Lernen will gelernt und gelehrt sein

«Wie hast Du im Rahmen deines Studiums das Lernen gelernt?» Diese Frage sollten Studierende der Universität Bern in einem Video beantworten, das an der ersten nationalen Tagung zu Lernforschung und Hochschullehre gezeigt wurde. Die Antworten der Studierenden offenbaren, dass die Erkenntnisse aus der Lernforschung im Studienalltag noch nicht wirklich angekommen sind. Rund 170 Teilnehmende informierten sich an der Tagung und in Workshops über die Resultate der Lernforschung und wie diese in eine gute Lehre umgesetzt werden können.

Von Christine Valentin

Die Zusammenfassung des Stoffs oder das Markieren von wichtigen Passagen mit einem Leuchtstift, diese Methoden werden von den Studierenden im Video genannt. Auch das Lesen der Unterlagen oder Skripte – oft erst in einem konzentrierten Akt kurz vor den Prüfungen – werden als Lernstrategie erwähnt. Doch genau diese Techniken gehören laut Barbara Studer nicht zu den effektiven Methoden, um sich Wissen anzueignen und es langfristig im Gedächtnis abzuspeichern. Nur wer sich an der Arbeitsweise des Gehirns orientiert, so die Psychologin und Co-Leiterin des Dienstleistungszentrums des Center for Cognition, Learning and Memory (CCLM) der Universität Bern in ihrem Referat, ist beim Lernen erfolgreich.

Regelmässige Wiederholung macht aus Laien Experten

Dank der neuropsychologischen Forschung weiss man inzwischen genau, wie unser Gehirn lernt: Es pflückt sich aus vielen Informationen jene heraus, die gerade von Bedeutung sind, die sozusagen im Rampenlicht stehen – speichert diese Information ab und vernetzt sie mit dem Vorwissen. Das Fokussieren alleine ist aber wenig ergiebig. Erst das Verstehen und Verarbeiten des Stoffs und die regelmässige Wiederholung des einmal Gelernten machen es möglich, neues Wissen im Gedächtnis zu verankern und abrufbar zu machen. So braucht es rund 10‘000 Stunden, damit aus einem Laien – etwa beim Lernen eines Musikinstrumentes – ein Experte wird. Mit weniger Anstrengung lernt auch, wer sich für das Thema interessiert und damit positive Gefühle verbindet: «Sobald Emotionen im Spiel sind, weiss das Gehirn, dass die Information persönlich relevant ist», so Studer «Emotionen boosten das Lernen also, sie kurbeln es regelrecht an.» 

Emotionen regulieren

Auch Hansjörg Znoj, Extraordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern zeigte in seinem Vortrag, dass Emotionen beim Lernen, Verarbeiten und Erinnern von Wissen eine wichtige Rolle spielen. Es gebe aber nicht nur positive Gefühle wie Neugier oder Interesse. Im Studium gehe es auch darum, negative Gefühle wie Stress oder Langeweile auszuhalten: «Lernen ist oft auch langweilig», so Znoj. Wer dank Training lernt, seine Emotionen besser zu steuern, ist eindeutig im Vorteil. Untersuchungen zeigen, dass emotional kompetente Personen in Schule und Beruf erfolgreicher sind als andere, dass sie von ihrer Umgebung mehr geschätzt werden und dass sich die emotionale Selbstunterstützung auch gesundheitlich positiv auswirkt.

Von der Theorie zur Praxis

In den Workshops übertrugen die Teilnehmenden die Inhalte der Referate auf ihre berufliche Situation. Im Dialog loteten schliesslich Vizerektor Lehre Bruno Moretti und Walter Perrig, emeritierter Ordinarius für Allgemeine Psychologie und Neuropsychologie der Universität Bern, die Möglichkeiten aus, wie die Ergebnisse der Lernforschung in eine attraktive Hochschullehre umgesetzt werden können. Ein Unterricht, der sich konsequent nach den Empfehlungen der Lernforschung ausrichte, sei toll, aber für die Dozierenden auch deutlich aufwendiger. Bei der Überarbeitung der Studienpläne sollen die Erkenntnisse der empirischen Forschung direkt einfliessen.

Tagung zu Lernforschung und Hochschullehre

Die erste nationale Tagung zu Lernforschung und Hochschullehre mit dem Titel «Viel gelernt – nichts verstanden? Kognitionspsychologische Erkenntnisse für die Hochschullehre» fand Ende April an der Universität Bern statt. Rund 170 Teilnehmende informierten sich an der Tagung und in Workshops über die Resultate der Lernforschung und wie diese in eine gute Lehre umgesetzt werden können. Zudem testeten sie in der «Brain Challenge» ihre Problemlösefähigkeiten – etwa beim Lösen des Einstein-Rätsels. Die Tagung wurde vom Vizerektorat Lehre in Kooperation mit dem Center for Cognition, Learning and Memory (CCLM) und dem Bereich Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW organisiert. 

Zur Autorin

Christine Valentin ist eidg. dipl. PR-Beraterin und Museologin MAS. Sie ist verantwortlich für die Kommunikation des Zentrums für universitäre Weiterbildung der Universität Bern ZUW.

03.05.2016