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Dies academicus 2012: «Unsere Universität leistet Grossartiges»

An der 178. Stiftungsfeier betonte der Erziehungsdirektor des Kantons Bern, Bernhard Pulver, die Bedeutung der Universität für den Standort Bern. Auch Rektor Martin Täuber freute sich über die Erfolge, warnte jedoch vor weiteren Sparübungen, welche die jetzige starke Position der Universität gefährden. Am Dies academicus wurden neun Ehrendoktortitel und fünf Preise verliehen.

«Alles Grosse in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut, als er muss», sagte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver am diesjährigen Dies academicus. Dieses Zitat von Hermann Gmeiner, dem Gründer der SOS-Kinderdörfer, trifft laut Pulver genau auf die Universität Bern zu, weil darin viele mehr tun, als sie müssen.

So zahle kein anderer Kanton mit Volluniversität heute so wenig pro Studierender wie der Kanton Bern – und dies obwohl die Zahl der Studierenden in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen habe. Trotz steigender Belastung konnte die Universität Bern erneut mehr Drittmittel einwerben als letztes Jahr, nämlich 209 Millionen Franken.

Zudem die Universität Bern in der zweiten Runde der Bewerbung um neue Nationale Forschungsschwerpunkte hervorragend abgeschnitten, indem fünf von zehn eingereichten Skizzen die Bestnote erhielten. «Trotz der geringen kantonalen Mittel leistet die Universität Grossartiges», stellte Pulver fest.

Eine starke Universität stärkt auch den Kanton

Der Erziehungsdirektor war sich mit Uni-Rektor Martin Täuber einig, dass der Kanton Bern stark von seiner Universität profitiert. Sie schaffe eine lokale Wertschöpfung, die ein Vielfaches davon beträgt, was der Kanton in sie investiert – durch die Besteuerung der Uni-Gehälter oder Ausgaben der Universität und ihrer Studierenden im Kanton, aber auch durch den Technologietransfer, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und nicht zuletzt durch ihre jährlich 4’000 Abgängerinnen und Abgänger, die dem lokalen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Entsprechend würde bei einer Mangelfinanzierung der Universität auch der Kanton geschwächt, warnte Rektor Täuber. Bereits jetzt sei der Erfolg der Universität gefährdet: Nachwuchsforscherinnen und Dozenten haben immer weniger Zeit für ihre Forschung. Damit schwinden die Chancen bei der Einwerbung von kompetitiven Drittmitteln. Es droht ein Rückstand beim technologischen Fortschritt.

«Nur dank grosser Anstrengungen und ihrem haushälterischen Umgang mit ihren Mitteln war es möglich, dass die Universität ihre Position bisher halten konnte», sagte Täuber. Nun brauche es vom Kanton eine vorwärts gerichtete Strategie, welche die Universität als zentralen Erfolgsfaktor anerkennt – sprich: eine Erhöhung der Mittel. Schliesslich stärkt eine florierende Universität auch den Kanton und trägt zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen Perspektiven bei.

«Die Berner Wirtschaft braucht eine starke Universität», pflichtete ihm Erziehungsdirektor Bernhard Pulver bei. Seiner Meinung nach werde die finanzielle Lage der Universität für den Kanton Bern immer mehr zum «Grossrisiko». Pulver plädierte gar dafür, sich von einem Tabu zu lösen und «ein Defizit in Kauf zu nehmen, wenn wir grösseren Schaden von zentralen Bildungserrungenschaften dieses Kantons abwenden wollen».

Noch besser werden durch Interdisziplinarität und neue Themenbereiche

Wie die Universität Bern sich trotz der realpolitischen Umstände weiter entwickeln solle, zeigte Martin Täuber anhand seiner Vision: Bern strebt zwei neue Nationalen Forschungsschwerpunkte an und verbessert ihre Strukturen, um noch erfolgreicher zu werden. Ein Ziel sei mehr Interdisziplinarität. Die Universität Bern könne sich mit wenigen thematischen Bereichen profilieren – zum einen mit Themen wie Nachhaltigkeit, Klima, globaler Handel, Ökologie und Biodiversität, ergänzt durch Ökonomie, Psychologie, Sozial- und Geisteswissenschaften, zum anderen mit den Gebieten Biomedizin, Naturwissenschaften, Neurowissenschaften, ergänzt durch Religions-, Geistes- und Sozialwissenschaften. «Am Ende steht eine gestärkte, moderne, innovative und leistungsfähige Universität, von welcher der Kanton dank ihrer Ausstrahlung, ihrer Vernetzung mit anderen Bildungsinstitutionen und dem privaten Sektor sowie ihres Erfolges bei der Einwerbung von Drittmitteln stark profitieren wird.»

Akademische Rede: Nachhaltigkeit als Verpflichtung für die Wissenschaft

In ihrer akademischen Rede setzte sich Doris Wastl-Walter, Vizerektorin Qualität, mit dem Thema «Nachhaltige Entwicklung» auseinander. Per Definition ist dies «eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können (World Commission on Environment and Development, 1987)».

Die Rolle der Wissenschaft bestehe nun unter anderem darin, Konflikte bei der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen zu analysieren sowie Grundlagen und Informationen anzubieten. Sie müsse sich auch mit den Komplexitäten der Realwelt auseinandersetzen und sei wie Klimaforschung ein «politisches Projekt mit dem Potenzial zur Gesellschaftsveränderung».

Wissenschaft könne Themen lancieren, Handlungsbedarf sowie Lösungswege aufzeigen. Die Universität Bern hat sich gemäss Doris Wastl-Walter im Bereich Nachhaltigkeit schon profiliert, unter anderem mit dem Oeschger-Zentrum für Klimaforschung, dem Center for Development and Environment (CDE) und auch dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) an welchem Wastl-Walter als Kulturgeographin forscht.

StudentInnenschaft: Chancengleichheit fördern

Letizia Carigiet aus dem Vorstand der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB) sagte, dass der Kanton durch seine Massnahmen an der Qualität der Universität spare. Sie forderte zudem mehr Chancengleichheit, einerseits bei der Förderung von Frauen und ihrer wissenschaftlichen Karriere: «Wie kommt es, dass an der Universität Bern über 50 Prozent Frauen studieren, aber nur 17 Prozent Professorinnen lehren und forschen?» Für Chancengleichheit bei der Bildung brauche es aber auch einen Abbau von Hürden beim Stipendienwesen – und hier habe die Einreichung der studentischen Stipendieninitiative einen ersten Erfolg erzielt.

Neun Ehrendoktoren  – von der Schriftstellerin bis zum Weltraumforscher

An der Stiftungsfeier wurden zwei Frauen und sieben Männer feierlich mit dem Ehrendoktortitel geehrt, darunter auch die bekannte Schriftstellerin Eveline Hasler.

Die Theologische Fakultät verleiht dem Pfarrer und Psychotherapeuten Willi Nafzger den Ehrendoktortitel, da er alle Menschen im Umfeld eines Verbrechens – Täter, Opfer sowie auch Personen, die im Strafvollzug arbeiten – in den Fokus seiner Arbeit gerückt hat. Der Gefängnisseelsorger, der sein Theologiestudium 1973 an der Uni Bern abgeschlossen hatte, hat den Weiterbildungsstudiengang «Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug» an der Universität Bern mitgegründet und 20 Jahre lang mitgetragen. Er gilt gemäss Laudatio als «Humanisierer des Strafvollzugs».

Von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät erhält Peter Siegenthaler die Würde eines «Doctor iuris honoris causa». Der ehemalige Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung wird als «umsichtiger und hartnäckiger Reformer der öffentlichen Finanzen» geehrt, zu seinen Projekten zählten die UBS-Rettung, die Schuldenbremse sowie die «Too big to fail»-Vorlage. Seit 2011 hat Siegenthaler an der Universität Bern einen Lehrauftrag für Finanzpolitik und Finanzmanagement.

Zwei Ehrendoktortitel hat dieses Jahr die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät verliehen: Maureen O’Hara erhält die Würde eines «Doctor rerum oeconomicarum honoris causa». Die Ökonomin erforscht die Preisbildung und -entwicklung auf organisierten Märkten, wie etwa Börsen. Ihre Forschung findet unmittelbare Anwendung in der Regulierung von Märkten. Als erste Frau überhaupt wurde O’Hara 2002 zur Präsidentin der American Finance Association gewählt. Rudy Hirschheim wird für seine Pionierarbeit in der Wirtschaftsinformatik geehrt. Der «Ourso Family Distinguished Professor of Information Systems» an der Louisiana State University habe entscheidend zur philosophischen, theoretischen und methodischen Fundierung der noch jungen Disziplin beigetragen. 

Albert-Adrien Ramelet ist einer der aktuell bekanntesten aktiv tätigen Spezialisten auf dem Gebiet der Gefässerkrankungen – der Phlebologie und der Angiologie. Er erhält den Ehrendoktortitel der Medizinischen Fakultät. Der gebürtige Waadtländer führt eine eigene Praxis in Lausanne, die als Ausbildungszentrum für ganze Generationen angehender Phlebologinnen und Phlebologen dient. Zudem ist er als Konsiliararzt an der Universitätsklinik für Dermatologie des Inselspitals angestellt.

Die Vetsuisse Fakultät zeichnet den belgischen Wissenschaftler Paul Simoens aus, der die Entwicklung der Veterinär-Morphologie auf europäischer Ebene massgeblich geprägt und Massstäbe gesetzt hat. Der Veterinärmediziner beschäftigt sich insbesondere mit Gefässerkrankungen verschiedener Organe und ist mit seinen Modellen ein bedeutender Exponent der translationalen Medizin, die Tiermodelle in die Anwendung beim Menschen übersetzt.

Die Schriftstellerin Eveline Hasler widmet ihre Bücher Aussenseitern und Totgeschwiegenen, wie beispielsweise der «Wachsflügelfrau» Emily Kempin-Spyri oder Anna Göldin, der «letzten Hexe». Die im Tessin lebende Glarnerin schreibt vor allem historische Romane, aber auch Lyrik, Kinderbücher, Kolumnen, Reportagen sowie Radio- und Zeitschriftenbeiträge. Die Philosophisch-historische Fakultät der Universität Bern verleiht Eveline Hasler die Ehrendoktorwürde als «literarische Anwältin, die in ihrem Werk an das Schicksal von recht- und heimatlosen Menschen in der Vergangenheit erinnert».

Von der Philosophisch-humanwissenschaftlichen Fakultät erhält Stephen M. Kosslyn die Ehrendoktorwürde dafür, dass er gemäss Laudatio «mit bahnbrechenden Arbeiten die Kognitionspsychologie geprägt und ihre Beziehung zu den Neurowissenschaften vorangetrieben hat». Bei der Erkundung dieser neuen Anwendungsfelder habe der Professor zudem grosse Verdienste im Brückenschlag zwischen Verhaltens-, Natur- und Ingenieurwissenschaften erworben.

Der Weltraumforschung hat Professor David Southwood seine gesamte wissenschaftliche Karriere gewidmet. Der weltweit anerkannte Experte für magnetische Felder von Planeten und Monden war an mehreren internationalen Weltraum-Missionen beteiligt. Dazu gehört auch die Kometen-Mission Rosetta, die das «derzeit umfangreichste wissenschaftliche Experiment der Schweiz» mitführe: Das an der Universität Bern entwickelte Massenspektrometer ROSINA. David Southwood wird zudem von der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät als «loyaler Unterstützer» des International Space Science Institute Bern geehrt.

Ingenieurwissenschaftler erhält Hans-Sigrist-Preis

Der mit 100’000 Franken dotierte Hans-Sigrist-Preis – die bedeutendste Ehrung der Universität Bern – ging an Stephen A. Boppart. Der «Bliss Professor für Ingenieurwissenschaften» und Direktor der «Strategic Initiative on Imaging» an der Illinois Universität ist einer der international renommiertesten und innovativsten Forscher auf dem diesjährigen Preisgebiet «Diagnostische Lasermedizin». Seine interdisziplinäre Forschung verbindet gemäss Laudatio auf eindrückliche Weise Ingenieurwissenschaften, Medizin und Biologie mit dem Ziel, krankhafte Gewebeveränderungen im Frühstadium zu diagnostizieren. Neben bahnbrechenden Leistungen in der biomedizinischen Photonik geniesse er auch den Ruf eines exzellenten Dozenten und Betreuers.

Theodor Kocher-Preis für besten Nachwuchsforscher geht an Physiologen

Der Preis für den besten Nachwuchwissenschaftler, der Theodor-Kocher-Preis der Universität Bern, ging dieses Jahr an den Berner Forscher Thomas Nevian, dem es gelungen ist, mit neu entwickelten Mess- und Visualisierungsmethoden dünnste Verästelungen von Nervenzellen im Gehirn sichtbar zu machen und dort lokale elektrische Signalverarbeitungen nachzuweisen. Am Institut für Physiologie der Universität Bern untersucht der SNF-Förderprofessor, welche Veränderungen an Nervenzellen in der Grosshirnrinde zur Entstehung von chronischen Schmerzen führen.

Dr. Lutz Zwillenberg-Preis für Arbeiten zu sozialen Käfern, Darmbakterien und Parasiten

Erstmals hat die Universität Bern dieses Jahr den Dr. Lutz Zwillenberg-Preis verliehen, in Erinnerung an den 2011 verstorbenen Biologen Dr. Lutz O. Zwillenberg. Prämiert werden jährlich bis zu drei hervorragende wissenschaftliche Arbeiten aus dem Bereich der biologischen Wissenschaften. 2012 ging der Preis gleichermassen an drei Forschende: Peter Biedermann, ehemaliger PhD-Student am Institut für Ökologie und Evolution, konnte in seiner Dissertation zeigen, dass bei uns heimische Ambrosiakäfer hochsozial sind – Ergebnisse, die weltweit grosse Beachtung fanden. Markus Geuking, Oberassistent am Departement für Klinische Forschung, fand heraus, dass regulatorische T-Zellen – spezielle weisse Blutkörperchen – dafür sorgen, dass das Immunsystem des Darms nicht aktiv gegen harmlose Bakterien reagiert. Mascha Pusnik, ehemalige Postdoktorandin am Departement für Chemie und Biochemie, konnte gemäss Laudatio aufzeigen, dass Experimente mit exotischen Parasiten zu neuen Einsichten führen können, die generelle Bedeutung für die Evolution von komplexen Zellen haben.

Preis für Alternsforschung zu Suizidhilfe und Altern im Alten Testament

Mit dem Preis der Seniorenuniversität für Alternsforschung werden herausragende Abschlussarbeiten zur Alternsforschung ausgezeichnet, die an der Universität Bern erstellt worden sind. Dieses Jahr wurde der Preis gleichermassen verliehen an zwei Masterabsolventinnen: Die Rechtswissenschaftlerin Simone Germann hat sich in ihrer Abschlussarbeit mit der organisierten Suizidhilfe, die auch für ältere Menschen von höchster Bedeutung ist, auseinandergesetzt und untersucht, ob legislativer Handlungsbedarf besteht. Die Theologin Melanie Werren hat in ihrer Masterarbeit die Vorstellungen zum Altern im Alten Testament aufgearbeitet und analysiert.

Tierpathologe erhält Credit Suisse Award for Best Teaching

Den Credit Suisse Award for Best Teaching erhielt Horst Posthaus. Der Dozent am Berner Institut für Tierpathologie begeistert laut Laudatio die Studierenden für sein Fachgebiet, beschreitet innovative Wege zur besseren Vermittlung der Fachinhalte und unterrichtet auf hohem Niveau und mit Humor.

01.12.2012