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Berner Forscher stossen Reform der UNO-Klimaberichte an

Um seine Berichte zu publizieren, ist der Weltklimarat der UNO auf die ehrenamtliche Mitarbeit hunderter Forschender angewiesen. Doch das System stösst an seine Grenzen. Die Berner Klimaforscher Thomas Stocker und Gian-Kasper Plattner zeigen in einem Kommentar in der Zeitschrift «Nature» auf, wie eine «vorsichtige Evolution» der Berichte aussehen könnte.

Der 5. Sachstandsbericht zum Klimawandel, den der Weltklimarat der UNO (Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC) 2013 veröffentlichte, ist ein Mammutwerk: Alleine der Teilbericht der Arbeitsgruppe I über die Physikalisch-wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels ist 1'535 Seiten stark. Über 9’200 Beiträge aus wissenschaftlichen Zeitschriften sind darin zitiert.

Ohne die ehrenamtliche Arbeit hunderter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit gäbe es den Bericht nicht, wie Thomas Stocker, Berner Klimaphysiker und Ko-Leiter Arbeitsgruppe I sagt: «Diese Autoren sind stolz auf ihren Beitrag für den Klimabericht. Aber ihre Arbeit ist enorm aufwändig. Die zusätzliche Belastung, die für sie neben der Forschung oder der Lehre anfällt, nimmt von Bericht zu Bericht zu.»

Stocker und sein Berner Forschungskollege Gian-Kasper Plattner, Leiter des Sekretariats  der IPCC-Arbeitsgruppe I, rufen nun in einem Kommentar in der renommierten Fachzeitschrift «Nature» dazu auf, die Arbeitsprozesse der IPCC-Berichte zu reformieren. «Wir möchten sie nicht revolutionieren. Wir streben aber eine vorsichtige Evolution an, damit die Forschenden weiterhin an Bord bleiben», sagt Klimaphysiker Plattner dazu.

Regierungen sollen Forschende unterstützen

Aufgrund einer Umfrage, die die Vorsitzenden und das Sekretariat der IPCC Arbeitsgruppe I IPCC im April 2014 unter den 259 IPCC-Autorinnen und -Autoren der Arbeitsgruppe I durchgeführt haben, schlagen sie folgende Änderungen vor:

Die Auftraggeber der Klimaberichte, die Regierungen, sollen den Forschenden für die Dauer des IPCC-Engagements eine Assistenz- oder Postdoc-Stelle zur Verfügung stellen. Diese Person soll sie bei ihrer beruflichen Tätigkeit unterstützen und entlasten. Jüngere Forschende könnten lernen, wie wissenschaftliche Informationen politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt und kommuniziert werden können, erklärt Stocker und fügt bei: «Wegen möglicher Interessenkonflikte sollen die Forscher unserer Meinung nach aber weiterhin nicht für ihre Arbeit an den Berichten bezahlt werden.»

Klimaberichte neu nur noch alle acht bis zehn Jahre

Künftig sollen die grossen IPCC-Sachstandsberichte zudem bloss alle acht bis zehn Jahre erscheinen statt wie bisher alle sechs. Damit bleibe mehr Zeit für Kooperationen über die Grenzen der Arbeitsgruppen hinweg. Diese Zusammenarbeit soll dann in kleine thematische Übersichtspapiere etwa zur Ozeanversauerung oder den regionalen Auswirkungen des Klimawandels münden. Diese Texte fliessen zum Schluss als wichtige Teile von Kapiteln in die regulären grossen Sachstandsberichte ein. Der aktuelle Forschungsstand würde dank dieses Zwischenschritts zeitnaher abgebildet als bisher, so die beiden Forscher.

Gelegentlich wird auch der Ruf laut, die globalen IPCC-Berichte durch kleinere regionale Klimaberichte zu ersetzen. «Diese Option halten wir nicht für sinnvoll», sagt Plattner. «Damit würde der globalen Natur des Klimawandels nicht mehr Rechnung getragen.» Die beiden Berner Forscher wollen die Vorschläge nun am 16. und 17. September an einer Konferenz des IPCC zur Zukunft der Sachstandsberichte in Genf einbringen.

Bibliografische Angaben:

Thomas F. Stocker, Gian-Kasper Plattner: Rethink IPCC reports, Comment, Nature, 11. September 2014, Vol. 513. Page 163–165, doi: 10.1038/513163a

10.09.2014