114 Oktober 2002

Das Mittelalter

UNIPRESS - Heft 114 - Impressum

Der Dagulf-Psalter und das kirchenpolitische Umfeld seiner Entstehung

Der König als Priester


Der Austausch von Geschenken gehört zum Protokoll politischer Diplomatie. Dies war auch im Mittelalter nicht anders. Würde ein Staatspräsident heute allerdings dem Papst eine Bibel schenken, wäre das Erstaunen wohl gross. Genau dies jedoch plante Karl der Grosse. Er beabsichtigte, Papst Hadrian I. den am Aachener Hof fertiggestellten Dagulf-Psalter anlässlich der Frankfurter Synode von 794 zu übergeben. Weshalb damit trotzdem keine Eulen nach Rom getragen worden wären, lässt sich mit einem genaueren Blick in die Handschrift nachweisen.

Der «Goldene Psalter», wie der Dagulf-Psalter1 wegen der für die gesamte Handschrift verwendeten Goldfarbe auch genannt wird, ist ein Bild- und Schriftzeugnis für das Bemühen um die Bewahrung des reinen Prophetenwortes. Nach Meinung der mittelalterlichen Theologen soll der Mensch am Wort Gottes, dem seiner Propheten oder Evangelisten, da als Offenbarung gleichsam in Stein gehauen, nicht kritzeln. Der Mensch darf nur, ja er muss sogar, die «Ablagerungen» fälschlicher Überlieferungen entfernen.

Kunstvoller Einband aus Elfenbein

Der als Geschenk an den Papst gedachte Dagulf-Psalter wurde von Hoftheologen Karls des Grossen unter der Leitung des Iren Alkuin zusammengestellt. Die Redaktoren signalisieren bereits mit dem Elfenbein-Einband, dass sie eine originalgetreue Abschrift der Psalmen Davids vorlegen wollen. Die Vorderseite der kunstvoll gefertigten Tafeln zeigt auf der oberen Bildhälfte, wie David vier Schreiber mit grosser Geste beauftragt, seine Gesänge gleichsam «live» mitzuschreiben, und unten, wie dieser Auftrag ausgeführt wird (Abb. 1, linke Tafel). Auf der Rückseite des Einbands wird Hieronymus von einem Boten des Papstes beauftragt, den in der Zwischenzeit nicht mehr originalen, sondern korrumpierten Psalmentext zu redigieren. Im unteren Bildfeld diktiert Hieronymus seinen verbesserten Text einem Schreiber (Abb. 1, rechte Tafel).

Abb. 1: Der Einband des Dagulf-Psalters aus Elfenbein.

Geschenk für den Papst

Auf einem Einzelblatt, noch vor den Vorreden und dem eigentlichen Psalmentext eingebunden, finden sich zwei Widmungsgedichte. Dank dem ersten Widmungsgedicht (siehe Kasten «Erstes Widmungsgedicht» und Abb. 2 ) weiss man, dass Karl der Grosse das schmuckvolle Bändchen Papst Hadrian I. schenken wollte. Es blieb allerdings bei der Absicht. Der Papst hat die Gabe vor seinem Tode am ersten Weihnachtstag 795 wohl nicht mehr erhalten.

Abb. 2: Erstes Widmungsgedicht.

Weshalb jedoch beabsichtigt ein weltlicher Herrscher, dem geistlichen Oberhaupt eine Psalmenhandschrift zu schenken? Das Werk des Schreibers Dagulf ist wahrscheinlich eine Verdankung der zahlreichen Handschriften, welche Hadrian I. ins Frankenreich geschickt hatte. Indem der Papst die Buchwünsche des Königs erfüllte und sowohl kirchenpolitisch als auch pastoral bedeutsame Texte als Dauerleihgabe freigab, ermöglichte er diesem, weit-greifende liturgische Reformen einzuleiten. Bekanntestes Beispiel dieser Reformen ist die im Namen Karls an den fränkischen Klerus gerichtete Mahnschrift mit dem Titel Admonitio generalis von 789. Darin fordert er, «dass jedes Kloster darum bemüht sein soll, mit grösster Sorgfalt den Wortlaut der Psalmen authentisch wiederzugeben und, wenn notwendig, von den besten Theologen und Schreibern originalgetreue Abschriften der Psalmen anfertigen zu lassen».

Gegen die byzantinische Bilderverehrung

Der Dagulf-Psalter könnte folglich auch ein Schriftbeweis für die erfolgreich durchgeführte Verbreitung orthodoxer Schrifttradition sein und den Absender vor dem Papst als Hüter der Rechtgläubigkeit erscheinen lassen. Dies ist um so naheliegender, als der König genau in jenen Jahren mit beinahe schon päpstlichem Eifer an zwei Fronten als Verteidiger der katholischen Lehre auftrat: Auf der Synode von Frankfurt 794 kämpfte Karl der Grosse einerseits gegen die byzantinische Bilderverehrung und andererseits gegen die spanische Irrlehre des Adoptianismus2. Der Dagulf-Psalter ist nicht nur ein Beweis vom treuen Schaffen, er trägt auch explizite Spuren dieser beiden Streitsachen. Die kritische Position Karls gegenüber der Bilderverehrung wird mitbestimmend für die Ausstattung des Psalters gewesen sein: Auf Miniaturen wurde ganz verzichtet. Der für eine Prachthandschrift typische Buchschmuck findet sich nur in der Form von Schmuckinitialen (Abb. 3). Die traditionellerweise als Miniaturen in die Handschriften eingebundenen Autorbilder oder Christusdarstellungen fehlen. Ihre Funktion übernimmt der Elfenbein-Einband.

Abb. 3: Eine Zierseite aus dem Psalter.

Gegen die spanische Irrlehre

Die fränkische Haltung gegenüber dem spanischen Adoptianismus bezeugen die fünf Glaubensbekenntnisse in den Vorre-den. Es ist zwar üblich, dass am Ende einer mittelalterlichen Psalterhandschrift das Apostolische Taufbekenntnis angeführt wird. Ganz und gar ungewöhnlich allerdings ist es, fünf unterschiedliche Glaubensbekenntnisse in die Vorreden mitaufzunehmen, so wie dies die Redaktoren der Vorreden des Dagulf Psalters machten. Dieser Bruch mit der Tradition hätte mit Bestimmtheit auch den Papst irritiert. Rom liess keine Gelegenheit aus, die fränkischen Theologen darauf hinzuweisen, dass neben dem Altrömischen Bekenntnis aus dem zweiten Jahrhundert keine neuen Bekenntnisse mehr aufgestellt werden sollten. Auch gegen die zeitgleich mit der Anfertigung des Psalters vorgenommene Aufnahme des Glaubensbekenntnisses in die fränkische Liturgie wehrte sich der Klerus Roms. Seine Argumentation war so entschieden wie entwaffnend: «Die römische Kirche hat sich niemals mit dem Bodensatz einer Irrlehre befleckt, sondern ist in der Reinheit des katholischen Glaubens entsprechend der Lehre des Petrus unerschütterlich geblieben, weshalb es diejenigen nötiger haben, das Bekenntnis zu singen, welche sich von einer Ketzerei beschmutzen liessen.»

Die Kirche des Frankenreichs jedoch musste sich von diesem Vorwurf nun wirklich nicht betroffen fühlen. Gerade in den Grenzregionen zu Spanien wurde mit Vehemenz und auch Erfolg ein Herüberschwappen des spanischen Irrglaubens bekämpft. In den Augen des fränkischen Klerus’ war das Singen des Glaubensbekenntnisses eng verbunden mit der Verteidigung der Rechtgläubigkeit. So schreibt der Abt des Klosters Reichenau: «Unter den Galliern und Germanen begann das Bekenntnis in den Abendmahlsfeiern häufiger rezitiert zu werden nach der Absetzung des adoptianistischen Ketzers Felix, der in der Regierungszeit Karls verurteilt wurde». Für die Franken war das Singen des Glaubensbekenntnisses gerade nicht ein Zeichen fehlender Glaubensstärke, sondern Verteidigung und Vergewisserung der eigenen Rechtgläubigkeit. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb die Aachener Hoftheologen gleich fünf Versionen des Glaubensbekenntnisses in die Vorreden des Dagulf-Psalters aufnahmen. Weil die Irrlehren immer wieder andere sind, müssen auch stets neue Be-kenntnisse formuliert werden.

Hüter der reinen Lehre

Die fünf Glaubensbekenntnisse integrieren Karl in die lange Geschichte der kirchlichen Streitfragen, womit sein Agieren in kirchlichen Angelegenheiten auch legitimiert wird. Diese Legitimierung gegenüber dem geistlichen Oberhaupt ist deshalb notwendig geworden, weil Karl der Grosse in der Bilderfrage eine vom Papst abweichende Position bezog und in der Frage des Adoptianismus immer wieder am Papst vorbei direkt mit den Spaniern verhandelte.

Die Reihe der Bekenntnisse beginnt mit einer auf dem 1. Konzil von Nikäa (325) gebilligten Formel. Sie bildet gleichsam die Folie, durch die hindurch die Zusätze der folgenden Bekenntnisse ersichtlich werden. Gleich wie die Mehrzahl der übrigen Formeln trägt auch das Nizänische Bekenntnis die Spur seiner Entstehung im Kampf gegen den Irrglauben: Jene welche die Göttlichkeit Jesu weiterhin leugneten, würde «die katholische Kirche mit dem Bannfluch» belegen, wird am Schluss gedroht. Die drei folgenden Bekenntnisse unterstreichen die Göttlichkeit der trinitarischen Personen. Die fünfte Glaubensformel ist mit sieben Seiten die längste Fassung. Sie nennt den Schlüsselbegriff im Adoptianismus-Streit: «Wir glauben an Jesus Christus, Gottes einziggeborener Sohn, der nicht adoptiert wurde, sondern wahrhaftig geboren und wesensgleich mit dem Vater ist.»

Indem Karl der Grosse im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Frankfurter Synode gedenkt, den Dagulf-Psalter Papst Hadrian I. zu schenken, wird eine nicht ganz selbstlose Absicht offenbar: Karl will sich vor dem Nachfolger Petri als «Defensor», als Verteidiger des rechten Glaubens präsentieren und damit die Einlösung jener Verpflichtung signalisieren, welche in den päpstlichen Briefen mit dem Zusatz «Defensor Ecclesiae» zum offiziellen Titel Karls wiederholt ausgesprochen wurde.

Der neue David

Der Dagulf-Psalter ist aber ebenso eine bild-textliche Darstellung einer weiteren Betitelung Karls, die sich auch genau für besagte Jahre am Aachener Hof ein erstes Mal nachweisen lässt und die in der Folge beinahe inflationäre Verwendung fand: die Bezeichnung Karls als «novus David». Im zweiten Widmungsgedicht vergleicht der Schreiber Dagulf Karl den Grossen mit David. Seine Widmung schliesst mit einem Segenswunsch: «Möge Dein Szepter mit vielen Siegen geschmückt werden/und Du selbst dem Chor Davids beigesellt!» Die Beziehung zwischen David und Christus wird im ersten Widmungsgedicht ausgeführt: «Dieses Saiteninstrument, Christus, lässt Deine erhabenen Wunder erklingen,/ Du, der Du den Schlüssel Davids, sein Reich und sein Haus besitzst».

Auf der Bildebene des Elfenbein-Einbands ist dieser Bezug geschaffen über das Lamm Gottes, welches in die Zierleiste über dem auf einem Thron psalmierenden David eingelassen ist. Der Dreischritt von David zu Christus und von David zu Karl, mithin also die Herrschaft legitimierende heilsgeschichtliche Anbindung des Frankenkönigs an die biblische Zeit, ist Bild- und Textprogramm des Psalters. Wie eng der Zusammenhang zwischen der Bezeichnung Karls mit David und der Verteidigung der Rechtgläubigkeit ist, zeigt der erste Beleg überhaupt für diesen Vergleich. Er findet sich in einem die Streitfrage des Adoptianismus behandelnden Brief Alkuins aus dem Jahre 794:

«Selig schätzen kann sich jenes Volk, das einen ebenso hervorragenden Lenker (rector) wie begnadeten Prediger (praedicator) hat; einen Herrscher, der in seiner Rechten das siegreiche Schwert der Macht führt, in seiner Linken aber das klingende Horn der katholischen Verkündigung. Genau auf diese Weise hat einst der Psalmensänger David, von Gott erwählt und von Gott geliebt, das Volk Israel geführt. Von seinen Nachfahren und der jungfräulichen Maria wurde Christus geboren. Es ist dieser Christus, der seinem Volk nun in der heutigen Zeit einen Herrscher – nämlich Karl – schenkt, der nicht nur den Namen, sondern auch die Macht und den Glauben Davids hat.»

Wird Karl am Aachener Hof mit David angesprochen, so trägt der Frankenregent damit nicht nur den Namen des alttestamentlichen Königs, sondern er verkörpert auch dessen ideale Herrschaftsform, welche in der Verbindung von weltlicher und geistlicher Macht besteht und in der Formel «rector et praedicator» zum Ausdruck kommt. Als König und Priester wird auch David auf dem Elfenbein-Einband dargestellt: als thronender Psalmist. Statt der Herrscherinsignien hält er die Harfe, welche nach Hieronymus «wegen ihrer Schildform als die Kirche im Kampf gegen die Häresie ausgelegt werden kann».

Genau wie David mit seinem Psalmengesang den orthodoxen Glauben verkündet, tut Karl dies im Rahmen der Synoden. Der Dagulf-Psalter liest sich wie eine dem Papst vorgelegte Signatur dieses Dienstes am Glauben. Im letzten der fünf Glaubensbekenntnisse kommt die aktuelle Ausrichtung einer jahrhundertelangen Glaubensverkündigung und -verteidigung zum Ausdruck, welche mit David ihren Ursprung hat, in Christus ihre Offenbarung und Erfüllung, über die jeweils unterschiedlichen Bekenntnisse fortgeschrieben wurde und in Karl einen vorläufigen Abschluss findet. Die Anbindung Karls an diese Tradition gelingt nur auf der Basis einer Lehre von Christus, wie sie gegen den Adoptianismus verteidigt und im letzten Glaubensbekenntnis angezeigt wurde: Christus als Inkarnation der unversehrten Göttlichkeit im unversehrten Menschen. Nur so kann die genealogische Linie von David zu Christus als Erwählung Karls durch Christus fortgesetzt werden.

Karl der Grosse äussert in seinem Widmungsgedicht den Wunsch, der Papst möge seiner im Gebet gedenken, wenn er «das kleine Geschenk oft in den Händen» hält. Wichtiger wohl als die päpst-liche Fürbitte war dem König jedoch, dass das geistliche Oberhaupt sich anhand des Psalters seiner Verdienste um die Sache der Kirche bewusst wurde. In dieser Hinsicht war grosses diplomatisches Geschick wahrlich vonnöten und dabei waren prachtvolle Geschenke sicherlich förderlich. Immerhin ist es traditionellerweise die Aufgabe des Papstes, sich als Hüter der Rechtgläubigkeit zu beweisen. In einer Zeit jedoch, in welcher der Papst sich oft genug ausgesprochen weltlich gab und sogar, zum ersten Mal in der Papstgeschichte, Kriegszüge in eigenem Namen durchführte, konnte es schon vorkommen, dass der König als Priester auftrat.

Lic. phil. hist. Adrian Mettauer
Institut für Germanistik


Erstes Widmungsgedicht

Dem obersten Bischof und dem Heiligen Vater, Hadrian,
sage ich, König Karl: »Sei gegrüsst, Vater, es möge Dir wohl ergehen!”
Vorsteher des Apostolischen Stuhls, nimm dieses Geschenk an,
es ist zwar aussen von geringem Wert, innen jedoch ist es edel.
Es zeigt eine Harfe, die durch Davids Schlagstab erklingt
und es enthält süss klingende Gesänge zur Lyra.
Dieses Saiteninstrument, Christus, lässt Deine erhabenen Wunder erklingen,
Du, der Du den Schlüssel Davids, sein Reich und sein Haus besitzst.
Geheimnissvoll mit siebenfachem Siegel verschlossen wären diese Lieder geblieben,
hätte sie Christus als Gott nicht erschlossen.
Deshalb widme ich Euch dieses Geschenk, frommer Priester,
damit ich mich als Sohn in das Andenken meines Vaters bringen kann.
Und so denkt an mich in Euren heiligen und frommen Gebeten,
wenn Ihr dieses kleine Geschenk oft in den Händen haltet.
Auch wenn das Büchlein nur in mässigem Glanz schimmert, so mögen doch die erhabenen Lieder Davids Dir gefallen.
Möge mein Rinnsal von Eurem Strom aufgenommen werden
und unsere kleine Blume auf den Blumenhain gelangen.
Du sollst als Lenker auf lange Zeit hinaus gesund bleiben
und die Kirche Gottes mit der Kunst der dogmatischen Lehre leiten.


UNIPRESS - Heft 114

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
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Last update: 12.11.2002