Porträts Christian Althaus

Porträts

Reingerutscht in die Rolle als Experte vom Dienst

Der Berner Epidemiologe Christian Althaus wurde binnen kurzer Zeit zu einem der gefragtesten Experten in der Corona-Krise. Er hat früh die Ausbreitung und Gefährlichkeit von Covid-19 berechnet und drastischere Massnahmen gefordert. Wer ist der Mensch hinter den Schlagzeilen? Porträt eines Wissenschaftlers mit plötzlichem Promistatus im Homeoffice.

Von Roland Fischer

Christian Althaus wusste ein wenig früher als die meisten, was auf uns zukommt. Der Epidemiologe war Mitautor einer Studie, die schon im Januar aufzeigte, wie der Virus in Wuhan von Mensch zu Mensch übertragen wurde. Er habe insofern durchaus damit gerechnet, dass die Pandemie auch uns schwer treffen wird, aber «ausmalen konnte ich mir trotzdem nicht, wie Europa reagieren würde». Lange habe man ja einfach gebannt nach Osten geschaut und es sei komplett offen gewesen, welche Antwort unsere Gesellschaft zeigen würde. Dann kam Corona auch bei uns an, die Behörden mussten reagieren. Zuerst alles ein wenig zögerlich – für den Insider zumindest – dann aber ging es plötzlich schnell. Lockdown.

Arbeit «so viel wie noch nie»

Nun sitzt Althaus eben zuhause vor dem Rechner, Tag für Tag. Er habe sich relativ rasch eingerichtet mit in der neuen Situation, habe sich nach einer Woche einen neuen Bildschirm und eine neue Tastatur gekauft und arbeitet nun «so viel wie noch nie». Was noch Anfang, Mitte März wie ein komplett irres Szenario klang – ganze Weltregionen herunterfahren, einen gesellschaftlichen Stillstand wagen, beziehungsweise von oben verordnen – nun ist es Alltag. «Jetzt merken viele, dass es so unvorstellbar ja gar nicht ist, nicht so extrem wie vielleicht gedacht.» Und auch wenn die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen natürlich immens sind, sieht Althaus auch ein Element der Entschleunigung und Entspannung und weniger ein diktatorisches Abwürgen der individuellen Freiheit.

Für Althaus selbst ist aber keine Pause angesagt. Er ist da in einen ziemlichen Strudel geraten: Mitglied der vom Bundesrat einberufenen wissenschaftlichen COVID-19 Task Force, immer neue Medienanfragen, und dann gibt es ja auch noch viel Arbeit für ihn als Wissenschaftler, schliesslich gehören «Emerging infectious diseases» zu seinen Forschungsschwerpunkten. Tatsächlich spüre er gar nicht besonders viel von den Restriktionen, er sei schon froh, wenn er ab und zu mal aus dem Arbeitszimmer komme. Aber er wolle sich auf keinen Fall beklagen, es sei «faszinierend und aufregend», als Wissenschaftler Zeuge eines solchen Szenarios zu sein. Dass nicht alle dieses Privileg haben, dass die aktuelle Situation für viele Menschen alles andere als einfach ist, nimmt er aber natürlich auch wahr. Deshalb befremden ihn Darstellungen in den Medien, die so etwas wie einen Expertenstreit heraufbeschwören: ökonomische gegen epidemiologische Vernunft. Das empfindet Althaus als unnötig, es sei ja nicht so, dass man als Wissenschaftler keinen Sinn für gesellschaftlich-ökonomische Zusammenhänge habe. Im Gegenteil: Es könne auch aus volkswirtschaftlicher Sicht durchaus angebracht sein, drastische Massnahmen zu ergreifen.

Die Schweiz hat das richtige Mittelmass gefunden

Also erklärt Althaus, ruhig und sachlich, nutzt seine Medienpräsenz, obwohl das auch anstrengend sein könne und auf jeden Fall mit viel Aufwand verbunden. Aber die Kommunikation sei eben auch Aufgabe der Forschung. In die Rolle als Experte vom Dienst, der regelmässig am Fernsehbildschirm auftaucht, sei er ein wenig «reingerutscht», das habe ihn durchaus auch etwas nervös gemacht zu Beginn. Seine Kinder dagegen amüsieren sich über Althaus‘ unverhofften Promistatus. Und seine Frau hilft, wenn es mal ein wenig hektisch wird, auch wenn sie im Homeoffice eigentlich auch genug zu tun hätte. So arrangieren sich wohl gerade viele Familien neu mit der Situation – und finden eine gewisse Normalität im Ausnahmezustand. Ähnlich scheint es dem ganzen Land zu gehen, denn insgesamt hat Althaus den Eindruck, dass die Schweiz die Krise ganz gut handhabt: «Das funktioniert doch recht gut, dass im Entscheidungsprozess alle ihre Stimme haben.» Deshalb unterstützt er auch die derzeitigen Massnahmen der Behörden: «Ich glaube, wir haben einen guten Zeitpunkt erwischt, sowohl für den Lockdown wie auch für die anstehenden Lockerungen.» Er hatte anfangs befürchtet, dass strengere Massnahmen nötig wären, um das Virus wirklich auszubremsen, aber nun zeige sich, dass man in der Schweiz das richtige Mittelmass gefunden habe.

Zu wenig auf jene gehört, die wirklich Expertise haben

Gerade die Bandbreite an unterschiedlichen Massnahmen und Reaktionszeiten in den verschiedenen Ländern ist für den Experten natürlich spannend. Althaus erwähnt insbesondere den Vergleich mit China, es sei schon «speziell» gewesen, sich das aus der Ferne mitanzusehen. Man habe da mitverfolgen können, wie ein Land gleichsam in einen Spagat zwischen Mittelalter und Hightechstaat gegangen sei. Einerseits die radikalen Quarantäne-Massnahmen, wie sie auch bei der Pest nicht anders zur Anwendung gekommen waren («es ist ja auch irgendwie klar, dass man daheim bleibt, sobald es ernst wird»), und gleichzeitig die Überwachungsprogramme oder das beeindruckende Tempo, mit dem ganze Spitäler aus dem Boden gestampft worden sind. Darauf angesprochen, ob ihm die plötzliche Macht der Expertinnen und Experten nicht auch ein wenig unheimlich ist – das Wort der Epidemiologen ist derzeit ja fast so etwas wie Gesetz – widerspricht Althaus allerdings: «Das sehe ich nicht ganz so.» Er höre das im Moment regelmässig, dass Corona-Fachleute zu viel Macht hätten. «Ich würde eher sagen, dass man zu wenig auf die gehört hat, die wirklich über Expertise verfügen, insbesondere diejenige der WHO.»

Einstweilen bleibt dem Experten also nichts anderes als belastbare Fakten zu generieren, offene Fragen zu klären, Wissen zusammenzutragen und zu kommunizieren. Was er ja eigentlich immer tut, derzeit bloss mit etwas grösserer Dringlichkeit. Und trotz der Arbeitswut: Für Althaus ist es «fast schon eine Zeit, um sich ein wenig zu besinnen». Er wolle jedenfalls versuchen, nicht gleich wieder ins Hamsterrad zu geraten, wenn der Alltag wieder losgeht. Ein Ratschlag, den wir uns wohl alle zu Herzen nehmen können, ob wir nun mitten im Auge des Sturms geraten sind oder nur von einem Ausläufer gestreift wurden.

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Roland Fischer ist freier Wissenschaftsjournalist