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Kollektive Gedächtnisstütze für vergessliche Schweiz

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern will Behörden und Bevölkerung die mit Überschwemmungen verbundenen Risiken besser bewusstmachen. Dazu baut es auf dem Web eine interaktive Bilderdatenbank zu Hochwasserereignissen auf, das «Kollektive Überschwemmungsgedächtnis».

Jedes siebte Gebäude der Schweiz ist hochwassergefährdet, und vier von fünf Schweizer Gemeinden waren in den vergangenen 40 Jahren von Überschwemmungen betroffen. Obschon Hochwasser zum Teil grosse Schäden anrichten und den Direktbetroffenen stark zusetzen, gehen sie schnell wieder vergessen. Innerhalb weniger Jahre sind sie aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden.

Mit dem heute vom Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern lancierten «Kollektiven Überschwemmungsgedächtnis» soll sich das ändern. Auf einer Webseite macht das Projekt Fotos von Hochwasserereignissen aus der ganzen Schweiz öffentlich zugänglich. Mit Hilfe der Bevölkerung, die aufgerufen wird, eigene Aufnahmen von Überschwemmungen auf der interaktiven Webseite zur Verfügung zu stellen, soll die Bildersammlung laufend weiterwachsen. «Wir verfolgen mit diesem Vorhaben mehrere Ziele», erklärt Rolf Weingartner, Professor für Hydrologie an der Universität Bern und Co-Leiter des Mobiliar Labs. «Einerseits wollen wir der Bevölkerung die Hochwasserrisiken in Erinnerung rufen, andererseits stellen Überschwemmungsbilder für Fachleute und Behörden eine wichtige Informationsquelle dar, zum Beispiel für die Beurteilung von Gefahren.» Bestehende Instrumente zur Risikoabschätzung wie Gefahrenkarten seien für Nichtfachleute allzu abstrakt und schwer fassbar, so Weingartner. Um sich die Auswirkungen von Überschwemmungen vorstellen zu können, seien Fotos viel besser geeignet.

Hohe Schäden, schlechtes Erinnerungsvermögen

Auf der Webplattform www.ueberschwemmungsgedaechtnis.ch lassen sich Bilder von Hochwasserereignissen sowohl nach Standorten wie nach Zeitpunkt suchen. Dies momentan zurück bis ins Jahr 1529. Eines der bislang ältesten Bilder im Überschwemmungsgedächtnis ist ein Stich, der zeigt, wie die Arve in Carouge bei Genf in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1733 über die Ufer trat. Dabei riss der Fluss unter anderem eine Brücke mit sich. Aus historischer Sicht interessant sind auch zwei Darstellungen aus Küsnacht am Zürichsee, die zeigen, welch verheerende Schäden der Dorfbach am 8. Juli 1778 anrichtete – und auf den Tag genau 100 Jahre später noch einmal. Wesentlich neuer sind die Fotos vom 1. September 2005 aus Lütschental im Berner Oberland. Sie zeigen unter anderem, wie die Bahnstrecke nach Grindelwald von der über die Ufer getretenen Lütschine zerstört wurde. Die Starkniederschläge Ende August 2005 führten in vielen Teil der Schweiz zu grossen Überschwemmungen. Durch das Hochwasser entstand mit rund drei Milliarden Franken der grösste finanzielle Gesamtschaden, den ein einzelnes Naturereignis in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz verursacht hat. Doch im öffentlichen Bewusstsein geht auch dieses Grossereignis allmählich vergessen.

Das «Kollektive Überschwemmungsgedächtnis» will nicht nur das Wissen um Hochwassergefahren besser in den Köpfen der Bevölkerung verankern, es liefert auch Entscheidungsgrundlagen für die Hochwasserprävention. «Überschwemmungsbilder können beispielsweise lokalen Entscheidungsträgern zur Sensibilisierung für Schutzmassnahmen dienen», sagt Hydrologeiprofessor Rolf Weingartner, «etwa, wenn an einer Gemeindeversammlung über ein Schutzprojekt abgestimmt werden soll.» Auch die Wissenschaft kann von der Datenbank profitieren. Anhand der Überschwemmungsbilder können beispielsweise hydrologische Modelle validiert werden, was schliesslich zu besseren Simulationen von Hochwasserereignissen und präziseren Risikoabschätzungen führt.

Wissenschaftliche Daten sammeln mit Hilfe der Bevölkerung

Die auf www.ueberschwemmungsgedaechtnis.ch bereits heute verfügbaren Bilder wurden aus bestehenden Bildbeständen in Archiven und Verwaltungsfachstellen zusammengetragen. Doch seinen vollen Nutzen kann das Bildarchiv erst entfalten, wenn es über eine grosse Menge von Bildern aus der ganzen Schweiz verfügt. Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist deshalb auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Sie ist eingeladen, eigene Aufnahmen von Überschwemmungen auf die Webplattform hochzuladen.

Das Mobiliar Lab hat bereits in einem anderen Projekt erfolgreich Erfahrungen mit dem sogenannten «crowdsourcing» von Daten gesammelt. Dank einer Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz kann die Bevölkerung seit 2015 über die App der MeteoSchweiz Hagelereignisse melden. Bis heute sind über 50'000 solcher Beobachtungen eingegangen, die nun wissenschaftlich ausgewertet werden. Es geht bei diesen Forschungsarbeiten unter anderem darum, die Hagelwarnungen zu verbessern.

Mobiliar Lab für Naturrisiken

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar. Die Forschungsschwerpunkte sind Hochwasser, Sturm und Hagel sowie deren Schadenspotenzial. Die Erforschung und Visualisierung des Schadenspotenzials von Hochwassern bilden einen zentralen Forschungsschwerpunkt.

17.05.2018