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Innovatives Modell zeigt und löst Konflikte zwischen Wildtieren und Wintersport

Wintersport abseits der Pisten boomt – mit Folgen für die alpine Wildfauna. Ein neues Modell ermöglicht nun eine räumliche Vorhersage des Wildtier-Mensch-Konflikts. Für das Birkhuhn sind seine Auswirkungen alarmierend: Zwei Drittel des Lebensraums sind durch «Freeride»-Aktivitäten gestört. Das Modell bietet aber gleichzeitig auch eine Lösung des Konflikts: Es ermöglicht eine sorgfältige und effiziente Planung von geeigneten Winterruhezonen.

Wintersportaktivitäten abseits der Pisten stellen – insbesondere aufgrund ihrer schwer vorhersagbaren räumlichen Verteilung – nicht nur ein Problem für Wildtiere, sondern auch für die Planung von Schutzstrategien dar. Den Biologen der Universität Bern und Vogelwarte Sempach, Dr. Veronika Braunisch und Prof. Raphaël Arlettaz ist es nun gelungen, mit Hilfe von räumlichen Modellen die Auswirkungen solcher Wintersportaktivitäten auf die Raumnutzung von Wildtieren zu quantifizieren und Konfliktbereiche vorherzusagen. Die Studie, die soeben in der amerikanischen Fachzeitschrift «Ecological Applications» veröffentlicht wurde, zeigt einen «innovativen Ansatz zur effektiven Planung von Wildtierruhezonen auf, der auf verschiedene Tierarten und Ökosysteme übertragen werden kann», so Arlettaz.

«Freerider» gefährden Birkhühner

Immer mehr Wintersportler zieht es von der Piste weg in die Natur: Auf Skitouren gehen, Variantenskifahren, Snowboarden und Schneeschuhlaufen – diese «Freeride»-Trendsportarten expandieren in ehemals ruhige Gebiete. Für die alpine Fauna stellt dies ein erhebliches Problem dar, denn die häufige Flucht vor menschlichen Störungen kann zu kritischen Energieverlusten führen und das Leben der Tiere gefährden.

«Freeride»-Aktivitäten sind zeitlich und räumlich variabel und damit unvorhersehbar. Mit ihrem neuen Modell können die Forscher der Universität Bern dennoch Voraussagen über das Vorkommen von Mensch und Tier und ihr Zusammentreffen machen. Als Zielart wurde das Birkhuhn gewählt, ein störungssensibler, bedrohter Hühnervogel, der den Bereich an der oberen Waldgrenze bewohnt, in welchem sich auch die Wintersportaktivitäten konzentrieren.

Um Daten zu erhalten, ohne selbst die Tiere zu stören, fotografierten die Forschenden im Winter aus einem Kleinflugzeug die Waldgrenze entlang des Rhonetals und seiner Seitentäler auf einer Gesamtlänge von rund 600 Kilometern. Alle Spuren von Skifahrern, Snowboarderinnen, Schneeschuhläufern und Birkhühnern wurden in digitale Karten übertragen. Mit räumlich expliziten Modellen wurde nun das Vorkommen der verschiedenen Sportarten und Birkhühnern vorhergesagt, die Wahrscheinlichkeit eines Zusammentreffens berechnet und seine Auswirkungen quantifiziert.

Die Analyse bestätigte nicht nur frühere Untersuchungen, die den negativen Einfluss von Skigebieten auf Birkhühner zeigten: erstmals liess sich auch der Einfluss von Wintersportlern abseits der Pisten quantifizieren – mit eindeutigem Ergebnis: Birkhühner scheuen Gebiete, die von Wintersportlern genutzt werden; sehr stark frequentierte Gebiete – insgesamt 16 Prozent des Lebensraums im Untersuchungsgebiet – werden sogar völlig gemieden. Zwar ist der negative Einfluss von Skigebieten stärker als der von «Freeride»-Aktivitäten, doch betreffen letztere eine wesentlich grössere Fläche: Während Skigebiete «nur» 10 Prozent des Birkhuhn-Winterlebensraums einnehmen, laufen die Tiere in 67 Prozent ihrer Wintereinstände Gefahr auf einen Wintersportler zu treffen – mit unterschiedlich hoher Wahrscheinlichkeit. Lediglich 23 Prozent des Lebensraums sind noch unbeeinträchtigt.

Winterruhezonen sind beantragt

«Die Konfliktintensität kann räumlich dargestellt werden, was als wichtige Grundlage für die Naturschutzplanung dient», so die Berner Forschenden: Das Modell zeigt die Zonen mit besonders hohem Konfliktpotential an, in denen Wildruhezonen in den Walliser und Waadtländer Alpen besonders wirksam sein können. Die Berner Forschenden empfehlen deshalb kleine, effektiv platzierte Gebiete anstelle von grossflächigen Wildruhezonen in teilweise ungeeigneten Lebensräumen. Erstere seien nicht nur für die Tiere von Vorteil, sondern fänden auch eine grössere Akzeptanz bei den Sporttreibenden. Bei den Walliser Behörden liegen bereits Anträge für 31 entsprechende Winterruhezonen vor.

Quellenangabe:

Veronika Braunisch, Patrick Patthey, Raphaël Arlettaz: Spatially explicit modelling of conflict zones between wildlife and outdoor snow-sports: prioritizing areas for winter refuges. Ecological Applications, Issue 21, Volume 3, pages 955-967.

11.05.2011