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Dies Academicus 2006: Klimaforschung und die universitäre Autonomie im Mittelpunkt

An der 172. Stiftungsfeier sprach Gunter Stephan, Vizerektor Lehre, über die Klimaforschung in Bern. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver erläuterte seine Vorstellung der künftigen universitären Autonomie. Die Fakultäten und die Universität verliehen acht Ehrendoktortitel und vergaben drei hochwertige Preise. Zu den Würdenträgern zählt unter anderen der Berner Unternehmer Willy Michel. 

Rektor Urs Würgler begrüsste die Anwesenden und blickte kurz auf die wichtigsten Aktivitäten des Jahres zurück. So ist die Bologna-Reform an der Universität Bern flächendeckend umgesetzt (bis auf die medizinischen Fächer, die 2007 nachziehen) und wird laufend weiterentwickelt. Neben der Umstrukturierung des Zentralbereichs mit dem neuen «Zentrum Lehre» und dem «Zentrum Forschung» war vor allem die neue «Strategie 2012» prägend, die im Oktober vom Senat der Universität verabschiedet wurde. Die Strategie ist als gesamtuniversitäre Rahmenstrategie konzipiert und respektiert die Sach- und Entscheidkompetenz der Fakultäten. Die auf einer zweiten Ebene formulierten, bereichsbezogenen Vorgaben sollen durch Leistungsvereinbarungen mit den Fakultäten zu klaren Bereichportfolios führen. Dieser Prozess soll bis im Sommer 2007 abgeschlossen sein. Als Eckpfeiler der neuen Strategie nannte Würgler unter anderen die Kooperation mit anderen Hochschulen, etwa mit Zürich mit der gemeinsamen Vetsuisse-Fakultät oder mit Basel im medizinisch-klinischen Bereich. In bezug auf die Bundesbeiträge für Bildung und Forschung forderte Würgler mehr jährliches Wachstum für die kantonalen Universitäten, die die Hauptlast zu tragen hätten, und bezeichnete diese als das Kernstück oder «Tafelsilber» des schweizerischen Bildungssystems.  


Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik

Erziehungsdirektor Bernhard Pulver sprach zum ersten Mal in dieser Funktion am Dies Academicus. Als früherer Dozent für Staatsrecht sei ihm wissenschaftliches Arbeiten vertraut. Er ortete Gemeinsamkeiten zwischen wissenschaftlichem und politischem Denken, etwa in der Auseinandersetzung mit anderen Ideen und dem Gewinnen von neuen Erkenntnissen auf diese Art. Pulver setzt sich ein für eine Streitkultur, in der mehrere Meinungen gelten sollen. Bezogen auf die Hochschulpolitik des Kantons zeigte sich Pulver zuerst einmal «stolz auf unsere Universität». Sie sei in mehreren Bereichen Weltspitze, etwa in der Klimaforschung: «Als Mitglied der Grünen freut mich das natürlich ganz besonders.» Inskünftig fände Pulver in gewissen Bereichen mehr Autonomie für die Universität sinnvoll, etwa in Personal- oder Finanzfragen. Eine Einflussnahme der öffentlichen Hand auf die strategische Ausrichtung der Universität sei aber legitim: «Die Regierung wünscht unter anderem mehr Frauen als Professorinnen und einen Schwerpunkt im Bereich Nachhaltigkeit und Ökologie». Die strategischen Schwerpunkte der Universität seien daher zusammen mit den politischen Behörden zu entwickeln. Pulver bedankte sich denn auch für den Entwurf des neuen Uni-Gesetzes, den er vom Senat der Universität erhalten habe. Der Entwurf werde in die weiteren Arbeiten einfliessen. Innerhalb eines Jahres soll die Basis für eine Gesetzesänderung vorliegen.


NFS Klima: Verschiedene Disziplinen gegen die Klimaerwärmung

Die akademische Rede zum Thema «Nationaler Forschungsschwerpunkt Klima» hielt Gunter Stephan, Vizerektor Lehre. Der Nationale Forschungsschwerpunkt Klima (NFS Klima), der in Bern angesiedelt sei, habe eindrückliche Untersuchungsergebnisse gewonnen. So bezieht sich Al Gore im Film «An Inconvenient Truth» auf Daten von Berner Klimaforschern. Der globale Klimawandel fordere nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften. Insbesondere, so Volkswirtschaftsprofessor Stephan, sei es ökonomisch rational, sich gegen den potenziellen Klimawandel zu versichern. Mit dem Kyoto-Protokoll sei eine solche «Versicherungspolice» unterzeichnet worden. Diese sei aber vor allem auf das Vermeiden von Schadstoffemissionen angelegt. Dies allein reiche nicht für einen effektiven «Klimaversicherungsschutz». Aus ökonomischer Sicht müsse ein Klimaschutzziel so kostengünstig wie möglich zu erreichen sein. So sei der Handel mit Emissionsrechten, um weltweit die CO2-Emissionen zu reduzieren ein guter Weg, der aber noch weiterer Regelungen bedürfe. Auch technischer Fortschritt und technologischer Wandel allein reichten nicht. Es brauche ökonomische Anreize, die den Klimaschutz belohnen würden, aber auch eine stärkere Motivation etwa an den Technischen Hochschulen der Schweiz, damit technisches Wissen vermehrt für die Umwelt genutzt werden könnte.

Von der Mittelbauvereinigung (MVUB) sprach Dr. Robert Rieben und bekräftigte einmal mehr das Commitment der Mittelbauangehörigen, gemeinsam mit der Universitätsleitung Änderungen mitzutragen. Der Initiative des MVUB sei es etwa zu verdanken, dass es neu eine gesamtuniversitäre Ombudsstelle gebe. Dasselbe Engagement wünschte sich Rieben aber auch von Universitätsleitung und Politik, wenn es darum gehe, die Anstellungsbedingungen vor allem der Drittmittelangestellten zu verbessern. «Wir wollen keine geschützte Werkstatt», sagte Rieben, «aber zeitgemässe Anstellungsbedingungen, wie sie heute im Ausland üblich sind. Dadurch wird es erst ermöglicht, den Auftrag der Universität in Lehre und Forschung zu ermöglichen.»


Zwei Ehrendoktortitel für Nichtakademiker

Dieses Jahr verliehen die Fakultäten acht Ehrendoktortitel: Die Christkatholische und Evangelische Fakultät würdigt den Komponisten und Organisten Daniel Glaus. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät verleiht zwei Titel: einer geht an die Amerikanerin Roberta Cohen, die sich unermüdlich für die Menschenrechte einsetzt, der andere geht an den Berner Rechtsprofessoren Pierre Widmer, dem ehemaligen Vizedirektor des Bundesamts für Justiz. Mit dem «Doctor rerum oeconomicarum honoris causa» der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät wird der Berner Medizinaltechnik-Unternehmer Willy Michel geehrt. Die Medizinische Fakultät zeichnet den Thuner Dermatologen Hans Suter aus, der sich intensiv mit der Erkrankung Paul Klees auseinandergesetzt hat. Der Basler Verleger und Philologe Urs Breitenstein erhält die Ehrenauszeichnung der Philosphisch-historischen Fakultät für seine verlegerische und humanitäre Tätigkeit. Die Philosophisch-humanwissenschaftliche Fakultät würdigt den Soziologieprofessoren Walter Müller, der internationale Bildungssysteme erforscht und verglichen hat. Der zweite Nicht-Akademiker unter den Ehrendoktoren ist der Basler Der zweite Nicht-Akademiker unter den Ehrendoktoren ist der Basler Heinz Büscher. Der Fischforscher machte sich im Selbststudium zum Experten und wird für seine Untersuchungen der Buntbarsche im Tanganjika-See von der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät gewürdigt.


Hans Sigrist-Preis und Theodor-Kocher-Preis – und der Credit Suisse Award

Der Hans-Sigrist-Preis, mit dem Forscher aus dem In- und Ausland für hervorragende Leistungen ausgezeichet werden, geht dieses Jahr an an den südafrikanischen Biologen Prof. David M. Richardson vom Centre for Invasion Biology (CIB), Department of Botany & Zoology der Stellenbosch University (Südafrika). Der Hans-Sigrist-Stiftungsrat würdigt seine Arbeiten zur Invasionsbiologie und zur Bekämpfung invasiver Pflanzenarten. Sie hätten massgeblich dazu beigetragen, dieses Forschungsgebiet in der wissenschaftlichen Gemeinde zu etablieren. Ausserdem hätten sie auch bei Politikerinnen und Politikern sowie in einer breiten Öffentlichkeit zu einem besseren Verständnis für die von invasiven Pflanzen ausgehenden Gefahren geführt.

Die Universität Bern verleiht den Theodor-Kocher-Preis an ihre besten Nachwuchswissenschaftler – ganz im Sinne ihres grossen Forschers, Lehrers und Nobelpreisrägers von 1909. In diesem Jahr geht der Preis an Matthew Evan Larkum, Professor der Neurophysiologie. Der gebürtige Australier hat in seiner Forschung elektrophysiologische und bildgebende Verfahren perfektioniert, die chemische und elektrische Signale von den feinsten Fortsätzen der Nervenzellen registrieren können. Mit seinen Experimenten hat Larkum gemäss Laudatio «eine Tür für die Untersuchung und das Verständnis höherer Hirnfunktionen aufgestossen». Der Preisträger hat am Institut für Physiologie an der Uni Bern als Assistenzprofessor eine eigene Forschungsgruppe aufgebaut.

Anlässlich des 150. Geburtstags der ältesten Schweizer Bank, der Credit Suisse, verleiht deren Jubiläumsstiftung heuer erstmals den «Credit Suisse Award For Best Teaching». Der Preisträger ist Reinhard Jung, Assistenzprofessor für Wirtschaftsinformatik am Departement BWL. Er erhielt in den letzten beiden Jahren die besten Studierendenbewertungen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.

02.12.2006