Wenn Sprachforscher mit Sprachkünstlern reden

Was passiert, wenn sich Hip-Hopper, Wissenschaftler und Studierende austauschen? Die aktuelle Ringvorlesung des Center for the Study of Language and Society (CSLS) nähert sich dem Phänomen «Hip Hop» aus unterschiedlichen Richtungen.

Von Eno Nipp

«Die Faszination für Graffitis und das Interesse an der Bürgerrechtsbewegung haben mich zum Hip Hop gebracht», sagte Black Tiger. Der Künstler war Gast an einer Veranstaltung der Ringvorlesung «Hip Hop – Linguistische, kulturwissenschaftliche und praktische Perspektiven» des Center for the Study of Language and Society (CSLS). Black Tiger oder Urs Bauer, wie der 42-jährige Basler mit bürgerlichem Namen heisst, gilt als Pionier des Schweizer Mundart-Raps und ist seit Ende der 1980er-Jahre Teil der Schweizer Hip Hop-Szene.

Bryan Vit, ehemaliger Berner Student und jetziger Doktorand an der Universität Heidelberg und der Berner Student Fabrice Wullschleger führten gemeinsam durch die Vorlesung zu den Ursprüngen und der Geschichte des Hip Hop. Die beiden sind Rapper und DJ und hatten die Idee zu dieser Ringvorlesung, welche sie gemeinsam mit dem Sprachwissenschafts-Professor Martin Reisigl auf die Beine stellten.

Wissen im Dialog erschliessen

«Die Idee der Ringvorlesung ist es, neben der interdisziplinären Forschung auch den Dialog zwischen Theorie und Praxis zu fördern», so Martin Reisigl vom Institut für Germanistik und Mitglied des interdisziplinären Forschungszentrums CSLS. Als Ergänzung zur sprachwissenschaftlichen Perspektive werden deshalb auch Referierende aus der Literatur-, Musik-, Tanz- und Bewegungswissenschaft sowie der Kommunikationswissenschaft eingeladen. «Expertinnen und Experten aus der Hip Hop-Szene bereichern die Diskussion», sagt Reisigl.

Neben der Aussenperspektive der Wissenschaft und der Innenperspektive der praktizierenden Hip Hop-Künstler komme zudem als dritte Ebene «die Publikumsperspektive der Hop Hop-Interessierten» hinzu. Als Vertreter der angewandten Sprachwissenschaft ist Martin Reisigl der Überzeugung, dass es keine strikte Trennung von Theorie und Praxis geben solle: «In der Gesellschaft ist wertvolles Wissen für die Wissenschaft vorhanden und dieses Wissen lässt sich am besten im Dialog erschliessen».

Hip Hop in verlassenen Fabrikhallen

Historisch betrachtet ist Hip Hop ein Produkt der ersten Generation nach der Bür-gerrechtsbewegung in den USA und eng verknüpft mit den ökonomischen Entwicklungen der 1970er-Jahre. Verlassene Fabrikhallen, ja ganze Quartiere, die plötzlich leer standen, prägten das Bild der Deindustrialisierung dieser Zeit. Jugendliche – meist Vertreter ethnischer Minderheiten und damit die grossen Verlierer des aufkeimenden Neo-Liberalismus – eigneten sich diesen Raum an und belebten ihn mit dem, was wir heute unter dem Begriff «Hip Hop» kennen.

Neben Graffitis und Breakdance ist die Musik, die sich zu Beginn vor allem aus dem Soul bediente, heute der prominenteste Zweig dieser Kultur. Technische Innovationen revolutionierten die Arbeit des DJs, der von nun an «so beschäftigt mit seinen Plattenspielern war, dass er eine zusätzliche Person brauchte, um das Publikum mit Worten zu unterhalten – der Rapper war geboren», erklärte Bryan Vit. Und mit dem Aufkommen der Rapper wurde auch die Unterhaltungsindustrie auf Hip Hop aufmerksam und machte das Phänomen der Vorstädte zu einem Konsumgut der Massen. Als der Hip Hop von Übersee nach Europa kam, war er bereits ein Produkt der Unterhaltungsindustrie.

Wer darf sich Rapper nennen?

«Mit dem kommerziellen Erfolg von Rap-Musik wiederum begann der Realness-Diskurs», erläuterte Fabrice Wullschleger. Der Diskurs kreise im Wesentlichen um die Frage «Ethnizität versus Authentizität». Ein Thema, das auch Urs Bauer beschäftigte, als er durch seinen Erfolg als Black Tiger öffentlich wahrgenommen wurde: «Woher ich denn als Weisser das Recht nehme, mich Rapper zu nennen, wurde ich gefragt», erzählte er. «Sobald ich jedoch von meinem Grossvater erzählte, einem schwarzen Jazzmusiker, war es plötzlich in Ordnung – eine heuchlerische Reaktion.» Umso wichtiger war es für den angehenden Rapper, sich mit dem Ursprung der Bewegung zu beschäftigen.

«Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass der kommunikative Charakter und der kreativ-innovative Umgang mit Bestehendem den Kern von Hip Hop ausmacht», warf Bryan Vit ein. Seine Einschätzung teilte Urs Bauer: «Für meine Generation war es wichtig, Hip Hop als eine kreative Kultur darzustellen.» Weitaus kritischer beurteilte er die aktuelle Hip Hop-Szene: «Wer heute von Hip Hop spricht, meint in erster Linie Rap, genauer gesagt: Gangster-Rap.»

Als Psychologe – Urs Bauer schloss 2014 seinen Master an der Universität Bern ab – habe er sich mit den Wirkungsmechanismen von Rap-Texten auseinandergesetzt: «Als Rapper fehlt uns oft das Bewusstsein für die Verantwortung, die wir gegenüber unserem Publikum haben.» Sexismus, Kriminalität und die Verherrlichung von harten Drogen, die den Gangster-Rap ausmachen, sollten seiner Meinung nach viel weniger Platz im Hip Hop haben.