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«I fink my broder is strong» – klingt so Schweizerenglisch?

Christine Gräppi, Doktorandin am Center for the Study of Language and Society (CSLS) der Universität Bern, hat untersucht, wie Berner Schülerinnen und Schüler die ‘th’-Laute in englischen Wörtern wie ‘think’ oder ‘brother’ aussprechen. Die Resultate wurden kürzlich an einem internationalen Kongress in Melbourne präsentiert – und könnten weitreichende Konsequenzen für den Englischunterricht haben.

Ein bekanntes Phänomen im Englischunterricht ist, dass viele Schülerinnen und Schüler Wörter wie ‘with’, ‘mother’, und ‘this’ nicht gerne vor der Klasse aussprechen. Oftmals haben sie Hemmungen, die Zungenspitze zwischen die Zähne zu bewegen. Was aber wenig bekannt ist, ist, dass ‘th’ in den Sprachen der Welt in der Tat ein Exot ist. Von rund 600 analysierten Sprachen der rund 7’000 Sprachen weltweit weisen nur gerade 40 Sprachen die th-Laute auf, ne-ben der englischen Sprache beispielsweise das Spanische oder Griechische. Bisher wurde angenommen, dass Schweizerdeutsch zu den sogenannten *s-Sprachen gehört und somit der th-Laut hauptsächlich mit ‘s’ ersetzt wird. Die Forschungsergebnisse von Christine Gräppi, die am Center for the Study of Language and Society (CSLS) ihre Doktorarbeit verfasst, stellen dies allerdings in Frage.

Untersuchung an zwei Oberländer Gymnasien

Welche Laute benutzen Bernerinnen und Berner, wenn sie Wörter mit th-Lauten aussprechen? Um dieser Forschungsfrage nachzugehen, hat Gräppi die Aussprache von insgesamt 45 Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien in Thun und Gstaad untersucht. Die jungen Erwachsenen wurden gebeten, von ihr konstruierte Texte zu lesen. Dabei wurde der ‘th’ Laut in über 60 unterschiedlichen Wörtern erfragt; so zum Beispiel in Wörtern wie ‘weather’ und ‘brother’ – welche im Englischen mit dem sogenannten stimmhaften ‘th’ ausgesprochen werden (die Stimmlippen sind dabei in Bewegung), und in Wörtern wie ‘three’ und ‘both’, bei welchen ‘th’ stimmlos ausgesprochen wird. Gräppi nahm den Text mit hochsensiblen Mikrophonen auf und führte im Anschluss mittels eines Computerprogrammes akustische Analysen durch.

Probanden verwenden unterschiedliche Aussprachestrategien

Gräppis Daten zeigen einen Trend: In Wörtern wie ‘weather’, ersetzen die meisten Probanden das ‘th’ mit ‘d’; sprich, sie sagten ‘weader’. In Wörtern wie ‘thanks’, oder ‘nothing’ hingegen, hat die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler den richtigen ‘th’ Laut erwischt. Doch etwas weniger als die Hälfte hat in diesen Wörtern ‘fanks’ beziehungsweise ’nofing’, ‘sanks’, ‘nosing’ oder etwa ‘tanks’ gesagt – der ‘th’ Laut wurde also wie ein ‘f’, ‘t’ oder ‘s’ ausgesprochen. «Sehr spannend bei dieser Untersuchung ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler stark voneinander unterschieden haben», so Gräppi. Professor Adrian Leemann, der die Doktorarbeit von Gräppi betreut, ergänzt: «Es scheint, als ob jeder Schüler und jede Schülerin unterschiedliche Strategien verwendet, das ‘th’ auszusprechen; Einige sagten konsequent ‘d’, andere wechselten ab zwischen ‘d’ und ‘f’, noch andere verwendeten unterschiedliche ‘th’ Laute je nach Wort.». Dies würde bedeuten, dass im Unterricht mehr individualisiert auf die Schülerinnen und Schüler eingegangen werden müsste, was für Lehrpersonen eine Herausforderung darstellt. Darüber hinaus liefern die gesammelten Daten von Gräppi Hinweise darauf, dass es sich bei Schweizerdeutsch womöglich doch nicht um eine *s-Sprache handelt. «Die Breite von Lauten, die Schülerinnen und Schüler verwendeten, um den ‘th’-Laut zu ersetzen, finden sich auch in Studien bei Sprechenden von *t-Sprachen wie Holländisch», sagt Gräppi.

Konsequenzen für den Englischunterricht

In ihrem Doktoratsprojekt fokussiert sich Christine Gräppi auf die Aussprache von Schweizerinnen und Schweizern und analysiert neben dem th-Laut weitere Laute, welche sich bei Lernen-den als schwierig erweisen. Gräppi untersucht zudem, welche Schlussfolgerungen in Bezug auf die schwierigen Laute für den Unterricht gezogen werden könnten – sei es beispielsweise, dass neue Ausspracheübungen für Schweizer Lernende entwickelt werden müssten. «Die Forschungsresultate sollten Konsequenzen für den Englischunterricht haben,» erklärt Gräppi. Sie zeigten auf, dass vor allem Wörter wie ‘rather’, ‘cathedral’, oder ‘mother’ Schwierigkeiten bereiteten. «Diese Problemzonen könnten im Unterricht – falls von den Lehrpersonen und den Schülern erwünscht – durch entsprechendes Training der Artikulation (Zungenspitze, Zähne) adressiert werden», meint Gräppi. Aussprache-Training sei gerade bei diesem Laut essenziell, da die unterschiedlichen Aussprachen effektive Kommunikation behindern kann. Sie habe gemeinsam mit Adrian Leemann die Erziehungsdirektion des Kantons Bern über ihre Forschungsresultate informiert. Eine Antwort stehe noch aus.

Zu den Personen

Christine Gräppi

Christine Gräppi studierte von 2013 bis 2018 an der Universität Bern englische Sprach- und Literaturwissenschaft mit Fokus Linguistik und Erziehungswissenschaft. Während des Masterstudiums besuchte sie die Pädagogische Hochschule PH Bern für das Lehrerdiplom für Maturitätsschulen, welches sie 2019 abschloss. Seit August ist sie Englischlehrerin am Kollegium Spiritus Sanctus und doktoriert am Center for the Study of Language and Society (CSLS) der Universität Bern bei Prof. Dr. Adrian Leemann.
Unter der Betreuung und Co-Autorschaft von Adrian Leemann, Professor am Center for the Study of Language and Society (CSLS), konnte Christine Gräppi die Hauptresultate der Arbeit im August am grössten internationalen Phonetikkongress in Melbourne präsentieren – die Publikation erfolgte in den «Proceedings of the ICPhS (peer-reviewed).»

Adrian Leemann

Prof. Dr. Adrian Leemann hat 2009 in Bern promoviert. Anschliessend war er Postdoc an den Universitäten Zürich (2011-2014) und Cambridge (UK, 2014-2016). 2017-2019 war er Assistenzprofessor für Sprachvariation und -wandel an der University of Lancaster (UK). Seit 1. September 2019 arbeitet er als Professor (SNSF Eccellenza) am CSLS der Universität Bern. Prof. Leemann interessiert sich für Sprache und Gesellschaft, (forensische) Phonetik, Dialekte und innovative Methoden der Linguistik.

Zum Interview mit Prof. Dr. Adrian Leemann im Online-Magazin «uniaktuell»

18.09.2019