«Wir brauchen uns bei Open Access nicht zu verstecken»

Die Universität Bern sei bei Open Access auf dem richtigen Weg, sagt Dirk Verdicchio, Leiter Open Access bei der Universitätsbibliothek. Doch noch bleibe viel zu tun – auch auf eidgenössischer Ebene.

Von Lisa Fankhauser

Die Universitätsleitung unterstützt die LERU-Petition und DORA: Welche Veränderungen können diese bringen?

Die LERU-Petition und DORA sind erst einmal Absichtserklärungen. Sie besagen, dass sich die Universität Bern stärker als bisher für Open Access engagieren und die Empfehlungen zum Umgang mit dem Impact Factor bei der Evaluation von Forschung und Forschenden umsetzen will. Nun wird es darauf ankommen, welche konkreten Schritte unternommen werden, um den Absichten auch Taten folgen zu lassen.

Wieso ist der Open Access-Bewegung noch nicht der grosse Durchbruch gelungen?

Das ist eine Frage der Perspektive. 2013 hat eine Studie verkündet, dass der Durchbruch gelungen sei. Auf der anderen Seite wird aber auch behauptet, dass noch gar nichts erreicht wurde. Ich halte beide Aussagen für übertrieben. Meiner Meinung nach hat die Open Access-Bewegung bereits Vieles aber noch lange nicht genug erreicht.

Wo stehen wir heute in der Entwicklung hin zu Open Access?

Ein starker Antrieb geht im Moment von Initiativen in Grossbritannien, den Niederlanden, Österreich, den skandinavischen Ländern und der EU aus. Dort gibt es zum Teil breit angelegte nationale Allianzen von Forschungsförderern, Universitäten, Bibliotheken und staatlichen Stellen, die gemeinsam Programme zur Durchsetzung von Open Access erarbeiten und durchführen.

Als grossen Schritt betrachte ich auch das Zweitveröffentlichungsrecht für AutorInnen, das in einigen europäischen Ländern bereits eingeführt wurde. Es erlaubt den AutorInnen ihre öffentlich finanzierten Publikationen nach einer bestimmten Zeit ein zweites Mal z.B. auf einem Repositorium zu veröffentlichen. In der Schweiz scheint man die sich hier bietende Chance bei der Urheberrechtsrevision ungenutzt lassen zu wollen. In dem Entwurf vom Institut für Geistiges Eigentum, der gerade in der Vernehmlassung ist, ist kein solches Recht vorgesehen, das die AutorInnen stärkt und zur Verbreitung von Forschungsresultaten beiträgt. Auch im Bereich des Text- und Data Minings bleibt der Entwurf hinter dem zurück, was beispielsweise in der EU diskutiert wird. Das könnte einen deutlichen Nachteil für Schweizer Forschende darstellen und sich negativ auf den Forschungsplatz Schweiz auswirken.

Gibt es auch Widerstand gegen Open Access?

Natürlich gibt es auch Widerstand und Dissens. Da gibt es etwa die Verlage, die an ihrem sehr lukrativen Geschäftsmodell festhalten wollen, die gut etabliert sind und ihren Einfluss dazu einsetzen, Open Access zu verzögern oder sich vergolden zu lassen. Und es gibt Forschende, die Änderungen am Publikationssystem ablehnen. Es gibt aber natürlich auch Meinungsverschiedenheiten unter den Befürworterinnen und Befürwortern. Man ist sich uneinig über den «richtigen» Weg zu Open Access oder in der Bewertung bisheriger Erfolge. Die divergierenden Interessen und Ansichten bremsen zwar die Durchsetzung von Open Access, sie werden die Entwicklung jedoch nicht aufhalten können.

Welche Strategie verfolgt die Universität Bern allgemein im Bereich Open Access?

Gemäss Open-Access-Policy verfolgt die Universität Bern einerseits den sogenannten grünen Weg, das heisst die Zweitpublikation von Closed-Access-Veröffentlichungen, und andererseits den sogenannten goldenen Weg, also die Erstpublikation in Open Access-Zeitschriften.

Wie sieht der Stand der Dinge bezüglich Umsetzung der Open Access-Strategie aus?

Die Universität Bern betreibt seit 2013 ein institutionelles Repositorium, in dem Post-Prints und die publizierten Artikelversionen abgelegt werden können. Leider verzichten viele Forschende auf eine Hinterlegung von Post-Prints. Das liegt teilweise daran, dass einige Disziplinen in Bezug auf diese Textversionen etwas schüchtern sind. Es bestehen aber auch Ängste und Unsicherheiten in rechtlicher Hinsicht. Das ist jedoch vollkommen unnötig. Wir überprüfen jeden hochgeladenen Text. Publikationen, die nicht hinterlegt werden dürfen – also auch nicht im gesperrten Bereich –, löschen wir und benachrichtigen dann die AutorInnen.

Im Bereich von Gold Open Access betreiben wir eine Plattform für Open Access-Zeitschriften. Über diese Plattform können elektronische Zeitschriften publiziert und verwaltet werden. Zudem schliessen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Mitgliedschaften bei Verlagen ab, damit Berner AutorInnen Rabatte auf Publikationsgebühren bei kommerziellen Open Access-Anbietern bekommen.

Wie weit ist die Universität Bern im Vergleich zu anderen Schweizer Hochschulen bei der Umsetzung von Open Access?

Wenn man die Umsetzung der Strategie an der Universität Bern mit anderen Universitäten im In- und Ausland vergleicht, brauchen wir uns bei bei Grün Open Access nicht zu verstecken. Im Bereich Gold Open Access stehen wir beim Hosting von Zeitschriften im Schweizer Vergleich sehr gut da. Hier gibt es jedoch Ausbaupotential insbesondere bei Monographien. Anders sieht das bei der finanziellen Unterstützung von Gebühren für Open-Access-Publikationen aus. Da hinkt die Universität Bern anderen Universitäten, die bereits seit einiger Zeit entsprechende Fonds betreiben, deutlich hinterher.

Welche Dienstleistungen bietet Ihr Team im Bereich Open Access und Wissenschaftskommunikation den Berner Forschenden an?

Wir bieten ein breit gefächertes Spektrum von Dienstleistungen. Zunächst betreiben wir das Berner Repositorium BORIS. Hier prüfen wir die Metadaten und die Zweitveröffentlichung von Texten und bieten Support sowie Schulungen an. Ausserdem helfen wir bei der Migration von Daten und Texten aus Institutsbeständen nach BORIS und beziehen Anregungen von Forschenden bei der Weiterentwicklung mit ein. Die Integration von ORCID-IDs in BORIS halte ich z.B. für sehr gelungen. Mir ist kein anderes Repositorium bekannt, das eine solch elegante und einfache Lösung für die Verwaltung von ORCID-Daten bietet.

Darüber hinaus bieten wir unter dem Label Bern Open Publishing (BOP) publikationsunterstützende Dienstleistungen und Beratungen an, die sich auf den gesamten Prozess von der Entstehung bis zur Verbreitung von Publikationen beziehen. Hier betreiben wir eine Plattform zur Publikation von Zeitschriften und Reihen und helfen bei der Neugründung oder Migration von Periodika. Wir kommunizieren mit Verlagen, klären rechtliche Fragen mit dem Rechtsdienst, formulieren Vertragszusätze, sorgen dafür, dass internationale Standards eingehalten werden usw.

Das tönt nach einen äusserst breiten Aufgabenbereich...

Da sich das System der Wissenschaftskommunikation nicht zuletzt wegen Open Access stark im Wandel befindet, haben wir kein festes Portfolio, sondern orientieren unser Angebot an den Bedürfnissen der Forschenden. Die Fragen, die uns gestellt werden, reichen vom Umgang mit Forschungsdaten oder zu Förderbedingungen bis zu Anfragen wegen der Auswirkungen von Namensänderung bei Hochzeiten oder zu den Gebühren beim Import von im Ausland gedruckten Büchern. Auch wenn wir nicht immer alles umgehend beantworten können, geben wir uns Mühe, den Berner Forschenden die Hilfe zu geben, die sie benötigen.

Weitere Informationen zu DORA und zur LERU-Petition

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