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Ein
Photosynthese-Enzym als Temperatursensor in Blättern?
Hitzestress
bei Pflanzen
Erhöhte
Temperaturen als Folge der Klimaveränderung können die Photosynthese
und damit die Produktivität von Pflanzen beeinträchtigen. Die
artspezifischen Unterschiede bezüglich Hitzetoleranz sind beträchtlich.
Ein wichtiges Enzym
der Photosynthese wird bei leicht erhöhter Temperatur reversibel
und bei stark erhöhter Temperatur irreversibel inaktiviert. Die Hitzeempfindlichkeit
dieses Enzyms hängt von der Pflanzenart ab. Wie weit es primär
für die Reduktion der Photosyntheseaktivität während und
nach einer Hitzestressperiode verantwortlich ist, ist ein zentraler Punkt
laufender Forschungsprojekte.
Hohe
Temperaturen als
Problem für die Vegetation
Nicht nur weltweit, sondern auch auf lokaler Ebene wachsen Pflanzen an
Standorten mit sehr unterschiedlichen Boden- und Klimaverhältnissen.
Unter den ökologischen Bedingungen, welche die Verbreitung der einzelnen
Pflanzenarten und die Produktivität der landwirtschaftlich genutzten
Kulturpflanzen bestimmen, spielen Temperatur und Wasserverfügbarkeit
eine entscheidende Rolle. Temperaturunterschiede während der Vegetationsperiode
können beträchtlich sein. Pflanzen können durch morphologische
und physiologische Veränderungen an spezielle Klimaverhältnisse
angepasst sein. Sinkt die Temperatur aber tiefer als die untere Schwelle
oder steigt sie über die obere Schwelle des Temperaturbereiches,
innerhalb welchem sich eine Pflanze gegen die durch ungünstige Temperaturen
bewirkten Störungen schützen kann, so kommt es zu Schädigungen,
die nicht mehr rückgängig zu machen sind und die im Extremfall
zum Tod des Organismus führen.
| Pflanzenart
|
Blatt-Temperatur
[°C] |
| |
Volles
Sonnenlicht
|
Beschattet |
| 27.
Juli 2002, 13–15 Uhr (Luft-Temperatur: 25.5±1.0°C) |
Kartoffel |
28.0±1.5 |
24.8±1.2 |
| Sonnenblume |
23.0±0.9 |
21.2±1.5 |
| Haselstrauch |
37.5±2.0 |
26.6±0.7 |
| Buche |
29.0±1.2 |
24.7±1.4 |
| Eiche (leichter
Wind) |
25.5±2.0 |
21.6±1.3 |
| Eiche (windstill) |
37.8±4.8 |
26.4±1.7 |
28.
Juli 2002, 14–17 Uhr (Luft-Temperatur: 29.5±1.0°C) |
| Kartoffel |
31.2±2.3 |
25.1±1.1 |
| Sonnenblume |
22.8±1.6 |
20.0±1.1 |
| Haselstrauch |
40.0±2.0 |
28.7±0.5 |
| Buche |
32.1±1.0 |
25.0±0.7 |
| Eiche (leichter
Wind) |
32.3±1.9 |
25.0±0.7 |
| Eiche (windstill)
|
41.0±1.2 |
31.9±1.9 |
| Tabelle:
Blatt-Temperaturen verschiedener Pflanzenarten (Mittelwerte und Standardabweichungen
von 10 Messungen). Neben der Luft-Temperatur sind auch die Licht-
und Windverhältnisse von entscheidender Bedeutung. |
Die globale Erwärmung
ist einer der wichtigsten Aspekte der in den letzten Jahrzehnten beobachteten
Klimaveränderungen. Gekoppelt mit dem fortlaufenden Anstieg der Jahresdurchnittstemperaturen
ist eine erhöhte Häufigkeit von Perioden mit überdurchnittlich
hohen Temperaturen. Modelle, die von Klimatologen entwickelt wurden, deuten
darauf hin, dass das Ausmass und die Frequenz von Ereignissen mit extrem
hohen Temperaturen in der Zukunft noch zunehmen werden. Die Vegetation
dürfte also häufiger von Hitzestressperioden betroffen sein.
Hitzeperioden sind oft auch trockene Perioden. Die Kombination von Hitze
und Trockenheit versetzt die Pflanzen in eine besonders schwierige Situation,
weil sie einerseits mit dem Wasser haushälterisch umgehen müssen,
andererseits aber auch die Temperatur mittels Wärmeabgabe durch die
Transpiration
regulieren sollten. Bei Sonneneinstrahlung kann die Blatttemperatur deutlich
höher als die Lufttemperatur sein (s. Tabelle). Dies gilt insbesondere,
wenn die Pflanzen ihre Spaltöffnungen schliessen, um den Wasserverlust
zu vermindern. In den wärmsten Regionen der Schweiz, wie zum Beispiel
im Zentralwallis, ist es schon heute nicht mehr selten, dass Lufttemperaturen
über 35°C gemessen werden. Blatttemperaturen können also
auch in unseren Breitengraden vorübergehend auf über 40°C
ansteigen. Viele Pflanzenarten, vor allem aber diejenigen, die an ein
gemässigtes Klima angepasst sind, könnten dadurch vermehrt unter
akutem Hitzestress leiden. Auswirkungen auf die Produktivität hitzeempfindlicher
Kulturpflanzen und Veränderungen in der Flora sind zu erwarten.
Beeinträchtigung der
Photosynthese durch Hitze
Hohe Temperaturen beeinflussen die Pflanzen auf vielfältige Art und
Weise. Viele Studien haben aber gezeigt, dass der Photosyntheseapparat
in den Chloroplasten (chlorophyllhaltige Zellbestandteile) auf Hitzestress
besonders empfindlich reagiert. Eine Abnahme der Photosyntheserate findet
oft schon statt, bevor andere Zellfunktionen durch erhöhte Temperaturen
betroffen sind. Bei leichtem bis mittelstarkem Hitzestress, typisch zwischen
30°C und 40°C, wird die Photosynthese zwar gehemmt, aber dieser
Prozess bleibt reversibel, ist also noch rückgängig zu machen.
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Abb.
1: Photosyntheseaktivität in Erbsenblättern vor, während
und nach einem Hitzestress bei verschiedenen Temperaturen.
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Oberhalb von 40°C kann
der Photosyntheseapparat indessen bereits irreversibel geschädigt
werden. Der Zustand des Photosyntheseapparates während und nach einem
Hitzestress wird nicht nur durch die Intensität und die Dauer der
Stresseinwirkung bestimmt, sondern auch durch eine ganze Reihe anderer
Faktoren (z.B. Pflanzenart, Entwicklungsstadium, Wechselwirkungen mit
anderen Stressfaktoren). Die Hitzetoleranz des Photosyntheseapparates
ist ein wichtiger Faktor für die Empfindlichkeit von Pflanzen gegenüber
erhöhten Temperaturen. Es geht daher darum, diejenigen Komponenten
des Photosyntheseapparates zu identifizieren, die primär für
die Hitzeempfindlickeit der Photosynthese verantwortlich sind.
Schon früh wurde erkannt, dass Komponenten der Thylakoidmembranen
in den Chloroplasten (ein Membransystem innerhalb der Chloroplasten, wo
die Lichtreaktionen der Photosynthese stattfinden, hitzelabil sind. Extrem
hohe Temperaturen bewirken irreversible Schädigungen in der Struktur
der Thylakoidmembranen. Bei etwas tieferen Stresstemperaturen wird
vor allem eine Komponente in den Thylakoidmembranen beeinträchtigt,
nämlich das PhotosystemII (PSII), welches für die Produktion
von Sauerstoff verantwortlich ist.
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Querschnitt durch einen Chloroplast
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Die durch Hitzestress bedingte Reduktion der PSII-Aktivität, welche
zu einer gesamthaften Abnahme des photosynthetischen Elektronentransportes
führt, beruht primär auf einer Schädigung einer PSII-Komponente,
die bei der Wasserspaltung eine wichtige Rolle spielt. Dieser Schaden
am Photosyntheseapparat könnte die Hauptursache dafür sein,
dass sich die Photosynthese nach einem mittelstarkem Hitzestress meistens
nicht mehr gänzlich erholen kann. Andererseits gibt es aber auch
Hinweise, dass die Integrität der Thylakoidmembranen beeinträchtigt
werden könnte, bevor es zu einer Hemmung der PSII-Aktivität
kommt. Eine erhöhte Durchlässigkeit der Membranen ist mit Störungen
verbunden, die zu einer Reduktion der CO2-Assimilationsrate4 führen.
Die Photosyntheseaktivität wird aber oft schon durch Temperaturen
gehemmt, welche die Thylakoidmembranen und deren Komponenten nicht beeinträchtigen.
Das Enzym Ribulose-1,5-bis-Phosphat-Carboxylase/Oxygenase (kurz «Rubisco»
genannt) ist das CO2-Fixierungsenzym
in den Chloroplasten. Das Enzym Rubisco kann sowohl CO2
wie auch O2 binden. Die beiden Aktivitäten
konkurrenzieren sich gegenseitig. Steigt die Temperatur, so erhöht
sich sowohl das Verhältniss O2/CO2
am Ort des Enzyms als auch die Verwendung der beiden Substrate durch die
Rubisco. So erhöht sich die Oxygenase-Aktivität (d.h. die Photorespiration,
die Reaktion mit Sauerstoff) auf Kosten der Carboxylase-Aktivität
(der CO2-Assimilation), wodurch sich
die Abnahme der Photosyntheserate bei erhöhter Temperatur erklären
liesse. Zudem wurde beobachtet, dass bei erhöhter Temperatur der
Export der Photoassimilate – d.h. jener Produkte, die durch Umwandlung
körperfremder in körpereigene Produkte, wie etwa Stärke,
entstehen – aus den Blättern gehemmt ist. Dieses Phänomen
könnte zu einer Hemmung der Photosynthese durch Rückstau führen.
Eine erhöhte Photorespirationsrate und eine Hemmung der Photosynthese
durch Rückstau genügen aber nicht, um die Reduktion der Photosyntheserate
bei erhöhter Temperatur zu erklären. Eine Abnahme der Photosyntheserate
findet nämlich sowohl unter photorespiratorischen wie auch unter
nicht-photorespiratorischen Bedingungen statt und kann auch dann gemessen
werden, wenn der Export der Photoassimilate nicht beeinträchtigt
ist.
Rubisco-Aktivase:
das hitzeanfälligste Enzym?
In verschiedenen Studien wurde beobachtet, dass die lichtabhängige
Aktivierung der Rubisco bei mildem Hitzestress abnimmt und dass diese
Hemmung eng mit einer reversiblen Inaktivierung der Photosynthese gekoppelt
ist. Zuerst nahm man an, dass die Rubisco selbst hitzelabil sein könnte.
Spätere Laborexperimente haben aber bewiesen, dass das Enzym selbst
bei 50°C noch voll funktionsfähig ist. (Auch die anderen Hauptenzyme
der Photosynthese erwiesen sich alle als relativ hitzetolerant.) Die Rubisco
ist ein Enzym, das langsam arbeitet und das zudem immer wieder in einen
inaktiven Zustand zurückfällt. Sie hat also ineffiziente katalytische
Eigenschaften; d.h. sie kann chemische Prozesse nicht (inaktive Form)
oder nur langsam (aktive Form) herbeiführen. Damit das Enzym optimal
arbeitet, muss es zuerst aktiviert werden. Durch höhere Temperaturen
kann der Aktivierungsmechanismus der Rubisco gehemmt werden.
Die Magnesiumkonzentration, die CO2-Konzentration und der Säurewert
(pH-Wert) spielen in der Regulation der Rubisco-Aktivität eine wichtige
Rolle. Die Rubisco-Aktivität wird aber auch durch Aktivatoren (Stoffe,
welche die Wirksamkeit eines Enzyms erhöhen) und Inhibitoren (Hemmstoffe
eines Enzyms) reguliert. Dabei spielt nun das Chloroplastenenzym Rubisco-Aktivase
eine zentrale Rolle. Diese Rubisco-Aktivase wandelt die inaktive Form
der Rubisco in die aktive Form um. Der Mechanismus der lichtabhängigen
Aktivierung der Rubisco durch die Rubisco-Aktivase ist noch nicht vollständig
geklärt. Verschiedene Studien deuten aber darauf hin, dass die Rubisco-Aktivase
direkt mit der Rubisco interagiert und durch einen bislang unbekannten
Mechanismus die Befreiung des Enzyms von gebundenen Inhibitoren fördert.
Sobald die Rubisco von den Inhibitoren befreit ist, kann dieses Enzym
durch die Bindung von CO2 und Magnesium spontan aktiviert werden. Die
Rubisco wird, wie bereits oben erwähnt, laufend inaktiviert und muss
daher immer wieder aktiviert werden.
Experimente haben gezeigt, dass die Rubisco-Aktivase durch eine Erhöhung
der Temperatur rasch beeinträchtigt wird. Offenbar nimmt bei erhöhter
Temperatur der Aktivierungsgrad der Rubisco ab, weil erstens die Aktivität
der Rubisco-Aktivase gehemmt ist und zweitens die Deaktivierungsrate der
Rubisco erhöht ist. Die ungenügende Kapazität der Aktivase
scheint somit eine der primären Ursachen für die Reduktion der
Photosyntheseaktivität bei erhöhter Temperatur zu sein. Die
Hitzeempfindlichkeit der Rubisco-Aktivase hängt von der Pflanzenart
ab und könnte für die unterschiedliche Hitzetoleranz mitverantwortlich
sein. So ist die Rubisco-Aktivase und als Folge davon auch die Photosyntheserate
in hitzetoleranten Baumwollpflanzen im Vergleich zu hitzeempfindlicheren
Weizenpflanzen durch eine Temperaturerhöhung weniger beeinträchtigt.
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Einfluss
von Hitze auf die Rubisco-Aktivase und auf den Aktivierungszustand
der Rubisco: Die Rubisco, das CO2-fixierende Enzym in den Chloroplasten,
erträgt hohe Temperaturen vergleichsweise gut. (In der Zeichnung
links die Aktivierung dieses Enzyms im Normalzustand, bei etwa 25°C).
Es kann aber bei Hitze nicht mehr von der inaktiven in die aktive
Form übergeführt werden, da die Rubisco-Aktivase durch
Hitze inaktiviert wird (dargestellt in der Zeichnung rechts, bei
einer Temperatur von 35°C und mehr — die Pflanze gerät
in eine Stresssituation).
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Die meisten Pflanzenarten zeigen
zwei Formen von Rubisco-Aktivase mit unterschiedlicher Hitzeempfindlichkeit.
Eine bevorzugte Bildung der hitzetoleranteren Form könnte somit ein
Mechanismus sein, mit dem Pflanzen die Thermotoleranz ihres Photosyntheseapparates
erhöhen könnten.
Unter Hitzestress bilden verschiedene Pflanzenarten zusätzlich noch
alternative Formen der Rubisco-Aktivase, die beim Stressende wieder abgebaut
werden. Die temporäre Vermehrung hitzetoleranter Formen der Aktivase
könnte somit ein anderer Mechanismus sein, durch den gewisse Pflanzen
ihre Thermotoleranz verbessern könnten. Auch die reversible Inaktivierung
der Rubisco könnte allerdings einen Schutzmechanismus darstellen,
der es den Pflanzen erlaubt, gravierendere Schäden an der Rubisco
und an anderen Komponenten des Photosyntheseapparates zu verhindern.
In einem Projekt im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts «Klima»
werden biochemische und biophysikalische Methoden eingesetzt, um die Effekte
erhöhter Temperaturen auf die Photosyntheseaktivität verschiedener
Pflanzenarten genauer zu untersuchen. Messungen werden sowohl im Labor
als auch im Freiland durchgeführt. Gaswechselmessungen erlauben es
uns, die durch eine Erhöhung der Temperatur ausgelöste Abnahme
der Photosyntheserate zu analysieren und zu quantifizieren.
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Mit
diesem Gerät wird die CO2-Assimilation und zudem – mit
dem kabelartigen Teil links oben – die Fluoreszenz von Erbsen
gemessen.
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Messungen der Fluoreszenz (Eigenschaft
bestimmter Stoffe, bei Bestrahlung selbst zu leuchten) von Chlorophyll
a, die gleichzeitig an der selben Probe durchgeführt werden, liefern
uns Informationen über Veränderungen in den Thylakoidmembranen,
wo Lichtabsorption, Elektronentransport und Bereitstellung der energiereichen
Verbindung Adenosintriphosphat (ATP) lokalisiert sind. Ergänzende
biochemische Methoden sollen beitragen zur Beantwortung der Frage, wie
weit temperaturabhängige Veränderungen in der Aktivität
des Enzyms Rubisco-Aktivase für die Reduktion der Photosyntheserate
während und nach einem Hitzestress verantwortlich sind.
Dr.
Pierre Haldimann und Prof.
Dr. Urs Feller
Institut für Pflanzenwissenschaften,
Uni Bern
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