Es lebe das Lernen!

«Digitalisiert lernen und lehren – was bewährt sich wirklich?» Der neunte «Tag der Lehre» der Universität Bern ging der wirksamen Mischung von Online- und Offline-Sequenzen nach, basierend auf Erkenntnissen aus der Lernforschung – und traf damit offensichtlich thematisch genau den Nerv der Zeit: Rund 350 Interessierte, mehr als je zuvor, nahmen höchst angeregt an den Referaten, Präsentationen und Chat-Diskussionen der virtuell durchgeführten Tagung teil.

Von Claudia Kaufmann, 2021

Im Porträt: Philipp Schmutz, Absolvent MAS Psychotherapie
Rund 350 Personen machten via Zoom am Tag der Lehre 2021 mit – die entferntesten aus Costa Rica.

«Digitalisierung ist seit Jahren ein konstantes Thema in der Lehre», begründete Prof. Dr. Bruno Moretti, Vizerektor Lehre der Universität Bern, die Themenwahl. «Aber bis Februar 2020 war sie für viele ein Nice-to-Have, etwas, das irgendwann einmal kommen wird». Dann kam Corona, und viele Bildungsinstitutionen wurden ad-hoc-digitalisiert, mussten in Rekordzeit auf «Emergency remote teaching» umstellen. «Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen», fragte Moretti einleitend, «um die bestmögliche Lehre für Lehrende und Lernende zu gewährleisten?» Denn mit dem Einsatz digitaler Tools wird die Lehre nicht automatisch besser – im Gegenteil, so Thomas Tribelhorn, Leiter Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung am Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW der Universität Bern: «Wir haben ein Jahr mit steiler Lernkurve hinter uns. Was war gut, was im Notbetrieb entstanden ist, und was können wir künftig besser machen?»

Blicke in die Tiefenstruktur von guter Lehre

Prof. Dr. Olaf Zawacki-Richter, Dozent für Wissenstransfer und Lernen mit neuen Technologien an der Universität Oldenburg, lieferte im Eingangsreferat die wissenschaftlichen Grundlagen für die Fragestellung: Er zeigte anhand von Forschungsergebnissen, wie sich die studentische Mediennutzung in den letzten Jahren wandelte und welche Gelingensbedingungen für die Entwicklung digitalen Lernens und Lehrens gelten. Die Stossrichtung der Tagung zeigte Prof. Dr. Christian Spannagel, Dozent an der PH Heidelberg, auf: «Digitalisierung ist weder Selbst- noch Endzweck; die Frage lautet nicht, wie wird Lehre digital, sondern wie sieht gute Hochschullehre im Kontext der Digitalisierung aus?» Die Antwort bedingt, so Spannagel, einen «differenzierten Blick in die Tiefenstruktur von guter Lehre».

Prof. Dr. Olaf Zawacki-Richter: Besser Lernen mit neuen Medien? Eine immer wiederkehrende Frage in der Mediendidaktik.

Vier Wege zum Lehrerfolg

Konkrete Einblicke in die intensiven Erfahrungen in digitaler Lehre, welche im Corona-Semester an der Uni Bern gesammelt wurden, gaben vier Best-Practice-Bespiele. Dr. Sabrina Schell vom Institut für Organisation und Personal führte ihre Massenvorlesung im Corona-Semester mit dreimaligem Medienwechsel durch – von analog zu Podcast zu digitaler Lehre in Zoom, kombiniert mit Praktika-Vorträgen und Fallstudien-Bearbeitungen. Nina Schorno & Dr. Julia Schmid, Institut für Sportwissenschaft, meisterten mit kommentierten Videos die Herausforderung, ein sehr interaktives Seminar zur individuellen Sportberatung im Erwachsenenalter als Fernunterricht umzusetzen. Prof. Dr. Heike Mayer & Miriam Hug vom Geographischen Institut & Zentrum für Regionalentwicklung gelang es, einen Feldkurs unter Corona-Bedingungen durchzuführen, in hybrider Form, indem Studierende selbständig in Kleingruppen Feld-Interviews durchführten, die sie dann vor Ort am Institut zu Filmen verarbeiteten. Den erfolgreichen Launch der eCoaches für digital Skills in der Lehre stellte Sevgi Isaak, Projektleiterin am ZUW, vor: 12 Studierende unterstützen seit Februar 2020 an der Universität Bern als eCoaches Dozierende in der digitalen Gestaltung von Lerneinheiten (s. Info-Box unten). In einer virtuellen Projektausstellung konnte man die eCoaches und die didaktischen Projekte, die von ihnen begleitet wurden, kennenlernen.

Ein Corona-Semester später – Lessons Learned

Das Fazit der an Anregungen reichen Tagung? Unter den vielen Erkenntnissen traten drei Faktoren für ein erfolgreiches Lernerlebnis besonders häufig hervor:

  • Is technology good for education? Jein. Digitale Lehre ist nicht automatisch Qualitätslehre. Die Frage muss präziser gestellt werden: Worin liegt der didaktische Mehrwert digitaler Medien für Lehr- und Lernaktivitäten? «Digitale Mittel sind nicht dazu da, klassische Präsenzveranstaltungen einfach virtuell weiterzuführen», so Zawacki. «Sie haben Potenzial für andere Lernformen.» Umgekehrt, so Spannagel, «kann ein Flipped Classroom auch vollkommen digitalfrei gelingen.» Deshalb gehört die Wahl angemessener Methoden und Mittel zu den Kernaufgaben exzellenter Lehre. Welche Phasen im Lernprozess werden besser individuell, welche gemeinsam durchgeführt? Welche digital, welche analog? Welche remote, welche on-site? Erfolgreiches Blended Learning zielt für Spannagel auf das gute Zusammenspiel der richtigen Elemente: «Es geht darum, die wichtigen Aktivitäten im richtigen Setting zu machen.»
Prof. Dr. Christian Spannagel: Gute Lehre bedingt sorgfältiges Planen der richtigen Zutaten (Foto © poppicnic)
  • Für dieses «richtige Setting» gibt es Standards und Prinzipen, aber keine allgemeingültigen Patentrezepte: Das didaktische Arrangement ist abhängig von der Zielgruppe, den Lernzielen, dem Inhalt. Wichtig ist, dass Blended Learning möglichst strukturiert und evidenzbasiert, nicht als schnelle Notlösung konzipiert wird. «Die Digitalisierung von Studium und Lehre erfordert professionelle Rollen und sorgfältiges Projektmanagement», erklärte Zawacki, oder, wie Spannagel formulierte, ein «durchdachtes Mise-en-place».
  • Zentral für gute Lehre ist die direkte Beziehung und Interaktion zwischen Studierenden und Lehrenden, die durchaus medienvermittelt sein kann. Wie erzeugt man sie? «Es sind keine Fancy Tools nötig, um Interaktion im Remote-Modus zu aktivieren», sagten Julia Schmid und Nina Schorno, auch wenn sie für ihr Beratungsseminar aufgrund der Unmittelbarkeit und dem stärkeren Gruppengefühl die On-site-Veranstaltung vorziehen. «Die digitale Lehre funktioniert besser, wenn ich die Studierenden schon einmal live gesehen habe», resümierte auch Sabrina Schell. «Denn die Studierenden», erläuterte Zawacki, «müssen einen Bezug zu den Dozierenden aufbauen können. Was zählt, ist der persönliche Kontakt und Support, eine angenehme, konstruktive Atmosphäre, das 'Community building' » – mit den Worten von Thomas Tribelhorn, die «Humanisierung der digitalen Lehre».

«Eine ganz tolle Tagung»

Das besonders Schöne an diesem 9. Tag der Lehre? Die Form entsprach dem Inhalt. Mit der – coronabedingt – virtuellen Durchführung setzte die Tagung die Erkenntnisse exemplarisch selbst um. Dank einem dramaturgisch perfekten Ablauf (einladend und eloquent von Lydia Rufer moderiert), spannenden Präsentationen und lebendigen Rahmenelementen zeigte das Team der Hochschuldidaktik, wie man über fast 6 Stunden hinweg Teilnehmende zum Zuhören und aktiven Mitmachen motiviert. Der Diskussions- und Frage-Chat, der die ganze Tagung angeregt begleitete, und die vielen enthusiastischen Schlussvoten legten eindrücklich Zeugnis dafür ab: «Tolle Choreografie», «perfekt! merci für den sehr gelungenen tag mit vielen einsichten!», «Ohne ein Wort zu sagen, war ich voll dabei und aktiviert», «Herzlichen Dank allen Beitragenden, sehr anregend!1A!», «Das war extrem hilfreich!» Oder, die inspirierte Stimmung in vier Wort fassend: «Merci beaucoup! ES LEBE DAS LERNEN!»

So macht Erkenntnisgewinn Spass: Zoom-Tag der Lehre mit Präsentationen, virtueller Ausstellung, Live-Umfrage und regem Begleitchat.

eCoaches: Unterstützung bei Digitalisierungsprojekten in der Lehre

Das Projekt «eCoaches" ist eines von drei innovativen Projekten, welches die Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung am Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW und die Supportstelle für ICT-gestützte Lehre und Forschung iLUB im vergangenen Jahr im Rahmen des Programms «Stärkung von Digital Skills in der Lehre» von swissuniversities lanciert haben. Dabei werden Studierende in einer fundierten Ausbildung befähigt, Lehrpersonen der Universität Bern bei der Digitalisierung ihrer Lehrveranstaltungen technisch-didaktisch zu unterstützen. 2020 hat die erste Kohorte eCoaches die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und bei der Umsetzung eines spezifischen Digitalisierungsprojekts in der Lehre mitgewirkt; diese eCoaches können für neue Projekte gebucht werden. Die zweite Ausbildungskohorte startet im März 2021.

Mehr zu den eCoaches

Tipps & Tricks der eCoaches für Digitalisierung in der Lehre

Kontakt eCoaches 2020: eCoach-Pool (Login mit Campus-Account in ILIAS erforderlich)

Der «Tag der Lehre»

Laut der «Strategie 2021» der Universität Bern bilden die hohe Qualität der Lehre sowie die Weiterentwicklung von Lehrmethoden eine der vier universitären Teilstrategien. In diesem Rahmen diskutieren am jährlich stattfindenden «Tag der Lehre» Dozierende der Universität Bern und anderer Hochschulen über exzellente und innovative Lehre. Die Tagung wird vom Vizerektorat Lehre in Zusammenarbeit mit der Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung des ZUW der Universität Bern organisiert.

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