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Rund 1’400 wildlebende Bewohner im Botanischen Garten Bern beobachtet

Wie viele Arten lockt der Botanische Garten der Universität Bern (BOGA) mit seiner Pflanzen- und Strukturvielfalt an? Um ein möglichst genaues Bild der Biodiversität auf seinem Gelände zu erhalten, hat der BOGA zum zweiten Mal zusammen mit rund 20 Expertinnen und Experten die Tiere, Pilze und wildgewachsenen Pflanzen auf seinem Gelände gezählt. Dadurch ist die vorläufig ermittelte Anzahl wildlebender Arten auf rund 1’400 angestiegen. Am 4. und 5. September 2021 macht der BOGA mit einem 24h langen Thementag die Biodiversität für Besucherinnen und Besucher zum Erlebnis.

Der Botanische Garten der Universität Bern (BOGA) ist eine grüne Oase mitten in der Stadt. Er kultiviert nicht nur 5’500 Pflanzenarten aus aller Welt, sondern bietet auch Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und anderen Organismen. Doch wie hoch genau ist die Biodiversität auf den 2.5 Hektaren am Aarehang? Welche Tierarten profitieren von den zahlreichen Unterschlupfmöglichkeiten und dem üppigen Nahrungsangebot? In einer grossangelegten Biodiversitäts-Inventur wurden zum zweiten Mal (erstmals: Frühling 2019) im BOGA möglichst viele wildlebende Arten gezählt. Die Gesamtzahl der gesichteten Arten beläuft sich damit nun auf rund 1’400.

Zweite umfassende Bestandesaufnahme der Biodiversität im BOGA

Um das Potenzial des BOGA als Lebensraum für wildlebende Arten zu ermitteln, führte der BOGA im Frühjahr 2019 erstmals eine Biodiversitäts-Inventur durch (siehe Medienmitteilung vom 15. Mai 2019). Ergänzt mit Langzeitbeobachtungen und Artenlisten von Abschlussarbeiten (siehe Rembold et al. (2020): Vielfalt bedingt Vielfalt – wildlebende Arten im Botanischen Garten der Universität Bern) wurden dabei 1'139 Arten aus 14 verschiedenen Organismengruppen gezählt.

Bei der ersten Inventur gab es jedoch zahlreiche Organismengruppen, die noch nicht untersucht wurden oder die zu einer anderen Jahreszeit aktiv sind, wie beispielsweise Heuschrecken. Deshalb hat der BOGA im August 2021 wieder verschiedene Institutionen eingeladen, sich an einer Bestandesaufnahme zu beteiligen. Neu umfasst die zweite Inventur nun auch Heuschrecken, Ameisen, Blattflöhe, Wanzen und Wespen. Andere Organismengruppen wurden erneut untersucht, um die bestehenden Artenlisten gegebenenfalls ergänzen zu können. Somit liegen inzwischen Daten für 19 Organismengruppen vor. Bei der zweiten Biodiversitäts-Inventur wurden bereits 227 Arten entdeckt, die vorher noch nicht im BOGA beobachtet wurden, also insgesamt rund 1'400 wildlebende Arten (die Nachbestimmungen laufen noch). «Wir freuen uns sehr, dass wir mit der tollen Unterstützung von so

vielen Expertinnen und Experten nun schon die zweite grosse Biodiversitäts-Inventur im BOGA durchführen konnten – was zur Entdeckung weiterer Arten geführt hat, deren Vorkommen bisher im BOGA oder sogar im Kanton Bern noch nicht bekannt war. Es gibt jedoch sicherlich noch viele weitere Bewohner im BOGA, die wir noch nicht gesichtet haben», so Katja Rembold, Wissenschaftliche Mitarbeiterin BOGA.

Highlights und Neufunde für den Kanton Bern

Dank der zweiten Biodiversitäts-Inventur konnten einige Arten sogar erstmals im Kanton Bern nachgewiesen werden. So z.B. der sich ausschliesslich von Kugel-Ginster (Genista radiata) ernährende Blattfloh Livilla vittipennella. Auch der ansonsten mediterran verbreitete Rüsselkäfer Hypophyes pallidulus konnte erstmals fürs Schweizer Mittelland festgestellt werden. Laut Christoph Germann vom Naturhistorischen Museum Basel, «ist die Ausbreitung dieser wärmeliebenden Art vermutlich auf den Klimawandel zurückzuführen».

Zu den besonders erfreulichen Highlights zählt der Fund der gefährdeten Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis) auf der Ruderalfläche. Diese Wildbienenart konnte damit erstmals seit 1995 wieder in der Stadt Bern nachgewiesen werden. Auch der Nachweis der Schlupfwespe Thymaris tener in einem Asthaufen ist gemäss Seraina Klopfstein vom Naturhistorischen Museum Basel «eine kleine Sensation». Diese Art wurde letztmals 1897 im Kanton Bern gesammelt. Weiter konnten im Vergleich zu 2019 zwei weitere Fledermaus-Arten beobachtet werden, darunter das Grosse Mausohr (Myotis myotis), welches in Städten selten ist.

Wertvoller Lebensraum dank Pflanzenviefalt und Strukturen

Diese Beispiele zeigen, wie wertvoll der vielfältige Lebensraum und die hohe Pflanzenartenvielfalt des BOGA für die gesamte Biodiversität mitten in der Stadt sind. Neben Pflanzen- und Stukturvielfalt ist auch eine nachhaltigen Pflege wichtig für die Biodiversitätsförderung. So mähen die Gärtnerinnen und Gärtner z.B. einen Teil der Wiesen jährlich 1–2 Mal mit Sensen. Zusätzlich werden im BOGA zahlreiche biodiversitätsfördernde Kleinstrukturen geboten, wie Nistkästen für Waldkäuze und Fledermäuse, Ast-, Stein- und Laubhaufen, Insektenhotels und vieles mehr. «Solche Kleinstrukturen können auch mit relativ einfachen Mitteln im eigenen Garten oder Balkon angelegt werden, wie wir diesen Sommer mit unserer Kleinstrukturenausstellung zeigen. Damit kann jeder einen Beitrag zur Biodiversitätsförderung leisten», sagt Katja Rembold.

Abenteuer Vielfalt

Mit einem Thementag rund um seine vielfältigen Bewohner, macht der BOGA am 4. und 5. September die Ergebnisse der Biodiversitäts-Inventur den Besucherinnen und Besuchern zugänglich und möchte sie für die Biodiversität begeistern. Die verschiedenen Expertinnen und Experten nehmen die Besucherinnen und Besucher 24h lang mit auf Rundgänge durch den Garten und zeigen ihnen, wen sie alles im BOGA entdeckt haben. Z.B. können sie mit einer Taschenlampe bewaffnet auf Amphibien-Safari gehen, Fledermäuse beobachten oder allerhand Spannendes über die parasitären Schlupfwespen erfahren. Diese Veranstaltung findet im Rahmen des gemeinsam mit Stadtgrün Bern organisierten Themenjahres «Natur braucht Stadt – Mehr Biodiversität in Bern» und in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum Bern und weiteren Partnern statt.

24h Biodiversität im BOGA – Einblicke in die wahrscheinlich vielfältigste WG in Bern

Samstag, 4. September, 16:00 bis Sonntag, 5. September, 16:00

Was spriesst, kreucht und fleucht alles im BOGA? Wer tummelt sich auch ausserhalb der Öffnungszeiten im Garten? 24h lang erhalten Besuchende die Gelegenheit, den BOGA und seine vielen Bewohnerinnen und Bewohner kennen zu lernen und Einblicke in das geheime Nachtleben am Aarehang zu gewinnen. Der Thementag für Gross und Klein bietet rund um die Uhr ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm: von Schneckenjagd, Amphibien-Safari, Fledermauspirsch in der Abenddämmerung, bis zu frühmorgendlichem Vogelkonzert und vielen weiteren Führungen tagsüber zur Insekten-, Pflanzen-, und Pilzvielfalt. Wagemutige dürfen sogar zeltend im Garten übernachten! Und Kreative können sich am Sonntag in der Bastelwerkstatt austoben. Für Verpflegung sorgt das Café Fleuri mit erfrischenden Getränken und feinen Häppchen.

Detailprogramm und Anmeldung für Übernachtungen

Beteiligte Expertinnen und Experten

An der zweiten Biodiversitäts-Inventur im BOGA (Juli-August 2021) haben sich folgende Expertinnen und Experten und Institutionen beteiligt:

  • Ameisen: Dr. Graham Prescott, Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern
  • Blattflöhe: Dr. Daniel Burckhardt, Naturhistorisches Museum Basel
  • Fledermäuse: Rob van der Es, Fledermausverein Bern
  • Heuschrecken: Dr. Jean-Yves Humbert, Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern
  • Käfer: Dr. Christoph Germann, Naturhistorisches Museum Basel und Entomolgischer Verein Bern
  • Moose: Markus Meier, Swissbryophytes - Nationales Daten- und Informationszentrum der Schweizer Moose
  • Nachtfalter: Martin Albrecht, Entomologischer Verein Bern und Hans-Peter Wymann, Naturhistorisches Museum Bern
  • Pilze: Dr. Stefan Blaser, Eidg. Forschungsanstalt WSL und Swissfungi - Nationales Daten- und Informationszentrum zur Dokumentation, Förderung und Erforschung der Schweizer Pilzflora
  • Pflanzen (Wildwuchs): Dr. Stephan Eggenberg, Adrian Möhl, beide Info Flora – Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora; Dr. Deborah Schäfer, BOGA
  • Spinnen: Dr. Holger Frick, Naturhistorisches Museum Basel
  • Vögel: Dr. Manuel Schweizer, Naturhistorisches Museum Bern
  • Wanzen: Isabelle Zürcher-Pfander, Naturhistorisches Museum Basel und Daniel Ballmer
  • Wespen: Dr. Seraina Klopfstein und Dr. Tamara Spasojević, beide Naturhistorisches Museum Basel
  • Wildbienen: Felix Amiet; IMPULS AG, Philipp Heller

Themenjahr «Natur braucht Stadt – Mehr Biodiversität in Bern»

Im Siedlungsraum gibt es viel Potenzial, dem Biodiversitätsverlust entgegenzuwirken. Deshalb haben die Stadt Bern (Stadtgrün) und der BOGA im 2021 das Themenjahr «Natur braucht Stadt – Mehr Biodiversität in Bern» lanciert. Vielfältige Aktivitäten und Praxishilfen sollen möglichst viele Bernerinnen und Berner motivieren, naturnahe Lebensräume anzulegen. Bis in den Herbst gibt es auch im BOGA ein spannendes Veranstaltungsprogramm: Die Sonderausstellung «Von Nischen und Königreichen» zeigt biodiversitätsfördernde Kleinstrustrukturen zum Selbermachen und bietet hilfreiche Tipps für die Umsetzung zu Hause. Dazu gibt es Führungen, Thementage, Kinderfreitzeitangebote und vieles mehr.

Weitere Informationen zum Themenjahr

01.09.2021