt. (zvg.)

Welchen grossen Herausforderungen musstet ihr euch stellen (und wie habt ihr sie gemeistert)?

Zum einen: Uns ging ständig das Geld aus. Das ist ein Gefühl, das dich immer begleitet, egal ob du Geschäftsführer oder Mitbegründer eines Unternehmens bist. Das Geld geht aus – bis zu dem Moment, an dem man mehr Geld einnimmt, als das Start-up verbraucht. Für manche Menschen ist das ständiger Stress. Und entweder überstehst du das, oder es lastet schwer auf dir und macht dich schlussendlich "fertig". Du stehst unter diesem ständigen Druck, ein Unternehmen aufzubauen, die Ausgaben zu kontrollieren, zu verkaufen und zu fundraisen.

Das Gesundheitswesen ist zudem ein komplexes Feld. Ich würde sagen, es dauert etwa doppelt so lange, bis sich Ergebnisse zeigen, als in anderen Geschäftsbereichen. Ausserdem wird es nicht einfacher, wenn man wächst. Nur der Einsatz wird höher. Und du als Unternehmer musst in diesem Prozess wachsen. Deine Perspektive ändert sich einfach, weil du lernst, damit zu leben, dass deine Entscheidungen mehr Auswirkungen auf das Unternehmen oder auf mehr Menschen haben.

Auf unserem Weg voller Entscheidungen war einer der schwierigsten Schritte als Unternehmen eine Umstrukturierung. Das war sehr hart, da wir gerade eine schwierige finanzielle Phase durchlebten – ich hatte das Gefühl, dass sich ein Teil von mir davon nie ganz erholt hat, aber es musste getan werden, damit wir als Organisation weiterbestehen konnten. Das war eine harte Lektion: Man muss sein Wachstum und seine Kosten im Griff haben, sonst könnte es das Aus für das Unternehmen bedeuten.

Ich glaube, der einzige Grund, warum wir diese Zeit überstanden haben, war, dass wir als Gründungsteam füreinander eingestanden sind. Wir hatten drei Mantras: (1) Wir geben nicht auf. (2) Wir lassen uns nicht beugen / Wir sind bereit, alles zu verlieren – denn so hat man sein Schicksal selbst in der Hand, wie auch immer es aussehen mag – und (3) Wir werden durchhalten; wir haben diesen furchtlosen Optimismus: Wenn man scheitert, hat man zumindest sein Bestes gegeben, und es gibt nichts zu bereuen.

Glaub an das, was du tust! Denn wenn du es nicht tust, warum sollte es jemand anders?

Inwiefern hilft das Umfeld der Universität Bern Jung-Unternehmenden?

Unternehmertum entwickelt sich meist – es ist nichts, womit man geboren wird. Deshalb sollte man nicht ohne Vorwissen alles auf eine Karte setzen, und deshalb gibt es Programme wie Innosuisse, die einem den Rücken stärken. Ich erinnere mich an die Venturelab-Kurse als eine fantastische Ausbildung – sie vermitteln einem die Realität eines Gründerlebens. Und dann kann man entscheiden, ob das der richtige Weg für einen ist.

Für die Universität Bern entwickelt sich die Unterstützung für Unternehmertum in die richtige Richtung. Die richtigen Akteure sind vorhanden, und nun gilt es, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Als UniBE-Spin-off freuen wir uns, die nächste Generation von Unternehmenden zu unterstützen. Es gibt engagierte Leute aus den Institutionen, die fördern und fachliche Beratung bieten, aber man braucht auch Jung-Unternehmende selbst, die es „geschafft“ haben, um sich bei ihnen Rat und Unterstützung zu holen – auch wenn es nur ein Bruchteil ihrer Zeit ist.

Welches sind deine wichtigsten Learnings?

Erstens: Hab Spass! Sei bereit, auch mal zu scheitern; das ist in Ordnung – bereue nichts. Niemand kann dir nehmen, wer du bist und was du gelernt hast, wenn du scheiterst. Wenn du scheiterst, fang von vorne an und geniesse die Reise!

Hör darauf, was die Leute dir sagen und was sie dir nicht sagen (z. B. den wahren Grund, warum jemand dein Produkt nicht finanzieren oder in dein Unternehmen investieren will, …).  

Mach deine Sache gut und zeig es auch.

Glaub an das, was du tust! Denn wenn du es nicht tust, warum sollte es jemand anderes? Wenn du nicht kommunizierst und dich sichtbar machst, werden die Leute nicht wissen, dass es dich gibt.

Follow the money. Das kann manchmal bedeuten, das Unternehmen in eine neue Richtung lenken zu müssen.

Und schliesslich: Gewinne die richtigen Leute für dich und deine Idee. Wende dich an die wichtigsten Meinungsführer und beziehen sie ein. Vielleicht hast du mehr Unterstützer, als du denkst, wenn du dich auf deinen eigenen Weg einlässt. Manchmal muss man es einfach versuchen!

Team Ikerian
Ikerian hat heute über 60 Mitarbeitende auf der ganzen Welt und ist seit Oktober 2025 ein Teil von EssilorLuxottica. (zvg.)
RetinAI Medical AG
Name Gründungsjahr Sektor Mehr zum Startup
RetinAI Medical AG 2016 Medtech

retinai.com