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Vor
500 Jahren
Die
Wiedergeburt der Kartographie
In
der Kartographie begann die Renaissance mit dem Bekanntwerden der Geographie
des Ptolemäus. Im Zeitalter der Entdeckungen wurde der ptolemäische
Grundstock an Karten erweitert und in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts
durch neue ersetzt. Durch das Aufkommen des Buchdrucks erlebte die Kartographie
einen gewaltigen Aufschwung. Die Stadt- und Universitätsbibliothek
Bern verfügt heute über bedeutende kartographische Kostbarkeiten.
Im Zuge des gegenwärtig stattfindenden Wandels gibt es mit dem Internet
neue Mittel, um wertvolles Kulturgut und Forschungsquellen zugänglich
zu machen.
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Abb.
1: Die erste gedruckte Weltkarte erschien 1472 in Augsburg in einer
Ausgabe der Etymologiae von Isidor von Sevilla. Entsprechend
dem mittelalterlichen Weltbild zeigt die schematische Rad- bzw.
TO-Karte die Siedlungsgebiete der Nachkommen der drei Söhne
Noahs, Sem in Asien, Ham in Afrika und Japhet in Europa.
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Die
ptolemäische Geographie
Karten dienten im Mittelalter, mit Ausnahme der Seekarten, so gut wie
nie der Praxis und kannten keine Vermessung. Die seit dem 9. Jahrhundert
nachgewiesenen schematischen Weltkarten wollten nicht Erdabbild, sondern
Weltbild sein. An der Wende von Mittelalter und Neuzeit (ca. 14001600)
begann eine intensive empirische Beschäftigung mit den Naturwissenschaften.
Daraus ergab sich der Wunsch nach einer realistischen Abbildung der Erdoberfläche.
In der Kartographie begann die Renaissance mit der Wiederentdeckung der
in der Antike entstandenen Geogra-phie des Ptolemäus.
Der griechische Astronom, Mathematiker und Naturforscher Claudius Ptolemäus
(* ca. 100 n.Chr. Hermiou/Oberägypten; ca. 180 n.Chr. Alexandria)
gab in seinem Werk Geographike hyphegesis (griech.: Einführung
in die Geographie) Positionen von rund 8000 Punkten der bekannten Erdoberfläche
und machte überdies Vorschläge für die Landkartenprojektion.
Damit hat er erstmals die Grundlagen für eine geodätisch fundierte
Kartographie geschaffen. Byzantinische Emigranten, die vor den Osmanen
flüchteten (Vormarsch der Türken in den Dardanellen 1365, Fall
von Konstantinopel 1453), brachten um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert
griechische Codizes der Geographie nach Italien. Die erste
lateinische übersetzung wurde 1406 vollendet. Seitdem entstanden
laufend Abschriften, wobei sie in zwei verschiedenen Kartenfassungen (Weltkarte
und 26 bzw. 64 Regionalkarten) tradiert wurde. Mit dem Aufkommen der Druckkunst
erschien dann die erste Inkunabel-Ausgabe im Jahre 1475. Zu den schönsten
Wiegendrucken gehört die Geographie des Ptolemäus,
welche 1482 in Ulm gedruckt wurde. Das prachtvoll kolorierte und auf Pergament
gedruckte Exemplar der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern gehörte
ursprünglich dem Basler Gelehrten Hospinian.
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| Abb. 2: Die
Weltkarte aus dem Ulmer Ptolemäus (1482) wurde zehn Jahre vor
der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus veröffentlicht.
Sie zeigt erst die östliche Halbkugel und damit die Alte
Welt. Die Neue Welt auf der westlichen Halbkugel
war noch nicht bekannt. |
Ptolemäus verstand
unter Geographie die zeichnerische Darstellung der gesamten Erdoberfläche.
Sein Bestreben war, die besiedelte und damals bekannte Erde (Europa, Afrika,
Asien) mit ihren Ländern, Völkern, Orten, Flüssen und Bergen
lagerichtig in einem Gradnetz wiederzugeben. Der Hauptteil der Geographie
(6 von 8 Büchern) bestand aus Koordinatenlisten von über 8000
Orten der damals bekannten Erdoberfläche.
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| Abb. 3: Die
Weltkarte der Schedelschen Weltchronik (1493) beruht auf derjenigen
von Ptolemäus. Sie wird von den drei Söhnen Noahs, Sem,
Ham und Japhet gehalten, die der biblischen überlieferung nach
die drei damals bekannten Erdteile nach der Sintflut mit ihren Nachkommen
bevölkerten. |
Die Frage, ob oder
wieweit Ptolemäus als Urheber der Welt- und Regionalkarten anzusehen
ist, wurde bereits im 16. Jahrhundert gestellt, wobei angenommen wurde,
dass die Weltkarte von Agathodämon (tätig um 250) aufgrund von
ptolemäischen Koordinaten gezeichnet wurde. Die Frage der Urheberschaft
wurde und wird in der Folge unterschiedlich beurteilt. Nach eingehenden
Forschungen von Josef Fischer (18581944), der zwischen einer A-
und einer B-Redaktion der Geographie unterschied (26 bzw.
64 Regionalkarten), wurde diese Auffassung für die Weltkarte bestätigt.
Bei den Regionalkarten entschied sich Fischer hingegen zugunsten von Ptolemäus,
wobei er auch die Zusammenhänge mit den kartographischen Vorstellungen
von Marinus von Tyrus ergründete, die Ptolemäus als Grundlage
dienten. Ob die erhaltenen handschriftlichen Karten Kopien von Karten
sind, die Ptolemäus wirklich gezeichnet hat, oder ob die Vorlagen
für die Regionalkarten erst aus viel späterer Zeit stammen,
ist auf jeden Fall nicht eindeutig bestimmbar. Nach Kinauer und Grosjean
(1970) ist zumindest das Zweite wahrscheinlicher. Soweit zur Forschungsproblematik.
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| Abb. 4: Die
Schedelsche Weltchronik berichtet von Menschen mit Hundsköpfen,
mit nur einem Auge auf der Stirn oder gar von ohne Haupt Geborenen
in den damals noch unerforschten und damit unbekannten Gebieten. Diese
überlieferten Vorstellungen hielten dem in der Renaissance neu
eingesetzten Forscher- und Entdeckergeist nicht stand. |
Die Wiederentdeckung
der ptolemäischen Geographie hatte für die weitere
Entwicklung der geographischen Wissenschaft eine enorme Bedeutung. Diese
Entwicklung soll nun aus der Sicht des ausgehenden 18. Jahrhunderts
anhand der zweibändigen, handschriftlichen Geographischen Nachrichten,
die der Berner Geograph und Staatsmann Johann Friedrich von Ryhiner (17321803)
vor zirka zweihundert Jahren niederschrieb , aufgezeigt werden.
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| Abb. 5: Auf
der Weltkarte von Vadianus, die 1534 in Zürich bei Froschauer
gedruckt wurde, wird neben der Alten Welt (Europa, Asien
und Afrika) die Neue Welt abgebildet. Die Ausdehnung Nordamerikas
sowie die Kontinente Australien und die Antarktis sind noch nicht
bekannt. |
Buchdruckerkunst
als Seele aller Wissenschaften
Johann Friedrich von Ryhiner gliedert die Geschichte der geographischen
Wissenschaft (und damit auch der damit verbundenen kartographischen Hilfswissenschaft)
in die vier Hauptepochen alte, mittlere, neuere
und neueste Geographie (seit 1789). Gemäss dem damaligen
Kenntnisstand sind ihm bloss zwei Probestücke der Kartographie
des Altertums (Ptolemäische Karten, Peutingersche Tafel) bekannt,
während alle anderen geographischen Zeichnungen in den
barbarischen Zeiten des Mittelalters verloren gegangen seien. Von Ryhiner
charakterisiert diese durch die Völkerwanderung eingeleitete Zeit
als Epoche der Verwilderung, die zu grosser Unwissenheit, Roheit und Finsternis
geführt habe. In diesem Zeitalter sei jeder friedliebende Mensch
und gewitzte Kopf nur mit seiner Selbsterhaltung beschäftigt gewesen,
darauf bedacht, wie er den Gefahren und Gewalttätigkeiten entgehen
könne. Niemand habe sich den wissenschaftlichen Nachforschungen widmen
können, und so habe keine Möglichkeit bestanden, dass sich die
Geistesfähigkeiten der Menschen weiterentwickelten. Zum Glück
der Menschheit seien Klöster entstanden, in denen von den verbliebenen
Manuskripten Abschriften erstellt worden seien. Als Voraussetzung für
die nachfolgende vorerst langsame, dann aber ungestüme Entwicklung
der geographischen Wissenschaft nennt von Ryhiner in erster Linie die
Wiederherstellung der inneren Sicherheit in den grossen Reichen und damit
den Schutz von Personen und Eigentum vor Gewalttätigkeiten aller
Art. Helle und gewitzte Köpfe hätten nun Mus-se zum Nachdenken
gefunden. Allmählich habe der Handel und das Gewerbe zugenommen,
das Bedürfnis nach Kenntnissen benachbarter und entfernter Nationen
sei erwacht. Die Erfindung der Buchdruckerkunst (um 1440) bezeichnet von
Ryhiner als die Seele aller Wissenschaften, der auch die Geographie ihre
Existenz zu verdanken habe. Die Geographen konnten in der Folge neüe
Wahrheitten, neüe Beobachtungen und intere§ante Nachrichten
bekannt machen und hatten immer neüe Reize für das Publikum,
so dass sich die geographischen Schriften ins unendliche vermehrten.
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| Abb. 6: Die
erste eigenstŠndige, gedruckte Karte von Amerika erschien ab 1540
in den Kosmographien von Sebastian Mźnster in Basel. Sźdamerika ist
in den Umrissen erkennbar, wŠhrend Nordamerika nach wie vor unkenntlich
bleibt. Dass das Neue Angst auslšst, belegt der Hinweis auf die Kannibalen
bzw. Menschenfresser, die im Gebiet von Brasilien angesiedelt sind. |
Im Zeitalter der Entdeckungen
wurden dem ptolemäischen Grundstock vorerst neue Karten angefügt.
Bereits in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die ptolemäischen
Karten durch neue Karten ersetzt. Nun entstanden auch Atlanten, die nur
noch aus diesen Karten bestanden. Das 17. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert
der grossen und prachtvoll ausgestatteten Atlanten. Zusammenfassend kann
gesagt werden, dass die Kartographie mit dem Aufkommen des Buchdrucks
seit dem 15. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung erlebte. Mit der
Anwendung neuer Ver-messungsmethoden wurden dann im 16. und 17. Jahrhundert
weitere Fortschritte erzielt, wobei der Durchbruch zu den modernen Landesaufnahmen
schliesslich im 18. Jahrhundert erfolgte.
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| Abb.
7: Auf der Weltkarte im Theatrum Orbis Terrarum (1573)
von Abraham Ortelius erscheint im Süden ein riesiger, noch nicht
entdeckter Südkontinent. |
Kartensammlungen
als Gedächtnis der Welt
Im Zuge des gegenwärtig stattfindenden Wandels, der in seiner Bedeutung
und seinen Folgen für die Gesellschaft mit der Einführung des
Buchdrucks durch Gutenberg durchaus vergleichbar ist, treten digital vermittelte
Informationen immer stärker in den Vordergrund. Der Berner Geograph
Johann Friedrich von Ryhiner stellte auch eine Sammlung zusammen, die
heute zu den den wertvollsten und bedeutendsten der Welt zählt. Sie
umfasst mehr als 16000 Landkarten, Pläne und topographischen Ansichten
aus dem 16. bis frühen 19. Jahrhundert, wobei die Bestände den
ganzen Erdball abdecken. Das bedeutende kulturelle Erbe wurde in einem
viereinhalbjährigen Forschungsvorhaben mit Mitteln des bernischen
Lotteriefonds erschlossen (Unipress 87, 1995, S. 2428).
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| Abb. 8: Das
Titelblatt des Atlasses von Ortelius (1573) zeigt Allegorien der damals
bekannten Erdteile Europa, Asien, Afrika, Amerika und Feuerland (als
oberster Teil der Terra Incognita bzw. des Südkontinents). |
Das Vorhaben wurde
als Kooperationsprojekt des Geographischen Instituts und der Stadt- und
Universitätsbibliothek unter Fachbegleitung des Staatsarchivs Bern
realisiert. Die gesamte Sammlung wurde restauriert, farbig mikroverfilmt
und in einer allgemein zugänglichen Datenbank inventarisiert. Zur
Sammlung Ryhiner wurden Ausstellungen durchgeführt (Raum in
der Zeit 1994, Der Weltensammler 1998), es erschienen
Fachartikel, und ein gedruckter Katalog der Katalogaufnahmen ist in Vorbereitung.
Seit 1995 ist die Sammlung Ryhiner mit der dazugehörigen Datenbank
auch im Internet unter http://www.stub.unibe.ch/stub/ryhiner/ry-dt1.html
zugänglich. Damit stellt die Stadt- und Universitätsbibliothek
Bern, wo sich die Sammlung heute befindet, zeitgemässe Recherche-Möglichkeiten
für die Nutzung dieses bedeutenden geographischen Gedächtnisses
der Welt zur Verfügung. Für die Bibliothek der Zukunft ergeben
sich mit dem Internet neue Möglichkeiten. Die Stadt- und Universitätsbibliothek
Bern stellt sich dieser Herausforderung. Seit 1996 erfolgt der Aufbau
der Virtuellen Bibliothek (http://www.stub.unibe.ch).
Ein Angebot, das sehr rege genutzt wird und nun mit der Bereitstellung
von virtuellen Volltexten bzw. -bildern stark erweitert werden soll. Das
Vorhaben Berner Kultur und Geschichte im Internet beabsichtigt
bedeutende Bernensia-Bestände für die freie Nutzung im Internet
zugänglich zu machen, wobei auch die Sammlung Ryhiner in das Vorhaben
miteinbezogen werden wird. Als Stadt-, Kantons- und Universitätsbibliothek
will die Stadt- und Universitätsbibliothek Bern damit einen wertvollen
lokalen Beitrag an die weltweiten Bemühungen zur Digitalisierung
von Kulturgut und Forschungsquellen leisten.
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Babicz,
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Hrsg. von Thomas Klöti, Markus Oehrli, Hans-Uli Feldmann. Murten
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Kartographie. Wien 1986. Bd. 1, S. 226.
UNIPRESS
- Heft 104
Stelle
für öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Patricia Maragno
E-Mail: patricia.maragno@press.unibe.ch
Last update: 07.04.2000
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