«Das Produkt muss 100% nutzerorientiert sein»

Eine Handtherapie, die so viel Spass macht, dass man sie auch zu Hause gerne noch übt – diese Vision setzt Samuel Knobel mit einem eierförmigen Trainingsgerät und einer dazugehörigen Tablet-Software um. Seine grösste Motivation ist es, Menschen zu helfen, die täglich benötigte Fingerfertigkeit für alltägliche Aktivitäten wiederzuerlangen.

Portrait Samuel Knobel

Steckbrief

 
Name Samuel Knobel
Projekt DextEgg
Expertise Medizin (Dr.med.), Biomedical Engineering (MA und PhD), 3 Jahre in der Industrie (Forschung & Data Analytics)
Arbeitsort Gerontechnology and Rehabilitation, ARTORG Center for Biomedical Engineering Research

Eine zunehmende Anzahl Menschen leidet unter Einschränkungen der Feinmotorik (etwa nach einem Schlaganfall oder durch neurologische Erkrankungen). Das Projekt soll Betroffenen das eigenständige Motorik-Training ermöglichen und gleichzeitig eine „Remote Therapy“ in Begleitung von Therapeutinnen und Therapeuten erlauben. Mittelfristig ist das Ziel, auch Veränderungen im Krankheitszustand oder im Verlauf unterschiedlicher Krankheitsbilder einfacher nachvollziehen und somit frühzeitig auf Verschlechterungen reagieren zu können.

Samuel Knobel, welche Wirkung soll Ihr Projekt haben?
Stellen Sie sich vor, sie haben nach einem Schlaganfall oder durch eine Nervenkrankheit Probleme damit, ihre Hände im Alltag einzusetzen. Schnürsenkel binden, Schlüssel drehen oder auch schon eine Tasse halten können dann zu echten Herausforderungen werden und ein unabhängiges Leben nahezu unmöglich machen. Derzeit gibt es allerdings zu wenig Therapiekapazitäten für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik. Mit der demographischen Änderung und dem Fachkräftemangel spitzt sich diese Situation noch zu.
Unser Ziel ist es, Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik eine höhere Therapiedosis zu ermöglichen. Gemeinsam mit Therapeutinnen und Therapeuten haben wir ein kleines, eiförmiges Trainingsgerät entwickelt: das DextEgg. In Verbindung mit einer Tablet-App kann der Patient oder die Patientin videogestützte Übungen oder spielerische Trainings absolvieren. Der Clou dabei ist, dass wir mit den Sensoren im Inneren des DextEgg die Bewegungen der Hände der Patienten während der Übungen und Spiele messen und ihm oder ihr so direktes Feedback geben können.
Derzeit verwenden Therapeutinnen und Therapeuten das DextEgg-System im Spital. Das bedeutet, dass Patientinnen und Patienten es zunächst in der Klinik kennenlernen, die Vorteile des kontinuierlichen Trainings mit DextEgg erleben und es dann zu Hause weiterverwenden.
Unsere Lösung soll weder Therapeuten ersetzen noch ist sie besser als herkömmliche Therapien. Wir möchten lediglich das Training zu Hause unterhaltsamer gestalten, damit die Patientinnen und Patienten auch tatsächlich trainieren. Denn ohne Motivation dranzubleiben, ist auch das beste Training wertlos.

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?
Ich habe ursprünglich Medizin studiert mit dem Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern. Der Arztberuf war zwar erfüllend, aber die Arbeitsbedingungen waren anspruchsvoll. Also habe ich einen anderen Weg eingeschlagen, der auch meine Vorliebe fürs Technische berücksichtigt. Biomedical Engineering zu studieren, war da die logische Konsequenz und die Uni Bern hat hier ein gutes Angebot. Auch als ich nach dem Master und PhD in der Industrie gearbeitet habe, war mir ein starker Purpose immer wichtig. Lebensqualität zu schaffen und zu erhalten, das ist, was mich antreibt.
In der Industrie sind Veränderungsprozesse sehr langsam. In meinem aktuellen Projekt sind wir kleiner und sehr viel agiler. In den drei Monaten habe ich schon so viel erreicht, als wäre ich bereits ein Jahr am Arbeiten. Der Fortschritt und das kontinuierliche Feedback von Therapeutinnen und Therapeuten, mit denen wir arbeiten, ist ermutigend.

Wo steht Ihre Innovation derzeit?
Wir haben technologisch einen sehr robusten Prototyp, der in sieben Kliniken in Pilotprojekten angewendet wird. Die Machbarkeit wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen und wird Ende des Jahres nochmals mit neurologischen Patienten und dann auch bei Kindern mit ADHS getestet.
Unsere Hardware verbessern wir aktuell mit der Firma Immensiv aus Lausanne, um für die Massenproduktion parat zu sein. Diese Verbesserungen umfassen medizinisch zertifizierte Komponenten und eine neue, robustere Firmware. Auch auf der Softwareseite haben wir einen robusten Prototyp, der im Inselspital und bei den Vitrea Kliniken getestet und im Laufe des nächsten Jahres weiterentwickelt wird.
Unser Ziel ist es, Mitte des nächsten Jahres ein nicht-medizinisches CE-zertifiziertes Produkt zu haben und dann 2028 eine medizinische CE-Zertifizierung der Klasse 1 zu erhalten.

Foto vom DextEgg Trainingsgerät mit einem Tablet
Das DextEgg ist mit Sensoren ausgestattet, die auch kleinste Fingerbewegungen registrieren. Verbunden wird es mit einem Übungskatalog auf dem Tablet, sodass das Training sogar Spass macht.

Wie hilft Ihnen die UniBE Venture Fellowship dabei, Ihr Ziel zu erreichen?
Ich wäre nicht hier ohne die Venture Fellowship. Ich hätte nicht die Möglichkeit, das ohne Finanzierung ein Jahr lang zu machen. Obwohl ich über etwas Branchenerfahrung verfüge, schätze ich die jahrzehntelange Expertise meines Mentors sehr. Er hilft uns dabei, uns auf die reale Welt vorzubereiten, die sich stark von einem reinen Forschungsprojekt unterscheidet. Darüber hinaus profitieren wir von den Networking-Events, bei denen wir uns über ähnliche Probleme austauschen und gegenseitig helfen können. Und nicht zuletzt haben wir dank des Fotoshootings einige neue Produktbilder erhalten, die wir für unser LinkedIn-Profil verwenden können, sowie einige schöne Teamfotos.
Und ganz grundlegend: Das ist ein High-Risk-Investment für die Uni. Rehabilitation hat eine eher geringe Marge und oft lange Verkaufszyklen, was sie für Investorinnen und Investoren weniger attraktiv macht. Durch die Fellowship erhalten wir die Möglichkeit, Verträge abzuschliessen und Markterfahrung zu sammeln, ohne bereits unter Druck zu stehen, Einnahmen zu generieren. Und es ermöglicht, dass wir die gerade hoch im Kurs stehenden digitalen Biomarker pilotieren. Diese digitalen Endpunkte sind für die Pharmaindustrie attraktiv, weil sie günstig sind kontinuierliche Messungen erlauben.

Was haben Sie auf Ihrem bisherigen Weg gelernt?
Einfach machen – keine Angst haben! In den meisten Fällen ist das “Worst Case“ Szenario gar nicht so schlimm wie befürchtet. Ausserdem nicht zögern, nach Hilfe zu fragen. Die meisten Leute helfen und teilen zudem gerne. Das ist eine der grössten Stärken dieses Ökosystems, das wir hier haben. Wenn man nachfragt, bekommt man sehr viel Wissen, Tools und Praxiserfahrung, wie ein Problem bereits einmal gelöst wurde. Also: Viel reden in der Peer-Gruppe. Der zweite wichtige Punkt ist, dass wir fest davon überzeugt sind, dass das Produkt zu 100 % nutzerorientiert sein muss. Als Ingenieure oder Forschende ist die Idee sicher grossartig, aber ist sie relevant und grossartig für Patienten?
Unsere Idee ist entstanden aus einem Covid-Projekt. Damals fragten Patienten Tim Vanbellingen (unseren Advisor) in Luzern: „Was kann ich zu Hause machen – ich kann nicht mehr zu meinem Therapeuten.“ Dieser kam damit auf Tobias Nef zu, unseren Gruppenleiter am ARTORG Center. Mit der Dissertation meines Co-Founders Nic Krummenacher, haben wir eine Lösung entwickelt mit der Frage: „Wie können wir die Nachfrage der Patienten auf einfache Art stillen?“ Kein Over-Engineering, sondern den Nutzer immer im Blick haben.
In unserem Lab für Gerontechnology and Rehabilitation werden wir beide von Tobias Nef und Tim Vanbellingen unterstützt. Es erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit, dass wir die Möglichkeit haben, das hier auszuprobieren. Schön, dass das Venture Fellowship Committee ebenso an uns geglaubt hat!

Doppelportrait Samuel Knobel und Nic Krummenacher
Samuel Knobel arbeitet mit Nic Krummenacher (rechts) daran, das DextEgg auf den Markt zu bringen.

Venture Fellowship

Das Venture Fellowship Programm der Universität Bern

Das Venture Fellowship Programm der Universität Bern ermöglicht jährlich Jungforscherinnen und Jungforschern während eines Jahres ihre translationale Forschung weiterzuführen, um die technische Machbarkeit (Proof-of-Concept) ihrer Projekte zu prüfen und die Vermarktung entsprechend vorzubereiten. Das Innovation Office der Universität Bern unterstützt sie dabei mit Beratung, Mentoring und Vernetzung, in Kooperation mit be-advanced – der Startup-Coaching Plattform des Kantons Bern. Die mit je 100'000 Franken dotierten Fellowships werden gemeinschaftlich finanziert durch die Universität Bern, das ARTORG Center for Biomedical Engineering Research und das Inselspital. Ferner unterstützt das Institut für Geistiges Eigentum (IGE) das Programm.