«Nie wurde mehr Handel betrieben als heute»

Migration, zunehmender Populismus und Widerstand gegen die Globalisierung – inmitten von globalen Turbulenzen wird mehr Handel betrieben als je zuvor. Dies war eine der Feststellungen am World Trade Forum, das vom World Trade Institute WTI der Universität Bern in Grindelwald organisiert worden war. Die zweitägige Konferenz vom 6. und 7. Oktober unter dem Titel «Handelspolitik in turbulenten Zeiten» markierte gleichzeitig das Ende des Nationalen Forschungsschwerpunkts «NCCR Trade Regulation».

Von Morven McLean

Im Rahmen des «NCCR Trade Regulation» hat ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Recht, Wirtschaft und Politik während der letzten 12 Jahre untersucht, wie das globale Handelssystem funktioniert und welchen Einfluss der Handel unter anderem auf den Klimawandel oder Migrationsbewegungen hat. Das diesjährige World Trade Forum brachte zum Abschluss des NCCR politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger mit Forschenden aus allen Phasen des Projekts zusammen, welche die Glegenheit hatten, Teile aus ihrer umfangreichen Forschungarbeit zu präsentieren.

Manfred Elsig, Direktor des NCCR, führte zu Beginn der Konferenz aus, wie sehr sich die Welt seit dem Beginn des Forschungsprojekts im Jahr 2005 verändert hat. Es war das Jahr, in dem Angela Merkel als erste weibliche Bundeskanzlerin gewählt worden war und in dem mit dem Kyoto-Protokoll erstmals international verbindliche Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen festgehalten worden waren.

Das Rahmenregelwerk zur Regulation des Welthandels wird nach wie vor von der World Trade Organization WTO vorgegeben. Jedoch schossen in den letzten 12 Jahren Handelsabkommen mit Regelungen zwischen einzelnen Staaten wie Pilze aus dem Boden. Diese Handelsabkommen und die Vorgaben, die sie enthalten, waren unter anderem Gegenstand des nationalen Forschungsschwerpunkts «NCCR Trade Regulation».

Gleichzeitig liess sich in den vergangenen Jahren eine wachsende Skepsis in der westlichen Hemisphäre gegenüber der Globalisierung feststellen. Und in den USA werden vom jetzigen Präsidenten Donald Trump Ängste geschürt, dass der Handel zum Verlust von Arbeitsplätzen im Produktionssektor führt.

Der Mythos des Handels

Mehrere der Referentinnen und Referenten betonten, dass nicht der Handel die Ursache für den Stellenabbau sei. 

«Es ist ein Mythos, zu glauben, dass der Handel die Hauptursache für die Misere des Mittelstandes ist», führte Caroline Freund vom Peterson Institute for International Economics in Washington DC aus. Der Rückgang in der Produktion sei auf den strukturellen Wandel zurückzuführen und nicht auf Importe aus China oder Mexiko. Und auch wenn es viel Unzufriedenheit in der Arbeiterschicht gäbe, hätte die Forschung gezeigt, dass nicht dem Handel die Schuld gegeben werde. Tatsächlich sei die Unterstützung des Handels so gross wie nie zuvor.

Handel würde nicht stattfinden, wenn nicht beide Seiten davon profitieren würden, kommentierte Maria Asenius von der Europäischen Kommission. Er hätte sich als positiv für den Wohlstand und die Schaffung von Arbeitsplätzen herausgestellt und «als das natürlichste, was der Mensch tun kann».

Joakim Reiter, Direktor der Group External Affairs bei Vodafone und ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (United Nations Conference on Trade and Development UNCTAD), verwies auf den enormen sozialen Nutzen, den der Handel mit sich gebracht habe. Millionen von Menschen seien der Armut entkommen. Der Handel sei auch inklusiver geworden, fuhr er fort mit Verweis auf die aufstrebenden Volkswirtschaften. «Nie wurde mehr Handel betrieben als heute. Und nie haben mehr Menschen daran teilgenommen als heute.»

Sich den Herausforderungen stellen

Die Rednerinnen und Redner waren sich einig, dass es nötig sei, die Vorteile, die der Handel mit sich bringt, klarer hervorzuheben. Der strukturelle Wandel könne zwar zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, jedoch würden neue Technologien und digitaler Handel auch neue Möglickeiten eröffnen.

«Die Technologie eröffnet Chancen, die nicht immer offensichtlich sind, wohingegen verlorengegangene Arbeitsplätze klar zu Tage treten», kommentierte Arancha Gonzalez vom Intranational Trade Centre in Genf.

Maria Asenius sprach sich dafür aus, die Sorgen der Menschen im Zusammenhang mit der Globalisierung ernst zu nehmen. «Wir müssen in Menschen investieren, in Bildung und in Talente», sagte sie. Die erfahrene EU-Beamtin fuhr fort, dass es wichtig sei, sich mehr in Richtung eines Handelssystem zu bewegen, das auf Werten basiere und das nachhaltige Entwicklung, die Gleichstellung der Geschlechter und Antikorrputions-Regeln in Handelsabkommen fördere. Das geplante Mega-Abkommen «Transatlantic Trade and Investment Partnership» (TTIP) sei momentan auf Eis gelegt, und das werde sich in den kommenden Jahren auch nicht ändern, sagte sie. Die EU hätte aber ehrgeizige Ziele, mit anderen Ländern und Regionen engere Handelsbeziehungen aufzubauen.

Die Konferenzteilnehmenden waren sich einig, dass trotz der Zunahme von Handelsabkommen die WTO weiterhin eine tragende Rolle in einer Welt spielen werde, die geprägt sei von globalen Wertschöpfungsketten. Die WTO-Abkommen müssten aber die veränderte Realität einbeziehen, beispielsweise indem neue Technologien und insbesondere die Entwicklungen im digitalen Bereich berücksichtigt  würden.

Ausbildung von Expertinnen und Experten in einem Netzwerk

Das Schlusswort gehörte Thomas Cottier, der den nationalen Forschungsschwerpunkt «NCCR Trade Regulation» begründet und in den ersten beiden Phasen geleitet hatte. Er sagte, er sei besonders stolz darauf, eine grosse Anzahl von Doktorierenden betreut zu haben und ein interdisziplinäres Netzwerk von internationalen Handelsexperten und -expertinnen aufgebaut zu haben. «Die Idee war, alle unter einem Dach zu vereinen und die Themen gemeinsam anzugehen», sagte Cottier. 

«Der NCCR Trade Regulation hat alle drängenden Fragen, die uns heute beschäftigen, aufgenommen: Souveränität, Migration und digitaler Handel. Die Handelsgemeinschaft wird daher nicht umhinkommen, unsere umfangreichen Forschungsergebnisse zu beachten», schloss der ehemalige WTI-Direktor.

Übersetzung aus dem Englischen von Brigit Bucher.

World Trade Institute (WTI)

Das World Trade Institute (WTI) ist als interdisziplinäres Zentrum der Universität Bern eines der weltweit führenden akademischen Institute, die sich mit der Regulierung des internationalen Handels befassen. Es verbindet rechtliche, ökonomische und politikwissenschaftliche Aspekte der internationalen Handelsregulierung in Forschung, Lehre, Beratung und technischer Kooperation. 

Seit 2005 war das WTI die Heiminstitution des Nationalen Forschungsschwerpunktes «NCCR Trade Regulation», unterstützt durch den Schweizerischen Nationalfonds. Im Rahmen des 12-jährigen Forschungsprojekts wurden 225 wissenschaftliche Artikel und 130 Bücher veröffentlicht und 686 Präsentationen an internationalen Kongressen gehalten. Die drei Projektphasen beinhalteten die folgenden Arbeitspakete:  Handelsordnung; Neue Präferenzsysteme im Handel; Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in der Handelsordnung; Handel und die Ausbreitung von Migrationsrecht, Politik und Wirtschaft; Handel und Klimawandel; Wirkungsanalyse der internationalen Handelsregulierung. Mit dem diesjährigen World Trade Forum in Grindelwald hat der «NCCR Trade Regulation» seinen Abschluss gefunden.

Weitere Forschungsprojekte am WTI

Das Forschungsprojekt zur Ausgestaltung von Handelsabkommen «The Design of Trade Agreements DESTA» ist aus dem NCCR hervorgegangen. Es hat zum Ziel, systematisch Daten zu präferenziellen Handelsabkommen, die seit 1945 zustandegekommen sind,  zusammenzutragen. 

Beim Projekt «Productivity, Non-Tariff Carriers, and Openness PRONTO» handelt es sich um ein Kooperationsprojekt zu regulatorischen Barrieren im Handel, das von der Europäischen Kommission unterstützt und vom WTI geleitet wird.

Das Projekt «Common Concern» beleuchtet das rechtliche Potential des Common Concerns-Prinzip (gesamtgemeinschaftliche Verantwortung) in verschiedenen Bereichen des öffentlichen internationalen Rechts: Klimawandel, Biodiversität, Währungsangelgenheiten und Unternehmensverantwortung, Menschenrechte.

UniPress Gespräch mit Manfred Elsig, Direktor des «NCCR Trade Regulation»

Im Gespräch zum Thema Globalisierung mit dem Wissenschaftsmagazin UniPress zieht Manfred Elsig auch Bilanz über den «NCCR Trade Regulation».

Zur Autorin

Morven McLean arbeitet als Webredakteurin am World Trade Institute der Universität Bern.

16.10.2017