«Unsere Forschung hat gesellschaftliche Relevanz»

Das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung IZFG feiert ein Jubiläum: Seit 15 Jahren wird an der Uni Bern fakultätsübergreifend Geschlechterforschung betrieben. Dies mit Blick auf Themen wie Menschenrechte, Care, Prekarität und Postkolonialismus. Die Co-Leiterinnen Patricia Purtschert und Michèle Amacker haben dabei durchaus den Anspruch, sich politisch Gehör zu verschaffen.

Von Brigit Bucher

Michèle Amacker und Patricia Purtschert haben am IZFG vor einem Jahr als Co-Leiterinnen die Nachfolge von Brigitte Schnegg, die 2014 mit 60 Jahren unerwartet an einem Herzversagen verstorben ist, angetreten. Seit seiner Gründung 2001 hatte Schnegg das Zentrum geleitet. Amacker erzählt von der schwierigen Zeit nach dem Tod von Schnegg: «Es war ein emotionaler Schock und schwer zu verstehen, dass Brigitte, die so lebendig war, nicht mehr da sein würde.» Ihr grosses Engagement, ihr kluger Geist und ihr Enthusiasmus sei, was sie ausgezeichnet habe. Die Gedenkwand im Eingangsbereich des IZFG zeugt davon, wie prägend die Arbeit von Schnegg war und wie präsent sie auch heute noch ist. Nach dem Tod von Schnegg hat Amacker gemeinsam mit Tanja Rietmann die interimistische Leitung des IZFG übernommen. Durch Eigenverantwortung und Selbstermächtigung – das Team musste von einem Tag auf den anderen selber Geld für Forschungsprojekte reinholen, Verhandlungen führen, Dinge eben, die Schnegg vorher getan hatte – seien sie zur Eigenständigkeit gelangt. Ein Prozess, von dem man heute noch profitiere.

Die Soziologin und die Philosophin ergänzen sich gut

Sowohl Amacker als auch Purtschert finden, die Co-Leitung mache Sinn, sei innovativ und herausfordernd. Es sei bereichernd, auf Augenhöhe ein Gegenüber zu haben, Dinge zu besprechen und gemeinsam Entscheidungen zu fällen. Purtschert sagt: «Das Modell hat durchaus mit den Gender Studies zu tun, in denen auch untersucht wird, wie Hierarchien anders organisiert werden könnten. Das Modell Co-Leitung hat viele Vorteile für den Arbeitsplatz und die Arbeitnehmenden, ist an den Universitäten aber noch zu wenig verbreitet.» Purtschert weiter: «Ich habe viel vom umfangreichen Wissen von Michèle profitiert. Umgekehrt stellt man andere Fragen, wenn man von aussen kommt, und auch das kann bereichernd sein.» Als Kulturwissenschaftlerin und Philosophin brachte Purtschert auch neue Themen und Methoden ein. Diese zusammenzubringen mit den bisherigen Ansätzen am IZFG – etwa historischen, juristischen oder soziologischen – sei spannend und gewinnbringend. Sowieso sei eine interdisziplinäre Herangehensweise an Themen wie Lohnungleichheit, Sexismus, Armut oder Diskriminierung wichtig, um diese umfassend verstehen zu können. Purtschert sagt: «Zentrale Fragen sind, wie Gesellschaften durch Ungleichheiten strukturiert sind und inwiefern Macht an Geschlecht und andere relevante Differenzen gekoppelt ist. Die Bilder, die die Menschen von sich selber und von anderen im Kopf haben, haben etwas damit zu tun, wer als geeignet gilt für ein politisches Amt – etwa die Präsidentschaft der USA –, oder wer vermehrt von der Polizei kontrolliert wird, wie die aktuelle Debatte zum „Racial Profiling“ in der Schweiz zeigt. Es ist wichtig, Genderfragen nicht isoliert zu betrachten, sondern Zusammenhänge mit Themen wie Armut, Ungleichheit, Homophobie oder Rassismus zu ergründen. Multidimensionale Zugänge zu Geschlecht sind darum wesentlich für uns.» Amacker bringt einen weiteren Aspekt ein: «Uns ist es nicht nur wichtig, Wissen von höchster Qualität zu produzieren; wir wollen auch in den Dialog mit der Öffentlichkeit treten. In diesem Sinne haben wir den Anspruch, gesellschaftliche Veränderungen kritisch zu hinterfragen und auch anzustossen – und somit gesellschaftliche Relevanz zu haben.» Amacker erzählt von einem aktuellen transdisziplinären Forschungsprojekt, bei dem es um soziale Dienstleistungen in der Landwirtschaft geht, etwa um sogenannte Time-Out-Plätze für Jugendliche: « In diesem Projekt waren Bäuerinnen und Bauern, Behörden und Familienplatzierungsorganisationen Teil unseres Forschungsteams. Nicht nur die Fragestellungen wurden gemeinsam festgelegt, auch die Wissensproduktion wird gemeinsam angegangen.» Sie scheinen sich gut zu ergänzen, die Philosophin und die Soziologin.

Geschlechterforschung als Fach für mehrere Disziplinen

Das Zentrum – das anders als an anderen Unis ausserhalb der Fakultäten angesiedelt und somit thematisch weniger eng an eine bestimmte Disziplin geknüpft ist – hatte von Anfang an den Auftrag, Geschlechterforschung in verschiedene Disziplinen einzubringen. Brigitte Schnegg war zunächst als Geschäftsführerin angestellt und wurde erst später aufgrund ihrer Leistungen zur Titularprofessorin ernannt. Im Gegensatz dazu haben Amacker und Purtschert Professuren inne und sind damit an einer Fakultät verankert. Das IZFG ist jedoch weiterhin ein interfakultäres Zentrum mit Netzwerkcharakter und Gender Studies bleiben an der Uni Bern ein transversales Fach. So gibt es in Bern kein Bachelorstudium für Geschlechterforschung, dafür aber einen Master Minor sowie ein interdisziplinäres Doktoratsprogramm. Gender Studies können also auf Masterstufe ergänzend zu einem Hauptfach studiert werden. Doktorierende aller Disziplinen mit einem Schwerpunkt in der Geschlechterforschung können sich für das Doktoratsprogramm bewerben, und neu ist es auch möglich, im Fach Geschlechterforschung zu promovieren. Im Bereich Weiterbildung wird zudem das CAS Gender, Justice, Globalisation angeboten.

Gesellschaftspolitische Prozesse unterstützen

Gefragt, ob ihre Arbeit Einfluss auf die Politik habe, sagt Amacker: «Wir haben schon den Anspruch, durch unsere Forschungsergebnisse gesellschaftspolitische Prozesse zu unterstützen, indem wir Analysen bereitstellen, die als Entscheidungsgrundlage dienen können.» So bearbeitet das IZFG beispielsweise als Teil des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte SKMR, einem Dienstleistungszentrum mehrerer Unversitäten, Forschungsaufträge vom Bund. Im Auftrag des EDA / Sektion Chancengleichheit hat das IZGF etwa eine Webapplikation konzipiert zu sogenannter «agreed language» mit Key Words und rechtlichen Dokumenten zu Frauen- und Menschenrechten. In diesem Zusammenhang hatte das IZFG als akademische Instanz mehrmals Einsitz in der Schweizer Delegation an der Commission on the Status of Women der UNO. Und innenpolitisch? Nicht nur vom Bund, auch von Nichtregierungsorganisationen oder Stiftungen erhält das IZFG Mandate. Im Auftrag von Caritas Schweiz untersuchte das IZFG beispielsweise die Situation von armutsbetroffenen Ein-Eltern-Haushalten im Zusammenhang mit der neuen Sorgerechtsregelung. Der Ergebnisse flossen schliesslich in ein Positionspapier, das die Caritas zuhanden des Parlaments verfasste. Purtschert ergänzt: «In den Kulturwissenschaften wird von einem anderen Begriff von Politik ausgegangen, der über institutionalisierte Verfahren hinausgeht. Da interessiert beispielsweise auch, wie Menschen Formen von Widerstand gegen vorherrschende Verhältnisse entwickeln. Die Erforschung solcher Phänomene bedeutet, dass wir nicht nur Wissen herstellen, sondern  auch Wissen aufnehmen, das in der Gesellschaft generiert wird, so wie beispielsweise gerade jetzt bei der Kampagne ‚Aufschrei’, die sich gegen alle Formen von Sexismus richtet.»

Die Krux mit den vielen Drittmitteln

Mit 15 Vollzeitstellen, die von 25 Personen besetzt werden, handelt es ist sich in Bern um ein grosses Institut im Bereich Gender Studies. Das IZFG hat einen hohen Drittmittelanteil. Das bedeutet, dass die allermeisten Mitarbeitenden befristet angestellt sind in Forschungsprojekten, die aus externen Geldern finanziert werden. Die Akquise neuer Forschungsprojekte und -mandate hat deshalb am Zentrum einen hohen Stellenwert und ist sehr arbeitsintensiv. «Gleichzeitig ist es sehr inspirierend, an aktuellen und gesellschaftlich hochrelevanten Themen zu arbeiten», sagt Amacker. Purtschert ergänzt: «Wir verbinden wissenschaftliche Arbeit mit der Frage, wie eine gerechtere Welt möglich ist. Das ist ein Sinnhorizont, der unsere Arbeit über unterschiedliche Schwerpunkte hinweg verbindet.»

Zu den Personen

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Michèle Amacker ist seit Februar 2016 Assistenzprofessorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung und Co-Leiterin des IZFG. Sie studierte und promovierte in Soziologie an der Universität Fribourg und war Mitglied im Interdisziplinären Doktoratsprogramm Gender Studies der Universität Bern. Anschliessend arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin für Methoden der empirischen Sozialforschung am IZFG. 2014 übernahm sie gemeinsam mit Tanja Rietmann die Co-Leitung des Zentrums. Zu den Schwerpunkten ihrer Forschung gehören Prekarität, Armut, Soziale Ungleichheit, Arbeitssoziologie, Diskriminierung und transdisziplinäre Forschungsmethoden.

Kontakt:

Prof. Dr. Michèle Amacker
Universität Bern
IZFG
Vereinsweg 23 3012 Bern
T +41 31 631 52 28
E-Mail michele.amacker@izfg.unibe.ch

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Patricia Purtschert ist seit Februar 2016 ausserordentliche Professorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Bern und Co-Leiterin des IZFG. Nach dem Philosophiestudium in Basel und Accra arbeitete sie als Assistentin am Zentrum Gender Studies in Basel und promovierte nach einem zweijährigen Aufenthalt an der University of California Berkeley in Philosophie an der Universität Basel. Nach Postdoc Aufenthalten an der Université Paris X und der Humboldt Universität Berlin führte sie an der ETH ein Ambizione Projekt durch. Schwerpunkte ihrer Forschung sind feministische Theorie, Intersektionalität und Postkolonialismus.

Kontakt:

Prof. Dr. Patricia Purtschert
Universität Bern
IZFG
Vereinsweg 23 3012 Bern
T +41 31 631 37 46
E-Mail patricia.purtschert@izfg.unibe.ch

Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung IZFG

Das IZFG bündelt als disziplinenübergreifendes Netzwerk die Gender-Kompetenzen der Universität Bern und arbeitet als Kompetenzzentrum für inter- und transdisziplinäre Geschlechterforschung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Fächern und Fakultäten engagieren sich für das Zentrum und Studierende mit verschiedenen disziplinären Hintergründen absolvieren hier ihr Studium in Geschlechterforschung. Das IZFG thematisiert aus einer Geschlechterperspektive gesellschaftspolitisch relevante Fragen schwerpunktmässig in den Bereichen «Gender & Development», «Menschenrechte & Diskriminierung», «Gleichstellungspolitik & Gender Mainstreaming», «Armut & Prekarität», «Care» sowie «Postkolonialismus». In diesen Themenbereichen hat das IZFG in den vergangenen Jahren zahlreiche Mandate und Beratungen übernommen und sich mit innovativen Produkten auch international einen Namen gemacht.

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Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

17.11.2016