Dürrenmatts Welten – Literatur, Recht, Psychiatrie und mehr

Dürrenmatts Schauplätze. Literaturgeografische Streifzüge von Konolfingen bis zur Blüemlisalp

Mittwoch, 24.03.2021, 18:15 Uhr

Bild von Barbara Piatti

Veranstaltende: Collegium generale in Zusammenarbeit mit Berner Amtshaus
Redner, Rednerin: Dr. Barbara Piatti
Datum: 24.03.2021
Uhrzeit: 18:15 - 19:45 Uhr
Ort: Die Vorlesung
findet via Zoom statt.
Schreiben Sie cg@cg.unibe.ch für den Link
Es gibt keine Präsenzveranstaltung
Merkmale: Öffentlich
kostenlos

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Ein sehr grosser Teil unserer Literatur, “a very large part of our writing is a story of its roots in a place: a landscape, region, village, city, nation or continent”, notiert Malcolm Bradbury in seinem „Atlas of Literature“ (1996). Diese Beobachtung, dass Literatur auch räumlich in der erlebten Welt verankert, verwurzelt ist, trifft auf viele grosse literarische Stimmen zu – von Storm bis Steinbeck – und auf Friedrich Dürrenmatt ganz besonders. Er hat Teile der Schweiz (das Emmental, Bern, die Bielerseeregion, Chur, Tarasp-Vulpera etc.) in seinen Werken zu Schauplätzen gemacht und diese Regionen und Landschaften dabei mit ganz unterschiedlichen Herangehensweisen in literarische Räume verwandelt. 

Schwindelgefühle 
Literarische Schauplätze, so Heinrich Detering in seinem Buch „Herkunftsorte“ (2001), sind „Orte auf einer halb realen, halb imaginären Landkarte. Auch wo ihre Namen identisch sind mit denen, die wir aus der realen Topographie kennen, gehören sie einer anderen Welt an; und gerade in diesen Fällen kann das Nachdenken über die Beziehung zwischen den beiden Schwindelgefühle auslösen.“
Mit genau diesen Schwindelgefühlen befasst sich die Literaturgeografie und – etwas konkreter – die Literaturkartografie. Diese interdisziplinären Ansätze loten aus, in welchem spannungsreichen Verhältnis literarische Inspirationsorte von Autoren, Autorinnen – auffallend häufig sind das Kindheitslandschaften – und deren literarische Schauplätze stehen. 

Eine kleine „Tour de Dürrenmatt“
In der Vorlesung testen wir, was literaturgeografische Instrumente für Dürrenmatts Werke taugen, was sich damit herausfinden lässt. Wo spielt seine Literatur und weshalb spielt sie da?  Wir statten Konolfingen einen Besuch ab und den einsamen, übers Land verstreuten Bauernhöfen, Bern und den Berner Alpen, mit dem Untergrund der Blüemlisalp, dem brennenden Grand Hotel im Durcheinandertal und der Twannbachschlucht – und ein (wenn auch sehr kurzer) Halt in Güllen ist ebenfalls eingeplant. Diese kleine „Tour de Dürrenmatt“ ist zudem Anlass, um ein paar Worte zum boomenden Literaturtourismus zu verlieren – und darüber, was dort den naiven von einem informierten Zugang unterscheidet.

Vertrautes und Verstörendes
Dürrenmatts Schauplätze lassen sich nämlich, soviel vorweg, auf einer Skala topografischer und geografischer Referenzen anordnen: Manche seiner Werke schildern Land- und Ortschaften so detailliert, dass man versucht ist, sich auf Spurensuche zu begeben. In anderen werden realreferente Orte und Objekte umbenannt, ins Fantastische verfremdet. Zusammen ergeben sie eine andere, zugegeben lückenhafte Landkarte der Schweiz – auf der sich Vertrautes und Verstörendes vermengen. Eine literarische, Dürrenmatt gewidmete Landkarte, das wäre vielleicht etwas für künftige Forschungen. 

Homepage von Dr. Barbara Piatti, Literaturwissenschaftlerin, Basel