Was Essen über eine Gesellschaft verrät

«Warum ist das Natürlichste – Essen! – sozial und kulturell kompliziert?»: Dieser Frage widmete sich die deutsche Soziologin Eva Barlösius zum Auftakt der Ringvorlesung des Collegium generale, die sich um Essen und Ernährung dreht.

Von Brigit Bucher

Die einzig richtige Art sich zu ernähren, existiert nicht: Mit dieser Feststellung beginnt Eva Barlösius ihr Referat am 24. Februar an der Uni Bern. Was für wen als richtig oder falsch gilt, ist eine soziale und kulturelle Frage. Barlösius macht dem Publikum deutlich, dass Menschen sich zwar ernähren müssen, dass aber wenig davon, wie sie es tun, natürlich vorbestimmt ist. Auch was essbar ist und was nicht, ist vorwiegend kulturell bestimmt: «Eigentlich könnten wir von Natur aus ja alles mögliche essen.» Kultur wird also wirksam, wenn es um die religiöse Deutung von Lebensmitteln geht, ob sie moralisch und ethisch als gut oder schlecht beurteilt werden, als exotisch oder genussvoll. Lebensmittel sind aufgeladen mit Bedeutung und werden bewertet. Essen wird von Barlösius gar als Geburtsstätte der Moral bezeichnet. Sie sagt: «Es gibt keine neutralen Sachaussagen zum Essen. Wenn ich sage, Obst und Gemüse enthalten viele Vitamine, sage ich eigentlich, Sie sollten Obst und Gemüse essen.» 

Auch ob Lebensmittel wohltuend, stärkend, heilsam oder tröstend verstanden werden, hängt von der Kultur ab. Lacher aus dem Publikum erntet Barlösius für die Aussage, viele Deutsche würden denken, wenn die Schweizer Trost bräuchten, nähmen sie Ovomaltine zu sich, während die Deutschen sich mit Leibniz Keksen trösten. Auch assoziieren wir gewisse Speisen eher mit Frauen, andere mit Männern: «Ich nehme den Salat mit Pute» und «Ich nehme die Sülze mit Bratkartoffeln» – in unsere Vorstellung ist sogleich klar, was die Frau und was der Mann bestellt hat.

Gemeinsam zu Tisch

Auch die Zubereitung und die Gestaltung von Mahlzeiten sind kulturell und sozial bestimmt. Zur Herausbildung von National- und Regionalküchen erklärt Barlösius: «Nationalküchen entsprechen immer den Vorstellungen des richtigen Kochens der sozialen Schicht, die den Prozess zur Bildung eines Nationalstaates durchgesetzt hat.» In Frankreich zum Beispiel war dies die Pariser Aristokratie: deren Küche ist die französische Nationalküche. Deutschland dagegen wurde erst spät zum Nationalstaat. Deswegen gebe es in Deutschland keine Nationalküche und nur Regionalküchen.

In den meisten Kulturen wird Essen als soziale Situation gestaltet. Barlösius thematisiert die Bedeutung von gemeinsamen Mahlzeiten und Tischgemeinschaften. Nicht zum Essen eingeladen zu werden oder einer Einladung zum Essen nicht Folge zu leisten, gehen Hand in Hand mit sozialer Ausgrenzung. Barlösius kommt auch auf die Anthropologie des Essens zu sprechen: Beim Essen werden zentrale soziale und kulturelles Institutionen entwickelt, Prozesse und Strukturen durchgesetzt. So wird allmählich klar, warum das mit dem Essen – dem Natürlichsten – eben doch eine komplizierte Sache ist. Barlösius schildert, wie im Essen alle sozialen Verhältnisse angelegt sind. Immer wieder merkt man ihre Leidenschaft fürs Thema an. Aus gutem Grund, wie sie sagt: «Erstellen Sie eine Soziologie des Essens, und Sie haben die Gesellschaft verstanden.»

Dicksein als gesellschaftliche Erfahrung

Im zweiten Teil ihres Referats berichtet Barlösius über ihre Studie und dem darauf basierenden Buch zu übergewichtigen Jugendlichen. Ganz bewusst rückt Barlösius darin die Perspektive der Jugendlichen, ihre Erfahrungen und Aussagen ins Zentrum. Barlösius hat sich unter anderem mit den folgenden Fragen beschäftigt: Wie bezeichnen und unterscheiden sich dickere Jugendliche? Was wissen sie über gesunde Ernährung und wie positionieren sie sich dazu? Was berichten Jugendliche über Familienmahlzeiten? Wie präsentieren sie sich? Welche Zukunftswünsche haben die Jugendlichen?

Barlösius hat bewusst die Terminologie der Jugendlichen übernommen: sie selber bezeichnen sich als «dicker» und «dickere Jugendliche», sie nutzen also komparative Begriffe. Beschimpft werden sie oft als Fettsäcke. Für die Dünneren fallen ihnen kaum Schimpfworte ein, nur in einem Interview fiel die Bezeichnung «die coolen dünnen Alles-Checker».

Dicksein wird von Barlösius als gesellschaftliche Erfahrung beschrieben, als Erfahrung, die die Jugendlichen im sozialen Austausch machen. Ausgegrenzt werden sie. In unserer Kultur wird der Körper und das Gewicht als Ausweis dafür bewertet, wie und was man isst. Damit geht ein Stigmatisierungsprozesse einher: Mit einem dickeren Körper werden geringe Selbstverantwortlichkeit und geringe Leistungsbereitschaft assoziiert. Dickere Jugendliche werden als eigene «Klasse» behandelt, der Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen abgesprochen wird. Die Jugendlichen selbst jedoch präsentieren sich als aktiv, leistungswillig und leistungsstark. Angepasst und korrekt wollen sie sein, Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie möchten einfach dazugehören, nicht mehr ausgegrenzt werden; ausgefallene Wünsche haben sie keine. Die dickeren Jugendlichen begreifen ihr Dicksein als Ursache für ihre Ausgrenzung. Wenn sie nur abnehmen würden, hätten sie bessere Zukunftschancen.

Die Jugendlichen wissen ganz genau, was gesunde Ernährung ist, wie Barlösius weiter ausführt. Ihr Wissen geben sie in der legitimierten Expertensprache wieder: «Ihr eigenes, wirkliches Essverhalten können sie kaum beschreiben. Das Ernährungswissen ist immer mit Wertung gekoppelt, und es findet auch hier eine Moralisierung des Essens statt.» Mit «richtigem Essen» verbinden die Jugendlichen eine warme Familienmahlzeit, zu der sich alle an einem Tisch einfinden und wo den Jugendlichen besonders die Gespräche beim Essen wichtig sind, weil sich darin für sie die Gemeinschaftlichkeit der Familien äussert. In der Realität wird genau das aber nur selten praktiziert.

Gefragt, welche Präventionsmassnahmen sie empfehlen würde, holt Barlösius aus. Studien hätten gezeigt, dass dickere Jugendliche vor allem aus sozial benachteiligten Familien stammen. In Deutschland werde aber nicht mehr über Armut und ihre Folgen gesprochen wie etwa auseinanderbrechende Familienstrukturen. Wolle man das Problem angehen, müsse man sich aber eben auch damit auseinandersetzen.

Der Abend mit Eva Barlösius erwies sich als spannender Auftakt der Vorlesungsreihe «In aller Munde: Essen und Ernährung», die das Collegium generale während dem Frühjahrssemester anbietet. Weitere Forschende aus dem In- und Ausland werden über eine Vielfalt von Themen referieren: vom Welternährungssystem und der Körperwahrnehmung über die Sportlerernährung und den Vegetarismus bis zur molekularen Küche und der Nutrigenetik. Die Veranstaltungen finden jeweils am Mittwoch, 18.15 bis 19.45 Uhr, im Hauptgebäude der Universität, Hochschulstrasse 4, 3012 Bern, Auditorium maximum, Raum 110, statt.

Zur Person

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Eva Barlösius ist seit 2007 Professorin für Makrosoziologie / Sozialstrukturanalyse an der Leibniz Universität Hannover. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Soziologie des Essens, Ungleichheitssoziologie, Wissenschaftssoziologie sowie Soziologie ländlicher Räume.

Auswahl von Publikationen von Eva Barlösius

Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt. Frankfurt/M.: Campus 2014

Pierre Bourdieu – eine Einführung. 2. Auflage. Frankfurt/M.: Campus 2011.

Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Weinheim: Juventa 2011

Kämpfe um soziale Ungleichheit. Grundfragen und Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004

Das Collegium generale

Das Collegium generale fördert den fächerübergreifenden Dialog und die Vernetzung innerhalb der Universität durch Veranstaltungen für Lehrende, Nachwuchsforschende und Studierende aller Fakultäten. Die Veranstaltungen stehen auch einem breiteren Publikum offen, der Eintritt ist frei.

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

26.02.2016