114 Oktober 2002

Das Mittelalter

UNIPRESS - Heft 114 - Impressum

Das Riesenreich im Osten

Pax Mongolica


Das mongolische Weltreich verband im 13. und 14. Jahrhundert Europa und Asien miteinander. Politische Stabilität, ein funktionierendes Post- und Kurierwesen, offene Handelswege sowie die religiöse Toleranz der mongolischen Herrscher ermöglichten kulturellen Austausch und Handelsbeziehungen.

Es mag zunächst erstaunen, in einem dem europäischem Mittelalter gewidmeten Themenheft einen Beitrag zu den Mongolen, einem zentralasiatischen Nomadenvolk, zu finden. Was haben die Mongolen mit unserem Mittelalter zu tun? Die Antwort ist einfach: die Mongolen gestalteten im 13./14. Jahrhundert die politi-schen, ökonomischen und auch kulturgeschichtlichen Gegebenheiten Europas mit. So wie in der Neuzeit Asien und Europa keineswegs zwei in sich geschlossene Kulturräume darstellen, so bildete im euro-päischen Mittelalter das mongolische Weltreich mit Europa einen gemeinsamen Kulturraum. Eine Geschichte Europas im 13./14. Jahrhundert, die ohne die Einbeziehung der Geschichte des mongolischen Weltreichs und seiner in der Folgezeit entstandenen Teilreiche geschrieben wird, bleibt ein Torso und in zahlreichen kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Aspekten unverständlich. Pax Mongolica – der Titel weckt Assoziationen zur Pax Romana. Und in der Tat stellte auch das mongolische Weltreich ein übernationales Imperium dar, das in wesentlichen Aspekten von einheitlichen Grundsätzen getragen wurde. Im Folgenden sollen die Entstehung dieses riesigen Reichs sowie seine kulturgeschichtliche Bedeutung für das mittelalterliche Europa im 13. und 14. Jahrhundert geschildert werden.

Die Entstehung des mongolischen Weltreichs

Die Geschichte der Mongolen als Volk ist mit dem Namen Chinggis Khans verbunden, der nicht nur die einzelnen Klans der «Monggol» zu einer Föderation zusammenschloss, sondern auch eine Reihe anderer mongolischer und türkischer Stammesgruppen durch sein Charisma an sich zu binden verstand. Temüdschin, der spätere Chinggis Khan, wurde in den sechziger Jahren des 12. Jahrhunderts im Klan der Bordschigid geboren. Nach einer entbehrungsreichen Kindheit und Jugend gelang es ihm, sich die benachbarten turkmongolischen Stämme zu unterwerfen.

Abb. 1: Chinggis Khan. (Mongolia. The Legacy of Chinggis Khan, S. 26)

Auf einem Quriltai, einer Versammlung der Stammesfürsten der verschiedenen Steppenstämme, im Jahre 1206 wurde er zu ihrem Herrscher erhoben, die neunschwänzige Standarte als sichtbares Symbol seiner Herrschermacht wurde aufgepflanzt und der Titel Chinggis Khan wurde ihm verliehen. In den folgenden drei Jahren reorganisierte er die soziale Ordnung der nun «Monggol» genannten Stammesverbände, indem er die bisherige, an Deszendenzlinien orientierte Sozialstruktur zugunsten einer politisch-militärischen Ordnung ersetzte, die in Zehntausendschaften untergliedert war. Führungsposi-tionen wurden allein nach Verdienst und Leistung vergeben. Die neue Sozialstruktur erwies sich als ausserordentlich flexibel und ermöglichte es, immer neue Völker dem mongolischen Reich einzugliedern.

Nach Feldzügen gegen die Tanguten und das chinesische Chin-Reich wandte sich Chinggis Khan 1218 nach Westen und eroberte das Reich der Kara-Kitai, dann Buchara und Samarkand, Balch und Chorasan. 1223 schlugen die mongolischen Truppen ein vereinigtes Heer von Kumanen und Russen an der Kalka und stiessen bis zum Dnjepr vor. 1227, im Todesjahr Chinggis Khans, war aus dem mongolischen Steppenimperium ein Weltreich bisher nicht bekannten Aussmasses geworden, das unter Chinggis Khans Sohn und Nachfolger Ögedei stabilisiert und noch weiter ausgedehnt wurde.

Abb. 2: Feldzüge des Chinggis Khan und seiner Nachfolger. (Die Mongolen und ihr Weltreich, S. 46–47)

Die Herrschaft Ögedei Khagans

Ögedei Khagan setzte die Eroberungspolitik seines Vaters mit einem Feldzug gegen das Chin-Reich fort, das 1234 endgültig be-siegt wurde. 1237 fielen die mongolischen Heere in Osteuropa ein und eroberten Rjazan, Kolomna und Moskau. 1238 fielen die Städte Wladimir, Twer und Rostow, 1240 wurde die «Mutter der russischen Städte», Kiew, eingenommen. Die Mongolen waren nun zu einer akuten Bedrohung Europas geworden. Nach dem Sieg über ein polnisches Heer bei Krakau drangen die Mongolen ins Odertal vor, zerstörten Breslau und brachten schliesslich am 9. April 1241 dem deutschen Ritterheer bei Liegnitz eine vernichtende Niederlage bei. Zur gleichen Zeit rückten mongolische Truppen gegen Buda, die ungarische Hauptstadt, vor und schlugen am 11. April 1241 das ungarische Heer. Aber plötzlich zogen die mongolischen Truppen ab: Ögedei Khagan war in der Mongolei gestorben, und die mongolischen Fürsten und Befehlshaber wurden unverzüglich nach Karakorum zu einem Quriltai einberufen, um die Nachfolge zu regeln. Europa verdankte seine Rettung vor den Mongolen einem Zufall.

Grundlagen der Pax Mongolica

Ögedei Khagan zeichnete sich nicht nur als Feldherr aus, sondern er legte auch den Grundstein für die «Pax Mongolica». Nach der Geheimen Geschichte der Mongolen aus dem Jahre 1241 schreibt sich Ögedei selbst vier Leistungen zu, von denen die zweite von besonderer Bedeutung ist: «Meine zweite Leistung ist, dass ich Poststellen errichtet habe für den dazwischen laufenden Eilverkehr unserer Kuriere und für die Beförderung meiner wichtigen Amtssachen.»

Das von ihm eingerichtete Postwesen und der Kurierverkehr führten dazu, dass das Mongolenimperium über Nachrichten- und Reiseverbindungen verfügte, wie sie bis dahin noch nicht existiert hatten. Durch das dichte Netz von Pferdewechselstationen konnten Reisende pro Tag 100 Meilen zurücklegen. Spezialkuriere des Khans brachten es durch siebenfachen Pferdewechsel sogar auf 200 Meilen pro Tag. Als «Passierschein» im gesamten mongolischen Herrschaftsbereich diente den Reisenden der paiza, eine vom Khan legitimierte Erkennungsmarke.

Abb. 3: Paiza in Phags-pa-Schrift, spätes 13. Jh.
(Mongolia. The Legacy of Chinggis Khan, S. 32, Abb. 5)

Unter Ögedei Khagan wurde schon 1229/1230 ein einheitliches Steuerwesen im mongolischen Reich etabliert. Zwecks Festlegung der Steuerabgaben liess er 1235 den ersten Zensus in den mongolischen Gebieten Nordchinas durchführen. Für die Einrichtung der ersten Staatskanzlei im Herbst 1231 nutzte Ögedei geschickt die administrativen Kenntnisse der ihm unterworfenen Völker. Das Kanzleiwesen wies im ganzen Reich ein hohes Mass an Verbindlichkeit auf, wie vielfach belegt ist durch die in chinesischer, türkischer, persischer, tibetischer und altrussischer Sprache überlieferten mongolischen Herrscherurkunden. 1234 erliess Ögedei eine Reihe von Zivil- und Militärgesetzen, die im ganzen Reich Gültigkeit hatten, und 1236 befahl er den Druck von Papiergeld und dessen Umlauf. Mit diesen Massnahmen schuf er die Basis für die politische Stabilität des mongolischen Imperiums und ebnete den Weg für die transkontinentalen Kultur- und Handelsbeziehungen.

So wurde es möglich, dass asiatische Gewürze und Seidenstoffe nach Venedig und Genua, Murano-Glas und mechanische Uhren nach China gelangten. Über die politischen und administrativen Gegebenheiten hinaus, spielte die bemerkenswerte religiöse Toleranz der Mongolen eine wichtige Rolle für den kulturellen Austausch. Sie war allerdings an die Bedingung geknüpft, dass der Klerus der verschiedenen Religionen seine Dienste stets dem Herrscherhaus zur Verfügung stellte, wie aus vielen der Steuerbefreiungserlasse hervorgeht, die den Vertretern der einzelnen Religionen gewährt wurden.

Eine gemeinsame mittelalterliche Welt: Europa und Asien

1245 schickte Papst Innozenz IV. eine Gesandtschaft zu den Mongolen. Ihm ging es vor allem darum, die Mongolen als Verbündete gegen die Muslime zu gewinnen und mit ihrer Hilfe die heiligen Stätten in Jerusalem zu befreien. Der Franziskaner Plano Carpini überbrachte ein entsprechendes Schreiben dem neu gewählten Güyük Khagan in Karakorum. Das Antwortschreiben, in einer in arabischer Schrift geschriebenen persischen Fassung überliefert und mit dem Siegel des Güyük Khagan versehen, etablierte den mongolischen Anspruch auf Weltherrschaft. Erst jetzt ahnten die Westeuropäer die politische Bedeutung des neu entstandenen Mongolenreiches.

Abb. 4: Ausschnitt des Schreibens Güyük Khagan an Papst Innozenz IV.
(Plano Carpini, Kunde von den Mongolen, Farbtafel 22)

Nach dieser ersten offiziellen Gesandtschaft wurden die diplomatischen Kontakte und die Handelsbeziehungen zwischen Europäern und Mongolen ausgebaut. Die in den unbekannten Weiten Asiens liegende Mongolei, die zuerst nur Stoff für Mythen hergab, wandelte sich schnell zu einem Reich, das in vielem den europäischen Christen vertraut war. Durch die Missionare und Kaufleute, die in dem riesigen mongolischen Reich unterwegs waren, kam es zu einem vorher nie dagewesenen Informationsfluss über bisher unbekannte Gebiete und Völker. In den mittelalterlichen Berichten können wir das Erstaunen über fremde Bräuche und religiöse Traditionen, die immer an den eigenen christlichen Paradigmen gemessen werden, und über die Prunkentfaltung am Hof der mongolischen Herrscher herauslesen. Trotz der Betonung der kulturellen Differenzen wird vor allem in dem Bericht des Guilelmus de Rubruc deutlich, dass über einen gemeinsamen kulturellen Raum gesprochen wird, der über die Konstante der Sesshaftigkeit definiert wird. Die Mongolen galten so lange als die vollkommen Fremden, wie sie als nomadische Reiterkrieger erlebt wurden, in Rubrucs Worten: «Nirgends haben sie eine feste Niederlassung, keine bleibende Stadt, noch wissen sie vorher ihren nächsten Aufenthaltsort.» In dem Augenblick jedoch, in dem die Reisenden in der Hauptstadt Karakorum eintrafen, begegneten sie inmitten einer für sie unberechenbaren, nicht lokalisierbaren Welt einem festen Ort. Die Erfahrung von Karakorum als städtischer Mittelpunkt des mongolischen Weltreichs veränderte die europäische Wahrnehmung der Mongolen und transformierte sie zu einem Volk, dem ebenfalls Kultur, wenn auch eine fremde und andere, eignete.

Karakorum, eine mittelalterliche Metropole

Karakorum, die 1220 gegründete Hauptstadt des mongolischen Weltreichs – rund 370 km südwestlich des heutigen Ulaanbaatar gelegen –, stellte im 13. Jahrhundert eines der wichtigsten Machtzentren der mittelalterlichen Welt dar. Hier traf man auf russische Goldschmiede, deutsche Bergleute, uigurische Kanzleibeamte und armenische Händler. Der französische Bildhauer und Architekt Guillaume Boucher konstruierte für Möngke Khagan einen goldenen Baum, der schlangenartige Äste besass, welche unter Musikbegleitung die vom Khagan gewünschten Getränke spendeten. Dieses Wunderwerk versetzte noch den venezianischen Kaufmann Marco Polo in Erstaunen. Karakorum war eine multinationale und multireligiöse Stadt, sie besass ein muslimisches Viertel mit zwei Moscheen, eine nestorianische Kirche, deren Innenausstattung ebenfalls von Boucher gestaltet worden war, und eine Reihe tibetisch-buddhistischer Tempel, in Rubrucs Worten «Götzentempel». Die Stadt wurde um 1235 ausgebaut, mit einem Wall umgeben, und ein Palast, dessen Dach mit Löwendrachen als Verzierung gekrönt war, wurde nach den Plänen eines chinesischen Baumeisters errichtet. Der Palast wird seit kurzem in einem gemeinsamen Projekt der mongolischen Akademie der Wissenschaften und des Deutschen Archäologischen Instituts sowie des Instituts für Vor- und Frühgeschichte der Universität Bonn (D) ausgegraben und rekonstruiert.

Abb. 5: Antonio Pisanello (etwa 1395–1450/55): Tatarischer Krieger. Ausschnitt aus dem Fresko San Giorgio e la Principessa (Chiesa di Sant`Anastasia, Verona).
(Heisig, Müller (Hrsg.), Die Mongolen, Bd. 2, S. 62)

Karakorum, während der Yuan-Dynastie zugunsten von Dayidu, dem heutigen Beijing, von den mongolischen Herrschern aufgegeben, wurde nach 1368 wieder zur mongolischen Hauptstadt. Kurze Zeit später, 1380, zerstörten chinesische Truppen in einer Strafexpedition die Stadt.

Abb. 6: Steinerne Schildkröte, zur einstigen Palastanlage von Karakorum gehörend.
(Die Mongolen und ihr Weltreich, S. 184)

Nach dem Zusammenbruch der mongolischen Yuan-Dynastie fielen die durch die Mongolen etablierten transkontinentalen Kultur- und Handelsbeziehungen bald der Vergessenheit anheim. Die Verbindungen zwischen Asien und Europa brachen ab, Innerasien wurde zu einem unbekannten, öden Raum, die Mongolen zu einem geschichtslosen, wilden Volk, zum Inbegriff des «Barbaren». Auch heute wird das Bild der Mongolen als eines in einem Urzustand elementarer Wildheit verharrenden Volkes fortgeschrieben, während die kulturelle Bedeutung der Mongolen und ihres Weltreiches für das europäische Abendland fast unbekannt ist. Vielleicht vermag die Wiederentdeckung von Karakorum, einer der bedeutendsten Metropolen der mittelalterlichen Welt, den Europäern einen vergessenen Teil ihrer eigenen Vergangenheit wieder in Erinnerung zu rufen.

Prof. Dr. Karénina Kollmar-Paulenz
Institut für Religionswissenschaft


UNIPRESS - Heft 114

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
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Last update: 12.11.2002