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Leben und Sterben als Kriegsstrategie Gottes Tod, Wiedergeburt und Erlösung im Manichäismus Einst von den westlichen Ausläufern des Römischen Reichs bis nach China hinein verbreitet, heute dagegen ausserhalb hoch spezialisierter Forscherzirkel nur wenig bekannt, zählt der Manichäismus gleichzeitig zu den erfolgreichsten und am heftigsten bekämpften Konkurrenten des frühen Christentums sowie zu den diffizilsten Problemen der Religionsgeschichte. Die systematisch betriebene Ausrottung der «Religion des Lichts» durch das Christentum, den Islam, den iranischen Zoroastrismus und den chinesischen Konfuzianismus hat dazu geführt, dass die Forschung lange Zeit von den wenig verlässlichen Informationen abhängig war, die uns christliche und islamische Autoren der Spätantike und des Mittelalters hinterlassen haben. Seit der Wiederentdeckung manichäischer Originalquellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts können wir uns ein besseres Bild von den Lehrinhalten und den Verbreitungsgebieten dieser «verschollenen Weltreligion» machen. Die Vielfalt der Sprachen, in denen uns diese Textfunde überliefert sind [Griechisch, Koptisch, Mitteliranisch (Parthisch, Soghdisch), Alttürkisch (Uigurisch), Chinesisch und einige weitere], stellt eine zusätzliche Hürde dar, die die Manichäismusforschung auf einen kleinen Expertenkreis mit vergleichsweise geringer Breitenwirkung reduziert.
Seit Jahrhunderten lagen diese Texte verschüttet in den Ruinen ehemaliger oberägyptischer und zentralasiatischer Wüstenstädte. Ihr fragmentarischer Zustand lässt jedoch viele Fragen offen. Insbesondere die Entwicklung der zahlreichen Varianten manichäischer Lehren innerhalb verschiedener Texte und Textgruppen ist weitgehend ein Feld kontroverser quellenkritischer Spekulationen geblieben. Im folgenden muss ich derartige Fragen aus Platzgründen völlig ausser Acht lassen und kann lediglich eine allgemeine Skizze der manichäischen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod präsentieren.
Mani, der Bote des Lichts Der Manichäismus wird im allgemeinen als die jüngste und erfolgreichste Systembildung des sogenannten spätantiken Gnostizismus betrachtet, einer religiösen Strömung, die durch einen rigorosen Dualismus zwischen Materie und Geist/Seele sowie einer Negativwertung der Welt geprägt war. Mani, der Stifter des Manichäismus, wurde 216 n. Chr. in Babylon geboren. Die religiöse Landschaft Mesopotamiens dieser Zeit war von einem bunten Gemisch geprägt, in dem alte autochthone Kulte, iranische und griechisch-römische Religionen, Judentum und Christentum nebeneinander standen; buddhistische Lehren sind wahrscheinlich ebenfalls bekannt gewesen. In einer judenchristlichen Täufergruppe aufgewachsen, empfing Mani im Alter von 12 und 24 Jahren Offenbarungen seines «Himmlischen Zwillings», den er mit dem von Jesus verheissenen Heiligen Geist identifizierte. Nach der zweiten Offenbarung fühlte er sich zum «Apostel des Lichts» berufen und gründete eine eigenständige Religion. Mani setzte seine Lehre von Anfang an in Beziehung zu den ihn umgebenden Religionen. Er sah sich selbst als das «Siegel der Propheten», den berufenen Nachfolger des Buddha, Zarathustra, Moses und Jesus, der ein für alle mal die hinter allen Religionen verborgene Wahrheit verkündete.
Eine «Häresie» geht um die Welt Die neue Religion breitete sich rasch, aber unter zunehmendem Widerstand der alteingesessenen Religionen, nach Westen (um 300 Syrien, Nordarabien, Nordafrika, Palästina, Kleinasien, Armenien; um 400 Rom) und nach Osten aus. Im Osten wurde der Manichäismus nach einer Zeit der Verfolgung durch den iranischen Zoroastrismus in frühislamischer Zeit wieder geduldet, avancierte sogar teilweise zu einer Modereligion unter den Gebildeten. Seine eigentliche Blüte erfuhr er jedoch noch weiter östlich in Zentralasien (Seidenstrasse), wo er im 8. Jahrhundert zur Staatsreligion des (kurzlebigen) uigurischen Grossreiches erhoben wurde. In China lassen sich erste Spuren der Manichäer im Jahre 694 nachweisen.
Die Gründe für den grossen missionarischen Erfolg des Manichäismus sind bisher nicht vollends geklärt. Ein Faktor war sicherlich seine Anpassungsfähigkeit an lokale Gegebenheiten: Es gelang den Manichäern nämlich, ihre Lehre in der religiösen Sprach- und Symbolwelt der jeweiligen kulturellen Räume, in denen sie ansässig wurden, zu reformulieren, ohne dass der spezifische Gehalt ihrer religiösen Botschaft und ihre Identität dabei gänzlich verloren gingen. Gerade dieser Zug rückte den Manichäismus jedoch in eine «gefährliche Nähe» zu den etablierten Religionen vor Ort, die seine Lehre allzu häufig als ketzerische Imitation ihrer eigenen Anschauungen verstanden. Die Ausrottung des Manichäismus war im Westen bereits im 6. Jahrhundert weitgehend abgeschlossen. Im östlichen Zentralasien hatte er mindestens bis zum grossen Mongolensturm im 13. Jahrhundert Bestand. In China existierte eine kleine manichäische Minderheit anscheinend noch bis ins 17. Jahrhundert.
Anfang und Ende allen Lebens – Manichäische Erlösungslehre Die manichäischen Vorstellungen vom Schicksal des Menschen nach dem Tod sind untrennbar verbunden mit dem Schöpfungsmythos:
Lange vor der Erschaffung von Himmel und Erde existierten nebeneinander zwei von Ewigkeit her getrennte Prinzipien: das Reich des Lichts (das Gute/der Geist) und das Reich der Finsternis (das Böse/die Materie). Als die Finsternis eines Tages das Lichtreich entdeckt, erwacht in ihr die Begierde, das Licht zu verschlingen. Der Herrscher des Lichtreiches, der «Vater der Grösse» (Gott), erkennt jedoch die Gefahr und fasst einen Plan, wie er sie für immer beseitigen könne. In einem ersten Akt der Schöpfung erzeugt er den «Ersten Menschen», einen aus göttlichem Licht bestehenden Krieger, der zum Kampf gegen die Finsternis ausgeschickt wird. Auch der Fürst der Finsternis bringt Geschöpfe hervor, die dämonischen Archonten, die ihm im Kampf beistehen. Der Erste Mensch steigt hinab, bekämpft sie und – unterliegt. Verschlungen und betäubt von den finsteren Archonten, kann er aus eigener Kraft nicht mehr in das Reich des Lichts zurückkehren. Genau das aber war Gottes Plan, ein Bauernopfer im göttlichen Schachspiel. In einem zweiten Schöpfungsakt erschafft der Vater der Grösse nun weitere Lichtgestalten, die den Ersten Menschen befreien und in die göttliche Heimat zurückführen. Dabei muss er allerdings einen Teil seines Lichts zurücklassen, weil sich dieser bereits zu sehr mit der finsteren Materie vermischt hatte. Die Rettung der verlorenen Lichtteilchen ist der Zweck der nun folgenden Weltschöpfung und mithin der Sinn allen Lebens. Zunächst besiegen weitere Lichtgestalten die Archonten und machen aus ihnen den Himmel und die Erde. Dabei kann bereits ein kleiner Teil des verlorenen Lichtes zurückgewonnen werden, woraus Sonne, Mond und Sterne geformt werden. Um die übrigen Lichtteilchen zu befreien, beruft der Vater der Grösse eine weitere Gottheit, den «Dritten Gesandten». Der dritte und letzte Akt des Erlösungsdramas beginnt. In verführerischer Gestalt zeigt sich der Dritte Gesandte den inzwischen besiegten Archonten (Himmel und Erde), die daraufhin ejakulieren. Mit dem Samen wird der Rest des von ihnen verschlungenen Lichts ausgestossen. Der Samen fällt auf die Erde, wo der verschlagene Fürst der Finsternis daraus die Vegetation, die Tierwelt und schliesslich Adam und Eva formt.
Flora und Tier- und Menschenwelt sind somit Erzeugnisse der Finsternis, eine Kreuzung aus finsterer Materie und dem geraubten göttlichen Licht, das sie beseelt. Nun kommt die religiöse Offenbarung ins Spiel: Der Dritte Gesandte verkörpert sich regelmässig in Propheten, die die leidende Menschheit über den göttlichen Ursprung ihrer Seele aufklären. Bereits Adam wird von einer seiner Emanationen, «Jesus dem Glanz», zur Erkenntnis (gnosis) gebracht, indem letzterer ihm vom Baum der Erkenntnis zu essen gibt. (Man beachte die positive Umwertung der jüdisch-christlichen Paradiesgeschichte!) Adam wird aber anschliessend von Eva zur Geschlechtlichkeit verführt, wodurch sich die Seelenteilchen im daraus entstehenden Menschengeschlecht verteilen und von Generation zu Generation weitergequält werden. Der letzte und vollkommenste Offenbarungsbringer ist Mani selbst. Er lehrt seine Anhänger, durch eine reine Lebensführung und asketische Praktiken ihre Lichtseele aus dem Gefängnis des Körpers zu befreien und ins Lichtreich zurückzuführen.
Die Welt ist somit in manichäischer Deutung eine «spirituelle Destillations-Apparatur» mit der Aufgabe, die verlorenen Teile Gottes aus der Materie herauszufiltern. Die Finsternis/Materie hingegen, vergiftet durch die lange Verschmelzung mit dem Licht, wird letztlich ihre selbständige Lebensfähigkeit verlieren und auf ewig besiegt zurückgelassen werden.
Die drei Schicksale der Seele nach dem Tod Der Manichäismus teilt die Menschen in drei Kategorien ein: die manichäischen Auserwählten (electi), die Laienanhänger (auditores, wörtl. «Hörer») und die Sünder. Nach dem Tod eines Menschen entscheidet der Reinheitsgrad seiner Seele über ihr weiteres Schicksal. In einigen Texten erscheint das Motiv, dass die Seele auf einer Waage gewogen wird. Die Manichäer haben dieses Motiv vermutlich aus dem Zoroastrismus übernommen, eine ähnliche Form des Jenseitsgerichts ist aber bereits in der ägyptischen Totenliteratur belegt (siehe «Das Fest nach dem Gericht – Tod und Jenseits im Alten Ägypten»). a) Das Schicksal der Auserwählten b) Das Schicksal der Laienanhänger c) Das Schicksal der Sünder
Die Erlösung der Wassermelonen Der Tod eines Auserwählten ist nicht der einzige Weg, das Licht aus der Umklammerung der Materie zu befreien. Lichtteilchen befinden sich ja auch in der Pflanzenwelt und ebenso im Wasser. Besonders wasserhaltige Pflanzen wie Melonen und Gurken gelten als hochgradig lichtreich. Die Wassermelone gehört zu den wenigen Nahrungsmitteln, die ein manichäischer Auserwählter zu sich nehmen darf. Während beim gewöhnlichen Lebewesen das Essen von Nahrung als Schädigung des in ihr enthaltenen Lichts und mithin als sündhaft angesehen wird, führt die Nahrungsaufnahme durch einen Auserwählten zur Erlösung der genossenen Lichtteilchen. Diese steigen ebenfalls durch die Gestirne zur Lichtwelt auf. Augustinus schreibt mit boshafter Ironie, die manichäischen Auserwählten schickten erlöste Seelenteilchen auf den Weg zu Gott, wenn sie rülpsten.
Das Ende der Welt und der göttliche Kollateralschaden Die Aktivität der Boten des Lichts bewirkt also eine schrittweise Erlösung der leidenden Lichtseele. Wenn dieser Prozess ein bestimmtes Stadium erreicht hat, erfolgt das Weltgericht. «Jesus der Glanz» wird erscheinen und die verbleibende Menschheit in gut und böse aufteilen. Die Seelen der Guten werden sofort in die Lichtwelt zurückgeführt. Dann erfolgt das Weltende. In einem riesigen, 1468 Jahre dauernden Weltenbrand werden die Seelen der Sünder qualvoll geläutert, wodurch der letzte Rest des noch rettbaren Lichts aus der Materie herausdestilliert wird. Die zurückbleibende Finsternis aber wird für alle Zeiten in Ketten gelegt. Damit ist der Zweck des Kosmos und der Weltgeschichte erfüllt. Licht und Finsternis sind wieder getrennt – diesmal auf ewig.
Ein gewisser Teil des Lichts kann jedoch auch durch den Weltenbrand nicht aus der Umklammerung der Finsternis gelöst werden. Er wird auf ewig in der besiegten Finsternis verbleiben. Gott wird siegen, aber einen Preis bezahlen.
Schluss Die äusserst komplexe Mythologie des Manichäismus bedient sich – offenbar sehr bewusst – zahlreicher Elemente anderer Religionen, die in neuer (Be)Deutung in sein System eingebunden werden. In den Vorstellungen vom Leben nach dem Tod haben wir mindestens drei verschiedene Einflüsse ausmachen können. Zoroastrische Motive von einem Jenseitsgericht der individuellen Seele verbinden sich mit (möglicherweise indisch beeinflussten) Seelenwanderungslehren und werden zusammen mit stark christlich gefärbten apokalyptischen Vorstellungen zu einem mehr oder minder kongruenten System der kollektiven Erlösung vereint.
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