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Die
Geschichte der Chocolat Tobler
Von der Berner
Länggasse aus den Weltmarkt erobert
Die
Gründung der Chocolat Tobler erfolgt in einer wirtschaftlich sehr aktiven
Periode: Der Kanton Bern holt zwischen 1890 und 1914 die Industrielle
Revolution nach. Die Modernisierungswelle verändert auch das Gesicht der
Stadt Bern: Durch Hochbrücken und die ersten Tramlinien werden die Aussenquartiere
erschlossen; es entstehen neben Tobler so bedeutende Industriebetriebe
wie Wander, Winkler und Fallert (Wifag), Von Roll und Hasler. Dabei fällt
auf, dass diese Betriebe von Zuzügern aus anderen Kantonen oder aus dem
Ausland aufgebaut wurden. Die alteingesessene Berner Elite verspürt damals
offenbar nur wenig industriellen Tatendrang.
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Überdimensioniert
und vor touristische Kulisse gerückt: Fabrikansicht in der Eigenwerbung
(Blechplakat, 1910)
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et dHistoire,
Neuenburg) |
Gründerzeit
(18991914)
Auch Johann Jakob Tobler ist kein Berner, 1830 ist er in Lutzenberg (AR)
geboren. Nach Lehr- und Wanderjahren in St. Gallen, Dresden und Paris
kehrt der sich mittlerweile Jean nennende Tobler 1865 in die Schweiz zurück.
In Bern übernimmt er 1868 eine kleine Confiserie Spéciale,
die verschiedene Süsswaren herstellt und vertreibt. Besonders gefragt
ist die zartschmelzende Schokolade des Berner Fabrikanten Rodolphe Lindt.
Diese wird seit 1879 hergestellt und ist das innovativste Produkt auf
dem damaligen Schokoladenmarkt. Tobler vertreibt sie gegen Provision und
trifft auf eine reissende Nachfrage. Der etwas eigenwillige Lindt ist
jedoch nicht bereit, die Produktionsmenge auszudehnen.
Als Toblers 18jähriger Sohn Theodor 1894 ins Geschäft einsteigt, regt
er daher den Bau einer eigenen Schokoladefabrik an. 1899 nimmt die Fabrik
den Betrieb auf; schon in kurzer Zeit sind ihre Kapazitäten jedoch zu
klein. 1900 übergibt Jean Tobler das Unternehmen seinen Kindern. 1902
wird mit einem Aktienkapital von einer Million Franken die Berner Chocoladen-Fabrik
Tobler & Co. AG gegründet. Bis 1908 steigt das Aktienkapital auf 6 Mio.,
was nach heutigem Geldwert etwa 300 Millionen Franken entspricht. Trotz
des vergleichsweise späten Einstiegs etabliert sich Tobler in kurzer Zeit
im Schweizer Schokoladenmarkt. Dies verdankt die Firma ihren Qualitätsprodukten
und einer zwischen kreativ und aggressiv anzusiedelnden Werbestrategie.
Das Unternehmen wächst auch durch gewagte übernahmen. 1905 erwirbt Tobler
für 2,7 Mio. Franken die Turiner Schokoladefabrik Talmone, wodurch sich
Toblers Umsatz mehr als verdoppelt. Hintergrund der übernahme ist eine
Konzentrationswelle in der Schokoladebranche. In Lugano kauft Tobler 1907
für 1,9 Mio. eine dritte Schokoladefabrik (Compagnie Suisse). Nach der
stürmischen Investitionsphase folgt 1908/09 eine Absatzflaute. Die vergrösserten
Fabriken sind schlecht ausgelastet und arbeiten unrentabel. Bei der ersten
Sanierung von 1912 werden 2,4 Millionen oder 40% des Aktienkapitals abgeschrieben
und 2 Mio. neues Kapital aufgenommen. Gleichzeitig wird die Aktiengesellschaft
Chocolat Tobler als neue Holding- und Verkaufsgesellschaft gegründet.
Die Fabrik ist 1911 mit 477 und 1912 mit rund 600 Beschäftigten zum grössten
Industriebetrieb der Stadt Bern aufgestiegen.
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Theodor Tobler
mit seiner dänischen Dogge.
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et dHistoire,
Neuenburg) |
Blütezeit
und Krise (19141932)
Entgegen anfänglicher Verunsicherung bei der Unternehmensführung sind
die Kriegsjahre von wirtschaftlichem Erfolg geprägt. Eine steigende Inlandnachfrage
und der Wegfall der ausländischen Konkurrenz im Export lösen einen eigentlichen
Boom aus. Der Bilanzgewinn steigt 1914 bis 1919 von knapp 300000 Franken
auf über 1,5 Mio.
Die Rekordgewinne fliessen zu 8090% aus dem Unternehmen ab, wovon Aktionäre
und Belegschaft profitieren, letztere über die Schaffung eines Sozialfonds
mit 1 Mio. Franken Kapital. In der Blütezeit wird Tobler zum integrierten
Konzern mit drei Schokoladefabriken, einer Milchsiederei, einem Sägewerk
und einer Grossdruckerei (Polygraphische Gesellschaft Laupen). 1918 brennt
die Fabrik in Lugano nieder. Angesichts der guten Aussichten wird beschlossen,
sie wiederaufzubauen und massiv zu erweitern. Um das angestiegene Geschäftsvolumen
und weitere Investitionen zu finanzieren, wird das Aktienkapital 1920
um 3,6 auf 9,2 Mio. erhöht. Im gleichen Zug werden Holding und Fabrikationsgesellschaft
wiedervereinigt.
Als 1921/22 die Nachkriegskonjunktur zusammenbricht, verfügt Tobler über
zu grosse Produktionskapazitäten. Die Tochter Talmone wird deshalb verkauft.
Im Erlös von 7 Mio. ist ein Buchgewinn von beinahe 5 Mio. enthalten, der
mit den anfallenden Betriebsverlusten verrechnet wird. Ohne Buchgewinn
wäre bereits 1921 statt eines Gewinns von 600000 Franken ein Verlust von
über 1 Mio. auszuweisen gewesen. Trotzdem werden 552000 Franken Dividende
ausgeschüttet. Die operativen Verluste für 1922 betragen rund 4 Millionen,
werden aber durch stille Reserven abgedeckt. Die externe Bilanz weist
nur rund 90000 Franken Verlust aus. Angesichts der ausfallenden Dividende
richtet sich der Unmut der Aktionäre gegen die Nebenbetriebe und die hohen
Steuern in Bern. 1924 wird deshalb die Doppelstruktur wieder eingeführt
und der Holdingsitz ins steuergünstige Schaffhausen verlegt. Der Kanton
Bern nimmt die Sitzverlegung nicht kampflos hin, und das Bundesgericht
gibt ihm 1928 recht. Der Kanton kommt Tobler indessen steuerlich entgegen.
Der schlechten Auslastung der Fabriken will Theodor Tobler durch vermehrte
Umsätze begegnen. Eine Verkleinerung des Unternehmens lehnt er ab. Staaten
mit schwacher Währung oder zu hohen Zöllen sollen durch Fabriken vor Ort
beliefert oder über Lizenzverträge erschlossen werden. So beteiligt sich
Tobler 1921 an einer Fabrik in Bordeaux und vergibt 1929 Lizenzen nach
Belgien und England. 1924 plant Tobler mit dem deutschen Produzenten Stollwerck
einen Joint Venture in Bratislava, um die Märkte in der Tschechoslowakei,
Ungarn und Rumänien zu erschliessen. Eine Aktionärsgruppe um die Schweizerische
Vereinsbank vereitelt das Vorhaben an der Generalversammlung. Theodor
Tobler und zwei weitere Verwaltungsräte treten daraufhin unter Protest
zurück. Durch den riskanten Schachzug verunsichert Theodor Tobler seine
Widersacher derart, dass sie aus Verwaltungsrat und Aktionariat ausscheiden
und er gestärkt in sein Unternehmen zurückkehren kann.
Die Suche nach Umsatz führt Theodor Tobler 1925 in die USA. Die Gründung
einer Vertriebsgesellschaft mit 150 eigenen Vertretern wird jedoch zum
kostspieligen Flop, da die USA bald darauf die Einfuhrzölle auf Schokoladeprodukten
stark erhöhen. Grosse Verluste resultieren auch bei den Nebenbetrieben;
die Sägerei (1924) und die Fabrik in Lugano (1926) werden stillgelegt.
Die gesamten Jahresgewinne 192328 und die ordentlichen Reserven werden
abgeschrieben. Zusätzlich zu diesen 5,2 Mio. wird 1929 das Kapital um
7,3 Mio. Franken reduziert. Der Beschluss für diese Rosskur erfolgt einen
Tag nach dem New Yorker Börsencrash. Die Weltwirtschaftskrise, insbesondere
der Zusammenbruch des Exports, trifft Tobler besonders hart. Die Exportwerte
der Schokoladenindustrie fallen von 115 Mio. Franken für 1919 auf 29 Mio.
für 1929.
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Mit aggressivem
Marketing zu wirtschaftlichem erfolg. In diesem Magazin wurde 1908
Werbematerial gelagert.
(Foto:
Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et dHistoire,
Neuenburg)
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Die
Konsolidierung (19321950)
1931 kann Tobler eine Anleihe von 4 Mio. nicht zurückzahlen. Nach erfolglosen
Verhandlungen mit den Gläubigern ersucht das Unternehmen um Nachlassstundung.
Der gesamte Verwaltungsrat muss demissionieren. Theodor Tobler bleibt
als Direktor im Unternehmen. Sachwalter und Verwaltungsratspräsident wird
der Berner Notar Otto Wirz. Er will die Firma primär auf den Schweizer
Markt ausrichten und so das Vertrauen der Geldgeber neu gewinnen. Tobler
Bordeaux wird 1932 an ein französisches Konsortium verkauft, 1933 übernimmt
Direktor Albert Feller die Polygraphische Gesellschaft Laupen. Durch die
Verkäufe und eine sehr vorsichtige Geschäftspolitik fasst Chocolat Tobler
langsam wieder Tritt. Der als Direktor angestellte Theodor Tobler fühlt
sich durch die straffe Führung zu stark eingeengt und verlässt das Unternehmen
im Juni 1933 zufolge gütlicher Verständigung. Im Unternehmen wird Theodor
Tobler nach seinem Abgang zur Unperson.
1935 ist für Tobler das schwierigste Jahr nach der Sanierung. Die Umsätze
erlauben keinen rentablen Betrieb mehr. Das Bilanzergebnis liegt knapp
über Null, operativ resultiert jedoch ein deutlicher Verlust. Bereits
für 1936 können dank besserer Inlandverkäufe wieder ein Gewinn ausgewiesen
und den Aktionären 3% Dividende ausgeschüttet werden. Trotz Frankenabwertung
erreicht der Export keinen grossen Anteil am Firmenumsatz. Mit dem Ausbruch
des Zweiten Weltkriegs verändert sich das Umfeld grundlegend. Bei der
stark steigenden Inlandnachfrage durch Armee und Bevölkerung muss sich
das Unternehmen nicht mehr um den Absatz, sondern um die Beschaffung der
kostbaren Rohstoffe sorgen. Die eingeführten Mengen stehen unter Verwaltung
des Bundes, der die Prioritäten auf die Versorgung der Bevölkerung setzt.
Die Zuteilungen an Zucker und Kakao erreichen zeitweise nur noch 25% der
Werte von 1938. Wegen Rohstoffmangels wird ein Teil der Produktion von
Schokolade auf Confiserie verlagert. Dieser Schritt schont die knappen
Kakaovorräte und stellt die Beschäftigung sicher. Angesichts der angespannten
Versorgungslage rationiert der Bundesrat ab Mai 1942 das Kakaopulver und
ab September 1943 die Schokolade. Die Rendite wird dadurch nicht berührt:
Ab dem Geschäftsjahr 1940 erhalten die Aktionärinnen und Aktionäre von
Tobler regelmässig 6% Dividende.
Nach Kriegsende bleiben die Versorgungsprobleme noch einige Zeit bestehen.
Die Rationierung für Schokolade wird erst im Mai 1946 aufgehoben. Bei
Tobler herrscht Vollbeschäftigung, aber die Nachfrage kann wegen der eingeschränkten
Kakaoversorgung nicht gedeckt werden. Der anziehende Tourismus in der
Schweiz entschädigt das Unternehmen für den Export, der erst ab 1947 allmählich
wieder aufgenommen werden kann. 1948 führt Tobler die dringend notwendige
Modernisierung des Betriebes durch. Die nötigen Mittel werden erstmals
seit der Sanierung von 1932 wieder über eine Kapitalerhöhung beschafft.
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Mit vollem Schwung
in die Hochkonjuktur der Nachkriegszeit. Toblerprodukte werden in
die ganze Welt exportiert.
(Foto: Archives Suchard Tobler, Musée d'Art et dHistoire,
Neuenburg) |
Von
der Länggasse in die weite Welt (195070)
Ende der vierziger Jahre sitzt das Tobler-Management auf gefüllten
Kassen und wartet auf die öffnung der Exportmärkte. 1950 entsteht
in Turin die erste neue Tochtergesellschaft. Weitere Produktionsstätten
folgen in Stuttgart (1951) und Bedford/GB (1967). Tobler beteiligt sich
auch wieder an der 1932 verkauften Tochter in Bordeaux. Die Ausfuhr der
Schweizer Schokoladenindustrie steigt stürmisch an. 1954 wird das
Aktienkapital vereinheitlicht und auf 6 Mio. erhöht, wodurch die
letzten Spuren der Sanierung von 1932 getilgt sind. Dank der Flaggschiffe
Toblerone und Tobler-O-rum belegt Tobler den Spitzenrang unter den Schweizer
Exporteuren. Toblers Zuwachsraten übersteigen regelmässig den
Branchenschnitt. Das Unternehmen macht in diesen erfolgreichen Jahren
eine Internationalisierung auf verschiedenen Ebenen durch. Die Exporte
aus Bern erreichen 1963 bereits 101 Staaten. Gleichzeitig steigt die Belegschaft
in der Schweiz, vor allem durch die Beschäftigung von ausländischen
Arbeitskräften. 1964 erreicht ihr Anteil 44% aller Mitarbeiter des
Berner Unternehmens.
Die grossen Investitionen im In- und Ausland bezahlt Tobler zum grössten
Teil aus selbst erarbeiteten Mitteln. Dabei ist die Informationspolitik
des Unternehmens sehr zurückhaltend. In den Bilanzen des Berner Unternehmens
sind die Auslandbeteiligungen massiv unterbewertet, obwohl z.B. die Tochter
in Stuttgart Mitte der 1960er-Jahre den Berner Umsatz um die Hälfte
übertroffen hat. Zur gleichen Zeit zeigt die Konjunktur zunehmend
ihre Schattenseiten. Staatliche Eingriffe in den Arbeitsmarkt sollen die
Wirtschaft vor einer überhitzung schützen. So werden zum Beispiel
die Kontingente für Saisonniers eingeschränkt. Wegen des ausgetrockneten
Arbeitsmarkts kann Tobler offene Stellen nur noch mit Mühe besetzen.
Die stetig steigende Produktion wird mit immer raffinierteren Maschinen
und immer weniger Belegschaft realisiert. Vor allem im arbeitsintensiven
Verpackungsbereich wird Handarbeit abgebaut. Die Produktivität des
Unternehmens erhöht sich deutlich.
Immer grösser immer kleiner? (19702000)
Ende der 1960er-Jahre ist Tobler ein gesundes Unternehmen mit populären
Produkten, einem sehr gut eingeführten Markennamen und modernen Fabriken.
Gerüchte betreffend einer übernahme durch Suchard werden an
der Generalversammlung 1969 noch verneint. Dessen ungeachtet künden
Suchard und Tobler am 2. Juni 1970 die Fusion an. Die Strategie des in
Interfood umbenannten Konzerns verspricht Synergien
im technischen Bereich und im Vertrieb. Zudem soll die Holding als Basis
für eine weitere Diversifikation im Nahrungsmittelsektor dienen.
Die neuen Besitzer betonen die Erhaltung des Fabrikationsstandorts Bern.
Tobler tritt die Führung der Auslandbetriebe und den Export an die
Holding ab und wird wieder zu einer reinen Produktionsgesellschaft. 1982
geht Interfood mit der rund dreimal grösseren Kaffeegruppe Jacobs
zusammen. Mehrheitsaktionär des neuen Multis ist Klaus J. Jacobs.
1990 verkauft dieser seinen Anteil an den amerikanischen Nahrungsmittel-
und Tabakkonzern Philip Morris, der Jacobs Suchard in den Unternehmensteil
Kraft Foods eingliedert. Von der einstigen Berner Institution Chocolat
Tobler ist wenig erhalten geblieben. In den immer grösser werdenden
Muttergesellschaften wird Tobler vom eigenständigen Unternehmen zur
blossen Produk-tionseinheit für einen Artikel. Trotzdem wird heute
bei Kraft Foods in Brünnen bei Bern mit einer Belegschaft von rund
370 Personen mehr Toblerone produziert als je zuvor. Die aneinandergereihte
Tagesproduktion ergibt eine Strecke von 283 Kilometern. Nach langjähriger
Lizenzproduktion in diversen Ländern ist heute wieder jede Toblerone
Swiss made. Die zackige Diva hat ihre Erfinder überlebt
und ist unverändert verführerisch aus den wechselhaften Geschicken
ihrer Produzenten hervorgegangen. Historisches Institut
Urs Schneider
Historisches
Institut
Stelle
für Öffentlichkeitsarbeit
Universität
Bern
Patricia Maragno
E-Mail: patricia.maragno@press.unibe.ch
Last update: 06.04.01
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