Alexander von Humdoldt FS 2018

Bild Condor
Reproduktion: Universitätsbibliothek Bern, Sign. MUE Kp IV 46:1

Wir gehen mit Humboldt auf Reisen - in seine Welt der Wissenschaften und an Berner Kulturorte. Alexander von Humboldt (1769–1859) ist eine ebenso faszinierende wie vielseitige Forscherpersönlichkeit, deren Aktualität wir heute wiederentdecken. Er steht für das kreative Zusammendenken vermeintlich verschiedener Formen des Wissens. Die Vorlesungsreihe will Bezüge zwischen Humboldts origineller Arbeit und heutigen Forschungsfragen aufzeigen.

Die Entdeckungsreise führt uns von Landschaftsmalerei und Infographik über neurophysiologische Selbstversuche durch die Sammlungen des Naturhistorischen Museums in die Pflanzenwelt des Botanischen Garten.

Vorlesungen der Reihe "Alexander von Humboldt - Wissenschaften zusammendenken"

Alexander von Humboldt oder wie das Reisen das Denken verändert

  • Prof. Dr. Oliver Lubrich
    Institut für Germanistik, Universität Bern
  • 21. Februar 2018

Alexander von Humboldt wird international bewundert als früher Gegner des Kolonialismus und als Vordenker der Ökologie. Er wird kritisiert als Repräsentant europäischer Herrschaft und einer technologischen ‚Vermessung der Welt'. Die Vorlesung wählt einen mittleren Weg zwischen Heldenverehrung und Pauschalverurteilung. Sie fragt, wie sich Humboldts Denken während seiner Reisen veränderte. Welche europäischen Vorstellungen werden durch die Begegnung mit fremden Naturräumen und Kulturen in Frage gestellt? Und welche neuen Erkenntnisse sind das Ergebnis? Der Vortrag gibt zugleich einen Einblick in die ‚Berner Ausgabe‘ von Humboldts Sämtlichen Schriften, die 2019 zum 250. Geburtstag des Autors erscheint, und er führt ein in das Programm der Ringvorlesung.

"Perpetuierliches Zusammenwirken": Das Klima als System

  • Prof. Dr. Stefan Brönnimann
    Geographisches Institut, Universität Bern
  • 28. Februar 2018

„Das Wort Klima bezeichnet allerdings zuerst eine specifische Beschaffenheit des Luftkreises, aber diese Beschaffenheit ist abhängig von dem perpetuirlichen Zusammenwirken einer all- und tiefbewegten, durch Strömungen von ganz entgegengesetzter Temperatur durchfurchten Meeresfläche mit der wärmestrahlenden trockenen Erde, die mannigfaltig gegliedert, erhöht, gefärbt, nackt oder mit Wald und Kräutern bedeckt ist.“ (Kosmos, Bd.1, 1845, p.304). Mit dieser Klimadefinition öffnet Humboldt seinen Blick und erlaubt eine umfassende Sichtweise von Klima (bestehend aus Atmosphäre, Ozeanen, Landoberfläche und der Biosphäre), wie es die heutige Klimaforschung definiert. Diese Sichtweise ist auch abgebildet in Erdsystemmodellen, welche das "perpetuierliche Zusammenwirken" in Computersimulationen nachvollziehen. Diese aus heutiger Sicht moderne Definition konnte sich allerdings nicht gegen die statistische Klimadefinition (welche auch auf Humboldt's Konzepte und gesammelte Messungen zurückgeht) durchsetzen. Im Vortrag wird die konzeptionalisierende, physikalisch orientierte Sichtweise Humboldts auf das Klima im Licht der heutigen Klimaforschung und der Geschichte der Klimaforschung beleuchtet.

Humboldts wissenschaftliche Konzepte in der modernen Geographie und Landschaftsökologie

  • Prof. Dr. Heinz Veit
    Institut für Geographie, Universität Bern
  • 7. März 2018

„Ich wünschte…charakteristische Tatsachen zur Erhellung einer Wissenschaft zu sammeln, die noch kaum skizziert ist und unbestimmt genug…Physikalische Geographie genannt wird…“ So schrieb Alexander von Humboldt über seine südamerikanische Reise. Wegen seines umfassenden Wissens und seiner ausgefeilten empirischen Arbeitsweise wird er häufig als grösster Geograph der Neuzeit bezeichnet, der auch die Grundlagen zum vernetzten ökologischen Denken gelegt hat. Im Vortrag werden einige der wissenschaftlichen Konzepte beleuchtet, und in ihrer Bedeutung für die heutige Geographie und Landschaftsökologie diskutiert. Fazit: vieles hat sich in den letzten 200 Jahren geändert und weiter entwickelt, aber der Humbold’sche Geist ist erstaunlich modern geblieben. 

Humboldts Vulkane. Geologie, Revolution, Zahnfleischbluten

  • Thomas Nehrlich
    Institut für Germanistik, Universität Bern
  • 14. März 2018

Alexander von Humboldt (1769–1859) war nicht erst durch seine Ausbildung an der Bergakademie Freiberg und seine Karriere im preußischen Bergbaudepartment zu einem geologischen Experten geworden. Er begutachtete Minen und Bergwerke, entwickelte ein Atmungsgerät für die Arbeit in Gruben und erforschte die Höhlenbotanik. Und er beteiligte sich an der Forschungsdebatte zwischen den so genannten Plutonisten und Neptunisten, die unterschiedliche Theorien zur Entstehung der Erde vertraten. Am meisten von allen geologischen Phänomenen haben ihn allerdings die Vulkane fasziniert. In Europa und vor allem auf seinen Reisen nach Amerika (1799–1804) und nach Zentral-Asien (1829) bestieg und erforschte Humboldt zahlreiche Feuerberge, darunter den berühmten Chimborazo, der damals als höchster Berg der Welt galt. Während des Aufstiegs beobachtete Humboldt an sich selbst die Symptome der Höhenkrankheit, u. a. heftiges Zahnfleischbluten. Neben der wissenschaftlichen Erforschung hat Humboldt mit den Vulkanen auch Politik gemacht: Er unterlegte seine Beschreibungen des Vulkanismus mit einem brisanten Subtext, indem er die Rhetorik des Ausbruchs und der Erschütterung auf die Revolutionsbewegungen z. B. in Lateinamerika übertrug. Seine vulkanologische Forschung hat Humboldt in zahlreichen Aufsätzen ausgewertet und mit Zeichnungen und Stichen visualisiert. Mit seinen lebhaften Berichten und seinen anschaulichen Bildern hat er Künstler und Schriftsteller angeregt, u. a. Frederic Edwin Church und Johann Wolfgang Goethe. Der Vortrag beleuchtet geologische, politische, rhetorische, ästhetische, literarische und alpinistische Aspekte von Humboldts Vulkanen.

Schöne Berge. Alpenliebe und Naturästhetik als Populärkultur

  • Barbara Keller
    Stv. Direktorin und Kuratorin, Alpines Museum der Schweiz, Bern
  • 21. März 2018

Die Schönheit der Berge bewegt zu zahlreichen Abbildungen. Die Gemälde aus der Sammlung des Alpinen Museums der Schweiz zeigen alpine Gebrauchskunst.
Sie sind Zeugnisse der Wahrnehmung und Erfahrung alpiner Landschaften. Auf einem Spaziergang durch die Ausstellung "Schöne Berge. Eine Ansichtssache" steht die Motivation der Malenden und die Faszination der Sehenden im Zentrum.

Barbara Keller, Stv. Direktorin und Kuratorin des Alpinen Museums der Schweiz, Bern
Luzia Carlen, Kunsthistorikerin und Museologin, seit 2009 Sammlungskuratorin am Alpinen Museum der Schweiz

Linien als Reisepfade der Erkenntnis. Humboldts Klimakarte als Entstehungsort einer Proto-Ökologie

  • Prof. Dr. Birgit Schneider
    Institut für Künste und Medien, Universität Potsdam
  • 28. März 2018

Der Vortrag wird die Rolle der Visualisierung und der Kartografie für Klimatologie im frühen 19. Jahrhundert anhand von Humboldts eigener ästhetischer Praxis in zahlreichen Beispielen nachzeichnen. Die Charakteristik dieser Forschung wurde später als Humboldtian Science (Susan F. Cannon) beschrieben:  das Ideal einer präzisen Beobachtung, das aus sinnlichen Wahrnehmungen entspringt. Dieser tief in der Romantik verwurzelte Ansatz schrieb sich in die frühe Naturforschung und Proto-Ökologie ein – und ist bis heute Teil vieler ökologischer Perspektiven. Unter diesem Blick, der große Zusammenhänge in Wechselwirkung mit den einzelnen Organismen dynamisch betrachtete, beginnt die Erde selbst zu atmen und es setzt sich ein globales Wechselspiel aus Organismen und Umgebung in Gang, das zu ergründen zum Forschungsprogramm für folgende Generationen wurde. Am Beginn dieses neuen Blicks auf die Erde steht aber auch ein neuer Blick auf Daten – und hier speziell eine Datenkarte von 1817 aus der Bildpraxis Alexander von Humboldts, die erstmals Klimazonen aus gemittelten Messdaten zeichnete. Anhand dieser Karte wird der Vortrag Fragen von Ästhetik, synoptischer Erkenntnis sowie Sichtbarmachung mittels Datenvisualisierung diskutieren.

....Auch ein Historiker? Geschichte und historisches Denken bei Humboldt

  • Prof. Dr. Joachim Eibach
    Historisches Institut, Universität Bern
  • 11. April 2018

Humboldt wird immer wieder gern als 'Naturforscher' oder 'letzter Universalgelehrter' apostrophiert. Vergleichsweise wenig Beachtung haben bislang seine Arbeiten als Historiker gefunden. Zu unterscheiden sind dabei größere Werke zur Wissenschafts- und Entdeckungsgeschichte der (Neuen) Welt von Artikeln und Essays, die historische Aspekte in die Analyse einbeziehen. Die Vorlesung wird vor allem vier Fragen näher beleuchten: 1. Wie arbeitet Humboldt als Historiker? 2. Wie lassen sich seine historischen Ansätze historiographisch zwischen Aufklärung und Historismus situieren? 3. War Humboldt ein Kulturhistoriker avant la lettre? 4. Inwiefern und aus welcher Perspektive betreibt er Globalgeschichte?

Auf Humboldts Spuren: Zoologische Expeditionen und Entdeckungen im 21. Jahrhundert

  • Dr. Stefan Hertwig
    Naturhistorisches Museum, Bern
  • 18. April 2018

Die Expeditionen nach Amerika und Asien lieferten die Basis für die spätere Forschungsarbeit von Alexander von Humboldt. Die moderne Biodiversitätsforschung als empirische Wissenschaft steht damit nach wie vor in der Tradition Humboldts: Feldarbeit in allen Gebieten der Erde liefert auch im 21. Jahrhundert die Grundlage für die anschliessende Untersuchung im Labor. Zoologische Forschungsreisen liefern zwar nicht immer sofort spektakuläre Entdeckungen, aber in jedem Fall einen wichtigen Beitrag zu einem tiefen Verständnis der Verbreitung und Entstehung der Artenvielfalt unseres Planeten. Trotz der immensen Zunahme unseres Wissens über die Erde seit den Zeiten Humboldts sind nach wie vor viele Gebiete unseres Planeten und die dort lebenden Tierarten unzureichend untersucht: ein grosser Teil der Biodiversität, der möglicherweise mehr als 80 Prozent der existierenden Arten insbesondere tropischer Lebensräume umfasst, harrt noch der Entdeckung und wissenschaftlichen Untersuchung. In Zeiten des immer schneller werdenden Verlustes von Lebensräumen ist die Biodiversitätsforschung zudem ein Wettlauf gegen die Zeit. Auch wenn das Verschwinden von vielen Arten wahrscheinlich nicht aufgehalten werden kann, können zumindest Informationen über ihr Genom, ihre Morphologie, Verwandtschaft, Verbreitung und Lebensweise gesichert werden. Naturwissenschaftliche Sammlungen dienen als Langzeitspeicher dieses Wissens für spätere Forschung. Anhand zahlreicher Beispiele demonstriert der Vortrag den Beitrag zoologischer Forschungsreisen im 21. Jahrhundert zur Erfassung der Artenvielfalt und der Entschüsselung ihrer Evolution. 

Humboldt in Berlin - wo ein Widerborstiger die Wissenschaft bewegt und Herzen erobert

  • Peter Korneffel
    Publizist
  • 25. April 2018

Das spannende Doppelportrait über zwei berühmte Brüder und die komplizierte Beziehung zu ihrer Vaterstadt Berlin. Das außerordentliche Glück Berlins, dass Wilhelm und Alexander von Humboldt ihre Stadt nicht mögen, manchmal gar verfluchen. Sie müssen Berlin zwangsläufig den Rücken kehren, für Jahrzehnte. Doch die beiden ungleichen Brüder kommen zurück und beteiligen sich maßgeblich daran, aus einem vor sich hin gärenden, lust- und lieblosen Berlin einen globalen Ort der Wissenschaft zu bauen.

 

Filmvorführung: Die Besteigung des Chimborazo

  • Kino Rex
    Schwanengasse 9, 3011 Bern
  • 2. Mai 2018

Moderation: Prof. Dr. Oliver Lubrich, Institut für Germanistik, Universität Bern

"Humboldtian Science" oder die Systematisierung der Natur

  • Prof. Dr. Matthias Glaubrecht
    Centrum für Naturkunde, Universität Hamburg
  • 16. Mai 2018

Mit der Besteigung des Chimborazo in Ecuador, damals für den höchsten Gipfel der Erde gehalten, stellt Alexander von Humboldt 1802 nicht nur für viele Jahre einen alpinen Rekord auf. Zugleich begründet er mit der Pflanzengeographie auch eine ökologische Einteilung der Organismen im Raum. Ausgehend von Humboldts Beiträgen zu Aspekten einer Systematisierung der Natur, die inzwischen als „Humboldtian Science“ einer ganzen Epoche der Wissenschaftsgeschichte ihren Namen verleiht, sollen Wissensstand und Arbeitspraxis des naturkundlichen Sammelns in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchtet werden, auch um Humboldts Beitrag besser einordnen zu können. In Unterscheidung zur oftmals hagiographischen Überhöhung Humboldts und einer weitgehend auf ihn selbst referenzierenden Rezeption sollen folgende Thesen skizziert werden: Zum einen hatte Humboldt wichtige (heute oftmals vergessene) Vorläufer, die nicht nur vieles zur Geographie der Organismen, sondern im Ansatz sogar die visuelle Sprache Humboldts vorwegnahmen. Zum anderen gilt es zu fragen, inwieweit Humboldt tatsächlich die Welt der Pflanzen und Tiere auf neue Art erforscht hat und dadurch ein neues Bild der Natur entwarf. Letztlich geht es darum zu hinterfragen, ob Humboldts Werk – als „transdisziplinär“ und „interkulturell“ viel gelobt – tatsächlich zukunftsweisende Wissenschaft ist. Oder ob sein Werk – „trotz seiner Enormität unvollendet, das letzte Mega-Fragment der europäischen Sattelzeit“ (Jürgen Osterhammel) – nicht eher rückwärtsgewandt in der Romantik zur Zeit Schillers und Goethes verhaftet blieb, indem Humboldt eine „ästhetische Wissenschaft“ zu begründen und zu betreiben suchte, die nach 1800 nur noch vereinzelt unternommen wurde. 

Entblätterter Kosmos. Visualisierungsstrategien in Alexander von Humboldts Werk

  • Dr. Amrei Buchholz
    Kunstgeschichtliches Seminar, Universität Hamburg
  • 23.5.2018

Aus kunst- ebenso wie aus kartographiehistorischer Perspektive wurde das Werk Alexander von Humboldts bislang keineswegs umfassend erschlossen. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Bedeutung, die das Visuelle für die Generierung von Wissen in Humboldts Werk hatte, als auch für die darin angewandten Strategien visueller Wissensvermittlung. Der Vortrag setzt sich mit beiden Aspekten auseinander, wobei sowohl erste Forschungsergebnisse vorgestellt als auch noch bestehende Desiderate aufgezeigt werden sollen. 

Grundüberlegung des Vortrags ist, dass Alexander von Humboldt nicht nur seine Texte netzartig aufspannte, sondern auch seine Graphiken zu komplexen Gefügen verknüpfte. Humboldts Graphiken besitzen also nicht nur für sich allein Aussagekraft, vielmehr entfalten sie ihr volles Erkenntnispotential erst dann, wenn sie im Kontext seiner Atlanten, genauer: seines Gesamtwerks, betrachtet werden. Exemplarisch lässt sich diesbezüglich nicht nur die Konzeption des Atlas du Nouveau Continent (1814-1837) anführen, sondern auch jene der Vues des Cordillères (1810-1813)Die experimentelle Zusammenführung von Informationen über das Einzelbild hinweg eröffnete Humboldt ganz neue Möglichkeiten der Wissenspräsentation und band zugleich den Betrachter in gesteigertem Maße in den Rezeptionsprozess mit ein.

Botanik in Bewegung. Alexander von Humboldt und die Pflanzen

  • Prof. Dr. Markus Fischer
    Institut für Pflanzenwissenschaften, Universität Bern
  • 30.5.2018

Der Vortrag beleuchtet die botanischen und, wie man heute sagen würde, pflanzenökologischen, Aspekte von Alexander von Humboldts Reisen und Wirken, die sich wie ein «grüner» Faden durch seine Arbeit ziehen. Der Vortrag stellt seinen Ansatz und seine wesentlichen Erkenntnisse vor und diskutiert seine Nachwirkung in der heutigen Botanik, Pflanzenökologie und Umweltwissenschaft. Abschliessend weist er auf die gleichnamige Ausstellung hin, durch die im Anschluss ein Rundgang stattfindet.