Innovation beginnt an der Systemgrenze

Was bringt es, wenn die wissenschaftliche Weiterbildung mit der Berufswelt zusammenspannt und neue Projekte – wie etwa gemeinsame Studiengänge – zusammen aufgleist? Und welche Stolpersteine gilt es bei solchen Kooperationsprojekten zu beachten? Diesen Fragen widmete sich letzte Woche die achte Herbsttagung des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW der Universität Bern.

Von Christine Valentin

Die Ausgangslage ist – wenigstens aus Sicht der Hochschulen und der Weiterbildung – verlockend: Der Strukturwandel, der durch den technologischen Fortschritt ausgelöst wurde, gewinnt weiter an Fahrt. Von Jahr zu Jahr steigt deshalb der Anteil der Bevölkerung, die eine Weiterbildung absolviert, und auch die Unternehmen investieren zunehmend in die Entwicklung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wie Adrian Ritz, Präsident der Weiterbildungskommission der Universität Bern, in seinem Eröffnungsbeitrag an der gut besuchten Tagung aufzeigte, geht der Trend eindeutig in Richtung Hochqualifizierung. So sind gemäss dem Geschäftsleitungsmitglied des Kompetenzzentrums für Public Management in den letzten Jahren in der Schweiz zwar 250'000 Arbeitsplätze abgebaut oder ausgelagert worden. Diese umfassten vor allem Routinetätigkeiten. Im gleichen Zeitraum entstanden jedoch gemäss dem Professor für Betriebswirtschaftslehre hierzulande 900'000 neue Arbeitsplätze, die höhere Anforderungen an die Qualifikation stellen.

In diesem Wandel sieht Adrian Ritz ein grosses Potenzial für die Weiterbildung der Hochschulen. Denn die Universitäten und Fachhochschulen sind mit ihren anspruchsvollen Studiengängen (MAS, DAS, CAS) und Kursangeboten seit über einem Vierteljahrhundert an der Grenze zwischen der Bildungs- und der Berufswelt aktiv und kennen somit die Bedürfnisse der Arbeitswelt. 

Von Nacktmullen und Vampirfledermäusen lernen

In ihrer Reflexion zum Tagungsthema «In Kooperation mit... ...wenn Hochschulweiterbildung und Berufswelt zusammenspannen» liess sich Christina Cuonz von der Tierwelt inspirieren.

Die Direktorin des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW zeigte am Beispiel der Nacktmulle und Vampirfledermäuse drei Prinzipien für eine erfolgreiche Zusammenarbeit auf. So hat die Kooperation gemäss Cuonz erstens an und für sich keinen Eigenwert. Nur wenn die Partner ihre «biologische Fitness» erhöhen können, indem sie miteinander kooperieren, lohnt sich der Einsatz für beide. Ebenso muss man gemäss dem zweiten Prinzip nicht artverwandt sein, um zusammen ein Ziel zu erreichen. Und drittens empfiehlt es sich gemäss Cuonz, dem Prinzip des guten Rufs zu folgen. Erfolgreiche Partner denken bei den Zielsetzungen von Kooperationen immer an sich und an das Gegenüber.

In den Referaten, Praxisbeispielen und der Podiumsdiskussion zeigte sich schliesslich, wo die Stolpersteine aber auch die Chancen solcher Kooperationen liegen. Immer wieder zum Thema kamen die unterschiedlichen Kulturen des Hochschulsystems und der Arbeitswelt, die eine Zusammenarbeit erschweren. So haben die Universitäten oft Angst vor einem Profilverlust (Wissenschaftlichkeit, Statusdenken), wenn sie sich mit der Berufswelt «verbandeln», und ihr Verständnis für die «DNA der Wirtschaft» ist an einem kleinen Ort. Zudem kommen sich die Arbeitsweise der Hochschulen – die genaue, detailgetreue Forschung, die in die Tiefe geht – mit den Rahmenbedingungen der Wirtschaft in die Quere, für die Professionalität, Flexibilität, Geschwindigkeit und eine gute Kundenansprache zentral sind. Für die Arbeitswelt hingegen sind die Universitäten und Fachhochschulen zwar renommierte, aber oft auch intransparente, anonyme Bildungsmonster, die von bürokratischen Strukturen (Reglemente!), langwierigen Prozessen und einer schwierigen Kommunikationskultur ohne klare Ansprechpartner geprägt sind. 

Just do it

Da die Hürden zwischen den beiden Welten hoch sind, braucht es in der Regel gute, persönliche Beziehungen, damit eine Kooperation zustande kommt. Doch wenn man dann dem Motto «Just do it» folgt, ist vieles möglich. Das zeigte das Praxisbeispiel des Studiengangs CAS ICT-Beschaffungen, der von Matthias Stürmer vom Institut für Wirtschaftsinformatik mit Corinne Egli vom Bundesamt für Bauten und Logistik entwickelt wurde. Im Vorfeld brauchte es lange Diskussionen, eine Zusammenarbeitsvereinbarung und das gegenseitige Vertrauen. Seither profitieren die Absolventen des Studiengangs aber davon, dass ein früher rein interner Abschluss der Bundesverwaltung an Attraktivität gewonnen hat und inzwischen zu einem anerkannten Hochschulabschluss führen kann. Und die Universität Bern konnte dank der Kooperation laut Stürmer mehrere Forschungsprojekte starten und gewann zudem einen Preis des Schweizerischen Nationalfonds im Bereich der Nachhaltigen Beschaffung. Insofern hat sich der Zusatzaufwand gelohnt.

Auch der CAS Betriebsführung für Apotheker/innen der Universität Basel mit der GaleniCAre Management AG entstand übrigens aufgrund einer Zufallsbegegnung an einer Konferenz – und wird inzwischen zum siebten Mal von den beiden Partnern durchgeführt. Beide Studiengänge konnten beim Entstehen von der Unterstützung der Weiterbildungsstellen der beiden Hochschulen profitieren, die ihnen den Weg durch den Dschungel Universität von der Finanzierung bis hin zum rechtsgültigen Reglement aufzeigten. Laut Martin Liechti von den Advanced Studies der Universität Basel bilden die Weiterbildungszentren die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis – und sind deshalb für innovative Projekte prädestiniert. «Denn der Fortschritt», so Liechti «findet immer an den Rändern der Wissenschaft statt.»

Das Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW

Das Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW unterstützt die Fakultäten und Institute der Universität Bern bei der Planung, Organisation, Bewerbung, Durchführung und Auswertung von Weiterbildungsprogrammen. Zudem bietet das ZUW eigene Weiterbildungen an. 

Inhaltliche Schwerpunkte sind die Bereiche Bildungs- und Forschungsmanagement, Evaluation, Hochschuldidaktik und Lehrentwicklung sowie Hochschulweiterbildung. Auch in der weiterbildungsrelevanten Forschung ist das ZUW engagiert.

Zur Autorin

Christine Valentin ist eidg. dipl. PR-Beraterin und Museologin MAS. Sie war bis Juni 2017 verantwortlich für die Kommunikation des Zentrums für universitäre Weiterbildung der Universität Bern ZUW. Inzwischen arbeitet sie als Redaktorin bei Pro Senecute beider Basel.

13.11.2017