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Die Veterinär-Bakteriologie
im Dienste der Gesundheit von Tier und Mensch
Resistenz gegen
Antibiotika
Bakterien
können zwischen Tier und Mensch übertragen werden. Die Resistenz
gegen Antibiotika ist ein gutes Beispiel für ein Problem, bei welchem
es in der Human- und Tiermedizin potentielle Zusammenhänge gibt,
die noch erforscht werden müssen. Die bei Nutztieren isolierten antibiotikaresistenten
Bakterien gleichen bisweilen den-jenigen, welche in der Humanmedizin ein
grosses Problem darstellen. Wie neueste Untersuchungen zeigen, kann die
Häufigkeit von antibiotikaresistenten Bakterien bei Nutz-tieren durch
wirksame Massnahmen reduziert werden. Die Resistenz-Problematik beim Menschen
und bei Kleintieren sollte getrennt betrachtet werden.
Bakterien-Infektionen
bei Tier und Mensch
Bakterien-Infektionen sind sowohl beim Menschen als auch beim Tier relativ
häufig und können sogar tödlich verlaufen. Bakterien tierischen
Ursprungs werden manchmal durch direkten oder indirekten Kontakt (z.B.
durch Lebensmittel) auf den Menschen übertragen. Solche Übertragungen
haben meistens keine negativen Konsequenzen. Beherbergt jedoch das Tier
für den Menschen pathogene Erreger (sogenannte Zoonoseerreger), kann
dies unter besonderen Umständen schwerwiegende Folgen haben. Bekannte
Beispiele sind die Infektionen durch Lebensmittel mit Salmonellen oder
Campylobacter-Bakterien, welche Schleimhautentzündungen des Magens
und des Dünndarms hervorrufen, oder auch durch Hautkrankheiten verursachende
Pilze (Dermatophyten). Möglich ist zudem die Übertragung von
antibiotikaresistenten Bakterien zwischen Tier und Mensch oder von Resistenz-Genen
zwischen Bakterien tierischen und menschlichen Ursprungs. Mikrobiologische
Untersuchungen beim Tier sind folglich nicht nur für die Gesundheit
und das Wohlbefinden des Tieres, sondern auch für den Menschen von
grosser Tragweite. Das Institut für Veterinär-Bakteriologie
der Universität Bern (IVB) befindet sich damit im Zentrum eines bedeutungsvollen
Problemkreises der Veterinär-Bakteriologie. Die Untersuchungen, ein
wichtiger Bestandteil der Diagnose von Infektionskrankheiten, werden im
IVB mit klassischen und molekular-biologischen Methoden durchgeführt.
Sie ermöglichen den Klinikern den Einsatz fundierter und erfolgreicher
Therapien und erlauben, einerseits die für den Menschen potentiell
gefährlichen Mikroorganismen beim Tier zu erkennen und andererseits
die Übertragung von Zoo-nose-Erregern zu kontrollieren. Neben der
Diagnostik wird auch in der Forschung am IVB auf diesem Gebiet gearbeitet:
Indem hier die Mechanismen der Pathogenese studiert werden, kommt es zur
Entwicklung effizienter therapeutischer und präventiver Massnahmen
zum Wohl von Mensch und Tier (z.B. Impfstoffe, Sanie-rungsmassnahmen).
Antibiotika-Resistenz,
ein aktuelles Problem
Gleich nach der Einführung der ersten antimikrobiellen Substanzen
in den dreis-siger und vierziger Jahren zeigten gewisse Krankheitserreger,
dass sie gegen diese wunderbaren Werkzeuge der Medizin sehr schnell resistent
werden können. Durch die ständige Entwicklung neuer Antibiotika
gelang es jedoch, dieses Problem unter Kontrolle zu halten. Leider sind
seit den achtziger Jahren praktisch keine neuen antimikrobiell wirkenden
Substanzklassen mehr entdeckt worden, welche klinisch anwendbar wären.
Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind (sogenannte multiresistente
Bakterien), bilden in der Humanmedizin und besonders in den Spitälern
ein hochaktuelles Problem. Werden keine neuen Substanzen entwickelt, muss
sogar befürchtet werden, dass es sehr bald resistente Bakterien gegen
alle bekannten und anwendbaren Antibiotika geben wird.
In der Tiermedizin sind die
Verhältnisse nicht derart gravierend. Resistente Bakterien werden
beim Tier zwar oft gefunden, sie scheinen aber in der grossen Mehrheit
der Fälle nur gegen wenige Antibiotika resistent zu sein. Allerdings
fehlen aktuelle Daten über die Lage der Antibiotika-Resistenz beim
Tier in der Schweiz. Neue Erkenntnisse sind erforderlich, um den genauen
Umfang des Problems in der Tiermedizin definieren zu können. Unklar
ist auch die Rolle der resistenten Bakterien tierischen Ursprungs in der
Humanmedizin. Aus sporadischen Untersuchungen weiss man, dass resistente
Bakterien vom Tier auf den Menschen übertragen werden können
(z.B. Zoonoseerreger, aber auch normale, ungefährliche Darmbakterien).
Nicht bekannt ist, wie oft solche Übertragungen stattfinden und ob
sie, wenn überhaupt, die menschliche Gesundheit gefährden. Die
ganze Problematik der Antibiotika-Resistenz hat weltweit an Aktualität
gewonnen. Auf nationaler Ebene wurde kürzlich ein Forschungsprogramm
des Nationalfonds lanciert, um diesen Problemkreis zu erforschen und Lösungen
zu finden.
Antibiotika
in der Tiermedizin
Antibiotika werden in der Tiermedizin auf drei Ebenen eingesetzt. Sie
werden therapeutisch verwendet, um Tiere mit einer bakteriellen Krankheit
zu behandeln, und präventiv, um das Auftreten einer Krankheit in
einer gefährdeten Population zu verhindern. Solche Anwendungen sind
sowohl beim Nutztier als auch beim Kleintier gebräuchlich. Weltweit
werden bei Nutztieren Antibiotika auch als antimikrobielle Leistungsförderer
(AML) eingesetzt. Diese Antibiotika, in kleinen Dosen verabreicht, fördern
durch verschiedene Mechanismen das Wachstum der Tiere, sind aber therapeutisch
nicht wirksam. Der Einsatz von AML selektioniert beim Tier resistente
Bakterien, die potentiell auf den Menschen übertragen werden könnten.
Die genauen Auswirkungen des AML-Einsatzes auf die Antibiotika-Resistenz
krankmachender Bakterien beim Menschen und die Konsequenzen für die
menschliche Gesundheit sind aber sehr umstritten. Um allfällige negative
Folgen der AML auf die menschliche Gesundheit möglichst klein zu
halten, hat die Schweiz schon 1972 den Einsatz von AML geregelt und auf
eine be-schränkte Anzahl von Substanzen limitiert. Inzwischen haben
die Mitglieder der EU ähnliche Massnahmen getroffen. Anfang 1999
wurde der Gebrauch von AML in der schweizerischen Tierzucht sogar vollständig
verboten.
Folgen des AML-Verbots
Tylosin, ein Mitglied der Antibiotika-Familie der Makrolide,
wurde in der Schweiz bis Anfang 1999 als AML in der Schweinemast eingesetzt.
Um die Folgen des AML-Verbots auf die Resistenzhäufigkeit zu studieren,
untersuchte das IVB Darmbakterien bei Schweinen aus 16 Mastbetrieben vor
und nach dem AML-Ausstieg in einem Abstand von sechs Monaten. Die Enterokokken,
Bewohner des Darmes von Warmblütern, besitzen normalerweise keine
natürliche Resistenz gegen Makrolide, können aber Resistenzen
gegen Makrolide erwerben und somit unempfindlich werden. Vorläufige
Resultate der durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass die Resistenz
gegen Makrolide in Enterokokken während des Einsatzes von Tylosin
als Leistungsföderer in den 16 Betrieben weitverbreitet war (Abb.
1). Sechs Monate nach dem generellen Verbot von AML in der Schweiz hat
die Häufigkeit dieser Resistenz in den untersuchten Beständen
signifikant abgenommen (Abb. 1). Diese vielversprechenden Resultate weisen
auf die positiven Folgen des AML-Verbots hin. Inwieweit sich dies auch
auf die Resistenzen bei Enterokokken vom Menschen auswirken kann, bleibt
aber ungewiss.

Abb. 1. Häufigkeit
von Makrolid-resistenten Enterococcus faecium und Enterococcus hirae in
16 Schweinemast-Betrieben vor und nach dem AML-Verbot.
Avoparcin aus der
Antibiotika-Familie der Glykopeptide wie Vancomycin wurde
schon 1997 als AML verboten. Andere Antibiotika dieser Familie werden
für therapeutische und prophylaktische Zwecke in der Tierzucht nicht
eingesetzt. Trotzdem fanden wir im Frühling und Herbst 1999 in einem
der 16 Schweinebestände Ente-rokokken, die gegen Vancomycin resistent
waren und die entsprechenden Resistenzgene aufwiesen. Genetische Fingerabdrücke
zeigten uns, dass alle Vancomycin-resistenten Enterokokken in diesem Bestand
identisch waren (Abb. 2). Somit können resistente Bakterien in einem
Bestand auch nach Abbruch einer Antibiotikum-Anwendung noch lange fortbestehen.
Diese Resultate relativieren die erfreulichen ersten Befunde, die wir
mit Makroliden nach dem totalen Verbot der AML in der Schweiz erhalten
haben. Die Konsequenzen des AML-Gebrauchs in der Schweiz dürften
also noch lange zu spüren sein.
Übertragbarkeit der Antibiotika-Resistenz
In der Kleintiermedizin werden Makrolide zu therapeutischen Zwecken gebraucht.
Resistenzen gegen diese Antibiotika sind auch hier bekannt. Untersuchungen
unseres Institutes zeigen zum Beispiel, dass in der Schweiz ein Viertel
bis ein Drittel der pathogenen Staphylokokken bei Hunden gegen Makrolide
resistent ist. Diese Resistenz scheint mit jener gegen Antibiotika der
Aminoglykosid-Familie (z.B. Streptomycin oder Neomycin) gekoppelt zu sein.
Wir wollten abklären, ob dieses besondere, im Ausland noch nicht
beschriebene Resistenzprofil auf die Ausbreitung eines spezifischen Staphylokokken-Stammes
in der schweizerischen Hunde-Population zurückzuführen ist.
Zur Abklärung dieser Frage untersuchten wir pathogene Staphylokokken
von Hunden aus der ganzen Schweiz auf ihre Makrolid- und Amino-glykosid-Resistenz.
Gleichzeitig bestimmten wir mit molekularen Methoden die Verwandtschaft
dieser Stämme. Unsere Resultate zeigten keine besondere Verwandtschaft
unter resistenten Staphylokokken. Das Profil der Makrolid-Amino-glykosid-Resistenz
bei Hunde-Staphylokokken ist also nicht nur bei einem einzigen Stamm zu
finden. Die epidemische Ausbreitung eines einziges Staphylokken-Stammes
kann daher die weite Verbreitung dieses Resistenzprofils noch nicht erklären.
Molekularbiologische Untersuchungen zeigten, dass bei allen resistenten
Staphylokokken ein Gen für die Makrolid-Resistenz direkt neben einer
Serie von drei Aminoglykosid-Resistenzgenen liegt. Dieses Paket von Resistenzgenen
wurde anscheinend von einem Staphylokokken-Stamm zum anderen übertragen.
Das Makrolid-Resistenzgen gehört zu einer Va-riante, die nur selten
bei Staphylokokken vom Menschen, aber häufiger bei anderen Bakterien
wie Streptokokken, Clostridien und Enterokokken zu finden ist. Die DNA-Sequenzen,
welche dieses Makrolid-Resistenzgen umgeben, stammen aufgrund unserer
Analysen wahrscheinlich nicht von anderen Staphylokokken, sondern eher
von Enterokokken. Somit scheint die Makrolid-Resistenz der Staphylokokken
beim Hund nichts mit der Makrolid-Resistenz des berühmten Staphylococcus
aureus beim Menschen gemeinsam zu haben. (Staphylococcus aureus ist u.a.
für die oft tödlich verlaufenden Wundinfektionen nach Operationen
verantwortlich.)

Abb. 2. Genetische Fingerabdrücke von Enterococcus faecium-Stämmen.
R1 und R2 entsprechen zwei Vancomycin-resistenten Stämmen, die aus
dem gleichen Bestand in einem Abstand von sechs Monaten isoliert wurden.
S1 bis S5 entsprechen fünf anderen, Vancomycin-sensiblen Enterokokken.
Fazit
Beim Problem der Antibiotika-Resistenz könnte es in der Human- und
Tiermedizin potentielle Zusammenhänge geben. Unsere Untersuchungen
im Zusammenhang mit dem AML-Verbot in der Schweiz zeigen, dass die Häufigkeit
von antibiotikaresi-stenten Bakterien bei Nutztieren durch wirksame Massnahmen
reduziert werden kann. Es bleibt aber unklar, ob solche Massnahmen auch
zur Verminderung der Resistenz-Probleme in der Humanmedizin beitragen.
Weitere Untersuchungen bei Hunden zeigten nämlich, dass kein eindeutiger
Zusammenhang zwischen Makrolid-Resistenz bei Staphylokokken von Hunden
und Menschen besteht. Die Problematik der Resistenz bei Mensch und Kleintier
muss offensichtlich getrennt betrachtet werden. Neben der Entwicklung
neuer antimikrobieller Substanzen und dem sinnvollen Einsatz von Antibiotika
braucht es dringend weitere Untersuchungen auf diesem Gebiet, um das Problem
der Antibiotika-Resistenz besser zu verstehen und in den Griff zu bekommen.
Dr. Patrick
Boerlin
Stelle
für Öffentlichkeitsarbeit
Universität
Bern
Patricia Maragno
EMail: patricia.maragno@press.unibe.ch
Last update: 8.12.00
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