Dürrenmatts Welten – Literatur, Recht, Psychiatrie und mehr

Figuren in Kriminalromanen aus Sicht der Psychiatrie

Mittwoch, 10.03.2021, 18:15 Uhr

Bild von Werner Strik

Veranstaltende: Collegium generale
Redner, Rednerin: Prof. Dr. Werner Strik, Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Bern
Datum: 10.03.2021
Uhrzeit: 18:15 - 19:45 Uhr
Ort: Die Vorlesung
findet via Zoom statt.
Schreiben Sie cg@cg.unibe.ch für den Link
Es gibt keine Präsenzveranstaltung
Merkmale: Öffentlich
kostenlos

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Zusammenfassung

Dürrenmatt lässt in seinen Kriminalromanen eine Fülle sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten auftreten. Einige davon sind realistische, scharfsinnig und schonungslos gezeichnete Charakterköpfe oder Querdenker, die eher dekorative Nebenrollen einnehmen. Sie dienen dem Autor u.a. als Sprachrohre für seine philosophischen Betrachtungen aber auch für seine Abrechnungen mit der Obrigkeit, der Akademie, der Wirtschaft oder der Religion. Bärlach, der todkranke Kommissär in «der Richter und sein Henker» und in «der Verdacht», weist als besonnener und erfolgreicher «Schachspieler», «Fallensteller» und «Jäger» am Rande des Gesetzes und der Selbstjustiz ausser seinem bärbeissigen Charakter, seinem scharfsinnigen aber gnadenlosen Urteil und gelegentlichen Alkoholexzessen keine nennenswerten psychiatrischen Besonderheiten auf und wird deshalb nicht gesondert abgehandelt. Andere zentrale Figuren lassen sich trotz ihres abnormen Verhaltens nicht in einfache psychiatrische Charakterprofile zwängen. Sie sind dafür zu komplex und haben auch widersprüchliche Eigenschaften, wie der sadistische Arzt Emmenberger oder der fanatische Kommissär Matthäi. Andere Charaktere wirken gänzlich unrealistisch, fiktiv konstruiert im Dienste der Erzählung und ihrer Leitideen, Rätsel und Lösungen wie z.B. der gewissenlose Mörder Gastmann in «der Richter», der sich aus Lust am Spiel mit dem Zufall im freien Raum zwischen Gesetz und Moral bewegt, der Kantonsrat Kohler in «Justiz», der scheinbar motivationslos, aus reiner Freude an der Berechnung einen Mord begeht, oder die alte Dame, durch die der Fall des Kindsmordes in «das Versprechen» am Ende wie per Zufall gelöst wird. Besonders eindrücklich, aber eher literarisch als psychiatrisch zu beurteilen, sind schliesslich die Figuren, die insbesondere in «der Verdacht» aber auch im späteren Roman «Justiz» wie märchenhafte Fabelwesen wirken, und im Roman nicht die Rolle von realen Personen einzunehmen scheinen, sondern Sinnbilder für Gerechtigkeit und Rache (Gulliver in «der Verdacht»), oder von moralischer Ungebundenheit durch Ausgrenzung, jenseits von Gut und Böse, bei dem Zwerg in «der Verdacht» und der verkrüppelten Monika Steiermann in «Justiz». Dürrenmatt selbst ist aus psychologischer Sicht ein glänzender Beobachter und Psychologe, in seinen Texten abwechselnd ein scharfsinniger Denker und ein höchst vergnüglich fabulierender Schwärmer.

Homepage Prof. Dr. Werner Strik