Vom Umgang mit Migration

Dozierende der Uni Bern aus unterschiedlichen Fachgebieten setzten sich im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Collegium generale mit den Themen Flucht, Migration und Integration auseinander. Ein Fazit nach sechs sehr gut besuchten Abenden.

Von Vera Knöpfel

Ist Migration historisch gesehen der Normalzustand? Besteht ein Zusammenhang zwischen Klimaveränderungen und politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen? Ist das Recht auf Migration ein Menschenrecht und lässt sich Migration steuern? – Dies waren nur einige der Fragen, die an den sechs Veranstaltungen im März und April thematisiert wurden. 

Vielfalt der Themen und Erkenntnisse

Unter Leitung des Collegium generale waren Dozierende der Uni Bern angefragt worden, aus ihren unterschiedlichen Fachgebieten etwas zum Thema beizutragen. Die Projektgruppe bestehend aus Sara Bloch, Mirko Novák, Stephan Oberholzer und Vera Knöpfel bemühte sich bewusst, durch die Auswahl der Referate dem Publikum ein möglichst breites Spektrum an Perspektiven zu bieten. Schliesslich haben 18 Angehörige aus 13 Instituten und 6 Fakultäten referiert und zusammen diskutiert. Auch die zahlreichen Besucherinnen und Besucher haben sich in die Diskussionen aktiv eingebracht und mit Fragen die Referierenden herausgefordert.

Zeitlich wurde der Bogen aus der Prähistorik, über das Römische Reich, in die Frühe Neuzeit bis hin zur aktuellen Situation gespannt. Thematisch wurden Beiträge aus den Gebieten Geographie, Geschichte, der Rechtswissenschaften, Sozialanthropologie, Philosophie und Archäologie geliefert, um nur einige zu nennen.

So vielfältig wie die Fachgebiete, so vielfältig waren auch die Inhalte der Vorträge. Beispielsweise erfuhren die Zuhörenden vom Judaisten und Altphilologen René Bloch, was hinter dem Begriff «Europa» steht, dass unsere Kultur ihre Schrift einem Wissenstransfer aus dem Nahen Osten nach Europa verdankt und dass die Flucht auf Booten mythologisch zum Kanon unserer Kultur gehört. Bloch erinnerte an die biblische Geschichte der Arche Noah, welche vom Überleben der Menschheit handelt, und an die Flucht des Aeneas aus Troja Richtung Italien, welche in der römischen Mythologie zur Gründung Roms führt. Albert Hafner vom Institut für Archäologische Wissenschaften referierte darüber, wie heute mit DNA-Methoden auch Mobilität vor 10‘000 Jahren nachgewiesen werden kann. Der Geograph Hans Hurni zeigte die vielfältigen Ursachen für Migration auf, von denen Klima nur eine ist. Das Potenzial von Konflikten wie aber auch die Bereicherung durch Immigration waren das Thema der Politikwissenschaftlerin Carolin Rapp, die darlegte, wie regelmässige Kontakte zwischen Bevölkerungsgruppen zu mehr Toleranz führen können. Die Musikwissenschaftlerin Britta Sweers zeigte anhand von Beispielen in Deutschland und der Schweiz, wie Kulturprojekte Integration fördern, wies aber auch auf die Gefahr hin, Immigranten und Immigrantinnen auf ihren Exilstatus zu reduzieren.

Historische Dimension von Migration

Stefan Rebenich vom historischen Institut verwehrte sich gegen die monokausalen Erklärungsversuche, welche die Völkerwanderung als alleinige Ursache für den Untergang  Roms bezeichnen. Rebenich wies darauf hin, dass sich solche zu eng gefassten Deutungen, leicht für politische Zwecke instrumentalisieren lassen. Auch Kristina Schulz befasste sich mit der historischen Dimension von Migration und beschrieb diese als wesentlichen Bestandteil unserer Schweizer Geschichte. Der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund liege heute bei über 35%. Weiter bemerkte die Historikerin, dass die Schweiz zwar für politische und Glaubensflüchtlinge schon immer attraktiv gewesen sei, dass bis ins 19. Jahrhundert aber zahlenmässig die Emigration aus der Schweiz überwogen habe. Alberto Achermann vom Institut für öffentliches Recht referierte über die Ursprünge des juristischen Flüchtlingsbegriffs und darüber, wie sich dieser nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verändert habe. In der Schweiz gelte auch heute nur als Flüchtling, wer gezielter Verfolgung ausgesetzt sei. Die meisten syrischen Flüchtlinge, welche vor den kollateralen Schäden eines Krieges fliehen, gelten nach Schweizer Recht also nicht als Flüchtlinge. Ihnen wird gemäss Achermann lediglich eine vorläufige Aufnahme gewährt und jeder Fall wird einzeln, in langwierigen Verfahren geprüft – eine Belastung für die Flüchtenden einerseits und unser politisches System andererseits.

Die Wichtigkeit des Perspektivenwechsels

In einem Punkt waren sich die Referierenden einig: Migration ist ein natürliches Phänomen, das seit frühester Zeit zur Menschheitsgeschichte gehört. Migration lässt sich nicht verhindern, nicht einmal durch eine vollständige Abschottungspolitik, wie sie beispielsweise Nordkorea als totalitärer Staat betreibt. Die Kosten für die aktuelle Migrationspolitik, welche auf Abschreckung und Verhinderung von Migration abzielt, sind enorm, wie dies Tobias Eule vom Institut für öffentliches Recht eindrücklich belegte. Die Sozialanthropologin Julia Eckert stellte im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Frage, wie auf sinnvolle Weise mit Migration umgegangen werden kann. Anna Goppel vom Institut für Philosophie und Martino Mona vom Institut für Strafrecht und Kriminologie zeigten auf, dass sich ein wichtiger Grundwert der liberalen Gesellschaft momentan in Auflösung befindet: Gleiches Recht und gleiche Pflichten für alle. Die Ankommenden würden heute nicht als gleichwertige und gleichberechtigte Menschen behandelt. Eine wahre Integration werde dadurch verhindert und das vorhandene Potential bleibe ungenutzt. Mona plädierte in diesem Zusammenhang für die Einübung eines Perspektivenwechsels: Gesetze seien erst dann wirklich gerecht, wenn man diese auch für sich selbst akzeptieren würde. Die Herausforderung sei also, sich in die Situation des anderen, des Flüchtlings, zu versetzen. Die jüngere Vergangenheit von Immigration in die Schweiz, zum Beispiel von Italienern oder Ungarn, habe bewiesen, dass unsere Gesellschaft zur Adaptation fähig sei.

Beitrag zum Verständnis aktueller Entwicklungen

Die Uni Bern hat als Volluniversität die Möglichkeit, eine Multiperspektivität zu erzeugen, welche zum Erkenntnisgewinn beiträgt und für das Verständnis aktueller Entwicklungen wertvoll ist. Dies hat die Veranstaltungsreihe gezeigt. Die Universität und ihre Dozierenden liefern damit einen wissenschaftlich fundierten Beitrag, fördern den Austausch zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und verstärken den Kontakt zur Öffentlichkeit. 

Video-Podcasts

Sämtliche Vorträge sind als Video-Podcasts auf der folgenden Seite verfügbar: 

Zur Autorin

Vera Knöpfel hat an der Universität Bern Geschichte und Germanistik studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Rektor Martin Täuber.

13.04.2016