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Prof. Dr. Klaus Grawe zum Gedenken

Noch stehen wir unter dem Schock, den der plötzliche Tod von Prof. Dr. Klaus Grawe in uns allen ausgelöst hat. In Klaus Grawe verloren wir nicht nur einen herausragenden Forscher und Lehrer, sondern vor allem auch einen ausgezeichneten Kollegen, Freund, Förderer und ein Vorbild.

Klaus Grawe verkörperte nicht den Typ des Forschers im Elfenbeinturm, er wollte in die Praxis hineinwirken. Sein grosses Anliegen war die Weiterentwicklung der Psychotherapie. In ihr sah er das natürliche Anwendungsfeld der Psychologie. Es war ihm ein grosses Anliegen, das psychotherapeutische Tun auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Den Ruf nach Bern erhielt Klaus Grawe im Jahre 1978. Zuvor leitete er in der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf eine Psychotherapiestation, die er selbst mitbegründet hatte. In Hamburg war er auch aufgewachsen.

Schon früh erregten seine Publikationen Aufsehen. Mit dem Buch „Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession“ – der bis zu dem Zeitpunkt umfassendsten Meta-Analyse bisheriger Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Psychotherapie (Grawe, Donati & Bernauer) wurde ihm internationale Anerkennung zuteil und er sorgte mit seinen Schlussfolgerungen für kontroverse Auseinandersetzungen in der Fachwelt.

Mit dem Ruf nach Bern wurde von ihm auch eine psychotherapeutische Ambulanz aufgebaut – die Psychotherapeutische Praxisstelle der Universität Bern. Hier wurden neue Konzepte entwickelt und empirisch überprüft. Klaus Grawe gab sich nicht mit den herkömmlichen und tradierten Erklärungen zur Wirkungsweise von Psychotherapie zufrieden, sondern suchte gemeinsam mit seinem Team die entscheidenden Wirkfaktoren psychologisch- psychotherapeutischer Interventionen herauszufinden und zu verbessern. Dabei nahm er nicht einmal auf eigene Ansichten Rücksicht, sondern stellte auch diese immer wieder in Frage. Auch hier war Klaus Grawe vorbildlich: kühn mit neuen Ideen und immer wieder auch bereit, im Lichte empirischer Ergebnisse sein eigenes Denken in Frage zu stellen und wenn notwendig, Theorie und Praxis zu revidieren. Diese Dynamik und ausgesprochene Jugendlichkeit im Denken und Handeln war gerade auch in den Monaten vor seinem Tod prägend: Voller Elan waren er und sein Forscher- und Praktikerteam des Lehrstuhls für Klinische Psychologie dabei, Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften in die Praxis umzusetzen.

Es versteht sich von selbst, dass ein so mutiger und erfolgreicher Forscher auch Ehrungen und Preise erhielt, z.B. 1999 die Hugo-Münsterberg-Medaille, aber auch heftige Kontroversen auslöste. Klaus Grawe war Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und präsidierte über mehrere Jahre die internationale Gesellschaft für Psychotherapieforschung und war Mitbegründer der renommierten Zeitschrift „Psychotherapy Research“. Daneben war er Herausgeber und Mitherausgeber zahlreicher Zeitschriften und der erfolgreichen Buchreihe „Fortschritte in der Psychotherapie“.

Nicht nur als Forscher und Lehrer hinterlässt er eine riesige Lücke – sein Anliegen war es, psychisch leidenden Menschen optimal zu helfen. Er tat dies sowohl als Therapeut als auch als Mensch. Alle Mitarbeiter konnten auf sein Verständnis zählen und er hatte stets ein offenes Ohr für persönliche Anliegen. Er war auch dabei, wenn es etwas zu Feiern gab und viele seiner Einladungen endeten erst spät nach Mitternacht. Missstände prangerte er an und er konnte mit Kritik an seiner Person leben, wenn dies der guten Sache diente. Geradlinig verfolgte er seine Ideen und mit Geschick und einem gesunden Sinn für reale Verhältnisse brachte er vieles zum Gelingen, wo andere gescheitert wären. Sein Interesse war ausser der Arbeit seine Familie, die er über alles stellte. Ausserdem war er auch ein Genussmensch, der die guten Dinge schätzte.

Mit Klaus Grawe verlieren wir jemanden, der von sich sagte: „Ich war immer der Jüngste!“ Gemeint hat er damit den Umstand, dass er vieles in jungen Jahren erreichte. Jetzt ist er viel zu jung gestorben. Mit Mariann, seiner geliebten Frau und den fünf Kindern müssen wir das akzeptieren. Das fällt schwer.

Hansjörg Znoj

15.07.2005