97 Juni 1998
Religion - Theologie - Glaube
UNIPRESS - Heft 97 - Impressum


Engel - die Wiederkehr der Himmelsboten

In den neunziger Jahren haben sie, zumal um die Adventszeit, das Abendland wieder erobert: die Engel, geflügelte Boten des Himmels und wendige Bewohner kosmischer Sphären. Von den Regalen der Buchgeschäfte und Boutiquen her schaut ihr anziehendes Antlitz interessiert auf uns nieder, und auf den Kinoleinwänden suchen sie seit dem "Himmel über Berlin" bis zu "A life less ordinary" unsere nach Liebe und Wunderbarem dürstende Phantasie heim. Mag die Gottheit auch fern und unerreichbar sein, so bringen die Engelscharen goldenen Glanz in eine Welt, die sich nach der Austrocknung durch Aufklärung und Rationalismus nach ihrer Wiederverzauberung sehnt.

Ihr Ungeübten, die in den Nächten
nichts lernen.
Viele Engel sind euch gegeben
Aber ihr seht sie nicht.

Nelly Sachs


Die Faszination der Engel - einstmals und heute

Neuzeitliche Religionswissenschaftler und Theologen stehen dem Engelenthusiasmus unserer Tage misstrauisch gegenüber. Mit Religion und Frömmigkeit hat der modische Flirt mit den geflügelten Himmelsboten doch kaum etwas zu tun! Der Verdacht ist freilich schon alt: Das Misstrauen der Gottesgelehrten gegenüber der volkstümlichen Engelverehrung hat bereits eine zweitausend Jahre zählende Tradition! Im antiken Judentum warnten die Rabbinen vor den Gefahren der Engelverehrung nicht weniger als frühchristliche Theologen. Tatsächlich erlebten die Engel um die Zeitenwende, in der Epoche zwischen Altem und Neuem Testament, ihre erste rasante Hochkonjunktur. Zwar taucht gelegentlich bereits im Alten Testament überraschend ein "Bote des Herrn" in menschlicher Gestalt auf, der aus Gefahr oder Not rettet. Es bleibt aber im Ungewissen, ob es sich um einen irdischen Menschen, um ein eigenständiges Himmelswesen oder um eine Manifestation von Gott selbst handelt.


Der eine Gott und die zehntausendmal Zehntausende

Nahezu gleichzeitig mit dem Siegeszug des konsequenten Monotheismus im späten Alten Testament hat sich in Israel auch ein zunehmend komplexeres angelologisches System herausgebildet. Zwischen der erhabenen, in der Himmelshöhe thronenden Gottheit und der Erde gibt es zahllose Wesenheiten, "zehntausendmal Zehntausende", denen Vermittlung und Kommunikation aufgetragen sind. Engel tragen nicht nur göttliche Botschaften zu den Menschen und umgekehrt menschliche Gebete in den Himmel, sie regieren auch über die vielen Völker der Erde und über die Elemente und Himmelskörper des Kosmos.

Im Buch Tobit (aus dem 2. Jh. v. Ch.) bekommt der fromme Tobias auf einer gefahrvollen Reise einen hilfreichen Begleiter, der sich am Ende als einer der grossen sieben Erzengel, als Rafael, zu erkennen gibt. Es wäre schwer gewesen, den Engel trotz seiner gänzlich menschlichen Gestalt schon vorher zu erkennen: "Während der ganzen Zeit, in der ihr mich gesehen habt, habe ich nichts gegessen und getrunken; ihr habt nur eine Erscheinung gesehen." Engel nähren sich von himmlischer Speise, etwa dem geheimnisvollen Manna, nicht aber von Brot, Fleisch und Wasser. Es schien aber gleichwohl so, als pflege der geheimnisvolle Begleiter Tischgemeinschaft mit den Menschen.


Die hochkomplexe Hierarchie der Engelheere


Wo sich die Zwischenwesen häufen, bedarf es einer gestrengen Ordnung. Jüdische und christliche Theologen haben die Engel in zahlreiche Hierarchien mit tönenden Namen eingeteilt: Ein klassisch gewordenes System weiss von neun Chören, drei mal drei, zu berichten: Die Reihe steigt an von den gewöhnlichen "Engeln" über "Erzengel" und "Fürsten", über "Gewalten", "Mächte" und "Herrschaften" bis zu den erhabenen "Thronen", "Cherubim" und "Seraphim". Je höher wir gelangen, desto menschenunähnlicher werden ihre Gestalten. Die Cherubim als Träger des heiligen Gottesthrons sind mächtigen geflügelten Tieren gleich, ringsum voller Augen, in den Gestalten eines Löwen, eines Stiers, eines Adlers und schliesslich eines Menschen (die bekannten Evangelistensymbole der Kunstgeschichte haben also angelische Ahnen!). Aus ihrem Schweiss entstehen die bedrohlichen Feuerflüsse im himmlischen Palast. In noch gewaltigerem Feuer erstrahlen die Seraphim, wiederum mit sechs Flügeln geschmückt. Wenn Engel in ihrer eigenen riesenhaften Lichtgestalt auf Erden erscheinen, befällt die Menschen Furcht und Schrecken - wir haben uns weit entfernt von den niedlichen Puten unserer frommen Weihnachtsstimmungen!

Als Hauptaufgabe der Engelchöre gilt der ununterbrochene Lobpreis der Gottheit. Jüdischen Texten zufolge sollen die Engel sogar vor dem allerheiligsten Teil der angelischen Liturgie, vor dem "Trishagion", in den himmlischen Feuerfluss eintauchen, um so in vollkommener Reinheit ihr ureigenes Werk zu vollziehen - als wären sie neu erschaffen wie am ersten Schöpfungstag.


Sex and Crime - sogar unter Engeln!

In den geheimnisumwitterten altjüdischen Schriften unter dem Namen des Patriarchen Henochs vernehmen wir von einem katastrophalen Geschehnis, das sich in der Morgenröte unserer Weltzeit ereignet hat: Noch vor der Sintflut entbrannten einige Engelfürsten in wilder Begierde nach den schönen Menschentöchtern und verführten sie mit Hilfe ihrer Zauberkunst (die Frauen sollen von ihnen dabei nicht nur die Astrologie, sondern auch die Kunst des Schminkens gelernt haben!). Aus dieser unseligen Verbindung seien die Riesen entstanden, deren Spuren man noch in historischer Zeit zu zeigen wusste, und die Seelen der Riesen seien die Dämonen, die seither allenthalben die Erde heimsuchen. Die Folgen jenes vorsintflutlichen Engelfalls waren schauderhaft: Die fehlbaren Engel wurden, da sie aus freien Stücken ihre eigene Geistnatur verleugnet hatten, in finstere Abgründen eingekerkert.

Aus solchen Stoffen hat sich wenig später die fast etwas melancholisch stimmende Geschichte des Engelfürsten Luzifer gebildet: Angesichts seiner eigenen Schönheit hat er, der leuchtende Morgenstern, in seinem Herzen den Plan gefasst, seinen Thron über den Sternen Gottes zu errichten und sich damit dem Höchsten gleichzustellen. Solchen Hochmut und Stolz ahndete die Gottheit mit dem schrecklichsten Sturz, und der aus Licht und Feuer geborene Engel sei zum finsteren Satan, zum Teufel und zum Drachen, geworden. Es gibt zu denken, wie nahe sich in dieser Entstehungsgeschichte des Bösen Engel und Teufel kommen!

Dereinst wird aber der stärkste der Engel, Michael, den Teufel endgültig besiegen und der vollkommenen Herrschaft Gottes den Raum bereiten. Das Bild des Drachentöters Michael ziert zahllose Gemälde, unter anderem auch das Jüngste Gericht des Berner Münsters.


Ist Jesus Christus auch ein Engel?

Es erstaunt nicht, dass die frühen Christen ihre Vorstellung von Jesus Christus den Gestalten der Engel nachgebildet haben. Wenn Jesus am Anfang der Johannesoffenbarung erscheint wie einer, der "bekleidet war mit einem Gewand, das bis auf die Füsse reichte, um die Brust einen Gürtel aus Gold", mit "Augen wie Feuerflammen", "Beinen, glänzend wie Golderz, das im Schmelzofen glüht", und "einem Gesicht leuchtend wie die machtvoll strahlende Sonne", so werden hier bekannte jüdische Engelzüge auf ihn übertragen. Andrerseits legte man betontes Gewicht auf die Tatsache, dass der irdische und auferstandene Jesus mit den Seinen wirklich gegessen und getrunken habe, also nicht einfach ein himmlisches Engelwesen ohne Kontakt mit Fleisch und Blut darstelle. Ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Jesus und den Engeln lässt sich im antiken Christentum nicht selten beobachten. In späteren Jahrhunderten gab es unter den christlichen Theologen sogar einen erbitterten Streit darüber, ob Jesus Christus zur höchsten Engelklasse zähle - so die Arianer -, oder ob er ganz auf die Seite Gottes gehöre - so die sogenannten Orthodoxen, die sich schliesslich auch durchgesetzt hatten. Es sei angemerkt, dass diese Frage mitten im Zweiten Weltkrieg auch die Berner Theologenschaft wieder in Atem gehalten hat, wie eine bis zur heftigsten Polemik entbrannte Debatte zwischen Martin Werner und Wilhelm Michaelis eindrücklich demonstriert!


Das Geheimnis der Engel

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen grossen Flügel,
Gebrochen schwer am Schulterblatt,
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Else Lasker-Schüler


Historisch lassen sich die Entstehung und Entwicklung der angelologischen Systeme detailliert verfolgen. Bibelforscher und Religionswissenschaftler haben sich in den letzten fünfzehn Jahren mit Begeisterung dieses Themas angenommen, nachdem es lange als absonderliche Beschäftigung galt. Auch für die Theologie gewinnt die Angelologie wieder an Interesse. Zwar halten sich Theologen vornehm zurück, die Frage, "ob es denn Engel gebe", zuversichtlich zu bejahen. Wenn Engelfiguren sich allzu sehr verselbständigen - sei es in der Volksfrömmigkeit oder im Gedankengut bestimmter Gruppen -, dann geschieht es meistens auf Kosten des Monotheismus oder der massgeblichen Orientierung an Jesus Christus. Nichts desto weniger bleibt die Fülle der Engelvorstellungen ein Schatz an spirituellen Symbolen, wie besonders die Kunstgeschichte eindrücklich erweist. Engelfiguren manifestieren etwas vom Reichtum und von der Fülle der Gegenwart Gottes in der Welt. Es wird von so manchen Begegnungen mit dem Heiligen berichtet, in denen man die sanfte Berührung durch einen Engelflügel zu spüren glaubte.

Ein altes jüdisches Sprichwort sagt, dass man erst dann weiss, ob man einem Engel ins Gesicht gesehen hat, wenn er wieder gegangen ist.

Schalom Benchorin


Ganz besonders dicht werden die Interaktionen zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen in Erfahrungen, wo Menschen einem gar erst im Nachhinein als engelgleich vorkommen. Es gibt Momente im Leben, wo jemand zur rechten Zeit am rechten Ort erscheint, um dann wieder zu verschwinden. Womöglich sind wir modernen Zeitgenossen gut beraten, Engelphänomene auf dieser Linie zu "entmythologisieren". Es wären dann ganz einfach Menschen, die für andere Menschen unter besonderen Umständen zu "Engeln" werden können. Vielleicht erlaubt uns aber die vielbesungene Postmoderne auch einen neuen spirituellen Zugang zur Engelwelt: Nicht von ungefähr haben ja frühere Zeiten etwa von guten Schutzengeln gesprochen, die über den Wegen der Sterblichen wachen. An den alten Geschichten, die über wunderbare Erscheinungen von Gottesboten zu berichten wissen, könnte doch mehr sein, als der kritische Verstand uns zunächst zugestehen möchte.

Sagt mir doch nicht
es gäbe keine Engel mehr
Wenn ihr die Liebe gekannt habt
Ihre rosigen Flügelspitzen
Ihre eherne Strenge.

Marie Luise Kaschnitz


Und schliesslich ist da die Liebe. Wer möchte bestreiten, dass in ihr eine eigentümliche Kraft, die zwischen Himmel und Erde (oder sogar: zwischen Paradies und Hölle!) waltet, am Werk ist. Man möchte fast zum Dichter oder Maler werden, lachen doch den Liebenden Tausende von Engeln!


Walter Benjamin und sein Engel

So anmutig, reizvoll und verspielt der fromme oder historische Umgang mit Engeln sein mag, wir wollen mit einem nachdenklicheren Ton schliessen. Es gibt einen unheimlichen Text von Walter Benjamin, der vom Engel der Geschichte handelt. Manche unter uns mögen seinen Flügelschlag Ende 1989 beim Fall der Berliner Mauer gespürt haben. In der jüngeren Geschichte gibt es allerdings dunklere Momente, wo sich mehr die Abwesenheit oder Hilflosigkeit dieses Engels in den Vordergrund schiebt. Es mag sinnvoll sein, sich am Ende unseres taumelnden Jahrhunderts diesen düsteren Aspekt zu vergegenwärtigen.

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen, und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.



Prof. Dr. Samuel Vollenweider
Biblisches Institut


Einführende Literatur:

  • Wolff, Uwe; Das grosse Buch der Engel, Freiburg 1994.
  • Serres, Michel; Die Legende der Engel, deutsche Übersetzung, Frankfurt 1995.


UNIPRESS - Heft 97

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Patricia Maragno
mailto: patricia.maragno@press.unibe.ch
Last update: 28.11.1998