«Nobelpreisträger Kocher war gewiss kein Leisetreter»

Theodor Kocher (1841-1917) gilt als Wegbereiter der modernen Chirurgie und leistete in zahlreichen medizinischen Bereichen Pionierarbeit. Für seine Arbeit zur Schilddrüse erhielt er 1909 als erster Chirurg und erster Schweizer Mediziner den Nobelpreis. «uniaktuell» hat anlässlich seines 100. Todestags mit Vizerektor Daniel Candinas gesprochen, dem jetzigen Inhaber der Professur, die Theodor Kocher an der Universität Bern innehatte.

Interview: Brigit Bucher

«uniaktuell»: Herr Candinas, Sie sind der jetzige Inhaber des Ordinariats, das Theodor Kocher zu seiner Zeit bekleidete. Was war Ihre erste Begegnung mit Theodor Kocher?
Meine erste Begegnung mit Theodor Kocher erfolgte als Medizinstudent in den achtziger Jahren im «fernen» Zürich, als in den chirurgischen Vorlesungen der Name Kocher von den Professoren mehrfach in unterschiedlichsten Zusammenhängen erwähnt wurde. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Details, doch es ist mir ins Gedächtnis eingebrannt, dass bei der Nennung seiner Errungenschaften und Leistungen Ehrfurcht und Respekt, aber auch ein gewisser Stolz mitschwang. In Zürich hiess es «der Schweizer Nobelpreisträger», «der Schweizer Chirurg», der «systematische Schweizer Schaffer», der «Schweizer Pionier der Chirurgie». Dass Kocher ein Berner war, dass er im Berner Umfeld gewirkt hat und dort den Boden für sein Wirken vorfand, war zweitrangig und ich muss gestehen, dass ich den Zusammenhang zwischen Kocher, der Universität Bern und dem Inselspital auch erst auszuleuchten begann, als mein Engagement in Bern konkret wurde. 

Und als Sie nach Bern kamen?
Bereits in Birmingham (UK), wo ich vor meiner Wahl in Bern mehrere Jahre tätig war, sprachen mich meine Kollegen auf die grossen Pioniere der Chirurgie an, die am Inselspital tätig waren: Theodor Kocher, Fritz de Quervain, Leslie Blumgart waren im geschichtsbewussten Umfeld des englischen Kollegiums allesamt ein Begriff und für mich Anreiz, in Bern mein Bestes zu geben. Ganz konkret wurde es dann aber kurz nach Amtsantritt im Februar 2002, als meine damalige Sekretärin in ziemlicher Aufregung berichtete, mein Vorgänger hätte beim Umzug nach Heidelberg auch das Originalporträt Kochers aus dem Büro des Klinikdirektors einpacken lassen. Sie reiste später persönlich nach Deutschland und kam voller Stolz mit einem kleinen Paket zurück: Das Bild hängt seither wieder an seinem Platz in meinem Büro. 

Theodor Kocher gilt als einer der Wegbereiter der modernen Chirurgie und leistete in zahlreichen medizinischen Bereichen Pionierarbeit. Sie haben in einem Artikel dargelegt, dass es bei Innovationen und Weiterentwicklungen im Medizinalbereich darum geht, die Kontrolle über Schlüsselelemente wie die Anatomie, die Physiologie oder über adverse Reaktionen bei Operationen zu gewinnen. Können Sie dies am Beispiel von Theodor Kocher veranschaulichen?
Auch wenn heute viele chirurgische Eingriffe als Routine erscheinen, darf man nicht vergessen, dass der Mensch zwar über ein hohes Potenzial zur Selbstheilung verfügt, aber dass es von der Natur nicht vorgesehen ist, eines Tages ganze Körperteile zu manipulieren, abzuändern, zu entfernen oder gar zu ersetzen. Um dies zu ermöglichen, müssen systematisch Wege gefunden werden, das Regelwerk der Natur so geschickt einsetzen zu können, dass Operationen im Sinne von physischen Eingriffen von aussen unter sicheren Umständen möglich werden. Der Medizinhistoriker Thomas Schlich hat in diesem Zusammenhang die Kontrolltheorie zum Verständnis der Entwicklungsschritte in der Medizin vorgeschlagen. In Anwendung dieser Optik lassen sich auch die Errungenschaften Kochers als ein System zur Verbesserung der Kontrolle in der «Todeszone» der Chirurgie verstehen. Zu Kochers Zeit herrschte eine einmalige Umbruchstimmung. Das Neue stand denjenigen offen, welche mit Geist und Schaffenskraft versuchten, die Schwerkraft der alten Zeit abzuschütteln. Während viele der allumfassenden, empirisch nicht belegten Theoriegebäude der Medizin, die zum Teil noch aus der Antike stammten, in sich zusammenfielen, kamen in kurzen Intervallen neue Erkenntnisse aus Chemie, Physik, Biologie, insbesondere Hygienewissenschaften und der Ingenieurskunst im Apparatebau in eine wissenschaftliche Welt, die bereits über die Mittel einer globalen Kommunikationskultur verfügte. Die Chirurgie selbst war während Jahrhunderten nicht Teil der hehren akademischen Zirkel gewesen, sondern wurde ihrer Gefährlichkeit wegen im Jahr 1163 von Papst Alexander III am Konzil von Tours («ecclesia abhorret a sanguine», dt.: «Die Kirche schreckt vor dem Blute zurück») in die Stuben von Badern und Barbieren verbannt, die ihre Kunst im Sinne eines mehr oder minder eingeübten Handwerkes praktizierten.

Wie trug Kocher dazu bei, diese «Handwerkschirurgie» der Wissenschaft zuzuführen?
Mit der Einführung der Narkose Mitte des 19. Jahrhunderts und der Entdeckung, dass der gefürchtete postoperative Wundbrand mittels hygienischer Massnahmen zu einem Teil vermieden werden konnte, stand der Weg für die Entwicklung in der Chirurgie offen. So untersuchte Kocher mit Akribie den Einfluss verschiedener Operationsverfahren auf die postoperativen Resultate und versuchte einen kausalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu eruieren.  Während erst sein Nachfolger, Fritz de Quervain, mit modernen statistischen Methoden und Vergleichsgruppen forschte, etablierte Kocher eine systematische Beobachtung der Verläufe nach Operationen und führte minuziös Buch über mögliche Faktoren, denen er einen bedeutenden Einfluss auf das Ergebnis zuschrieb. So stellte er zum Beispiel systematische Beobachtungen über die Nebenwirkungen verschiedener Anästhesieverfahren an, woraus er für unterschiedliche Indikationen und Patientengruppen Empfehlungen ableitete. So kam er unter anderem zum Schluss, dass die damals häufigen und gefährlichen Kropfoperationen am Besten in Lokalanästhesie durchzuführen seien. Wesentlich für das Medizinverständnis Kochers war seine tierexperimentelle Tätigkeit, die er während seiner gesamten Laufbahn mit grossem Ernst betrieb. Anfänglich zum Teil über das Vermögen seiner Schwiegermutter mitfinanziert, untersuchte er experimentell Fragen zur Blutgerinnung, zum Hirndruck, zur Epilepsie, zur Wirkung von Geschossen und zur Physiologie der Schilddrüse, um nur einige Arbeitsgebiete zu nennen. 

1909 wurde Theodor Kocher als erster Chirurg überhaupt mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Unabhängig vom Nobelpreis, inwiefern ist das Vermächtnis von Kocher heute noch von Bedeutung? Und insbesondere in Bern?
Vor Kocher wurden bereits 9 andere bedeutende Persönlichkeiten mit dem Nobelpreis geehrt, die mehrheitlich auch aus heutiger Sicht zu den grossen Namen der Medizin zu zählen sind: von Behring, Pawlow, Koch, Golgi, Ehrlich, um nur einige zu nennen. Wie der Medizinhistoriker Ulrich Tröhler minuziös recherchiert hat, war der Preis schon damals sehr prestigeträchtig und das Nobelpreiskomitee hatte die Qual der Wahl  aus einem illustren Feld von Kandidaten, bevor Theodor Kocher im abschliessenden Wahlgang mit grosser Mehrheit für den Preis von 1909 nominiert wurde.  Interessanterweise war Kocher schon vorher mehrfach vorgeschlagen worden, ebenso wie die Schweizer Chirurgen Rudolf Ulrich Krönlein aus Zürich und Jacques-Louis Reverdin aus Genf, denen allerdings der Nobelpreis auch in späteren Jahren verwehrt blieb. Mit letzterem führte Kocher einen erbitterten Streit über die Entdeckung der Ausfallserscheinung nach kompletter Entfernung der Schilddrüse. Ich kann mir vorstellen, dass mit der Verleihung des Nobelpreises an Theodor Kocher für seinen Beitrag zur Physiologie der Schilddrüse ein Höhepunkt in dieser Rivalität erreicht wurde, was wohl Balsam für die «Berner Seele» gewesen sein muss. Aus Tröhlers Recherchen, der übrigens monatelang im Archiv des Karolinska Instutet die handschriftlich auf Schwedisch verfassten Protokolle studiert hat, geht ferner hervor, dass sowohl die Zürcher als auch die Berner Medizinische Fakultät gleich zu Beginn des Nobelpreises für Nominationen angeschrieben wurde. Und als Chirurg ist mir besonders aufgefallen, dass zur damaligen Zeit rund die Hälfte aller Nominationen für den Nobelpreis in Medizin aus dem Gebiet der Chirurgie stammten. Dies reflektiert meines Erachtens die bedeutende Stellung, welche zur damaligen Zeit die Chirurgie als Pionierwissenschaft in der Medizin einnahm. 

Welche Bedeutung hatte Theodor Kocher für das Inselspital zu seiner Zeit und heute?
Der ehemalige Direktionspräsident des Inselspitals, Fürsprecher Fritz Leu – selber eine herausragende und visionäre Persönlichkeit und ein Glücksfall für die Insel – ist genau dieser Frage in einem Aufsatz nachgegangen, der 1991 in einer von Urs Boschung herausgegebenen Monographie über Kocher erschienen ist. Diesem Aufsatz ist zu entnehmen, dass sich Theodor Kocher als ein herausragender Promotor des Neubaus des Inselspitals auf der Kreuzmatte (wo es heute noch steht) engagiert hat, sei es mit eigenen Mitteln, mit gesammelten Spendengeldern, vornehmlich organisiert durch seine Gemahlin, Marie (geborene Witschi), oder über seinen Einfluss als Rektor der Universität Bern. Um sich ein Bild über den modernen Spitalbau zu machen, bereiste Kocher zusammen mit dem Architekten Schneider halb Europa, um an einem guten Dutzend Orte einen Augenschein zu nehmen. Die Zustände im alten Inselspital im Perimeter des heutigen Bundeshauses waren für Patientinnen und Patienten, aber auch für die Mitarbeitenden und bezüglich der Infrastruktur, dem Platzangebot und der sanitären Einrichtungen unhaltbar. In der Politik wurde lange debattiert, wie diesem Missstand begegnet werden solle. Vor allem die Kosten für einen Neubau, der in der günstigsten Variante mit rund 2.1 Millionen Franken veranschlagt wurde, galten als politisch nicht realisierbar. Mit diversen finanziellen Umlagerungen, Verkäufen von Land und weiteren Massnahmen, an deren Gestaltung Kocher aktiv beteiligt war, wurde schliesslich ein Paket von 700'000 Franken geschnürt, das sowohl beim Grossen Rat als auch beim Stimmvolk im November 1880 mit grosser Zustimmung passierte. Für die Nachgeborenen und die kollektive Wahrnehmung des Inselspitals nicht unerheblich scheinen mir zwei Punkte: Zum einen war das Inselspital, das seine Ursprünge auf das gestiftete Vermögen der im Jahre 1354 verstorbenen vermögenden Witwe Anna Seiler zurückführt, als ein Spital für Bedürftige «stets und ewig für dreizehn bettlägerige Personen, gepflegt von drei ehrbaren Personen» angelegt und behielt diesen Status als Armenspital auch im Neubau auf der Kreuzmatte, wo 320 Betten zur Verfügung standen, noch für längere Zeit bei. Die vermögenden Patientinnen und Patienten wurden, auch von Theodor Kocher selber, der sich ein eigenes Privatspital gebaut hatte, andernorts behandelt – wenn es sein musste, wurde auch einmal im Speisesaal eines Nobelhotels operiert. Die Transformation zum Universitätsspital fand erst zu einem späteren Zeitpunkt statt, wobei schon Kocher zunehmend den Neubau nutzte, um die Insel de facto als Universitätsklinik für Lehre und Forschung zu führen. Zum anderen wurde auch zu Kochers Zeit darüber debattiert, in welchem Verhältnis Dienstleistung zur Lehre und Forschung zu stehen habe. Im Organisationsreglement von 1898 wird die Armenanstalt, deren Hauptzweck die Heilung bedürftiger Patienten ist, an prominenter Stelle erwähnt. Erst in zweiter Linie sollte die «Anstalt zur Bildung angehender Ärzte durch Kliniken» dienen.

Zweifelsohne war Kocher auch als Wissenschaftler, Arzt und Rektor für die Prägung des Inselspitals zentral, und er betätigte sich auch philantropisch. Die 200'000 Franken, die er der Wissenschaft zur «Erforschung der Lebensvorgänge im weitesten Sinne» stiftete – gemäss der Recherchen Tröhlers entspricht dies dem Preisgeld aus dem Nobelpreis zum damaligen Wechselkurs der Krone zum Schweizer Franken – bildeten die Basis für das Theodor Kocher Institut, das später aus dieser Schenkung hervorgehen sollte, und den jährlich vergebenen Theodor-Kocher-Preis.

Wie entwickelte sich die Chirurgie an der Universität Bern und am Inselspital weiter?
Die ehemalige chirurgische Klinik im 1884 bezogenen neuen Inselspital auf der Kreuzmatte war im Haller-Haus, einem freistehenden Gebäudekomplex im Pavillonstil, untergebracht. Dort praktizierte Kocher eine aus heutiger Sicht enorme Breite der Chirurgie, wobei er in allen damals praktizierten Gebieten bedeutende Innovationen in den klinischen Alltag einbringen konnte. Eine kurze Auswahl mag dies verdeutlichen: In der Extremitätenchirurgie entwickelte er neue Verfahren zur Behandlung von Hüftfrakturen und entwickelte neue Methoden für die Reposition von Schulterluxationen, in der Viszeralchirurgie brillierte er mit optimierten Konzepten bei Schilddrüseneingriffen, neuen Verfahren zur Mobilisation des Zwölffingerdarms bei Magenoperationen, verbesserte die Technik für Tumoroperationen im kleinen Becken und untersuchte experimentell die Transplantation von Gewebeteilen. In der Neurochirurgie beschäftigte er sich mit dem Problem des Hirndrucks und suchte nach Lösungsansätzen – übrigens mit Unterstützung eines jungen amerikanischen Arztes, der längere Zeit zu Besuch war: Harvey Cushing, der als einer der Begründer der modernen Neurochirurgie gilt. Bereits zu Kochers Zeit waren die Hals-Nasen-Ohren Klinik und die Augenklinik von der Chirurgie unabhängig. Die weitere Aufteilung des chirurgischen Fachgebietes in die zahlreichen organbezogenen Spezialitäten, die wir heute kennen, erfolgte erst viel später und ging schrittweise voran. 1963 wurde Maurice Müller Ordinarius für Orthopädie und mit der Emeritierung Karl Lenggenhagers, der von 1942 bis 1971 Ordinarius für Chirurgie an der Universität Bern war, nahm die Spezialisierung auch im universitären Kanon weitere Formen an. Sein Nachfolger, Rudolf Berchtold war ein «reiner» Viszeralchirurg im heutigen Sinne, Ernst Zingg wurde Ordinarius für Urologie und Ulrich Althaus für Herzchirurgie, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch in der Viszeralchirurgie selbst hat die fachliche Spezialisierung mit einer Fokussierung auf die einzelnen Organsysteme zugenommen. Allein in unserer Klinik sind es zwischenzeitlich acht Organteams, die von der Schilddrüse über das Pankreas und die Leberchirurgie bis zum Mastdarm die komplexesten Eingriffe durchführen und eigenständige Forschung betreiben. Mit der neulich erfolgten Berufung von Guido Beldi zum Extraordinarius für Hepatobiliäre Chirurgie und der Ernennung von Vanessa Banz zur Leiterin der Transplantationschirurgie ist auch die nächste Generation bereit, künftige Herausforderungen anzugehen. 

Wie steht es heute mit der Entwicklung der Medizin und Medizintechnik in Bern? Wird die Erfolgsgeschichte in Bern fortgeschrieben?
Erfolg definiert sich aus dem Wettbewerb und bedingt nicht nur individuelle Kreativität und überragende Leistung, sondern hat schon wie zu Kochers Zeiten wesentlich mit Standortfaktoren zu tun. Wenn man anhand von Zitaten und Protokollen die Details des damaligen wissenschaftspolitischen Umfelds studiert, stellt man fest, dass dieselben Themen wie heute die Diskussion beherrschten. Kocher war ein in der Berner Gesellschaft bestens verwurzelter Protagonist der Medizin und der Wissenschaft, dem Administratoren und Politiker nur mit unterstützendem Respekt begegnen konnten, auch wenn seine Ansichten dezidiert und manchmal lästig schienen. Er war gewiss kein Leisetreter, wie sich heute gewisse ökonomisch geprägte Spitalverwalter «ihre» Klinikdirektoren wünschen. Diese glückliche Fügung von Kreativität, Schaffenskraft und Verwurzelung, letzteres im eher traditionell geprägten Bern vielleicht in einem anderen Mass benötigt als in Städten mit grossem industriellem Migrationssog, war ein Erfolgsmodell und hat sicher das Fundament für Berns anhaltendes Renommee in der Medizin gelegt.  Kocher hat massgeblich mitgeholfen, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die auch späteren Generationen zum Gelingen verholfen haben – Hans Goldmann in der Ophtalmologie, Maurice Müller in der Orthopädie, Fritz de Quervain und Leslie Blumgart in der Viszeralchirurgie, Ewald Weibel in der Physiologie, Marco Mumenthaler in der Neurologie, Urs Studer in der Urologie, Bernhard Meier in der Kardiologie sind einige Namen aus der Berner Medizinischen Fakultät, die es zu Weltruhm brachten und die ihrerseits einen wesentlichen Beitrag für die Erweiterung und Vernetzung des Standorts Bern in der Medizin geleistet haben. 

Welche Stärken und künftigen Herausforderungen sehen Sie für den Medizinalstandort Bern?
Zunächst bin ich sicher, dass dereinst auch Namen von Kolleginnen genannt werden, wenn sich aus Anlass eines anderen Jubiläums ein Rückblick anbietet, zumal sich das heutige Kollegium der Fakultät und des Mittelbaus aus einem zunehmenden Anteil herausragender Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen zusammensetzt. Wenn ich hier einige emeritierte Personen explizit genannt habe, stehen sie stellvertretend für viele andere, die zum Erfolg Berns in der Medizin beigetragen haben und dies auch heute mit tagtäglichem Engagement tun. Es ist aber vermessen, über die Leistungen der aktuellen Generation zu urteilen, stattdessen weise ich auf einige Fakten hin: Wir sind auf dem Weg, die grösste Medizinische Fakultät der Schweiz zu werden, und in vielen Gebieten, vor allem der hochspezialisierten Medizin, sind Berner Kliniken führend. Zudem ist der Verbund zwischen Inselspitalgruppe und Universität in der Schweiz einmalig und bietet Opportunitäten, die wir in Zukunft hoffentlich werden nutzen können. Es scheint mir, dass sich der Wind auch im politischen Umfeld zugunsten der Stärkung des Medizinalstandortes Bern gedreht hat. Aber mit politischem Wohlwollen, klugen Köpfen und grossen Studienjahrgängen in der Medizin alleine ist es nicht getan. Es braucht in diesem komplexen Umfeld eine verstärkte Koordination zwischen den Akteuren in der akademischen Medizin – und über die laufenden Forschungsinitiativen (wie ARTORG und sitem-insel) hinaus sind noch weitere, breit abgestützte Strukturprojekte nötig, um den Medizinalstandort Bern weiter zu diversifizieren. Informatikwissenschaften an der Schnittstelle zu Biologie und Medizin (Big Data), digitale Bildverarbeitung und intelligente medizinische Kommunikationssysteme sind nur einige Beispiele, in die wir künftig vermehrt investieren sollten. Während zu Kochers Zeiten eine herausragende Persönlichkeit ein ganzes System beeinflussen konnte, gewinnen in Zeiten der globalisierten und digitalisierten Corporations Strukturthemen, Flexibilität und das Investitionsvermögen in Zukunftsfelder eine übergeordnete Dimension. Man sollte auch das Tempo nicht ausser Acht lassen, mit dem sich Veränderungen durchsetzen und ganze Sektoren in der Medizin umkrempeln.

THEODOR KOCHER

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Theodor Kocher wurde am 23. August 1841 in Bern geboren. Als 17-Jähriger immatrikulierte er sich an der Universität Bern als Medizinstudent. Nach dem Erwerb des Doktortitels folgten Studienaufenthalte in Berlin, London und Paris, wo er Kontakte zu namhaften Ärzten knüpfte und sich mit den neusten Entwicklungen im medizinischen Bereich vertraut machte. Kocher entwickelte eine neue Methode zur Schultereinrenkung, die ihn umgehend berühmt machte (die sogenannte Kocher-Methode). Als 31-Jähriger wurde er 1872 zum ordentlichen Professor der Chirurgie an der Universität Bern ernannt. Dank seiner Pionierarbeit in verschiedenen Bereichen erlangte er Weltruhm – so in der Operationstechnik (Transplantationschirurgie und Erfindung des sogenannten Kocher-Manövers bei Darmoperationen), der Entwicklung von medizinischen Instrumenten (unter anderen der nach ihm benannten Kocher-Klemme), der wegweisenden Weiterentwicklung der Wundbehandlung und der Gründung einer Chirurgie-Schule am Inselspital. 1909 wurde Kocher für seine Forschungsarbeit zur Schilddrüse als erster Chirurg und als erster Schweizer Mediziner mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. 1912, anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums an der Universität Bern, spendete Kocher der Universität 200'000 Franken. Dies ermöglicht ab 1915 bis heute die jährliche Vergabe des Theodor-Kocher-Preises an herausragende Nachwuchsforschende und führte 1950 zur Gründung des Theodor Kocher Instituts. Trotz zahlreichen Angeboten aus dem Ausland blieb Kocher Bern bis zu seinem Tod 1917 treu. Heute erinnern in Bern unter anderem die Kochergasse, der Kocherpark und eine Büste vor dem Inselspital an den Pionier.

DANIEL CANDINAS

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Prof. Dr. med. Daniel Candinas ist seit 2016 Vizerektor Forschung der Universität Bern und seit 16 Jahren Ordinarius für Chirurgie mit Schwerpunkt Viszeralchirurgie (Chirurgie der Bauchorgane und der inneren Drüsen) und Direktor der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital Bern. Zuvor war er in Birmingham (UK), Boston (USA) und Zürich tätig, wo er auch studierte und habilitierte. Der 56-jährige Bündner gründete 2008 zusammen mit dem Hepatologen (internistische Behandlung von Lebererkrankungen) Jürg Reichen und dem Gastroenterologen (internistische Behandlung von Magen-Darm Erkrankungen) Andrew Macpherson  die erste Interdisziplinäre Universitätsklinik der Schweiz und baute das Bauchzentrum Bern auf. Als Chirurg beschäftigt er sich vornehmlich mit der Chirurgie der Leber, des Pankreas und der Lebertransplantation.  Seine Forschungsschwerpunkte liegen einerseits in der Leberzellbiologie, wo er mit Deborah Stroka grundlegende Mechanismen bei Leberregeneration und Tumorentstehung untersucht und andererseits in der Entwicklung und Einführung computergestützter Navigationssystemen in der Chirurgie, wo er eng mit der Arbeitsgruppe um Stefan Weber aus dem ARTORG Center kooperiert.

Kontakt

Prof. Dr. med. Daniel Candinas
Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Inselspital
3010 Bern
Telefon direkt: +41 31 632 24 04
Email: daniel.candinas@insel.ch 

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

27.07.2017