«Freiheit ist unverzichtbar für die akademische Unternehmung»

Am 181. Dies academicus der Universität Bern betonte Rektor Martin Täuber die Autonomie der Universität als Grundlage für ihren Erfolg und die Wichtigkeit der internationalen Vernetzung. Regierungsrat Bernhard Pulver warnte seinerseits davor, Berufslehre und Hochschulen gegeneinander auszuspielen. Mehr flexible «Tenure-Track»-Stellen für aufstrebende Forschende forderte schliesslich David Ginsbourger von der Berner Mittelbauvereinigung MVUB. Sieben Persönlichkeiten wurden mit einem Ehrendoktortitel und elf Forschende mit akademischen Preisen geehrt.

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Rektor Martin Täuber würdigte in seiner Rede die Arbeit seines kürzlich verstorbenen Vorgängers Urs Würgler, der mit der Strategie 2012 der Universität Bern zu mehr nationaler und internationaler Ausstrahlung verholfen habe. Die daraus weiter entwickelte Strategie 2021 zeige Erfolg, so Täuber: Bern ist heute die drittgrösste Universität der Schweiz mit insgesamt 24‘000 Studierenden und Mitarbeitenden, sie ist Heimat für sieben Nationale Forschungsschwerpunkte, und sie konnte die Summe der eingeworbenen Drittmittel im Vergleich zum Jahr 2000 verdoppeln.

Zu Stabilität und Produktivität der Universität Bern habe in den letzten Jahren auch die erhöhte Autonomie beigetragen, die dem revidierten Unigesetz von 2010 zu verdanken sei. Dies sei wesentlich Erziehungsdirektor Bernhard Pulver und dem Grossen Rat zu verdanken, sagte Täuber: «Für die Universität bedeutet das Vertrauen der Regierung eine wichtige Grundlage für ihren Erfolg. Die Freiheit, Neues auszuprobieren, Misserfolge zu erleiden und Entdeckungen zu feiern, diese Freiheit ist unverzichtbar für die akademische Unternehmung.»

Als Ausblick formulierte Täuber seine Sorge um die Beziehung zu Europa und betonte, dass eine Ausgrenzung der Schweiz aus der Europäischen Forschungslandschaft die wissenschaftliche Produktivität unseres Landes empfindlich stören würde. Als weitere Herausforderung nannte Täuber, dass sich auch die Wissenschaft selbst stetig ändere. Schlagworte dafür seien etwa Big Data oder die personalisierte Medizin. «Als Universität haben wir die Aufgabe und das Privileg, uns in diese wichtigen Themen einzubringen. So können wir die Zukunft auf ethische und intelligente Weise mitgestalten, wie wir dies in der Vergangenheit bereits getan haben.»

Gegen Beschränkung von Studienwahl und Forschung

Erziehungsdirektor Bernhard Pulver gab sich in seiner Rede kämpferisch. Der Regierungsrat betonte, dass er es bedauerlich fände, wenn die Berufslehre oder die Fachhochschule gegen die Universität und die Geistes- und Sozialwissenschaften gegen die Naturwissenschaften ausgespielt würden. Er wies darauf hin, dass sich junge Menschen gemäss ihren Neigungen und Talenten für das Gymnasium oder eine Berufslehre entscheiden sollten und ihnen genügend Vertrauen entgegengebracht werden müsse. Zudem sei das Bildungssystem ja durchlässig.

Entschieden votierte der Erziehungsdirektor dafür, dass der Staat sich nicht in die Selbstverantwortung der freien Berufs- und Laufbahnwahl einmischen dürfe und verwahrte sich dezidiert gegen die Beschränkung der freien Studienwahl und die Einführung eines Numerus clausus – er fühle sich dabei an die DDR erinnert, wo Jugendliche gemäss Plansollzahlen «zu Studiengängen genötigt wurden, für die sie weder talentiert noch motiviert waren.» Geschichte und Wirtschaftsentwicklung der DDR hätten dieser «Fachkräfteinitiative» nicht recht gegeben.

Pulver betonte schliesslich, dass die Forschungsaufträge von Fachhochschulen und Universitäten zwar unterschiedlich, aber durchaus gleichwertig seien. Er stellte indes fest, dass «gewisse Bildungspolitiker immer nur nach dem unmittelbaren Nutzen von Bildung, nach der direkten kommerziellen Verwertbarkeit von Forschung» fragen würden. Die Politik dürfe der Universität nicht vorschreiben, dass Forschung und Lehre immer praxisrelevant sein müssten. So seien beispielsweise Erkenntnisse der Weltraummission ROSINA/Rosetta, an der die Uni Bern beteiligt ist, nicht sogleich wirtschaftlich verwertbar, trügen aber zur Klärung grundlegender Fragen zum Entstehen des Universums bei.

Pulver schloss seine Rede mit dem Hinweis, es sei heute womöglich weniger zentral, was man studiere, da sich Ausbildung und Beruf längst entkoppelt hätten. Die Fähigkeit, das eigene Wissen laufend zu entwickeln und einzusetzen, sei das Wichtigste, was die Universität ihren Absolventinnen und Absolventen mitgeben könne – unabhängig vom gewählten Studienfach.

Neue Strategien im Umgang mit Antibiotika

In seiner akademischen Rede thematisierte Rektor Martin Täuber die medizinischen Herausforderungen im Umgang mit Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen. Während die Suche nach neuen Impfungen gegen Infektionen wie HIV oder Ebola intensiv betrieben werde, bemühten sich Forschende und Pharmaindustrie in den letzten Jahrzehnten kaum mehr um neue Antibiotika. Dies hat laut Täuber auch ökonomische Gründe: Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums koste Millionen von Franken. Ein ökonomisches Risiko entstehe der Industrie zudem, weil das Mittel zurückhaltend eingesetzt würde, da es nur für Patienten reserviert wäre, die mit keinem anderen Antibiotikum behandelt werden könnten. Hier könnten allenfalls gewisse Anreize helfen, dieses Risiko vertretbar zu machen.

Eine alternative Strategie könnte darin bestehen, dass man, statt die krankmachenden Bakterien abzutöten, versuche, ihre Gifte zu identifizieren und mit geeigneten Medikamenten zu neutralisieren. So sei es kürzlich einer Berner Forschergruppe gelungen, mit sogenannten Liposomen die krankmachenden Stoffe während einer Infektion zu neutralisieren und damit die Erkrankung im Experiment günstig zu beeinflussen. Es sei aber kurzfristig nicht mit antibiotikafreien Behandlungen zu rechnen, betonte Täuber – vielleicht auch längerfristig nicht. Zu den Antibiotikaresistenzen kämen noch weitere Herausforderungen hinzu, wie etwa das Auftreten von Tropenfieber in Europa wegen der zunehmenden Klimaerwärmung. «Unsere Forschenden konzentrieren sich zusammen mit ihren globalen Partnern weiterhin darauf, Lösungen für diese Probleme zu finden», sagte Täuber.

Flexiblere Karriere-Optionen für Nachwuchsforschende

PD Dr. David Ginsbourger, Vertreter der Mittelbauvereinigung der Universität Bern (MVUB), plädierte in seiner Rede dafür, an Schweizer Universitäten spezielle Stellen zu schaffen, die es jungen Forschenden ermöglichen, ihre akademische Karriere längerfristig zu planen: «Planbarkeit während der Postdoc-Phase ist aus Sicht der MVUB für eine nachhaltige akademische Karriere zentral», sagte er. Vielerorts sei die alte akademische Karrierestruktur vom Doktorat zur Dozentur und/oder Professur zugunsten des flexibleren «Tenure-Track»-Systems aufgebrochen worden. Dieses System bietet Nachwuchsforschenden die Chance, nach einer Bewährungszeit eine reguläre, unbefristete Professur zu erhalten.

Noch machten Tenure-Track-Stellen aber nur einen kleinen Anteil der Nachwuchsstellen aus. Zudem seien viele Ordinariate mit Leitungs- und Organisationsaufgaben stark ausgelastet. Mehr Stellen auf dem Niveau angelsächsischer Associate Professors könnten helfen, die Ordinariate zu entlasten, so Ginsbourger. Die Universität Bern zeige hier bereits Initiative, aber nur mit dem Mittelbau zusammen liesse sich die Attraktivität der akademischen Karriere nachhaltig steigern. So, schloss Ginsbourger, könne die Universität Bern in diesem Bereich sogar eine «Pionierrolle» einnehmen.

Ehrungen und Preise

Im Anschluss an die Reden wurde in einem feierlichen Akt sieben Persönlichkeiten die Ehrendoktorwürde verliehen:

  • Die Rechtswissenschaftliche Fakultät verleiht die Würde eines Doctor iuris honoris causa

Herrn Rechtsanwalt Hanspeter Uster, Baar.

  • Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät verleiht die Würde eines Doctor rerum oeconomicarum honoris causa

Frau Eva Jaisli, Burgdorf.

  • Die Medizinische Fakultät verleiht die Würde eines Doctor medicinae honoris causa 

Denis de Limoges, Gümligen.

  • Die Philosophisch-historische Fakultät verleiht die Würde eines Doctor philosophiae honoris causa

Herrn Dr. Marco Jorio, Rüfenacht ...

... sowie an

Herrn Prof. Dr. Christian Meier, Hohenschäftlarn, Deutschland.

  • Die Philosophisch-humanwissenschaftliche Fakultät verleiht die Würde eines Doctor philosophiae honoris causa

Herrn Prof. David F. Bjorklund, PhD, Boca Raton, Florida, USA.

  • Die Philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät verleiht die Würde eines Doctor philosophiae honoris causa

Frau Dava Sobel, East Hampton, NY, USA.

Zudem wurden elf Forschende mit akademischen Preisen geehrt:

  • Der Hans-Sigrist-Preis 2015 geht an

Herrn Prof. Luciano Marraffini, PhD.

  • Der Theodor-Kocher-Preis geht an

Herrn Prof. Dr. med. Moritz Tannast.

  • Der Berner Umwelt-Forschungspreis geht an

Herrn Dr. Pierrick Buri.

Der Anerkennungspreis geht an

Frau Bettina Scharrer.

  • Der Dr. Lutz Zwillenberg- Preis geht ex aequo an

Frau Jennifer Gebetsberger, PhD, Frau Maria Luisa Martinez Merino, PhD und Frau Gina Retschnig, PhD.

  • Preis der Seniorenuniversität für Alternsforschung: Für das akademische Jahr 2014/2015 werden folgende Preise verliehen: Preis für eine herausragende Dissertation ex aequo an

Frau Dr. phil. Stefanie Spahni und Herrn Dr. rer. oec. Jonas Zeller,

Preis für eine herausragende Masterarbeit an

Herrn Florian Müller, Master of Arts in History.

  • Der Credit Suisse Award for Best Teaching geht an

Herrn Prof. Dr. Wolfgang Nentwig.

Die ausführlichen Laudationes und die Lebensläufe der Geehrten finden Sie hier.

05.12.2015