«Unsere Arbeit könnte einmal Leben retten»
Eine bahnbrechende Entdeckung während ihrer Doktorarbeit veranlasste Hang Gander-Bui dazu, einen Wirkstoff zu entwickeln, der die Bekämpfung von Pilzsepsis revolutionieren könnte. Anstatt den Pilz selbst zu bekämpfen, plant die auf Infektionskrankheiten spezialisierte Immunologin, das körpereigene Immunsystem so zu re-aktivieren, dass es die tödliche Infektion abwehren kann.
Steckbrief
| Name | Hang Gander-Bui |
|---|---|
| Projekt | Immune checkpoint-targeted therapy for fungal sepsis |
| Expertise | PhD in Immunologie |
| Arbeitsort | Institut für Gewebemedizin und Pathologie (IGMP), Universität Bern |
Eine Pilzsepsis kann jeden mit einem geschwächten Immunsystem betreffen. Mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 60 % ist sie weltweit für schätzungsweise 2,5 Millionen jährliche Todesfälle verantwortlich. Die derzeitige Therapie richtet sich gegen den Pilz selbst, unterliegt jedoch Antibiotikaresistenzen und geringer Wirksamkeit. Mit ihrem Team entwickelt Hang einen völlig neuen Ansatz, der das gelähmte Immunsystem zurücksetzt, damit es den Pilz wirksam bekämpfen kann.
Hang Gander-Bui, worauf zielt Ihr Projekt ab? Pilzsepsis ist nach wie vor ein ungelöstes und drängendes medizinisches Problem. Die Sterblichkeitsrate ist sehr hoch. Aktuelle Antimykotika wirken aufgrund zunehmender Antibiotikaresistenzen oft nicht mehr zuverlässig und weisen toxische Nebenwirkungen auf. Viele Versuche, immunbasierte Therapien zu testen, waren bisher erfolglos. Bei einer Sepsis ist die Immunantwort stark dysreguliert und zeigt gleichzeitig eine Überaktivierung und Immunsuppression. Es ist sehr schwierig, diesen Zustand zu korrigieren. Wirkt eine Therapie zum falschen Zeitpunkt oder auf falsche Weise, kann dies zu ernsthaften Problemen führen, beispielsweise zu einer Verstärkung der Organschäden aufgrund einer sehr starken Entzündungsreaktion (Hyperinflammation). Während meiner Dissertation habe ich entdeckt, dass Pilzinfektionen sogenannte Immun-Checkpoints (Kontrollmechanismen des Immunsystems) aktivieren, um die Funktion der Neutrophilen – der entscheidenden ersten Abwehr gegen Infektionen – zu behindern. In unseren präklinischen Laborstudien stellte die Blockierung dieser Immun-Checkpoints die Neutrophilenabwehr wieder her und verbesserte die Überlebensrate. Unsere Experimente zeigten, dass dieser Ansatz nicht nur die Immunabwehr gegen Pilze stärkt, sondern auch die schädliche Entzündungsreaktion begrenzen kann. Im Gegensatz zu aktuellen Ansätzen, die sich auf die Behandlung der Symptome einer Pilzsepsis konzentrieren, nimmt unsere Strategie also die Ursachen ins Visier. Ich denke, dass dies Risikopatienten wie Krebs- und Transplantationspatientinnen wirklich helfen könnte.
Was inspiriert Sie? Als wir unsere neue Therapie in präklinischen Modellen testeten, stellten wir fest, dass sie nicht nur die Immunantwort wieder in Gang setzte, sondern dem infizierten Wirt tatsächlich half, zu überleben. Diese starken Effekte zu sehen, war sehr aufregend und fasziniert mich bis heute an diesem Projekt. Es ist eine Sache, eine Idee im Labor zu haben, aber eine ganz andere, zu sehen, wie sie sich im wirklichen Leben auf den Verlauf einer so schweren Krankheit auswirkt. Was mich besonders antreibt, ist das Wissen, dass wir mit jedem Experiment etwas Neues lernen und damit den Betroffenen helfen können. Das eigentliche Ziel besteht nicht nur darin, die Wirkungsweise der Therapie zu verstehen, sondern unsere Entdeckung zu einem Medikamentenkandidaten weiterzuentwickeln, der in Spitälern eingesetzt werden kann. Diese Möglichkeit – dass unsere Arbeit eines Tages Leben retten könnte – macht all die Mühen lohnenswert.
Wo steht Ihr Projekt derzeit? Während der Venture Fellowship-Phase entwickle ich unseren Leitwirkstoff aus einer Bibliothek vielversprechender Wirkstoffkandidaten. Auf Grundlage erster In-vitro- und In-vivo-Charakterisierung werden wir dann einen endgültigen Kandidaten auswählen, um eine umfassende Validierung in mehreren präklinischen Sepsis-Modellen durchzuführen. Diese Experimente sind wesentlich, um einen Proof-of-Concept zu erhalten und zukünftige IND*-fähige Studien vorzubereiten.
* IND = Investigational New Drug
Wie unterstützt Sie das UniBE Venture Fellowship dabei, Ihr Ziel zu erreichen? Ich freue mich sehr über die Venture Fellowship. Sie war wirklich ein Wendepunkt für mein Projekt. Sie ermöglicht unserem Team, den ersten Prototyp zu entwickeln und Proof-of-Concept-Daten zu generieren – etwas, das sonst in dieser kurzen Zeit nur schwer zu erreichen gewesen wäre. Vor allem aber schätze ich die persönliche Unterstützung, die ich als Venture Fellow erhalte. Es ist grossartig, das Innovation Office und meine Mentorin im Rücken zu haben. Ich hatte viele Fragen – zu geschäftlichen oder rechtlichen Aspekten, mit denen ich als Wissenschaftlerin nicht vertraut bin – und habe immer eine Antwort erhalten. Diese Art der Unterstützung gibt mir die Zuversicht, dass wir eine Chance haben, unsere Arbeit aus dem Labor in die Klinik zu überführen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Haben Sie auf Ihrem Weg etwas gelernt, dass Sie anderen weitergeben möchten? Für Forschende ohne betriebswirtschaftlichen Hintergrund ist es wichtig, sich schon viel früher als angenommen Gedanken über die Translation zu machen – also darüber, wie ihre Forschung zu einem Produkt werden kann. Und dann: Bleiben Sie Ihrer Mission und Ihrem Ziel treu. Denn auf diesem Weg werden Sie mit vielen Unsicherheiten konfrontiert werden. Aber solange Sie auf Kurs bleiben und sich engagiert für Ihre Idee einsetzen, haben Sie gute Erfolgschancen. Eine wichtige Lektion, die ich gelernt habe, ist, mit Menschen ausserhalb meines unmittelbaren Forschungsbereichs zu sprechen – nicht nur mit anderen Wissenschaftlern, sondern auch mit anderen Gründerinnen und Unternehmern, selbst wenn sie in der Softwareentwicklung oder im Ingenieurwesen tätig sind. Sie mögen nicht dieselbe Wissenschaft teilen, aber sie stehen vor ähnlichen Herausforderungen, und ihre Perspektiven können unglaublich wertvoll sein. Ich bin als reine Wissenschaftlerin gestartet, aber dann wurde mir klar, dass wir etwas entdeckt hatten, das Patientinnen und Patienten wirklich helfen könnte. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich es vorantreiben wollte – um zu sehen, wie unsere Arbeit in Spitälern eingesetzt wird und Leben rettet. Dieses Ergebnis wird die schönste Belohnung für die vielen Jahre der Forschung sein, die wir investiert haben.
Venture Fellowship
Das Venture Fellowship Programm der Universität Bern
Das Venture Fellowship Programm der Universität Bern ermöglicht jährlich Jungforscherinnen und Jungforschern während eines Jahres ihre translationale Forschung weiterzuführen, um die technische Machbarkeit (Proof-of-Concept) ihrer Projekte zu prüfen und die Vermarktung entsprechend vorzubereiten. Das Innovation Office der Universität Bern unterstützt sie dabei mit Beratung, Mentoring und Vernetzung, in Kooperation mit be-advanced – der Startup-Coaching Plattform des Kantons Bern. Die mit je 100'000 Franken dotierten Fellowships werden gemeinschaftlich finanziert durch die Universität Bern, das ARTORG Center for Biomedical Engineering Research und das Inselspital. Ferner unterstützt das Institut für Geistiges Eigentum (IGE) das Programm.
