«Stäge» denken, «Treppe» sagen

Mundart und Hochdeutsch in einem Kopf – wie funktioniert das? Constanze Vorwerg, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Bern und der Uni Wien, stellte im Rahmen der Reihe «Buch am Mittag» vor vollen Rängen ihr Forschungsprojekt vor.

Von Brigit Bucher

Elio Pellin, Verantwortlicher für Öffentlichkeits- und Kulturarbeit der Universitätsbibliothek, begrüsste am Dienstag, 24. Oktober, die zahlreichen Anwesenden zum Saisonstart der Reihe «Buch am Mittag» in der umgebauten Bibliothek Münstergasse und stellte die Referentin vor. Die Sprachwissenschaftlerin Constanze Vorwerg berichtete über ihr laufendes Forschungsprojekt «Processing of language variation: A psycholinguistic approach to Swiss German varieties» (Die Verarbeitung von Sprachvariation: Ein psycholinguistischer Ansatz zu Schweizerdeutschen Varietäten), das sie gemeinsam mit Elke Hentschel, ebenfalls Sprachwissenschaftlerin an der Uni Bern, durchführt. Finanziert wird das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds SNF.

Die Psycholinguistik des Dialekts

Ausgangspunkt des Forschungsprojekts sind Sprachvarietäten. Vorwerg erklärte: «Sprachen existieren jeweils nicht nur in einer einzigen Form, Sprachen existieren in verschiedenen Spielarten wie Jugendsprache, Dialekt oder Standardsprache. Diese bezeichnet man als Varietäten.»

Die Variationen von Sprache sind ein zentraler Gegenstand der Soziolinguistik, die sich mit dem Sprachgebrauch in der Gesellschaft auseinandersetzt. Dabei geht es um Fragen wie: Wie beeinflusst unsere Herkunft unseren Sprachgebrauch? Wie verändern wir unsere Sprache, wenn wir Briefe oder Mails schreiben, Facebookposts oder Whatsapp-Nachrichten verfassen? Welche Unterschiede gibt es, ob wir mit einem Freund oder der Vorgesetzten sprechen? Wie Vorwerg sagte, werden in der Soziolinguistik die Sprachbenutzerinnen und -benutzer als Teil einer sozialen Gruppe betrachtet.

In der Psycholinguistik hingegen geht es um die individuellen kognitiven Mechanismen. Wie funktioniert die individuelle Sprachproduktion, die Rezeption von Sprache, der Spracherwerb oder die Repräsentation von Sprache im Gedächtnis? Bisher wurde hier der Fokus vor allem auf die Standardsprache gelegt im Gegensatz zum Forschungsprojekt von Vorwerg, das sich nun eben auf Schweizerdeutsche Varietäten konzentriert: «Letztendlich geht es um eine Psycholinguistik des Dialekts. Zudem wollen wir die beiden Gebiete der Soziolinguistik und Psycholinguistik zusammenbringen, indem wir soziale Faktoren miteinbeziehen.»

Sind «buchen» und «bueche» im Grunde ein und dasselbe Wort?

Vorwerg präsentierte in ihrem Referat erste Forschungsergebnisse aus dem Projekt. Zentral ist die Frage, ob Mundart und Hochdeutsch in unserem Sprachsystem im Kopf integriert oder separat gespeichert sind. «Nehmen wir als Beispiel das Wort «buchen» aus dem Hochdeutschen und «bueche» aus dem Berndeutschen. Es könnte sein, dass wir zwei Einträge haben im mentalen Lexikon, einmal den Eintrag «buchen» und einmal den Eintrag «bueche». Es könnte aber genauso gut so sein, dass wir nur einen Eintrag haben», so Vorwerg. Sind «buchen» und «bueche» im Grunde für uns ein und dasselbe Wort, mit dem zwei verschiedene Aussprachevarianten verbunden sind oder zwei unabhängige Worte? Die Forschung hat gezeigt, dass selbst bei ähnlichen Sprachen die engverwandten Wörter separat gespeichert sind, dass es also zwei Einträge im mentalen Lexikon gibt. «Unsere Experimente sprechen aber dafür, dass es im Falle von Schweizerdeutsch und Hochdeutsch für ähnliche Wörter nur einen Eintrag in unserem mentalen Lexikon gibt», erklärte Vorwerg. Und sie führte weiter aus, dass die gängigen theoretischen Modelle zur Sprachproduktion aufgrund dieser Ergebnisse angepasst werden müssten.

Kann uns der Dialekt im Weg stehen?

Die Beziehung von Mundart und Hochdeutsch wird mit verschiedenen Experimenten erforscht. In einem Fall zeigte man Testpersonen beispielsweise ein Bild und bat sie, zu benennen, was sie sehen. Im Fall von Spanisch und Katalanisch wurden die Personen schneller in der Benennung, wenn neben dem Bild das Wort in der anderen Sprache stand. Die Autoren der Studie schlossen daraus, dass dies ein Beleg dafür sei, dass die Wörter der beiden Sprachen sich nicht hemmen. Das Experiment, das im Rahmen von Vorwergs aktuellem Projekt mit Hochdeutsch und Berndeutsch durchgeführt wurde, förderte hingegen andere Ergebnisse zu Tage: Wir brauchen länger, um das Bild mit «Treppe» zu benennen, wenn neben dem Bild «Stäge» steht. Das Berndeutsche Wort hemmt uns also gewissermassen im Hervorholen des Hochdeutschen. Vorwerg dazu: «Wir schliessen daraus, dass das Wort «Stäge» neben dem Bild quasi die berndeutsche Benennungsalternative zusätzlich aktiviert und wir mehr leisten müssen, um die Wörter in Hochdeutsch abzurufen.» 

Vorwerg betonte, dass die Forschung längst nicht abgeschlossen sei. Dennoch scheint einiges dafür zu sprechen, dass die Beziehung von Hochdeutsch und Mundart in unserem Kopf eine andere ist als zwischen zwei verschiedenen Sprachen, selbst wenn diese nahe verwandt sind.

Zur Person

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Constanze Vorwerg hat zurzeit eine Gastprofessur für Germanistische Sprachwissenschaft an der Uni Wien inne und ist Dozentin am Institut für Germanistik an der Uni Bern. Darüber hinaus ist sie assoziierte Forscherin am Center for the Study of Language and Society CSLS an der Uni Bern. In Ihrer Forschung beschäftigt sich Vorwerg unter anderem mit Sprachverarbeitung und Spracherwerb, so etwa mit dem Switchen zwischen verschiedenen Sprachen und Sprachvarietäten oder mit dem Spracherwerb und der Diagnostik bei Kindern mit Schweizerdeutsch.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Constanze Vorwerg

Universität Bern
Institut für Germanistik
Telefon Institution: +41 31 631 83 11
Email: constanze.vorwerg@germ.unibe.ch

Universität Wien 
Institut für Germanistik
Telefon: +43 1 4277 42153
E-Mail:  constanze.vorwerg@univie.ac.at

Buch am Mittag

Die Veranstaltung bildete den Saisonauftakt der Reihe «Buch am Mittag». Jeweils Dienstags von 12.30 bis 13 Uhr finden im Veranstaltungssaal der Bibliothek Münstergasse Vorträge statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

27.10.2016