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Wirtschaftskrisen gefährden sozialen Zusammenhalt

Die Finanzkrise hat europaweit viele Personen in eine finanzielle Notlage gebracht. Dies hat Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt. In einer vergleichenden europäischen Studie zeigen Forschende der Universitäten Bern und Lausanne, dass finanzielle Notlagen das freiwillige Engagement erodieren lassen – dass aber eine hohe Bildung diese negativen Auswirkungen mildern kann.

Seit geraumer Zeit wird in der Forschung diskutiert, ob Wirtschaftskrisen den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährden können. Der Zusammenhang zwischen einer finanziellen Notlage und dem sozialen Miteinander ist komplexer als bisherige Studien angenommen haben. Aus diesem Grund haben Markus Freitag, Ordinarius und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Bern, und Pirmin Bundi, Assistenzprofessor, IDHEAP, Universität Lausanne, in einer empirisch vergleichenden Studie das freiwillige Engagement in 27 europäischen Staaten analysiert und nach dessen Erklärungsfaktoren gesucht. 

Finanzielle Notlagen untergraben das freiwillige Engagement

Freiwilligenengagement bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger aus freien Stücken und weitgehend unbezahlt Zeit, Geld und Energie aufbringen, um sich für andere Menschen und Organisationen einzusetzen und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Sozialkapital zu leisten. Warum aber gefährden finanzielle Nöte freiwillige Tätigkeiten? Es wird vermutet, dass Bürgerinnen und Bürger einerseits aufgrund begrenzter Ressourcen wie Zeit, Geld und Fähigkeiten weniger häufig einem freiwilligen Engagement nachgehen. Andererseits fühlen sich Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten finanziell unsicherer und arbeiten zum Schutz ihres Arbeitsplatzes härter, was zu Lasten ihres gesellschaftlichen Engagements geht. Die Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Notlage und dem freiwilligen Engagement für die untersuchten Länder. Eine Umfrage ergab, dass beispielsweise in den Niederlanden rund 18% der Befragten sich in einer schwierigen Notlage befinden und circa 60% freiwillig tätig sind, während in Portugal etwas über 65% der Befragten finanzielle Probleme haben und rund 12% einem freiwilligen Engagement nachgehen. Für die Studie wurden die Umfragedaten des Eurobarometers 75.2 verwendet, der während des Höhepunkts der Finanzkrise durchgeführt wurde. Die Daten wurden anhand einer geschichteten Zufallsstichprobe und mittels persönlicher Interviews von 26’825 Befragten in 27 europäischen Ländern im Jahr 2011 erhoben.

Bildung vermag finanzielle Notlagen zu kompensieren

Menschen reagieren in wirtschaftlichen Notlagen unterschiedlich. Insbesondere der individuelle Bildungsgrad scheint eine wichtige Rolle für die Freiwilligenarbeit zu spielen, da dieser das Bewusstsein für soziale Probleme und die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements schärft. «Bildung belebt die Motivation, sich aus wertorientierten Gründen freiwillig zu engagieren», sagt Markus Freitag. Aus der Studie erfolgte eine weitere Erkenntnis: Obwohl auch gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnten, wollen sie sich weiter freiwillig engagieren, weil sie durch gemeinwohlorientierte Normen wie auch altruistische Motive und nicht durch Erwartungen zukünftiger Belohnungen mobilisiert werden 

Bildung ist unerlässlich für die Gewinnung von Sozialkapital

Die Dynamik der wirtschaftlichen Ressourcen und von gebildeten Arbeitskräften sind entscheidend für das Verständnis der Entwicklung von Freiwilligenarbeit während finanzieller Krisen. In dieser Hinsicht dürften sowohl das Wirtschafts- als auch das Humankapital gleichermassen ineinandergreifende Auswirkungen auf andere Bereiche der Gesellschaft haben. «Die Ergebnisse unserer Studie zeigen die Konsequenzen für die Gesellschaft: Freiwillige reagieren auf wirtschaftliche Schwierigkeiten anfälliger, wenn sich das Bildungsniveau in einem tieferen Rahmen bewegt», erklärt Pirmin Bundi. Mit anderen Worten: Investitionen in das Bildungssystem sollten sich für ein Land langfristig lohnen, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten das Gleichgewicht des sozialen Miteinanders zu erhalten. «Diese Nachricht verdient eine besondere Erwähnung, da auch der Bildungssektor in wirtschaftlich schwierigen Zeiten oftmals Federn lassen muss», sagt Freitag.

Angaben zur Publikation:

Bundi, Pirmin und Markus Freitag. 2019. Economic Hardship and Social Capital in Europe. A Comparative Analysis of 27 Democracies. European Journal of Political Research, doi: 10.1111/1475-6765.12359. https://ejpr.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1475-6765.12359

Sozialkapital

Sozialkapital beschreibt den Wert sozialer Beziehungen. Dieser zeigt sich beispielsweise im Engagement in Vereinen, in der unbezahlten Arbeit für die Gemeinschaft, bei Hilfeleistungen im sozialen Umfeld von Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn als auch anhand des Vertrauens in das Gegenüber, die Unterstützung von Normen reziproker Handlungen oder tolerante Einstellungen (Freitag 2016). Von diesem sozialen Miteinander kann das einzelne Individuum ebenso profitieren wie ganze Gemeinden, Regionen oder Nationen und damit Erfolge in ihrer politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung erzielen.

Institut für Politikwissenschaft

Das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz und gehört gemäss CHE Excellence Einstufung zur Spitzengruppe in Europa. Nebst ausgezeichneter Grundlagenforschung wird dort auch praxisrelevante Auftragsforschung betrieben. Schwerpunkte in der Lehre und Forschung sind schweizerische Politik, vergleichende Politikwissenschaft, Europa- und Umweltpolitik sowie die Einstellungs- und Verhaltensforschung im Rahmen der politischen Soziologie. Des Weiteren werden zahlreiche Dienstleistungen für die Öffentlichkeit, so die «Année Politique Suisse» und das «Comparative Political Data Set» angeboten.

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13.11.2019