«Gemeinsam innovativ» in der medizinischen Bildung

Ein hochkarätiges internationales Publikum diskutierte an der Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) vom 14. bis 17. September 2016 wie die Aus-, Weiter- und Fortbildung in den Gesundheitsberufen optimiert werden kann. Mehr als 500 Teilnehmende und Vortragende beteiligten sich unter dem Motto «Gemeinsam innovativ» am Anlass im Hochschulzentrum vonRoll.

von Sissel Guttormsen und Christian Schirlo

Zum ersten Mal seit 15 Jahren wurde die Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) wieder in der Schweiz ausgetragen, genauer am Hochschulzentrum vonRoll in Bern. Die Medizinischen Fakultäten der Universitäten Bern – hier das Institut für Medizinische Lehre – und Zürich planten und setzten die GMA-Tagung gemeinsam um; aus Sicht der Organisatoren mit Erfolg: Es kamen gut 500 Personen aus dem deutschsprachigen Raum zur Konferenz. Zudem konnten Expertinnen und Experten aus Holland, Kanada, USA, Deutschland und der Schweiz als Keynote-Speakers gewonnen werden. Während vier Tagen tauschten sie auf hohem Niveau vielfältiges Wissen über die medizinische Lehre aus. Forschungsresultate zu neuen Lehr- und Lernmethoden mischten sich mit Vorführungen von Lern- und Assessment-Technologien. Durch rege Diskussionen wurde das Präsentierte vertieft.

Mehrwert durch innovative Formate

Die Fokussierung auf innovative Lehre, Zusammenarbeit und Interprofessionalität war den Organisatoren besonders wichtig: So wurden, wo möglich, klassische Präsentationsformen durch neue Formate ausgetauscht. Die Keynotes etwa wurden nicht einzeln gehalten, statt dessen teilten sich zwei Referierende Thema und Redezeit als eine Art Tandem. So entstanden kreative Referate, in denen Expertinnen und Experten verschiedene Perspektiven eines Themas beleuchten konnten. Beispielsweise stellte sich ein Keynote-Team gegenseitig Fragen zu Erwerb und Assessment klinischer Expertise und brachte so Theorie und Praxis kurzweilig zusammen.

Um die Anwesenheit der Expertinnen und Experten zu nutzen und ein zusätzliches innovatives Format umzusetzen, wurden alle Fragen an sie in einer «flipped session» behandelt und diskutiert. Die Fragen an die Experten konnten elektronisch eingegeben werden und wurden laufend auf Bildschirmen in der Eingangshalle gezeigt. Die Veranstalter adaptierten so das innovative «flipped classroom»-Konzept, bei dem Studierende zum Unterricht kommen, um Lehrinhalte mit der Lehrperson zu diskutieren und zu vertiefen, welche sie bereits durch das Eigenstudium oder Podcast kennen.

Gemeinsam die Zukunft gestalten

Das Organisationsteam aus Bern und Zürich wählte das Tagungsmotto «Gemeinsam innovativ», um die bereits sehr guten Verbindungen in der schweizerischen Bildungslandschaft zu betonen und gleichzeitig aufzuzeigen, dass Innovation erst durch gemeinsame Anstrengungen gelingt.

Die Bedeutung der guten Zusammenarbeit aller Instanzen im Gesundheits- und Bildungswesen ist in nationalen Gesundheitskreisen fest verankert und wird auch in unseren Nachbarländern beachtet. In Hinblick auf die sich ständig wandelnden Rahmenbedingungen im Bildungs- und Gesundheitswesen kann die Schweiz auf gute Netzwerke bauen. Um eine zeitgemässe, innovative sowie umsetzbare Aus-, Weiter- und Fortbildung anbieten zu können, werden diese weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Die Ausbildungsqualität nicht gefährden

Eine aktuelle Herausforderung in der nationalen medizinischen Ausbildung ist die kürzlich angekündigte Erhöhung der Studierendenzahlen an den Fakultäten in Bern und Zürich. Mit dieser Massnahme sowie durch die neuen medizinischen Studiengänge sollen in wenigen Jahren die Zahl der ausgebildeten Medizinerinnen und Mediziner pro Jahr deutlich erhöht werden. Um die Qualität der Studiengänge trotz mehr Studierenden und der wandelnden Anforderungen nicht zu gefährden, bot die Tagung und der Austausch mit den Experten einige wichtige Anregungen:

  • Durch sogenannte EPAs (Entrustable Professional Activities) sollen junge Ärztinnen und Ärzte begleitet und Schritt für Schritt mehr Kompetenzen übernehmen. Dafür sollen erfahrene Ärztinnen und Ärzte ihnen diese Kompetenzen anvertrauen und attestieren. So erhalten die Experten einerseits eine wichtige Rolle und Verantwortung jüngere Ärzte im Alltag zu beobachten und anzuleiten. Andererseits ist es wichtig, während der Ausbildung sicherzustellen, dass die Praktika genügend Kontinuität aufweisen, um eine sorgfältige Beobachtung zu erlauben.
  • Innovationen in der Lehre und im Assessment sollen nicht immer zusätzlich zu bestehenden Aktivitäten eingeführt werden, sonst kann dies als Last empfunden werden. Man muss auch den Mut haben, etwas Bestehendes mit neuem zu ersetzen. Es ist aber wichtig sich die Zeit im Vorfeld zu nehmen, um die Vorzüge der Innovationen mit den Dozierenden zu diskutieren und dabei ihre Umsetzungsvorschläge aktiv in die Planung einzubeziehen.
  • Patientenzentriertes Gesundheitswesen: Viel deutet darauf hin, dass eine patientenzentrierte Haltung die Behandlung sowohl effizienter als auch wirksamer machen. Dieser Kontext soll auch vermehrt in die Ausbildung der medizinischen Berufe und der Gesundheitsberufe integriert werden. 
  • Zusammen lernen und zusammen arbeiten: Was später funktionieren soll, muss früh eingeübt werden. Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit kann in der Studienzeit erlebt werden. Der Kooperationserfolg eines Teams wird durch die Fähigkeiten der Einzelnen und ihrer Werte beeinflusst. Es ist wichtig, über Erfolge und Misserfolge eines Teams zu reflektieren, nur so kann ein Team sich optimal weiterentwickeln.

Die GMA

Die GMA ist die führende wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Förderung der fächerübergreifenden Verbesserung der medizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung im deutschsprachigen Raum. Sie hat mehr als 1000 Mitglieder aus allen Gesundheits- und Medizinalberufen.

Das IML

Das Institut für Medizinische Lehre (IML) ist ein Kompetenzzentrum für die Medizinische Lehre der Medizinischen Fakultät der Universität Bern. Das IML vereint Kompetenz und Forschung in Lehre, Assessment und Entwicklung unter einem Dach. Zu den Kernkompetenzen gehören die Entwicklung und Auswertung eines breiten Spektrums von Prüfungen und den dazugehörigen Tools, die Entwicklung und Bereitstellung von e-Learning Applikationen, Medien und Infrastruktur für die Lehre sowie der Unterhalt und die Pflege der Infrastruktur, Evaluationen). Das IML leitet zudem die Weiterbildung «Master of Medical Education» und betreut die Lernzentren und das Skillslab der Medizinischen Fakultät.

Zur Autorin und zum Autor

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Sissel Guttormsen

Sissel Guttormsen ist seit 2005 Professorin und Direktorin des Instituts für Medizinische Lehre (IML) der Medizinischen Fakultät in Bern. Sie setzt sich aktiv für die Förderung von qualitativ guter Lehre und Assessment auf fakultärer, nationaler und internationaler Ebene ein. Ihre Forschung will nachhaltige, innovative und praxisnahe Lehre und Assessment fördern.

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Christian Schirlo

Christian Schirlo leitet das Dekanat der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Er ist in verschiedenen Gremien und Kommissionen auch auf eidgenössischer Ebene in verschiedenen Fragen der medizinischen Lehre engagiert und darüber hinaus Beisitzer im Vorstand der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung.

26.09.2016