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Dies academicus 2009: Ein Votum für das freie Denken zum Abschluss des Jubiläumsjahres

An der 175. Stiftungsfeier blickte die Universität Bern auf ihr Jubiläumsjahr zurück. Rektor Urs Würgler und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver reagierten auf die Proteste der Studierenden und wollen die Probleme der Bologna-Reform angehen. Senat und Universitätsleitung verliehen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel den Ehrendoktortitel.

Die Universität Bern hat an der Stiftungsfeier im Kultur-Casino ihr Jubiläumsjahr offiziell abgeschlossen. Mit Bildern aus den vielfältigen Veranstaltungen schaute sie zurück auf die 175-Jahr-Feierlichkeiten. Rektor Urs Würgler wertete das Jubiläum als grossen Erfolg. Das Echo aus dem Publikum und in den Medien sei durchwegs positiv gewesen und dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung der Sponsoren konnte das Budget eingehalten werden. Auch der Regierungsrat und Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver lobte die Universität: Es sei ihr gelungen, sich offen, modern und kreativ zu präsentieren. Nach dem stimmigen Rückblick richtete Würgler seinen Blick nach vorne, denn die Universität wächst. Auf dem von Roll-Areal hat der Bau des neuen Hörraumzentrums begonnen und an der Murtenstrasse wird ein klinisches Forschungszentrum erstellt. Mit dieser Erweiterung wolle die Universität dem eklatanten Mangel an Forschungs- und Lehrräumen vor allem an der Medizinischen Fakultät und am Inselspital Gegensteuer geben, so der Rektor.

Bologna in der Kritik

Die Studierenden fordern die Universitätsleitung derzeit ganz konkret heraus. Mit ihren Protesten und der Besetzung der Aula im Hauptgebäude haben sie ihren Unmut über die Bologna-Reform kundgetan. Würgler betonte, die Universität werde im Rahmen ihrer Möglichkeiten die unerwünschten Effekte der Reform, etwa die Präsenzkontrollen, beseitigen. Er wolle das Rad aber nicht zurückdrehen – Bologna habe auch viele positive Seiten. Franz-Dominik Imhof, Präsident des StudentInnenrates der Universität Bern, unterstrich in seiner Rede die Forderungen der Studierenden: Lehre und Forschung dürften nicht durch die Wirtschaft instrumentalisiert und die soziale Selektion müsse bekämpft werden.

Zur kritisierten Verschulung der Lehre sagte Erziehungsdirektor Pulver: Freies Denken setze die freie Gestaltung des Studiums voraus. Natürlich habe die Universität einen Beitrag zur Analyse und Weiterentwicklung der Gesellschaft und Wirtschaft von heute zu leisten, sie müsse aber auch die Gesellschaft von morgen ermöglichen, erläuterte er. Forscherinnen und Forscher sollen nach seiner Auffassung über Dinge nachdenken dürfen, die heute noch keine erkennbare Praxisrelevanz haben, aber in Zukunft möglicherweise zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen können.

Den Nachwuchs fördern

Auch Guido Stirnimann vom Vorstand der Mittelbauvereinigung der Univeristät Bern (MVUB) äusserte sich zu einem Kritikpunkt aus der Öffentlichkeit, der immer lauter wird: zur Tatsache, dass die Universität viele ausländische Professorinnen und Assistenten anstellt. Er erwähnte, die Universität Bern sei offensichtlich eine international attraktive Arbeitgeberin. Anstatt sich über die vielen ausländischen Bewerbenden zu beklagen, solle sich die Universität fragen, wieso nicht mehr Schweizerinnen und Schweizer zur Stelle seien. Mit ihren Veranstaltungen zur Laufbahnplanung und mit ihren Förderinstrumenten trage die MVUB dazu bei, den Nachwuchs bereits früh für eine akademische Karriere zu motivieren, so Stirnimann.

Wer wählt die Universitätsleitung?

Keinen Konsens finden Erziehungsdirektion und Universität über die Teilrevision des Universitätsgesetzes. Urs Würgler betonte, die neue Gesetzesvorlage stelle der Universität zwar wesentliche Verbesserungen in Sachen Autonomie in Aussicht, beinhalte jedoch eine nicht akzeptable Bestimmung: Dadurch, dass der Regierungsrat in Zukunft die Universitätsleitung wählen wolle, werde der Senat entmachtet und die Universität zum Spielball aktueller politischer Strömungen. Bernhard Pulver hingegen sieht die Besetzung der Universitätsleitung in der Kompetenz der Regierung, weil die Politik die Hoheit über Personalgeschäfte von strategischer Bedeutung haben solle. Konkrete Lehrstühle und Forschungsschwerpunkte solle die Universität selber definieren können.

Insel und Spitalnetz zusammenschliessen

Würgler begrüsste das Ziel des Regierungsrates, das Inselspital und das Spitalnetz Bern zusammen zu schliessen. Die Universität könne dadurch den Medizinalstandort Bern langfristig konsolidieren und ausbauen. Durch die derzeitige Konkurrenzsituation zweier öffentlicher Spitäler auf dem gleichen Platz entstünden Doppelspurigkeiten und fielen kaum mehr finanzierbare Infrastrukturkosten an. Das Risiko sei beträchtlich, so der Rektor, dass beide Spitäler und auch die universitäre Medizin dadurch einen Qualitätsverlust erleiden. Für die Universität Bern ist der Medizinalbereich ein Schwerpunkt: Sie investiert fast die Hälfte ihres Budgets in die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin.

Ehrendoktorwürde für die deutsche Kanzlerin

Die Universität verlieh am Dies academicus zehn Ehrendoktortitel. Senat und Universitätsleitung ehrten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich für den Klimaschutz einsetzt – ein Engagement, das die Politikerin mit der Universität Bern verbindet. Ausserdem würdigte die Universität Merkels Politik des Dialogs, mit der sie sich für die europäische Integration engagiert. Die Bundeskanzlerin konnte an der Stiftungsfeier nicht teilnehmen; die Übergabe des Ehrendoktorats wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Der deutsche Ingenieur Andreas C. R. Mayer, der mit den von ihm entwickelten Dieselmotoren für bessere Luft sorgt, erhielt die Ehrendoktorwürde von der Medizinischen Fakultät. Die Philosophisch-historische Fakultät würdigte zwei Männer: Einerseits den Chemie-Nobelpreisträger Richard Ernst, der seine umfangreiche Sammlung tibetischer und mongolischer Blockdrucke und Handschriften der Universität Bern zur Verfügung gestellt hat. Andererseits den Kunsthistoriker Peter Jezler, der als Direktor dem Historischen Museum einen hervorragenden Ruf in der nationalen und internationalen Museumslandschaft verschafft hat. Der Pionier der Verkehrspsychologie Raphael Denis Huguenin wurde von der Philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät für seinen jahrelangen Einsatz für mehr Sicherheit im Strassenverkehr ausgezeichnet.

Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät ehrte zwei amerikanische Akademiker: den Ökonomen Gregory G. Dess, dessen Publikationen zu den meist zitierten Wissensbeiträgen im Bereich des Managements gehören, und den Psychologen Wayne D. Hoyer, der zu den weltweit führenden Marketingforschern zählt. Von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät erhält Stephan Weber die Ehrendoktorwürde: Er hilft mit einem Computerprogramm Versicherungs-Juristen bei der Berechnung von komplexen Schäden und Ersatzforderungen. Der Amerikaner David E. Hinton, der von der Vetsuisse-Fakultät geehrt wird, hat mit seinen Arbeiten an Fischmodellen der experimentellen Krebsforschung ein wichtiges Werkzeug geliefert. Die amerikanische Religionswissenschaftlerin Susan Jean Ashbrook Harvey wirft mit ihren Studien ein neues Licht auf die Rolle der Frau in den östlichen christlichen Kirchen und erhält dafür den Ehrendoktortitel der Theologischen Fakultät.

Theodor-Kocher-Preis für einen Hirnforscher

Zum besten Nachwuchswissenschaftler ernennt die Universität Bern dieses Jahr den Biologen Thomas König. Der mit 50’000 Franken dotierte Theodor-Kocher-Preis würdigt aussergewöhnliche und vielversprechende wissenschaftliche Leistungen. Thomas König, der das EEG-Labor an der Universitätsklinik für Psychiatrie leitet und ausserdem am Psychologischen Institut arbeitet, sucht nach neurophysiologischen Erklärungen der Informationsverarbeitung durch das menschliche Gehirn. Seine Forschung fokussiert auf die zeitlichen Abläufe mentaler Vorgänge wie Kognition und Sprache. Zurzeit untersucht Thomas König – mit Unterstützung durch den Schweizerischen Nationalfonds – die Struktur und Funktion neuronaler Netzwerke im Gehirn und deren Wechselwirkung mit der Umwelt. Königs Erkenntnisse haben bereits zum besseren Verständnis der biologischen Mechanismen von mentalen Prozessen gerade auch bei psychischen Störungen, insbesondere der Schizophrenie, beigetragen.

Neurologe erhält Hans-Sigrist-Preis

Der Preis der Hans-Sigrist-Stiftung, die mit 100'000 Franken höchstdotierte Auszeichnung der Universität Bern, geht in diesem Jahr an Patrik Vuilleumier. Der Neurologe verbindet Hirnforschung mit experimenteller Psychologie, um das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Emotion zu verstehen. Als klinisch tätiger Arzt und Grundlagenforscher misst er das Verhalten und die Gehirnaktivierung bei Patienten mit räumlichem Neglect. Diese Schädigung des Gehirns führt dazu, dass die Betroffenen eine Hälfte ihrer Umgebung nur noch schlecht wahrnehmen können. Vuilleumier ist seit 2006 Professor der Neurowissenschaften an der Universität Genf.

Umweltforschungspreis für «Fisch-Forscher»

Den diesjährigen Berner Umweltforschungspreis teilen sich Daniel Bernet vom Institut für Tierpathologie der Universität Bern und David Bittner, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Wasserforschungsinstitut EAWAG. Die beiden Biologen überprüften in den vergangenen acht Jahren mögliche Ursachen der seit 2000 bei Thunerseefelchen beobachteten Veränderungen der Geschlechtsorgane. Sie fanden heraus, dass das Zooplankton im Thunersee, von dem sich die Fische ernähren, für die Deformationen die entscheidende Rolle spielt und dass die betroffenen Felchen unter einem disregulierten Immunsystem leiden. Mit dem Berner Umweltforschungspreis werden alle zwei Jahre hervorragende Arbeiten ausgezeichnet, die einen gesellschaftlich relevanten Beitrag zum besseren Verständnis und zur Lösung von Umweltproblemen leisten. Der Hauptpreis ist mit 15'000 Franken dotiert. Zusätzlich wird eine hervorragende Abschlussarbeit einer Studentin mit 1000 Franken honoriert. Dieser Anerkennungspreis geht in diesem Jahr an Valeria Kunz, die ein Bildungsprojekt der Swiss Academy for Development für benachteiligte Kinder in Nepal leitet.

Best Teaching Award

Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Nyffenegger und der Historiker Joachim Eibach erhalten ex aequo den Credit Suisse Award for Best Teaching. Eibach begeistert die Studierenden mit seiner Analyse historischer Wissensordnungen, Nyffenegger mit ihrer Hinterfragung mittelalterlicher englischer Geschichtskonstruktionen.

05.12.2009