Politik, die: Langsames Bohren von harten Brettern

Die Chronik der Schweizer Politik, die seit 1966 am Institut für Politikwissenschaft der Uni Bern von Année Politique Suisse erstellt wird, feiert Jubiläum. Für «uniaktuell» blicken der Direktor Marc Bühlmann und die Co-Direktorin Marlène Gerber auf die 50-jährige Erfolgsgeschichte des Jahrbuchs zurück.

Von Marc Bühlmann und Marlène Gerber

Année Politique Suisse, kurz APS, steht seit 50 Jahren für eine präzise, sachliche und umfassende Berichterstattung der politischen Entwicklungen, Ereignisse und Auseinandersetzungen in der Schweiz. Dabei beschränkt sich das Projekt nicht nur auf die wissenschaftliche Synthese politischer Geschäfte, sondern stellt diese – unter Berücksichtigung einer Vielfalt an Positionen und Interessen – in einen Zusammenhang mit übergeordneten gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Jahr für Jahr veröffentlichte APS ein Jahrbuch, das von Forschenden, politischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, der Bundesverwaltung und zahlreichen politisch Interessierten genutzt wird. Ab 2017 wird die Schweizer Politik auf einer neu entwickelten öffentlichen Online-Plattform beschrieben und dokumentiert.

1965: Nachholbedarf in politischer Gegenwartskunde

1965 riefen die beiden Historiker Erich Gruner (1915-2001), Direktor des «Forschungszentrums für Geschichte und Soziologie schweizerischer Politik», wie das IPW damals noch hiess, und Peter Gilg (1922-2006), damals Auslandredaktor bei «Der Bund», das «Jahrbuch Schweizerische Politik» ins Leben. Damit schlossen sie eine bedeutende Lücke.

Tatsächlich waren die jüngsten politischen Entwicklungen seit Jahrzehnten im Nebel geblieben: Das von Carl Hilty (1833-1909) herausgegebene «Politische Jahrbuch zur Schweizerischen Eidgenossenschaft» war mit dem Tod Hiltys eingestellt worden. Gruner und Gilg argumentierten, dass Geschichte auch Gegenwartskunde sein müsse. Der Mensch könne in dieser Welt nur leben, wenn er sich im Zeitverlauf zu orientieren vermöge: er müsse rückwärts schauen, um die Zukunft überhaupt ins Auge fassen zu können. Laut ihrem wissenschaftlichen Anspruch sollten die Darstellungen im 1966 erstmals erschienenen Jahrbuch im Gegensatz zu Hiltys Publikation neutral sein und sich auf amtliche Quellen und auf eine ebenfalls am Forschungszentrum entstehende Zeitungsdokumentation stützen.

1986: Institutionalisierung des Jahrbuchs

Zu Beginn wurden Jahrbuch und Zeitungsdokumentation mit Hilfe eines Forschungsbeitrags des Nationalfonds finanziert, den Gruner ad personam erhielt. Weil auch der Bund von den Dienstleistungen profitierte, leistete die Bundeskanzlei ab 1979 einen jährlichen Beitrag von CHF 100'000. An diesen Beitrag gekoppelt war die Forderung, dass der Kanton Bern nach Gruners Emeritierung ein Ordinariat einzurichten hatte. Dies wurde 1986 mit der Wahl von Wolf Linder und der Umbenennung des Forschungszentrums in «IPW» eingelöst. Die Leitung des Jahrbuchs übernahm ab 1987 Hans Hirter, langjähriger Assistent von Gruner.

Der Ausbau des Lehrbetriebs aufgrund wachsender Studierendenzahlen liess es bald nicht mehr zu, dass Forschungsassistierende die Redaktion des Jahrbuchs übernahmen. Weil die Einstellung der Chronik für Bund und Kanton Bern ausser Frage stand, wurden die Mittel aufgestockt. Seit 2005 werden sie in Form von gebundenen Bundesbeiträgen im Rahmen einer Leistungsvereinbarung mit dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation gesprochen. Verantwortlich für den Einsatz der Mittel ist seither die Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). Die Universität Bern finanziert die Direktionsstelle, auf die 2011 Marc Bühlmann gewählt wurde. APS ist mittlerweile das mit Abstand grösste Drittmittelprojekt am IPW.

2017: Moderne Technik mit bewährtem Inhalt

Der Aufbau der Chronik und die Unterteilung nach Politikfeldern haben sich seit dem ersten Band praktisch nicht verändert, was die Jahrbücher als zeithistorisches Nachschlagewerk beliebt macht. Den sich ändernden Gewohnheiten der Leserschaft hinsichtlich Nachfrage nach und Aufbereitung von Information kann sich APS allerdings nicht entziehen. Die Chronik wird deshalb künftig nicht mehr als gedruckte Jahrbuchausgabe erscheinen, sondern auf einer Online-Plattform zur Verfügung gestellt. Dies erlaubt eine aktuellere Berichterstattung und eine beliebig kombinierbare und wesentlich strukturiertere Suche. Die Informationen, die man sich früher in verschiedenen Jahrbüchern zusammensuchen musste, werden in Zukunft per Mausklick zur Verfügung stehen. Ab 2017 wird die neue Plattform für die interessierte Öffentlichkeit kostenlos zugänglich sein.

APS bleibt freilich auch in Zukunft ausgewogene Grundlage für Argumente in der politischen Auseinandersetzung: Die wissenschaftliche Verankerung aktueller Ereignisse in ihrem thematischen und zeithistorischen Kontext bietet der auf Sensation und Einmaligkeit zielenden Informationsberichterstattung Reflexionspausen und erinnert daran, dass Politik ein langsames Bohren von harten Brettern bedeutet – wie sich Max Weber ausdrückte. Aktuelle Ereignisse sind lediglich Schlaglichter von langwierigen, sich häufig wiederholenden Prozessen, die sich mit APS einordnen lassen, was nicht zuletzt auch Grundlagen für versachlichte Auseinandersetzung und politische Meinungsbildung schafft.

Jubiläums-Veranstaltungen

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Im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums von Année Politique Suisse findet am Donnerstag, 24. November eine Abendveranstaltung mit Podiumsdiskussion in der UniS und am Freitag, 25. November eine Tagung im HRZ vonRoll an der Fabrikstrasse 8 statt. Für alle Jubiläums-Veranstaltungen kann man sich auf der Veranstaltungswebsite anmelden.

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Das Institut für Politikwissenschaft

Das Institut ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es beheimatet Grundlagenforschung und praxisrelevante Auftragsforschung. Es werden die Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» sowie Master «Politikwissenschaft» und Master «Schweizer Politik und Vergleichende Politik» angeboten. Schwerpunkte in der Lehre und Forschung sind schweizerische Politik, vergleichende Politikwissenschaft, Europa- und Umweltpolitik sowie die Einstellungs- und Verhaltensforschung im Rahmen der politischen Soziologie. Zudem werden zahlreiche Dienstleistungen für die Öffentlichkeit erbracht, so unter anderem das Année Politique Suisse.

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Zum Autor und zur Autorin

Prof. Dr. Marc Bühlmann ist seit 2011 Direktor von Année Politique Suisse. Er hat 2005 promoviert und wurde 2013 an der Universität Bern habilitiert. Er lehrt und forscht in den Bereichen Schweizer Politik, Demokratietheorie und politische Partizipation.

Dr. Marlène Gerber ist Co-Direktorin von Année Politique Suisse. Sie hat 2013 promoviert und lehrt an der Universität Bern. Ihre Forschungsinteressen konzentrieren sich auf die Deliberation und die direkte Demokratie.

04.11.2016