«Geheime Reise» in die Abgründe des Nationalsozialismus

Der französische Schriftsteller Marcel Jouhandeau nimmt im Herbst 1941 an einer Rundfahrt durch Nazi-Deutschland teil und veröffentlicht später anonym einen Roman dazu: «Le Voyage secret» («Die geheime Reise»). Erstmals wird dieser nun in deutscher Übersetzung herausgegeben, ergänzt durch Jouhandeaus Originalreisetagebuch, das enthüllt, wie sich ein französischer Intellektueller durch den Faschismus verführen liess und wie er seine Kollaboration künstlerisch verarbeitete.

Unter dem Titel Le Voyage secret veröffentlichte Marcel Jouhandeau 1949 einen poeti­schen Roman, der in einem unbekannten Land zu einer unbestimmten Zeit spielt: Die geheime Reise. Namen und Orte werden abgekürzt. Es scheint vor allem um die Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen zwei Männern zu gehen. «Der Roman stellt uns vor ein Rätsel», sagt Oliver Lubrich, Professor für Neuere deutsche Literatur und Kompara­tistik an der Universität Bern, der den Text erstmals ins Deutsche übersetzt und mit histori­schen Dokumenten herausgegeben hat: «Aber er enthält auch den Schlüssel, mit dem wir es lösen können. Wenn wir nämlich alle Indizien zusammenfügen, zeigt sich die politische Brisanz des Textes, und er wird zu einer Kriminalerzählung.» Denn Jouhandeau hat sich auf eine Rundreise eingelassen, die zu einer Propaganda­veranstaltung mit Joseph Goebbels in Weimar führt. In Die geheime Reise hat er seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten raffiniert verschlüsselt und zugleich subtil angedeutet, wie Herausgeber Lubrich erklärt: «Der Roman ist, paradoxerweise, ein geheimes Geständnis.»

Das Tagebuch aus dem Archiv 

Die geheime Reise erscheint zusammen mit Jouhandeaus Reisetagebuch von 1941, das in der Bibliothèque littéraire Jacques Doucet in Paris aufbewahrt und nun zum ersten Mal ver­öffent­licht wird. Lubrich hat es transkribiert und ebenfalls übersetzt. «Wir haben zwei Texte», sagt der Herausgeber, «die mit der gleichen Erfahrung sehr unterschiedlich umgehen: Im Roman macht Jouhandeau aus seinem Verrat Poesie, im Tagebuch dagegen spricht er Klartext.» Es dokumentiert Begegnungen mit französischen Zwangsarbeitern und mit Juden, die den gelben Stern tragen. Jouhandeaus Roman und sein Journal sind historische Zeugnisse. Sie bieten Innenansichten aus der kriegführenden Diktatur und eine psychologische Studie der Kollaboration, erzählt Lubrich: «Die ‹geheime Reise› im Herbst 1941 führte Marcel Jouhandeau in die Abgründe des ‹Dritten Reiches›, aber auch in seine eige­nen.»

Verführung durch den Faschismus

Wenn es über den Geliebten heisst, der die Reise organisiert: «Der Teufel bringt uns jetzt nach B.», dann bedeutet dies: Der, der hier sinnbildlich für die Verführung durch den Faschismus steht, führt den Reisenden in die Reichshauptstadt. «Jouhandeau liess sich täuschen. Er machte bereitwillig mit», sagt Lubrich, «und aus seiner Kollaboration machte er Kunst.» Der Band enthält Faksimi­les der histori­schen Dokumente sowie Fotos von der Reise. Die geheime Reise und das noch «geheimere» Tagebuch, das ihr zugrunde liegt, erscheinen nun zum ersten Mal auf Deutsch im Verlag Das vergessene Buch (DVB), den der Berner Germanistik-Doktorand Albert Eibl gegründet hat. «Was mich faszi­niert», sagt Eibl, «ist die Wiederentdeckung aussergewöhnlicher literari­scher Texte frü­herer Epochen, insbesondere der 1930er und 40er Jahre. Literatur ist die beste Zeit­maschine.»

Das Buch

Marcel Jouhandeau, Die geheime Reise, erstmals auf Deutsch und zusammen mit dem Reisetagebuch von 1941 herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Oliver Lubrich, Wien: DVB 2022, 256 Seiten, 29 Abbildungen.

https://dvb-verlag.at/book/die-geheime-reise/

Der Herausgeber und Übersetzer

Oliver Lubrich ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Kompara­tistik an der Universität Bern. In seinem Forschungsprojekt untersucht er die Zeug­nisse internatio­naler Reisender aus dem nationalsozialistischen Deutschland, zu denen zum Beispiel Max Frisch, Virginia Woolf und Samuel Beckett zählen. Zuletzt hat er in diesem Zusammenhang heraus­gegeben: John F. Kennedy, Das geheime Tagebuch, Europa 1937, übersetzt von Carina Tessari, Wien: DVB 2021, 224 Seiten. Neueste Veröffentlichung: Humboldt oder Wie das Reisen das Denken verändert, Berlin: Matthes & Seitz 2022, 530 Seiten. 

Der Verleger und Doktorand

Albert C. Eibl ist Gründer und Geschäftsführer des Wiener Verlags Das vergessene Buch (DVB), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Unrecht vergessene Werke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Öffentlichkeit zu bringen. Neben den österreichisch-jüdischen Autorinnen Maria Lazar, Marta Karlweis und Else Jerusalem gab er den fiktionalisierten Auschwitz-Überlebensbericht Ferien am Waldsee des ungarisch-jüdischen Wahl­baslers Carl Laszlo heraus. An der Universität Bern schreibt Eibl eine Dissertation zur «Poetik des ‹verdeckten Schreibens›», das heisst, über Autorinnen und Autoren, die in Epochen der Zensur Strategien der literarischen Camouflage entwickeln: Verfahren, deren sich auch Marcel Jouhandeau in Die geheime Reise bedient.

10.06.2022