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Berner Kantonsparlament: Alle Debatten 1831–1999 digitalisiert

Seit bald 200 Jahren diskutiert der Grosse Rat des Kantons Bern über politische Fragen und setzt neue Gesetze in Kraft. Die Debatten wurden seit 1832 im Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern gedruckt und publiziert. Die Universitätsbibliothek Bern hat sämtliche Bände digitalisiert und auf der Plattform e-periodica öffentlich zugänglich gemacht.

Die Universitätsbibliothek Bern hat die Bände des Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern von 1831 bis 1999 digitalisiert und sie auf der Plattform e-periodica vor Kurzem öffentlich zugänglich gemacht. Ab dem Jahr 2000 sind die Protokolle auf der Website des Grossen Rates aufgeschaltet. Die insgesamt 200’000 Seiten lassen sich nach Datum und Stichworten durchsuchen.

«Das Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern liefert einen Einblick in die wichtigsten gesellschaftlichen Themen, welche die Berner Bevölkerung seit 1831 beschäftigten», betont Christian Lüthi. Er ist selbst Historiker, Vizedirektor der Universitätsbibliothek und verantwortlich für DigiBern, dem Online-Portal für digitalisierte Publikationen zu Stadt und Kanton Bern. Wer eintaucht und nachforscht, wird mit zahlreichen Entdeckungen belohnt, zum Beispiel:

Mit einem Gesetz das Betteln einschränken?

Bei der Debatte über das Armenpolizeigesetz versuchte der Rat 1857/58, Bettelei und Vagantität in den Griff zu bekommen. Beides stellte er unter Strafe, entweder als Arrest oder gemeinnützige Arbeit. Bettelnde konnten zudem an ihren Wohnsitz zurückgewiesen werden. Landstreicherei, auch als Vagantität bezeichnet, konnte mit «verschärftem Gefängnis» bis zu 60 Tagen oder mit Arbeitshaus von sechs Monaten bis zwei Jahren bestraft werden. (Tagblatt des Grossen Rates (TGR) 1857, S. 479–523; 1858, S. 242–262).

Die Regierung schützt 1905 Streikbrecher in Thun

Ende 1905 streikten in der Buntmetallfabrik Selve in Thun 600 Arbeiter. Sie forderten von der Firma höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Gegen 1000 Arbeiter und Zugewandte zogen in einem Demonstrationszug durch die Stadt. Ende Dezember kam es zu einer Einigung: Die Selve gewährte eine Lohnerhöhung, kürzere Arbeitszeiten und versprach eine Betriebskrankenkasse einzuführen. Die deutsche Werksleitung wurde zudem entlassen und durch eine einheimische ersetzt. 1906 diskutierte der Grosse Rat über dieses Ereignis, da der Regierungsrat an Weihnachten 1905 mit einer Verordnung Streikbrecher in der Selve mit einem Polizeieinsatz geschützt hatte. (TGR 1906, S. 364–373).

Massnahmen gegen nationalsozialistische Propaganda 1938

Der sozialdemokratische Bieler Grossrat Emil Brändli forderte im Juni 1938 in einer Motion, der Regierungsrat solle Massnahmen gegen die nationalsozialistische Propaganda ergreifen. Er befürchtete, dass die Schweiz wie Österreich und die Tschechoslowakei von Nazideutschland besetzt werden könnte. Der freisinnige Polizeidirektor Arnold Seematter antwortete, die bestehenden Gesetze würden zur Abwehr von Propaganda genügen. Er wollte sich aber beim Bund für die strenge Durchsetzung einsetzen. Zudem forderte er die Bevölkerung auf, sich geschlossen hinter die Behörden zu stellen. (TGR 1938, S. 241, 527–544).

Trauertag am Freudenbergerplatz 1973

Bei der Eröffnung der neuen Autobahn über den Freudenbergerplatz in der Stadt Bern diskutierte der Grosse Rat im Mai 1973 eine Interpellation zur Linienführung der Autobahnen rund um die Stadt Bern. Die Eröffnung wurde als «Trauertag für die Bevölkerung» bezeichnet, weil viele Wohnungen angesichts des Verkehrslärms nicht mehr bewohnbar seien. Der Baudirektor räumte ein, es handle sich hier um «Planungsfehler» aus den 1950er-Jahren. (TGR 1973, S. 145–146, 152, 323–326).

Digitalisierung: Scannen, bearbeiten, strukturieren

Auf dem Weg zur Online-Ausgabe gedruckter Publikationen sind mehrere Schritte zu absolvieren. Zuerst werden die Originalseiten gescannt und Bilddateien erzeugt. Die Dateien im Tiff-Format werden bearbeitet: sie werden entzerrt, geradegerückt, geschärft und Schmutz wird digital entfernt. Dann werden die digitalisierten Bände in Einheiten strukturiert und mit Titel-Metadaten erschlossen. Anschliessend werden die erkannten Elemente mit einer Texterkennungssoftware in Volltexte umgewandelt. In sämtlichen Textdaten kann man schliesslich recherchieren. Der Volltext hat in der Regel eine Genauigkeit von etwa 99 Prozent bezogen auf das Original. Etwa ein Prozent aller Buchstaben wird also nicht richtig erkannt. Trotzdem ist die Trefferquote bei der Suche sehr hoch, weil wichtige Wörter oft mehrfach in einem Text vorkommen und deshalb meist mindestens einmal richtig erkannt wurden.

Die Digitalisierung wurde in Zusammenarbeit mit den Parlamentsdiensten des Kantons Bern realisiert. «200 Jahre Bernischer Grosser Rat sind nun digital aufbereitet: Politik und Geschichte von der liberalen Revolution 1831 bis zum heutigen Ratsgeschehen werden damit zugänglich gemacht!», freut sich Patrick Trees, Generalsekretär des Grossen Rates.

Digitalisierungen der Universitätsbibliothek Bern

Die Universitätsbibliothek Bern digitalisiert seit 2002 ausgewählte Drucke aus den eigenen Beständen und stellt sie online ohne Zugangsbarrieren zur Verfügung. Die meisten Digitalisate sind Bernensia. Dies gehört zum Auftrag der Universitätsbibliothek Bern als Kantonsbibliothek und verhindert, dass Publikationen weltweit doppelt digitalisiert werden. Die digitalen Daten sind auf DigiBern zugänglich oder auf den nationalen Plattformen e-rara, e-periodica und  e-newspaperarchives.ch. Seit 2016 wird auch die Sammlung Rossica Europeana der Schweizerischen Osteuropabibliothek digitalisiert.
Die Universitätsbibliothek Bern hat in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit der ETH-Bibliothek in Zürich mehrere Amtsdruckschriften des Kantons Bern digitalisiert und auf der Online-Plattform e-periodica öffentlich und frei zugänglich gemacht. Dazu gehören Gesetze, Dekrete und Verordnungen des Kantons Bern 1805–2004, der Staatsverwaltungsbericht 1814–2004 sowie der Staatskalender 1708–2017. Auf insgesamt 210’000 Seiten sind sie im Volltext und im Originallayout digital durchsuchbar.

 

05.04.2022