«Wir begnügen uns nicht mit dem Vermitteln von exotischen Tatsachen»

Das Institut für Sozialanthropologie feiert sein 50-jähriges Bestehen. Grund genug für «uniaktuell», anlässlich der Jubiläumsfeier vom 25. April 2017 bei Co-Direktor Prof. Dr. Heinzpeter Znoj nachzufragen, wie sich das Institut entwickelt hat und womit sich aktuelle Forschungsprojekte auseinandersetzen.

Interview: Brigit Bucher

«uniaktuell»: Herr Znoj, die gängige Vorstellung ist, dass sich die Sozialanthropologie mit exotischen Stämmen in abgelegenen Regionen, unerforschten Sitten und Bräuchen im Urwald und Ähnlichem befasst. Stimmt das?
Heinzpeter Znoj: Die Sozialanthropologie beschäftigt sich zum Teil immer noch mit exotischen Stämmen in abgelegenen Regionen. Zusätzlich zu ihren Sitten und Bräuchen gehört heute aber beispielsweise auch dazu, zu erforschen, wie sie sich gegen die Abholzung des Urwaldes wehren und wie sie allgemein Teile von Staaten, einer globalisierten Wirtschaft und neuen kulturellen Strömungen werden. 

Worum geht es bei aktuellen Forschungsprojekte am Institut in Bern?
Ein grosser Teil unserer Forschungen beschäftigt sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Wir liefern empirische Untersuchungen dazu, welche die objektiven Lebensumstände von Menschen aufzeigen und ihre subjektiven Erfahrungen und Handlungsorientierungen nachvollziehbar machen. Ein Schwerpunkt unseres Instituts ist die ethnographische Erforschung des Handelns staatlicher Akteure. Das betrifft etwa die Migrationsforschung. Ein anderer sind die Auswirkungen grosser Investitionen in Landressourcen (sogenanntes Land Grabbing) und Bergbau auf die dort lebenden indigenen Gesellschaften. Wir erforschen aber zum Beispiel auch, wie sich permanent prekäre Arbeitsverhältnisse auf die Lebensentwürfe gut ausgebildeter junger Spanierinnen und Spanier auswirken oder wie die Bildungsbiographien unbegleiteter Minderjähriger in der Schweiz und in der Türkei zwischen dem Menschenrecht auf Bildung und tendenziell repressiver staatlicher Migrationspolitik gestaltet werden.

Die Anforderungen an die Sozialanthropologie haben sich im Laufe der Zeit also verändert?
Erste ethnographische Berichte gibt es bereits aus der Antike, beispielsweise von Herodot und Tacitus. In der Neuzeit ist etwa Joseph-François Lafitau zu nennen, der Anfang des 17. Jahrhunderts ausführlich über die Irokesen geschrieben hat. Die modernen Klassiker stammen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, allen voran «Die Argonauten des Westlichen Pazifik» von Bronislaw Malinowski. Die postkoloniale Sozialanthropologie hat sich dann zunehmend mit Problemen komplexer Gesellschaften befasst, darunter auch unserer eigenen. Früher haben Sozialanthropologinnen und Sozialanthropologen noch stärker vom Wissensvorsprung gelebt, den sie gegenüber dem akademischen Publikum und der Öffentlichkeit hatten – sie verbrachten oft als Einzige lange Zeit bei einer abgelegenen Gruppe, lernten ihre Sprache und publizierten wissenschaftliche Texte dazu. Die heutigen Informationstechnologien machen solches Spezialwissen immer mehr für alle greifbar, die sich dafür interessieren. Unsere Herausforderung ist es, zu zeigen, dass es mehr als Information braucht – dass ferne und nahe Lebenswelten in ihrer Komplexität verstanden und die Sichtweisen der Einheimischen nachvollziehbar gemacht werden müssen. Die Sozialanthropologie bewährt sich durch ihre analytischen Leistungen und begnügt sich nicht mit dem Vermitteln überraschender und exotischer Tatsachen.

Früher hiess das Fach «Ethnologie». Hat der Wechsel in der Bezeichnung von «Ethnologie» zu «Sozialanthropologie» auch mit dieser Entwicklung zu tun?
Wir folgten dabei dem allgemeinen Trend in Europa, dass sich das Fach so bezeichnet. Ethnologie oder Völkerkunde bezeichnet als unseren Forschungsgegenstand einzelne Völker – und implizit exotische Völker. Das trifft unser Selbstverständnis nicht mehr. Das Fach identifiziert sich heute über die ethnographische Methode und eine ganzheitliche Herangehensweise an aktuelle Problemstellungen in unterschiedlichsten, auch multi-ethnischen Gesellschaften.

Warum studiert man heute Sozialanthropologie?
Weil man sich für die Lebensrealitäten von Menschen jenseits der Wohlstandsinsel Europa interessiert und weil man den sozialen Wandel in der Schweiz als Teil eines globalen Prozesses verstehen will. Die ethnographische Methode ermöglicht es, im intensiven alltäglichen Austausch mit Menschen eine Mikro-Perspektive auf Makro-Zusammenhänge zu gewinnen. Diese Fähigkeit ist vielfältig anwendbar und in vielen Berufsfeldern gefragt. Die meisten Absolventinnen und Absolventen eines Studiums der Sozialanthropologie finden Arbeit in öffentlichen Verwaltungen und in NGOs in Bereichen wie Migration, Bildung aber auch Sozialmedizin.

Das Institut für Sozialanthropologie feiert 2017 sein 50-jähriges Jubiläum. Welches waren Höhepunkte in der Geschichte des Instituts?
Ein erster Höhepunkt war das ausserordentliche Wachstum zwischen Mitte der 1970er-Jahre und den 1990er-Jahren. Während dieser Zeit wurde aus einem Orchideen- zunächst ein Mode- und dann ein forschungsstarkes Fach. Ein zweiter Höhepunkt war die Konsolidierung im Zuge der Bologna-Reform 2005. Das Studium wurde gestrafft und intensiviert, der Lehrkörper ausgebaut. Deshalb bestehen heute gute Betreuungsverhältnisse und entsprechend gut ist auch die Forschungsleistung des Instituts. Ein dritter Höhepunkt ist die zunehmende Vernetzung des Instituts in Forschung und Lehre innerhalb der Universität und darüber hinaus, die in den letzten Jahren erreicht wurde.

In welche Richtung wird sich das Institut weiterentwickeln?
Ich erwarte, dass sich das Institut mittelfristig entlang der jetzt bestehenden Schwerpunkte Migrationsforschung, Rechts- und Politische Anthropologie, Ökologische und Ökonomische Anthropologie sowie Medienanthropologie weiterentwickeln wird. Es dürfte sich auch vermehrt in interdisziplinären Forschungsverbünden engagieren und in der Lehre internationalisieren. So sind wir seit kurzem an CREOLE, dem ersten internationalen Masterprogramm an der Universität Bern, beteiligt.

Welche sind Ihre Wünsche ans Institut zum Jubiläum?
Ich wünsche dem Institut, dass es den holistischen, ethnographischen Ansatz der klassischen Sozialanthropologie weiter auf innovative Weise auf aktuelle Problemstellungen anwenden wird. Und ich hoffe, dass die Betreuungsverhältnisse auch in Zukunft mindestens so gut wie heute sein werden, so dass das Institut für Studierende, Dozierende und Forschende weiterhin ein attraktiver, inspirierender Ort sein wird.

Zur Person

Teaser

Heinzpeter Znoj ist seit 2003 Professor am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern. Nach dem Studium der Anthropologie, Philosophie und Neueren Deutschen Literatur an der Universität Bern verbrachte er je ein Jahr als Visiting Fellow an den Universitäten Yale und Cornell (USA) sowie zwei Jahre als wissenschaftlicher Assistent am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die ökonomische Anthropologie, speziell anthropologische Tauschtheorien, sowie regional Indonesien, wo er zahlreiche Forschungen, unter anderem zur Legitimation von Korruption durch Staatsbeamte durchführte.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Heinzpeter Znoj
Institut für Sozialanthropologie
Lerchenweg 36
3000 Bern 9
Telefon direkt: +41 31 631 89 96
Telefon Institution: +41 31 631 89 95
Email: heinzpeter.znoj@anthro.unibe.ch

DAS INSTITUT FÜR SOZIALANTHROPOLOGIE

Das Institut für Sozialanthropologie erforscht gesellschaftliche Makroprozesse aus einer lebensweltlichen Mikroperspektive. Das heisst, es erforscht in teilnehmender Beobachtung, wie Menschen in unterschiedlichen Regionen der Welt mit unterschiedlichen lokalen Traditionen globale ökonomische und kulturelle Prozesse wahrnehmen und auf sie reagieren. Das Institut betreibt Forschung zu akuten gesellschaftlichen Problemen, in denen diese Perspektive kritisches Orientierungswissen bereitstellt. Sein Anspruch ist es, die gängigen eurozentrischen und technokratischen Sichtweisen auf die Welt um multiple Sichtweisen aus diversen, auch nichtprivilegierten Standpunkten zu erweitern. Die Sozialanthropologie, wie sie am Institut in Bern betrieben wird, versteht die Menschen, die sie untersucht, als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelten, und wendet die Methoden des Faches an, um dieses lokale Wissen in einen wissenschaftlichen Diskurs zu übersetzen.

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

27.04.2017