«Junge Forschende stehen unter einem enormen normativen Druck»

Was ist das eigentlich, «Exzellenz»? Was zeichnet eine exzellente Forscherin, einen exzellenten Forscher aus? Welche Konzepte verbergen sich hinter diesem Begriff? Prof. Dr. Ruth Müller von der Technischen Universität München erörterte diese Fragen an der Vernissage der Berner Porträtserie «Exzellenz ist vielfältig», die von der Abteilung für Gleichstellung herausgegeben wurde.

Von Lilian Fankhauser

Ruth Müller, ursprünglich Molekularbiologin, beschäftigt sich als Assistenzprofessorin für Wissenschafts- und Technologiepolitik an der Technischen Universität München mit den Wechselwirkungen von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Life Sciences, also auf den Disziplinen Biologie und Medizin. Die Abteilung für Gleichstellung hat am 2. März anlässlich der Herausgabe der grossen Porträtserie «Exzellenz ist vielfältig» zu einem Fachgespräch mit der jungen Professorin eingeladen, um sich beim Redaktionsteam sowie den 52 Porträtierten der Universität Bern zu bedanken. Das Fachgespräch zum Thema «Normierungen akademischer Karrieren» fand unter der Leitung von Dr. Patricia Felber, Gleichstelllungs-Koordinatorin der Vetsuisse Fakultät, statt. 

Engführung akademischer Karrieren

Im Zentrum des Fachgesprächs stand die Frage: Was ist exzellente Forschung? Ruth Müller hat untersucht, wie junge Forschende der Lebenswissenschaften selber Exzellenz imaginieren. «In unseren Interviews konnten wir feststellen, dass junge Forschende eine sehr starke Engführung von Exzellenz erleben: es gibt nur sehr wenige Attribute und Kompetenzen, die als relevant wahrgenommen werden.» Im Vordergrund stehe das Publizieren möglichst vieler Papers in ganz bestimmten Zeitschriften, in einer sehr dichten Taktung und möglichst als Erstautorin oder Erstautor. Viele andere Formen wissenschaftlichen Arbeitens, wie etwa die Lehre spielten bei der Beurteilung von exzellenter Forschung eine wesentlich geringere Rolle. Aber auch Fragen, die abseits des gegenwärtigen Mainstreams liegen und vielleicht weniger leicht zu Publikationen führen, würden dadurch weniger attraktiv – und so würden die Forschungsthemen tendenziell entlang dieses Mainstreams gesetzt.

Was Müller bei der Analyse ihrer Interviews besonders auffällt, ist die starke Ausrichtung auf individuelles Arbeiten. Sie habe, insbesondere auf Stufe Postdoc, sehr wenig Kooperationsbereitschaft angetroffen. In Bezug auf die gesellschaftliche Einbindung von Forschenden benutzt Müller den zugespitzten Begriff der «Cosmo-Idioten»: Gerade in der Postdoc-Phase seien die Leute zwar international sehr mobil, an Konferenzen auf der ganzen Welt präsent, könnten sich aber aus Ressourcen-Gründen kaum mit gesellschaftlichen oder politischen Aspekten beschäftigen. 

Hin zur «Slow University»

Müller betont, dies sei ein systemisches Problem und nicht die Schuld einzelner Forschenden. Der Druck auf die Einzelnen und die Sorge über die eigene Zukunft sei in der Postdoc-Phase extrem hoch. Damit einher gehe, so Müller weiter, eine Engführung der eigenen Lebenskonzepte, so dass ein Ausstieg aus der Akademie kaum denkbar sei, was insgesamt zu einem starken normativen Druck führe. «Da ist Gegensteuern wichtig, damit diese zunehmende innere Abhängigkeit, ein wenig gelockert werden könne.» Gefordert seien insbesondere Professorinnen und Professoren, welche ihren Nachwuchs entsprechend beraten und unterstützen sollten.

Ein interessantes Konzept, das eine Antwort auf diese rasanten Karrierewege, den sehr hohen Druck und die engen Forschungsinhalte geben könnte, sei die «Slow University Initiative»: Diese Initiative, die gleichzeitig in verschiedenen Ländern Europas und den USA aufgetaucht ist, will den Forschenden die Zeit zurückgeben. Die Zeit, sich vertieft mit einer intellektuellen Frage auseinander zu setzen, statt einen Artikel nach dem anderen «rauszuhauen». Denn es brauche andere Zeithorizonte, um eine komplizierte Frage wirklich zu erfassen. Bereits gibt es in an einzelnen Universitäten Ideen, wie dies umgesetzt werden könnte.

Eine Porträtserie der Universität Bern 

Die Auseinandersetzung mit dem Exzellenzbegriff stand auch am Anfang der soeben erschienenen Porträtserie der Universität Bern, die anschliessend an das Fachgespräch vorgestellt wurde: Insgesamt 52 Frauen und Männer erzählen von ihrem ganz besonderen Werdegang. Von der Professorin über den Assistenzprofessor bis hin zur Postdoktorandin, dem Studiengangleiter und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin in der universitären Verwaltung. Sie alle erzählen von ihrem Karriereweg und aus ihrem Arbeitsalltag, von Hürden und Glücksfällen in ihrem Werdegang, und sie sagen, worauf es in der Akademie ankommt. Ihre Geschichten zeigen, wie unterschiedlich Karrierewege verlaufen – und dass es nicht nur ein Ziel gibt: Es gibt nebst der Professur viele andere Positionen und Aufgaben, die «Exzellenz» erfordern, sei es im Forschungsmanagement, in der Forschung selber, der Lehre oder bei mannigfaltigen Leitungsaufgaben. Die Porträtserie zeigt auf, wie heterogen Werdegänge sind und welch spannenden Positionen es hinter den Kulissen der Akademie gibt. Und so entfalten sich aus den 52 Porträts nach und nach unzählige Varianten von Exzellenz. Und die Serie zeigt, dass sowohl der Weg zur Exzellenz als auch Exzellenz selbst vielfältig sind. 

Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern AfG

Die Abteilung für Gleichstellung von Frauen und Männern ist im Vizerektorat Qualität angesiedelt. Mit Veranstaltungen und Publikationen informiert sie über aktuelle Themen der universitären Gleichstellungsarbeit. Zudem bietet sie unter anderem Coachings und Einzelberatungen zu Elternschaft und geschlechtergerechtem Formulieren an und erarbeitet Präventionsmassnahmen gegen Diskriminierung. Gemeinsam mit der universitären Kommission für Gleichstellung setzt sie die Massnahmen des Aktionsplans Gleichstellung um, insbesondere zu den Schwerpunktthemen Vereinbarkeit, Nachwuchsförderung, horizontale Segregation, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sowie zu Frauen in Kaderpositionen.

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Zur Autorin

Lilian Fankhauser ist Co-Leiterin der Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern und gemeinsam mit Ursina Anderegg Herausgeberin der Porträtserie. 

09.03.2017