Ringvorlesung des Collegium generale: Der menschliche Körper – Vorstellungen und Grenzen

Vom Blick in die Wiege zum Blick ins Genom: Wie die Medizin die Grenzen des Geschlechts neu definiert

Mittwoch, 23.09.2026, 18:15 Uhr

Bild von Christa Flück

 

Veranstaltende: Collegium generale
Referierende: Prof. Dr. Christa Flück, Kinderklinik, Inselspital, Bern
Datum: 23.09.2026
Uhrzeit: 18:15 - 19:45 Uhr
Ort: Auditorium maximum, Raum 110
Hauptgebäude
Hochschulstrasse 4
3012 Bern
Anmeldung: Keine Anmeldung erforderlich
Merkmale: Öffentlich
kostenlos

Abstract

Die medizinische Vorstellung von Geschlecht hat sich in den letzten hundert Jahren tiefgreifend verändert. Die Vorlesung führt in drei Schritten durch diesen Wandel: von der molekularen Logik der Geschlechtsentwicklung über die historische Genese medizinischer Praktiken bis hin zu einem neuen Verständnis weiblicher und männlicher Entwicklung.

Teil 1 präsentiert die aktuelle molekulare Sicht auf die menschliche Geschlechtsentwicklung. Chromosomale Signale, genregulatorische Netzwerke und hormonelle Steuerung greifen in präzisen Zeitfenstern ineinander. Die bipotente Gonade entscheidet sich nicht binär, sondern durch ein Zusammenspiel aktiver Programme: SOX9 und AMH für die Testisentwicklung, WNT4/RSPO1 und FOXL2 für die Ovarentwicklung. Geschlecht entsteht als dynamisches, gewebsspezifisches Mosaik, das weit über die äußeren Genitalien hinausreicht.

Teil 2 beleuchtet die historische Entwicklung dieser Konzepte und ihre medizinischen Konsequenzen. Vom anatomischen Blick in die Wiege über die Chromosomenära bis zu den prägenden Arbeiten von Wiesner und Jost zeigt sich, wie stark kulturelle Vorstellungen die medizinische Praxis beeinflussten. Die Geschichte der „geschlechtsangleichenden Korrektur» des äußeren Genitales, etwa in den Fallstudien von John Money und der späteren Aufarbeitung durch John Colapinto, verdeutlicht, wie medizinische Autorität und normative Vorstellungen über Geschlecht zu tiefgreifenden Eingriffen führten.

Teil 3 hinterfragt das lange dominierende Paradigma der „weiblichen Default-Entwicklung“. Moderne Genetik und Entwicklungsbiologie zeigen, dass die Ovarentwicklung kein passiver Zustand ist, sondern ein aktives, lebenslang stabiles Programm. Diese Perspektive öffnet neue Wege, Geschlecht als Prozess zu verstehen und die Grenzen medizinischer Kategorien kritisch zu reflektieren.

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