Dürrenmatts Welten – Literatur, Recht, Psychiatrie und mehr

Eine kleine Geschichte des Wahnsinns

Mittwoch, 03.03.2021, 18:30 Uhr

Bild von Lukas Bärfuss

© Lea Meienberg

Veranstaltende: Collegium generale
Redner, Rednerin: Lukas Bärfuss, Schriftsteller, Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur
Datum: 03.03.2021
Uhrzeit: 18:30 - 19:45 Uhr
Ort: Die Vorlesung
findet via Zoom statt.
Schreiben Sie cg@cg.unibe.ch für den Link
Es gibt keine Präsenzveranstaltung
Merkmale: Öffentlich
kostenlos

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Zusammenfassung des Referats

Der Wahnsinn spielt in der Literatur der Moderne eine Hauptrolle. Lu Xun, Andrei Bely, Virginia Woolf, Anne Sexton, Knut Hamsun, Marieluise Fleisser, Thomas Pynchon und auch Friedrich Dürrenmatt sind nur einige Namen, die in ihren Werken eine veritable Internationale des Wahnsinns vereinen. In der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft gibt es keinen Platz mehr für klassische Helden. Die Liebe ist profanisiert. Die wirtschaftliche Produktivität verlangt Pünktlichkeit, Fleiss und Genauigkeit - aber gewiss keinen Heroismus. Der industrialisierte Krieg verlangt vom Soldaten nur noch die korrekte Bedienung einer Maschine. In den Schützengräben ist eine individuelle Tat unerwünscht und letztlich absurd. Und da Gott tot ist, wird der Heilige obsolet. Mit seinem Dämonen ist nun jeder alleine. Auch Prophetinnen sind in der Moderne überflüssig - wer Visionen hat, den schickt man jetzt zum Arzt. Die Medizin kategorisiert ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die psychischen Krankheiten und trennt die Kranken von den Gesunden. Die Vertreter der Eugenik versuchen, sozial unerwünschtes Verhalten wie Alkoholismus, Prostitution und Vagantentum durch Internierung, Kastrierung und Sterilisierung, auszumerzen. Die Schweiz ist hier Avant- und Après-Garde. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden jetzt häufig selbst zu psychopathologischen Fällen, die Irrenanstalten zu literarischen Asylen und zur Endstation vieler Biografien. Später entdeckt die Gesellschaft, dass nicht jeder Wahnsinn unproduktiv sein muss. Die Psychopharmaka werden alltagstauglich, der Besuch beim Therapeuten gehört zum Lifestyle. Es gibt nun einen gesunden Narzissmus, und ein Burn-Out gehört ins CV eines Managers. Der Wahnsinn hat seinen Weg vom Rand wieder zurück ins Herz der Gesellschaft gefunden, er ist gewöhnlich und für die Literatur des einundzwanzigsten Jahrhundert wieder uninteressant geworden. Was ist nun aber der Stoff der Dichterinnen und Dichter heute? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsverlust der Literatur und der Profanisierung und Banalisierung des Wahnsinns? 

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