Im Dialog den Werkplatz Schweiz erkunden

Das Forum für Universität und Gesellschaft (FUG) veranstaltet im August und September drei Gesprächsabende, an denen der Werkplatz Schweiz im Fokus stehen wird. Der Projektleiter Paul Messerli, ehemals Professor für Geographie an der Uni Bern, erzählt im Interview mit «uniaktuell», wo er die Herausforderungen für die Schweiz sieht und wie das FUG seine Veranstaltungen konzipiert.

Interview: Brigit Bucher

Welche Fragen werden an den drei Veranstaltungen des Forums für Universität und Gesellschaft (FUG) im Zentrum stehen?
Wir stellen drei Fragen ins Zentrum. Erstens fragen wir, wo der Werkplatz Schweiz heute in seiner historischen Entwicklung und angesichts der aktuellen und sich abzeichnenden Herausforderungen steht. Zweitens geht es darum, wie betroffene Branchen mit diesen Herausforderungen umgehen, welche Strategien sie wählen und welche Forderungen sie an die Rahmenbedingungen für den Standort Schweiz stellen. Drittens fragen wir danach, welche Antworten die Politik gibt, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Werkplatzes zu erhalten und die industrielle Wertschöpfungsgenerierung in der Schweiz zu sichern. Mit einem Blick zurück und voraus möchten wir herausarbeiten, ob sich zurzeit ungünstige Rahmenbedingungen und Einflüsse kumulieren, die einen negativen Trend begründen könnten, oder ob wir es mit Symptomen einer «normalen» strukturellen Anpassung zu tun haben.

Ohne allzu sehr vorgreifen zu wollen: Wie steht es denn aus Ihrer persönlichen Sicht um den Werkplatz Schweiz? Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Schweiz momentan konfrontiert?
Forschung und Entwicklung stehen am Anfang der industriellen Wertschöpfungskette und generieren hochwertig Arbeitsplätze. Damit die Schweiz attraktiv bleibt, ist die Qualität und Internationalität des Forschungsplatzes entscheidend und somit der Zugang etwa zum europäischen Forschungsmarkt essentiell. Eine zweite Herausforderung sehe ich auf dem Gebiet der Exportfähigkeit unserer Industrie, die in den letzten Jahren bedeutende Handelsüberschüsse erzeugt hat. Der Frankenschock durch den Entscheid der SNB schmälert für lohnkostenintensive Produktionen diesen positiven Effekt. Die Schweizer Industrie ist daher auf einen weitgehend tariffreien Zugang zu den wichtigen Märkten wie dem EU-Binnenmarkt angewiesen und auf Freihandelsbeziehungen mit wichtigen Drittmärken – etwa mit Indien und den USA. In all diesen Dimensionen stehen meiner Ansicht nach zur Zeit Gewitterwolken am Himmel.

Was will das FUG mit der Veranstaltung erreichen? Wer ist das Zielpublikum?
Das FUG kann durch die Erfolge der letzten Jahre auf ein Stammpublikum zählen, das eigentlich unabhängig vom Thema die Veranstaltungen besucht. Was die Besucherinnen und Besucher besonders anspricht, ist die Auswahl und Qualität der Referentinnen und Referenten, die Vertiefung der Referate in der Diskussion mit ihnen und der stete Einbezug des Publikums. Form und Inhalt stimmen offenbar für das allerdings etwas ergraute Publikum, das uns die Treue hält. Es ist aber nicht einfach, themenspezifisch neue Besucherinnen und Besucher zu gewinnen. Für die aktuelle Veranstaltungen wäre die Teilnahme aus Unternehmerkreisen, Wirtschaftsverbänden und der aktiven Politik und Verwaltung besonders erwünscht. Diese wurden auch speziell angesprochen.

Sie waren als Projektleiter mitverantwortlich für die Auswahl der Referierenden und Gäste auf dem Podium. Können Sie etwas darüber erzählen, wie das FUG seine Veranstaltungen konzipiert?
Das Programm ist den Grundsätzen des FUG folgend so konzipiert, dass neben der Wissenschaft die angesprochene Praxis, hier speziell das Unternehmertum und die Wirtschaftsverbände, aber auch Verwaltung und Politik zu Wort kommen. Im Fokus steht der inhaltliche und gedankliche Austausch zwischen diesen Partnern. Das FUG ist gewissermassen ein Fenster der Universität, durch das sie nach aussen, Verwaltung, Politik und die Praxis nach innen schauen sollen. Wir entdecken dabei, was wir einander zu sagen haben. Eine Frage, die mich persönlich während der Vorbereitung immer mehr beschäftigte, ist, warum der Werkplatz im Sinne der industriellen Produktion für die Schweiz so wichtig ist. Als kleine Volkswirtschaft im globalen Massstab könnten wir auch als hochentwickeltes internationales Gesundheitszentrum gut leben, das viele handwerkliche Berufe und Dienstleister beschäftigen würde, weil der hohe Lebensstandard vieler dies ermöglichte.

Sie waren als Professor am Geographischen Institut der Uni Bern tätig. Seit 2003 sind Sie Mitglied des FUG. Wie kam es zu diesem Engagement?
Bevor ich 1986 die Professur am Geografischen Institut antrat, war ich Programmverantwortlicher eines Nationalen Forschungsprogramms NFP, das die problematische touristische Entwicklung im schweizerischen Berggebiet untersuchte, und daraus sehr konkrete politische Forderungen ableitete. Später war ich als Forschungsrat zuständig für die Nationalen Forschungsprogramme beim Schweizerischen Nationalfonds SNF. Diese Öffnung der Wissenschaft auf gesellschaftliche Probleme hin hat folgerichtig in der transdisziplinären Forschung einen festen Platz gefunden. Über das Forum für Allgemeine Ökologie führte mein Weg quasi als logischer Schritt ins FUG, das den thematischen Fächer viel weiter öffnen kann. Die letzten 6 Jahre präsidierte ich die Plattform «Wissenschaft und Politik» der Akademie der Naturwissenschaften SCNAT. In dieser Funktion konnte ich die Frage, wie Wissenschaft mit der Politik besser ins Gespräch kommen kann, nochmals vertiefen. 

Zur Person

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Nach der Lehrerausbildung studierte Paul Messerli Geographie, Physik und Mathematik an der Universität Bern. Promotion 1976; 1976 - 1986 war er Programmmanager des Nationalen Forschungsprogrammes «Der menschliche Einfluss auf die Gebirgsökosysteme» (MaB UNESCO). 1986 Habilitation und Berufung zum Professor am Geographischen Institut der Universität Bern. Aufbau und Leiter der Forschungsgruppe «Wirtschaftsgeographie und Regionalforschung». 1998 - 2008 war er Forschungsrat und Präsident der Abteilung Orientierte Forschung des Schweizerischen Nationalfonds SNF, 2005 - 2008 Dekan der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern. 2009 - 2016 war er Mitglied des erweiterten Vorstanden der Akademie der Naturwissenschaften SCNAT. Seit 2003 ist er Mitglied des Forums für Universität und Gesellschaft.

Kontakt

Prof. em. Dr. Paul Messerli
Postadresse:
Geographisches Institut der Universität Bern
Hallerstrasse 12
CH-3012 Bern
Telefon +41 31 631 80 18
E-Mail mep@giub.unibe.ch

Forum für Universität und Gesellschaft

Das Forum für Universität und Gesellschaft ist ein Netzwerk von Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis. Seine Mitglieder aus verschiedenen Fachbereichen der Universität sowie aus Politik, Wirtschaft und Kultur spiegeln die Brückenfunktion zwischen Universität und Gesellschaft. Das Forum verknüpft Kompetenzen, indem es das aktuelle Wissen in Veranstaltungen zusammenträgt, klärt und bewertet. In bereichsübergreifenden Diskussionen und Publikationen werden die Themen kommentiert und vertieft mit dem Ziel, Expertenwissen für die Öffentlichkeit fruchtbar zu machen.

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Forumsgespräche

Mit den Forumsgesprächen reagiert das Forum auf unmittelbar aktuelle Themen, die in der Öffentlichkeit und in den Medien Aufmerksamkeit auslösen. Die Gespräche sollen die Hintergründe beleuchten und die Meinungsbildung unterstützen. Zu diesem Zweck bittet das Forum Experten zu Grundsatzreferaten und Stellungnahmen.

Forumsgespräche Herbst 2016:

Werkplatz Schweiz im Gegenwind
Droht die Deindustrialisierung?
24. August und 7. und 21. September 2016

Anmeldung bis 17. August 2016.

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Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

12.08.2016