108 April 2001
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UNIPRESS - Heft 108 - Impressum

Die Geschichte der Chocolat Tobler

Von der Berner Länggasse aus den Weltmarkt erobert

Die Gründung der Chocolat Tobler erfolgt in einer wirtschaftlich sehr aktiven Periode: Der Kanton Bern holt zwischen 1890 und 1914 die Industrielle Revolution nach. Die Modernisierungswelle verändert auch das Gesicht der Stadt Bern: Durch Hochbrücken und die ersten Tramlinien werden die Aussenquartiere erschlossen; es entstehen neben Tobler so bedeutende Industriebetriebe wie Wander, Winkler und Fallert (Wifag), Von Roll und Hasler. Dabei fällt auf, dass diese Betriebe von Zuzügern aus anderen Kantonen oder aus dem Ausland aufgebaut wurden. Die alteingesessene Berner Elite verspürt damals offenbar nur wenig industriellen Tatendrang.


Überdimensioniert und vor touristische Kulisse gerückt: Fabrikansicht in der Eigenwerbung (Blechplakat, 1910)
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et d’Histoire, Neuenburg)

Gründerzeit (1899–1914)
Auch Johann Jakob Tobler ist kein Berner, 1830 ist er in Lutzenberg (AR) geboren. Nach Lehr- und Wanderjahren in St. Gallen, Dresden und Paris kehrt der sich mittlerweile Jean nennende Tobler 1865 in die Schweiz zurück. In Bern übernimmt er 1868 eine kleine Confiserie Spéciale, die verschiedene Süsswaren herstellt und vertreibt. Besonders gefragt ist die zartschmelzende Schokolade des Berner Fabrikanten Rodolphe Lindt. Diese wird seit 1879 hergestellt und ist das innovativste Produkt auf dem damaligen Schokoladenmarkt. Tobler vertreibt sie gegen Provision und trifft auf eine reissende Nachfrage. Der etwas eigenwillige Lindt ist jedoch nicht bereit, die Produktionsmenge auszudehnen.

Als Toblers 18jähriger Sohn Theodor 1894 ins Geschäft einsteigt, regt er daher den Bau einer eigenen Schokoladefabrik an. 1899 nimmt die Fabrik den Betrieb auf; schon in kurzer Zeit sind ihre Kapazitäten jedoch zu klein. 1900 übergibt Jean Tobler das Unternehmen seinen Kindern. 1902 wird mit einem Aktienkapital von einer Million Franken die „Berner Chocoladen-Fabrik Tobler & Co. AG“ gegründet. Bis 1908 steigt das Aktienkapital auf 6 Mio., was nach heutigem Geldwert etwa 300 Millionen Franken entspricht. Trotz des vergleichsweise späten Einstiegs etabliert sich Tobler in kurzer Zeit im Schweizer Schokoladenmarkt. Dies verdankt die Firma ihren Qualitätsprodukten und einer zwischen kreativ und aggressiv anzusiedelnden Werbestrategie.

Das Unternehmen wächst auch durch gewagte übernahmen. 1905 erwirbt Tobler für 2,7 Mio. Franken die Turiner Schokoladefabrik Talmone, wodurch sich Toblers Umsatz mehr als verdoppelt. Hintergrund der übernahme ist eine Konzentrationswelle in der Schokoladebranche. In Lugano kauft Tobler 1907 für 1,9 Mio. eine dritte Schokoladefabrik (Compagnie Suisse). Nach der stürmischen Investitionsphase folgt 1908/09 eine Absatzflaute. Die vergrösserten Fabriken sind schlecht ausgelastet und arbeiten unrentabel. Bei der ersten Sanierung von 1912 werden 2,4 Millionen oder 40% des Aktienkapitals abgeschrieben und 2 Mio. neues Kapital aufgenommen. Gleichzeitig wird die „Aktiengesellschaft Chocolat Tobler“ als neue Holding- und Verkaufsgesellschaft gegründet. Die Fabrik ist 1911 mit 477 und 1912 mit rund 600 Beschäftigten zum grössten Industriebetrieb der Stadt Bern aufgestiegen.

Theodor Tobler mit seiner dänischen Dogge.
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et d’Histoire, Neuenburg)

Blütezeit und Krise (1914–1932)
Entgegen anfänglicher Verunsicherung bei der Unternehmensführung sind die Kriegsjahre von wirtschaftlichem Erfolg geprägt. Eine steigende Inlandnachfrage und der Wegfall der ausländischen Konkurrenz im Export lösen einen eigentlichen Boom aus. Der Bilanzgewinn steigt 1914 bis 1919 von knapp 300000 Franken auf über 1,5 Mio.

Die Rekordgewinne fliessen zu 80–90% aus dem Unternehmen ab, wovon Aktionäre und Belegschaft profitieren, letztere über die Schaffung eines Sozialfonds mit 1 Mio. Franken Kapital. In der Blütezeit wird Tobler zum integrierten Konzern mit drei Schokoladefabriken, einer Milchsiederei, einem Sägewerk und einer Grossdruckerei (Polygraphische Gesellschaft Laupen). 1918 brennt die Fabrik in Lugano nieder. Angesichts der guten Aussichten wird beschlossen, sie wiederaufzubauen und massiv zu erweitern. Um das angestiegene Geschäftsvolumen und weitere Investitionen zu finanzieren, wird das Aktienkapital 1920 um 3,6 auf 9,2 Mio. erhöht. Im gleichen Zug werden Holding und Fabrikationsgesellschaft wiedervereinigt.

Als 1921/22 die Nachkriegskonjunktur zusammenbricht, verfügt Tobler über zu grosse Produktionskapazitäten. Die Tochter Talmone wird deshalb verkauft. Im Erlös von 7 Mio. ist ein Buchgewinn von beinahe 5 Mio. enthalten, der mit den anfallenden Betriebsverlusten verrechnet wird. Ohne Buchgewinn wäre bereits 1921 statt eines Gewinns von 600000 Franken ein Verlust von über 1 Mio. auszuweisen gewesen. Trotzdem werden 552000 Franken Dividende ausgeschüttet. Die operativen Verluste für 1922 betragen rund 4 Millionen, werden aber durch stille Reserven abgedeckt. Die externe Bilanz weist nur rund 90000 Franken Verlust aus. Angesichts der ausfallenden Dividende richtet sich der Unmut der Aktionäre gegen die Nebenbetriebe und die hohen Steuern in Bern. 1924 wird deshalb die Doppelstruktur wieder eingeführt und der Holdingsitz ins steuergünstige Schaffhausen verlegt. Der Kanton Bern nimmt die Sitzverlegung nicht kampflos hin, und das Bundesgericht gibt ihm 1928 recht. Der Kanton kommt Tobler indessen steuerlich entgegen.

Der schlechten Auslastung der Fabriken will Theodor Tobler durch vermehrte Umsätze begegnen. Eine Verkleinerung des Unternehmens lehnt er ab. Staaten mit schwacher Währung oder zu hohen Zöllen sollen durch Fabriken vor Ort beliefert oder über Lizenzverträge erschlossen werden. So beteiligt sich Tobler 1921 an einer Fabrik in Bordeaux und vergibt 1929 Lizenzen nach Belgien und England. 1924 plant Tobler mit dem deutschen Produzenten Stollwerck einen Joint Venture in Bratislava, um die Märkte in der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien zu erschliessen. Eine Aktionärsgruppe um die Schweizerische Vereinsbank vereitelt das Vorhaben an der Generalversammlung. Theodor Tobler und zwei weitere Verwaltungsräte treten daraufhin unter Protest zurück. Durch den riskanten Schachzug verunsichert Theodor Tobler seine Widersacher derart, dass sie aus Verwaltungsrat und Aktionariat ausscheiden und er gestärkt in „sein“ Unternehmen zurückkehren kann.

Die Suche nach Umsatz führt Theodor Tobler 1925 in die USA. Die Gründung einer Vertriebsgesellschaft mit 150 eigenen Vertretern wird jedoch zum kostspieligen Flop, da die USA bald darauf die Einfuhrzölle auf Schokoladeprodukten stark erhöhen. Grosse Verluste resultieren auch bei den Nebenbetrieben; die Sägerei (1924) und die Fabrik in Lugano (1926) werden stillgelegt.

Die gesamten Jahresgewinne 1923–28 und die ordentlichen Reserven werden abgeschrieben. Zusätzlich zu diesen 5,2 Mio. wird 1929 das Kapital um 7,3 Mio. Franken reduziert. Der Beschluss für diese Rosskur erfolgt einen Tag nach dem New Yorker Börsencrash. Die Weltwirtschaftskrise, insbesondere der Zusammenbruch des Exports, trifft Tobler besonders hart. Die Exportwerte der Schokoladenindustrie fallen von 115 Mio. Franken für 1919 auf 29 Mio. für 1929.

Mit aggressivem Marketing zu wirtschaftlichem erfolg. In diesem Magazin wurde 1908 Werbematerial gelagert.
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et d’Histoire, Neuenburg)

Die Konsolidierung (1932–1950)
1931 kann Tobler eine Anleihe von 4 Mio. nicht zurückzahlen. Nach erfolglosen Verhandlungen mit den Gläubigern ersucht das Unternehmen um Nachlassstundung. Der gesamte Verwaltungsrat muss demissionieren. Theodor Tobler bleibt als Direktor im Unternehmen. Sachwalter und Verwaltungsratspräsident wird der Berner Notar Otto Wirz. Er will die Firma primär auf den Schweizer Markt ausrichten und so das Vertrauen der Geldgeber neu gewinnen. Tobler Bordeaux wird 1932 an ein französisches Konsortium verkauft, 1933 übernimmt Direktor Albert Feller die Polygraphische Gesellschaft Laupen. Durch die Verkäufe und eine sehr vorsichtige Geschäftspolitik fasst Chocolat Tobler langsam wieder Tritt. Der als Direktor angestellte Theodor Tobler fühlt sich durch die straffe Führung zu stark eingeengt und verlässt das Unternehmen im Juni 1933 „zufolge gütlicher Verständigung“. Im Unternehmen wird Theodor Tobler nach seinem Abgang zur Unperson.

1935 ist für Tobler das schwierigste Jahr nach der Sanierung. Die Umsätze erlauben keinen rentablen Betrieb mehr. Das Bilanzergebnis liegt knapp über Null, operativ resultiert jedoch ein deutlicher Verlust. Bereits für 1936 können dank besserer Inlandverkäufe wieder ein Gewinn ausgewiesen und den Aktionären 3% Dividende ausgeschüttet werden. Trotz Frankenabwertung erreicht der Export keinen grossen Anteil am Firmenumsatz. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verändert sich das Umfeld grundlegend. Bei der stark steigenden Inlandnachfrage durch Armee und Bevölkerung muss sich das Unternehmen nicht mehr um den Absatz, sondern um die Beschaffung der kostbaren Rohstoffe sorgen. Die eingeführten Mengen stehen unter Verwaltung des Bundes, der die Prioritäten auf die Versorgung der Bevölkerung setzt. Die Zuteilungen an Zucker und Kakao erreichen zeitweise nur noch 25% der Werte von 1938. Wegen Rohstoffmangels wird ein Teil der Produktion von Schokolade auf Confiserie verlagert. Dieser Schritt schont die knappen Kakaovorräte und stellt die Beschäftigung sicher. Angesichts der angespannten Versorgungslage rationiert der Bundesrat ab Mai 1942 das Kakaopulver und ab September 1943 die Schokolade. Die Rendite wird dadurch nicht berührt: Ab dem Geschäftsjahr 1940 erhalten die Aktionärinnen und Aktionäre von Tobler regelmässig 6% Dividende.

Nach Kriegsende bleiben die Versorgungsprobleme noch einige Zeit bestehen. Die Rationierung für Schokolade wird erst im Mai 1946 aufgehoben. Bei Tobler herrscht Vollbeschäftigung, aber die Nachfrage kann wegen der eingeschränkten Kakaoversorgung nicht gedeckt werden. Der anziehende Tourismus in der Schweiz entschädigt das Unternehmen für den Export, der erst ab 1947 allmählich wieder aufgenommen werden kann. 1948 führt Tobler die dringend notwendige Modernisierung des Betriebes durch. Die nötigen Mittel werden erstmals seit der Sanierung von 1932 wieder über eine Kapitalerhöhung beschafft.

Mit vollem Schwung in die Hochkonjuktur der Nachkriegszeit. Toblerprodukte werden in die ganze Welt exportiert.
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et d’Histoire, Neuenburg)

Von der Länggasse in die weite Welt (1950–70)
Ende der vierziger Jahre sitzt das Tobler-Management auf gefüllten Kassen und wartet auf die öffnung der Exportmärkte. 1950 entsteht in Turin die erste neue Tochtergesellschaft. Weitere Produktionsstätten folgen in Stuttgart (1951) und Bedford/GB (1967). Tobler beteiligt sich auch wieder an der 1932 verkauften Tochter in Bordeaux. Die Ausfuhr der Schweizer Schokoladenindustrie steigt stürmisch an. 1954 wird das Aktienkapital vereinheitlicht und auf 6 Mio. erhöht, wodurch die letzten Spuren der Sanierung von 1932 getilgt sind. Dank der Flaggschiffe Toblerone und Tobler-O-rum belegt Tobler den Spitzenrang unter den Schweizer Exporteuren. Toblers Zuwachsraten übersteigen regelmässig den Branchenschnitt. Das Unternehmen macht in diesen erfolgreichen Jahren eine Internationalisierung auf verschiedenen Ebenen durch. Die Exporte aus Bern erreichen 1963 bereits 101 Staaten. Gleichzeitig steigt die Belegschaft in der Schweiz, vor allem durch die Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften. 1964 erreicht ihr Anteil 44% aller Mitarbeiter des Berner Unternehmens.

Die grossen Investitionen im In- und Ausland bezahlt Tobler zum grössten Teil aus selbst erarbeiteten Mitteln. Dabei ist die Informationspolitik des Unternehmens sehr zurückhaltend. In den Bilanzen des Berner Unternehmens sind die Auslandbeteiligungen massiv unterbewertet, obwohl z.B. die Tochter in Stuttgart Mitte der 1960er-Jahre den Berner Umsatz um die Hälfte übertroffen hat. Zur gleichen Zeit zeigt die Konjunktur zunehmend ihre Schattenseiten. Staatliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt sollen die Wirtschaft vor einer überhitzung schützen. So werden zum Beispiel die Kontingente für Saisonniers eingeschränkt. Wegen des ausgetrockneten Arbeitsmarkts kann Tobler offene Stellen nur noch mit Mühe besetzen. Die stetig steigende Produktion wird mit immer raffinierteren Maschinen und immer weniger Belegschaft realisiert. Vor allem im arbeitsintensiven Verpackungsbereich wird Handarbeit abgebaut. Die Produktivität des Unternehmens erhöht sich deutlich.

Immer grösser – immer kleiner? (1970–2000)

Ende der 1960er-Jahre ist Tobler ein gesundes Unternehmen mit populären Produkten, einem sehr gut eingeführten Markennamen und modernen Fabriken. Gerüchte betreffend einer übernahme durch Suchard werden an der Generalversammlung 1969 noch verneint. Dessen ungeachtet künden Suchard und Tobler am 2. Juni 1970 die Fusion an. Die Strategie des in „„Interfood“ umbenannten Konzerns verspricht Synergien im technischen Bereich und im Vertrieb. Zudem soll die Holding als Basis für eine weitere Diversifikation im Nahrungsmittelsektor dienen. Die neuen Besitzer betonen die Erhaltung des Fabrikationsstandorts Bern. Tobler tritt die Führung der Auslandbetriebe und den Export an die Holding ab und wird wieder zu einer reinen Produktionsgesellschaft. 1982 geht Interfood mit der rund dreimal grösseren Kaffeegruppe Jacobs zusammen. Mehrheitsaktionär des neuen Multis ist Klaus J. Jacobs. 1990 verkauft dieser seinen Anteil an den amerikanischen Nahrungsmittel- und Tabakkonzern Philip Morris, der Jacobs Suchard in den Unternehmensteil Kraft Foods eingliedert. Von der einstigen Berner Institution Chocolat Tobler ist wenig erhalten geblieben. In den immer grösser werdenden Muttergesellschaften wird Tobler vom eigenständigen Unternehmen zur blossen Produk-tionseinheit für einen Artikel. Trotzdem wird heute bei Kraft Foods in Brünnen bei Bern mit einer Belegschaft von rund 370 Personen mehr Toblerone produziert als je zuvor. Die aneinandergereihte Tagesproduktion ergibt eine Strecke von 283 Kilometern. Nach langjähriger Lizenzproduktion in diversen Ländern ist heute wieder jede Toblerone „Swiss made“. Die zackige Diva hat ihre Erfinder überlebt und ist unverändert verführerisch aus den wechselhaften Geschicken ihrer Produzenten hervorgegangen. Historisches Institut

Urs Schneider
Historisches Institut


UNIPRESS - Heft 108

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Patricia Maragno
E-Mail: patricia.maragno@press.unibe.ch
Last update: 06.04.01